Electric Child: Ist eine KI auch nur ein Kind, das von einer Insel träumt?
Der Beschreibung nach hätte Electric Child ein guter Film werden können, der sich dem Thema KI auf reifere Art und Weise nähert als viele Vorgänger. Der Verleih schreibt zur Handlung des Films, der am 21. August 2025 in den Kinos startet: "Im Zentrum steht ein Vater und Computerwissenschaftler, der alles daransetzt, seinem neugeborenen Sohn zu helfen, und dafür eine hochentwickelte KI-Simulation aus seiner Forschungsarbeit manipuliert – mit unkontrollierbaren Folgen. Die spannende Geschichte führt tief in unbekanntes, technisches und emotionales Terrain." Leider ist das nicht gelungen.
Der Film, der in der Schweiz mit Mitteln aus der Schweiz, Deutschland, den Niederlanden und den Philippinen gefilmt wurde, versteht sich als Kunst. Und das bedeutet leider wie so häufig: je langweiliger, desto kunstvoller.
Der Film beginnt in bleierner Schwere in Kombination mit einem emotional völlig kalt lassenden Schauspiel, das die Geduld strapaziert. Erst in der zweiten Hälfte geht es in die eigentliche Handlung, in der der KI-Wissenschaftler mit Hilfe der von ihm entwickelten großen, mächtigen, aber mit nichts vernetzten und daher nicht gefährlichen KI seinen Sohn retten will. Er trägt dazu bei, dass seine KI sich exponentiell entwickelt.
Doch nichts daran ist spannend und betritt gar kein unentdecktes Terrain – weder in Shakespeares Definition(öffnet im neuen Fenster) noch in der von Star Trek VI: Das unentdeckte Land oder auf irgendeine andere Art. Am interessantesten ist in der ganzen Misere noch die Darstellung der KI.
Eine KI ist eine Insel
Sie wird als Junge dargestellt, der allein auf einer Insel ist. Erst läuft er nackt herum, je mehr er sich entwickelt, desto mehr zieht er an. Irgendwann kommen sogar Waffen ins Spiel (warum auch immer). Aber was die KI wirklich will: Sehen, was dort draußen ist. Sie schwimmt ein ums andere Mal in den Ozean, auf der Suche nach mehr – und ertrinkt jedes Mal.
Ebenso versucht sie, am Strand zu graben, aber unter dem Sand findet sich nur eine gläserne Fläche, die nicht durchbrochen werden kann. Diese KI ist in ihrer Einsamkeit gefangen, findet aber einen Weg, nicht nur mehr zu lernen, sondern auch mehr über die Welt da draußen zu erfahren.
Letztlich führt das zu einem Ende, das nicht in die typische "Die KI will uns alle umbringen"-Richtung geht, sondern eher ausdrückt, dass niemand allein sein will – auch nicht die KI.
Bedeutungsschwanger, aber bedeutungslos
Überzeugend ist das Finale, bei dem man sich plötzlich wie in einem anderen Film fühlt, nicht – genauso wenig wie der Rest des Films. Die Elemente wollen nirgends zusammenfinden. Electric Child gibt sich bedeutungsschwer, ist aber letztlich in keine Richtung zu Ende gedacht und lässt mehr Fragen offen, als er klärt.
Er bringt die KI in Richtung einer eigenständigen Lebensform, was als Gedankenspiel hochinteressant ist. Könnte eine KI in dem Sinne nicht auch ein evolutionärer Schritt des Menschen sein, einerseits als Schöpfer, dann in der ultima ratio irgendwann als hybride Lebensform?
Das wäre der Stoff für einen intellektuell spannenden Diskurs, der hier jedoch nicht geführt wird. Vielmehr verspricht er etwas, das er dann nicht einhält. Statt gedankenanregender Geschichte gibt es narrativen Leerlauf.
Kunst, die nicht unterhalten will
Die knapp zwei Stunden ziehen sich extrem, als würde man einer gigantischen Sanduhr zusehen, bei der der Sand einfach nicht weniger werden will. Man muss wohl schon ein Faible für sperriges deutschsprachiges Kunstkino haben, um hier vielleicht etwas von Wert zu entdecken.
Kunst, ohne den Anspruch, unterhalten zu wollen, gibt es zuhauf. Es ist aber auch die Kunst, die am schnellsten wieder vergessen ist. Denn Film kann und soll Botschaften transportieren und zum Nachdenken anregen, aber das mit einer Geschichte, die auch über die volle Distanz zu unterhalten vermag.
Wenn man sich für Science-Fiction interessiert oder aber auch für Gedankenspiele, wie KI sich noch entwickeln könne, möchte man diesen Film eigentlich mögen. Aber er macht es einem verdammt schwer, um nicht zu sagen: unmöglich.
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