Ein Jahr Valves Handheld: Eine Ode an das Steam Deck

Im Sommer 2021 überraschte Valve viele Gamer mit der Ankündigung des Steam Deck. Der Hersteller wollte PC-Games und AAA-Titel auf eine Konsole zum Mitnehmen bringen. Anfang 2022 war es dann so weit: Erste Vorbesteller erhielten ihr Deck und konnten größtenteils nur Positives darüber erzählen. Blicken wir ein Jahr später zurück, hat Valve ein wichtiges und einflussreiches Produkt geschaffen, von dem vor allem Linux-Gaming und die PC-Community profitieren sollten.
Die Idee eines Handhelds für PC-Spiele ist schon zu Valves Ankündigung nicht neu gewesen. Doch sollte das Steam Deck nicht wie die Konkurrenz von Aya, One Netbook und Co mehr als 1.000 Euro kosten. Stattdessen konnten Kunden das Gerät schon ab 450 Euro vorbestellen. Dabei kooperierte Valve mit dem Chiphersteller AMD, um gemeinsam einen auf Ryzen basierten Chip für das Deck zu bauen. Das Aerith-SoC verwendet vier Zen-2-Cores mit acht Threads und kombiniert das mit einer integrierten RDNA-2-GPU.
In Games kann diese Kombination zumeist zufriedenstellende Ergebnisse liefern. Golem.de war im Test etwa begeistert über die Kompatibilität von AAA-Games wie Elden Ring. Natürlich müssen wir hier aber auch Abstriche machen und teils Grafikeinstellungen in den Games manuell anpassen. Bei einer nativen Auflösung von 1.280 x 800 Pixeln läuft aber etwa selbst Cyberpunk 2077 mit etwa 25 bis 40 fps – genug, um mit Konkurrenzprodukten wie der Nintendo Switch mitzuhalten.
Das Warten auf ein Deck
Anfangs konnten viele Menschen ihr Gerät aber nicht einmal ausprobieren. Lieferengpässe und die Chipknappheit bedeuteten lange Wartelisten für das Steam Deck. Vorbestellungen wurden im Sommer 2021 angenommen, aber frühestens im ersten Quartal 2022 erfüllt. Dabei war der Release des Handhelds ursprünglich für den Dezember 2021 geplant. Der wurde im Voraus um zwei Monate verschoben.

Die Vorbestellungen nahmen so überhand, dass Valve weitere Auslieferungswellen erst für das zweite und später das dritte Quartal 2022 ansetzte. Viele Gamer erhielten ihr Deck also erst im Sommer oder Herbst 2022. Nichtsdestotrotz stieg dessen Beliebtheit stark an. Im Oktober 2022 sollen mehr als eine Million Steam Decks innerhalb von sieben Monaten ausgeliefert worden sein. Das gab KDE-Plasma-Developer David Edmundson auf einem Konferenzauftritt an.
Das mag im Vergleich zu Produkten wie der Nintendo Switch, die bereits eine Woche nach Verkaufsstart 1,5 Millionen Einheiten verkaufte, nicht viel erscheinen. Allerdings ist kein anderer Handheld für PC-Spiele bisher so erfolgreich. Zudem wird das Steam Deck nur über einen einzigen Kanal verkauft: Valves eigene Spieleplattform Steam. Die spricht für sich gesehen schon eher nur die PC-Gaming-Community an. Erschwerend kommt das verwendete OS hinzu. SteamOS basiert auf der Linux-Distribution Arch Linux und zentriert sich rund um Valves Spieleplattform Steam.
Das Steam Deck ist insgesamt also kein Gerät für die Allgemeinheit, sondern wurde für eine Nischengruppe entwickelt – jedoch eine immer größer werdende Gruppe.
Ein Handheld für Nerds
Valves Handheld erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Das erkennen wir vor allem an offiziellen Statistiken, die von diversen Seiten veröffentlicht werden. Seit Ende Februar 2022 stieg die Zahl der Follower für die Steam-Deck-Gruppe Steam Game Hub von wenigen Hundert annähernd linear auf mehr als 17.500 Menschen an.
Beeindruckend ist aber auch der Anteil an allen Linux-Maschinen, die laut Valve mit SteamOS laufen. War es vor dem Release selbst unter Linux-Usern meist keine Alternative, konnte es im Januar 2023(öffnet im neuen Fenster) einen Anteil von 22 Prozent erhalten. Auf Platz zwei liegt Ubuntu 22.04 mit 11,74 Prozent. Valve gibt zu den prozentualen Werten keine offiziellen absoluten Zahlen heraus. Allerdings lässt sich daraus trotzdem gut die Beliebtheit des Steam Deck ableiten.
Die Webseite Gamingonlinux(öffnet im neuen Fenster) filtert aus den Daten der Steam-Umfragen monatlich interessante Ergebnisse für Linux als Spieleplattform. Seit 2018 steigt der Linux-Anteil stetig an. Anfang 2022 gab es dann einen merklichen Anstieg, größtenteils wegen des Steam Deck. Valves Handheld konnte den Linux-Anteil auf Steam über die Einprozentmarke anheben.
Viele Games durch Valves Arbeit
Innerhalb des Linux-Ökosystems finden sich durch das Deck immer mehr Games, die mittels Proton, das von Valve entwickelt und unterstützt wird, portiert werden. Die offizielle Protondb-Webseite(öffnet im neuen Fenster) gibt schon fast 3.000 Games als "verified" an. Knapp 8.000 Titel gelten als verifiziert oder zumindest spielbar.








Innerhalb eines Jahres hat sich hier viel getan. Die Protondb-Webseite vom 1. März 2022 ( via Wayback Machine(öffnet im neuen Fenster) ) meldete lediglich etwa 100 Games als "Deck verified" und knapp 200 Titel als spielbar. Von dem gestiegenen Interesse profitiert die Linux-Community auch außerhalb des Steam Deck. Schließlich lassen sich Proton-Games auch auf anderen Distributionen spielen.
Zusätzlich bietet das Steam Deck eine sehr gute Plattform für Indie-Developer. Durch die dedizierten und konfigurierbaren Gamepad-Buttons und Analogsticks ist es gerade für weniger anspruchsvolle und kurzweilige Titel geeignet. Das Action-Roguelike Hades hat auf dem Deck etwa Kultstatus erlangt.
Viele Games noch nicht untersützt
Trotzdem hat Valve noch viel zu tun. Laut eigenen Aussagen sind 40 Prozent der Steam-Spiele noch immer nicht mit dem Gerät kompatibel – sei es aus Inkompatibilitätsgründen oder schlicht durch die Limitierungen der Hardware. Andererseits ist wohl keine dedizierte Konsole mit allen Titeln kompatibel.

Das Steam Deck ist hier sogar schon relativ weit vorn. Neben Steam können DIY-Enthusiasten nämlich auch alternative Launcher wie Battle.net, den Epic Games Launcher oder Produkte wie den Xbox Game Pass zum Laufen kriegen. Schließlich ist das Deck im Kern ein herkömmlicher Computer mit x86-Chip und vollwertigem Linux-Betriebssystem.
Wenn Software auf Linux genutzt werden kann, sollte sie auch auf Valves Gerät funktionieren. Das bedeutet also: Ja, wir können theoretisch auch auf dem Steam Deck arbeiten, E-Mails schreiben, Texte verfassen oder Bilder bearbeiten.
Windows 11 geht auch
Übrigens können wir auch ganz auf Linux verzichten und etwa Windows auf dem Deck installieren. Mit 16 GByte RAM und Ryzen-SoC ist es dafür sogar gut geeignet. Die entsprechenden Treiber veröffentlichte Valve bereits im März 2022 – frei nach dem Motto: "Nutzt euer Lieblingsbetriebssystem" . Das Unternehmen empfiehlt SteamOS auf dem Gerät, macht es aber nicht zwingend notwendig. Durch ein fTPM ist das Gerät zudem mit Windows 11 kompatibel.








Golem.de hält den Umstieg auf Windows für das Deck allerdings eher für eine schlechte Idee. Das liegt einfach daran, dass Valve durch diverse Einstellungsmöglichkeiten die Fähigkeiten des Steam Deck unter SteamOS optimiert. Ein Frame-Limiter verhindert etwa unnötigen Energieverbrauch und deshalb eine bessere Akkulaufzeit im Vergleich zu Windows.
Fakt ist: Das Steam Deck ist für DIY-Enthusiasten und Menschen, die gerne viel ausprobieren, perfekt geeignet. Valve legt keine Steine in den Weg – und darauf kommt es an.
Ein Fest für Bastler
Schon vor dem Release des Steam Deck hat sich Valve sehr transparent gezeigt und etwa selbstständig ein Reparatur- und Teardown-Video veröffentlicht. Das Deck lässt sich relativ einfach auseinanderbauen. Ersatzteile gibt es in Hülle und Fülle. Deshalb wunderte es wenig, dass viele DIY-Enthusiasten schon kurz nach dem Release des Steam Deck erste Basteleien teilten.
Das Reparaturportal von iFixit regt sogar dazu an, selbst Hand anzulegen und etwa den teils recht lauten Lüfter der ersten Steam-Deck-Chargen durch ein leiseres Modell auszutauschen – ein einfach gemachter Fix. Der hochfrequente Lüfter ist einer der größten Kritikpunkte am Handheld. Umso amüsanter war es, als ein Bastler das mittels Klebeband weitgehend beheben konnte.
Zubehör aus dem 3D-Drucker
Auf DIY-Portalen wie Thingieverse(öffnet im neuen Fenster) tummeln sich Projekte zum Thema Steam Deck. Dort können Besitzer eines 3D-Druckers diverses Zubehör für ihr Gerät ausdrucken, etwa Tragegehäuse, Tischständer, Halterungen oder sogar die komplette Gehäuseschalen.
Auch auf Reddit hat sich eine relativ große Gruppe an Steam-Deck-Fans sammeln können. Das Subreddit r/steamdeck(öffnet im neuen Fenster) hat 350.000 Mitglieder. Dort tauschen sich Kunden miteinander aus, posten Memes oder ihre eigenen Bastelprojekte. Unter ihnen ist auch ein großer Anteil an Retrofans, die über Emulatoren und Drittherstellersoftware alte Games auf ihrem Deck zum Laufen bringen.








Wir können im Subreddit auch besonders skurrile Projekte finden. Ein User hat etwa eine M.2-2280-SSD mit der Säge durchtrennt(öffnet im neuen Fenster) , um sie mit dem kleineren M.2-2230-Slot des Decks kompatibel zu machen.
So extrem muss es natürlich nicht sein: Der Hersteller Framework hat etwa angekündigt , M.2-2230-SSDs mit 2 TByte Kapazität zu verkaufen, die unter anderem mit dem Deck kompatibel sind. Es ist zusätzlich mit diversen SD-Karten nutzbar. Valve hat vor kurzem auch das offizielle Dock(öffnet im neuen Fenster) vorgestellt, mit dem sich das Gerät etwa an einen Fernseher oder externen Monitor anschließen lässt – Nintendo Switch lässt grüßen.
Steam Deck 2 und die Zukunft
Insgesamt hat Valves Steam Deck die Welt des mobilen PC-Gamings und Linux-Gaming enorm bereichern können. Innerhalb eines Jahres schaffte es das Gerät, immer mehr Proton-Games für Linux kompatibel zu machen und damit eine kleine, aber dedizierte Nutzerschaft aus DIY-Enthusiasten und PC-Gamern um sich zu scharen.
Die Frage ist: Was kommt als nächstes? Valve hatte bereits im Dezember 2022 über ein mögliches Steam Deck 2 gesprochen(öffnet im neuen Fenster) . Möglicherweise könnte sogar die gleiche Kombination aus GPU und CPU genutzt werden. Eine über Jahre hinweg gleichbleibende Plattform würde zumindest mehr Spieleentwickler für native Steam-Deck-Titel außerhalb von Valve selbst anlocken.
Andererseits brauchen künftige Games auch bessere Hardware – vor allem, wenn sie eigentlich für wesentlich leistungsfähigere PCs und Konsolen entwickelt werden. Welchen Fokus Valve auch setzt: Das aktuelle Steam Deck bleibt ein überraschender Erfolg, der hoffentlich auch ein weiteres Jahr anhält.



