Ein Jahr Ukrainekrieg: 13 Erkenntnisse aus dem Ukrainekrieg
Vor einem Jahr hat Russland seinen Nachbarstaat Ukraine angegriffen. Daraus ist die größte militärische Auseinandersetzung in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs geworden. Zehntausende Soldaten und Zivilisten dürften auf beiden Seiten inzwischen gestorben sein, Millionen Ukrainer sind auf der Flucht. Doch anders als von Russlands Präsident Wladimir Putin und der Armeeführung erwartet, leistet die Ukraine bis heute erbitterten Widerstand und hat die Invasoren aus ihrem Gebiet teilweise wieder zurückgedrängt.
Obwohl die Ukraine nicht zur Nato gehört und andere europäische Staaten wie Deutschland nur indirekt an dem Konflikt beteiligt sind, haben sich daraus auch große Auswirkungen auf Europa und die gesamte Welt ergeben. Aus der "Zeitenwende", wie Bundeskanzler Olaf Scholz den Krieg bezeichnet hat, lassen sich nach einem Jahr zahlreiche Lehren für die Kriegsführung und Energieversorgung ziehen. Einige wichtige Aspekte mit Bezug zu IT- und Energiethemen haben wir in dieser Analyse näher beleuchtet.
1. Ohne Chips keine moderne Kriegstechnik
Die russische Militärtechnik ist stark von westlicher IT-Technik abhängig: Flugzeuge, Helikopter, Drohnen, Marschflugkörper und andere Waffen würden ohne Chips von Herstellern wie Texas Instruments, Intel, Xilinx oder Infineon nicht funktionieren. Dabei handelt es sich nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters(öffnet im neuen Fenster) hauptsächlich um gewöhnliche Computerchips und andere Komponenten, die für viele Zwecke genutzt werden können und deshalb keinen Exportbeschränkungen unterliegen.
Im Einsatz sind aber auch militärtaugliche Versionen von Chips. Da deren Ausfuhr besonders kontrolliert wird, sind russische Waffenhersteller inzwischen ganz gut darin, konventionelle Chips für militärische Zwecke umzurüsten, so dass sie beispielsweise hohen Temperaturen standhalten.
Aber nicht nur Chips aus dem Westen werden genutzt: In einer abgestürzten Aufklärungsdrohne vom Typ Orlan-10 war eine Canon-Spiegelreflexkamera EOS 750D verbaut. Als Antrieb diente ein Viertakt-Einzylindermotor des japanischen Herstellers Saito, der sonst im Modellbau zum Einsatz kommt. Das WLAN-Modul soll von Texas Instruments stammen.
2. Der Tech-Branche fiel es leicht, den russischen Markt aufzugeben
Vor allem US-amerikanischen Tech-Unternehmen fiel es leicht, sich an den Sanktionen gegen Russland zu beteiligen. Der Live-Ticker von Golem.de bestand in den ersten Wochen des Kriegs vor allem aus Meldungen von Unternehmen, die sich vom russischen Markt zurückziehen.
Wer in Russland Internetdienste aus den USA verwendet, bekommt das schon bald zu spüren: Das Chat-Tool für Unternehmen Slack sperrt russische Nutzer aus , Amazon stellt den Dienst ein und auch der Unterhaltungssektor zieht nach.
Der Medienkonzern Disney bringt keine Filme mehr in russische Kinos und der Streamingdienst Disney+ ist auch weiterhin nicht in Russland verfügbar .
Dass es den vor allem aus den USA kommenden Unternehmen größtenteils so leicht fällt, den russischen Markt und seine Nutzer aufzugeben, liegt wohl auch an der untergeordneten Rolle, die sie ohnehin dort spielten.
So ist beispielsweise Apples eigener Onlineshop in Russland seit dem 1. März 2022 abgeschaltet. 2021 erzielte das Unternehmen in Russland noch einen neuen Rekordumsatz von 386 Milliarden Rubel. Umgerechnet sind das etwas mehr als 5 Milliarden US-Dollar.
In den Umsätzen von Apple geht diese Summe aber unter: Im Geschäftsjahr 2022 nahm das Unternehmen fast 400 Milliarden US-Dollar ein .
Die zuletzt enttäuschenden Quartalszahlen hat der iPhone-Hersteller eher den Lieferengpässen durch die chinesische Coronapolitik als dem Wegbrechen von Kunden in Russland zu verdanken.
Schwieriger wurde die Situation für das "russische Google" Yandex. Das offiziell in den Niederlanden ansässige Unternehmen tastete sich in den vergangenen Jahren langsam über sein Stammpublikum in Russland hinaus, begann mit Partnern in Europa und den USA zu arbeiten.
Das änderte sich spätestens mit dem Kriegsbeginn, der zum Ende der internationalen Ambitionen von Yandex werden sollten (g+). Uber distanzierte sich von Yandex, der Lebensmittellieferdienst Grubhub beendete die Partnerschaft im März 2022.
Nachdem außerdem Kritik an der Verbreitung von Falschmeldungen und Propaganda aufkam, stieß Yandex im August 2022 sein News-Portal ab , das ist jetzt in der Hand von VK liegt.
Auch wenn eine zu Beginn des Krieges befürchtete Trennung Russland vom Internet nicht eingetreten ist, hat sich das Land doch isoliert. Wer in Russland Internetdienste nutzt, muss nun vor allem russische nutzen.
3. Viele Ukrainer – auch IT-Experten – sind in Deutschland geblieben
Krieg bedeutet auch Flucht. Nach Zahlen des UNHCR haben seit Beginn des russischen Angriffs fast 8,1 Millionen Menschen(öffnet im neuen Fenster) die Ukraine verlassen und in anderen europäischen Ländern Zuflucht gefunden.
Laut statistischem Bundesamt(öffnet im neuen Fenster) wurden allein in Deutschland im Jahr 2022 mehr als 1,1 Millionen Zuzüge von Menschen aus der Ukraine registriert. Doch auch wenn der Krieg weiterhin anhält, sind Millionen von ihnen(öffnet im neuen Fenster) wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.
Vlada ist geblieben. Die junge ukrainische Entwicklerin, die Golem.de kurz nach Beginn des Krieges in Berlin getroffen hat , hat hier einen neuen Job gefunden. Seitdem hat sie außerdem in Teilzeit ein Studium begonnen, während ihr jüngerer Bruder, der mit ihr aus Kyjiv flüchtete, in Berlin zur Schule geht.
Wie Vlada suchten nach der Ankunft viele Geflüchtete einen Job. Im April 2022 startete das Jobportal UA Talents(öffnet im neuen Fenster) , das gezielt die in vielen europäischen Ländern gefragten IT-Fachkräfte an Unternehmen vermitteln wollte. Damals sprach das Team dahinter von einigen Hundert Menschen , denen sie damit helfen konnten.
Fast ein Jahr nach dem Krieg sind deutlich weniger offene Positionen gelistet – schließlich bauten in den letzten Monaten als indirekte Folge des Krieges auch viele Tech-Unternehmen Stellen ab . Es habe 2022 mehr als 70.000 Bewerbungen auf 18.000 Stellen gegeben. Die Zahl der tatsächlich vermittelten Jobs kann UA Talents nur schätzen, kommt bei einer pessimistischen Konversionsrate aber auf mindestens 2.100 Stellen.
Über die Rolle von Drohnen und anderen modernen Waffensystemen
4. Drohnen spielen eine wichtige militärische Rolle
Wie bei allen militärischen Konflikten seit der Jahrtausendwende sind auch in diesem unbemannte Systeme im Einsatz: Anfangs erzielte vor allem die Ukraine mit der in der Türkei gebauten Kampfdrohne Bayraktar TB2 Erfolge.
Inzwischen nutzen auch die Russen die unbemannten Fluggeräte, unter anderem solche aus dem Iran, die im Schwarm zivile Versorgungseinrichtungen angreifen. Dazu gehören auch sogenannte Kamikazedrohnen: Diese Drohnen, die mit einem panzerbrechenden Gefechtskopf ausgerüstet sind, werden in ein Ziel gesteuert und explodieren dort.
Vorteil dieser Waffensysteme, die auch Loitering Munition (deutsch etwa: herumlungernde Munition) genannt werden, ist, dass sie etwa eine halbe Stunde lang über dem Gefechtsfeld kreisen können. Taucht dort ein geeignetes Ziel auf, greifen sie an.
Drohnen werden daneben auch zur Aufklärung und zur Unterstützung der Artillerie eingesetzt. Die ukrainische Seite nutzt dazu auch Drohnen des deutschen Unternehmens Quantum Systems aus Gilching bei München.
Zum Einsatz kommt aber nicht nur professionelles militärisches Gerät: Auch handelsübliche Drohnen, etwa die des chinesischen Marktführers DJI und sogar selbst gebaute werden an der Front eingesetzt – um den Gegner auszuspionieren oder um eigene Erfolge zu dokumentieren, wie etwa nach dem erfolgreichen Angriff auf eine russische Panzergruppe bei Wuhledar.
5. Elektronische Kriegsführung bleibt ebenfalls wichtig
Einige der russischen Drohnen haben sich als nicht sehr wirkungsvoll erwiesen. Es wird gemutmaßt, dass sie durch spezielle Drohnen-Abwehrwaffen zum Absturz gebracht wurden. Das zeigt, dass moderne Waffensysteme abhängig sind von IT-Systemen, was diese wiederum zum Ziel macht.
Wegen des weitreichenden Einsatzes westlicher Technik ist die russische Seite natürlich anfällig gegen elektronische Kriegsführung. Allerdings ist man sich dessen bewusst: In der Ukraine gefundene westliche Chips waren anscheinend sorgfältig auf Hintertüren überprüft worden. Das zeigten Aufkleber des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, der die Elektronikbauteile offensichtlich genau geprüft hatte.
Zu den wichtigsten Systemen gehören hier die verschiedenen Satellitennavigationssysteme, allen voran das US-System Global Positioning System (GPS), das für sehr viele Navigationsanwendungen genutzt wird. Für Drohnen etwa, aber auch für die zivile Luftfahrt. Im März meldeten mehrere Fluglinien großflächige GPS-Störungen im Ostseeraum , von Finnland bis Polen.
Anfangs wurde noch ein Sonnensturm als mögliche Ursache in Betracht gezogen. Als allerdings Störungen auch über dem Schwarzen Meer und in der Ukraine selbst auftraten , verstärkte sich der Verdacht, dass das russische Militär diese auslöst .
Allerdings dürfte das auch die eigene Luftwaffe getroffen haben: Russische Kampfjets sind zwar für die Navigation mit dem russischen System Glonass ausgerüstet. Darauf verlassen möchten sich die Piloten aber offensichtlich nicht: In den Cockpits abgeschossener Jets der russischen Luftwaffe wurden einfache GPS-Handgeräte zur Navigation gefunden.
Am ersten Kriegstag fiel der Dienst des KA-SAT-Satellitennetzwerks über Europa weitgehend aus . Eine Schadsoftware namens Acidrain hatte das System lahmgelegt. Hinter dem Angriff wurden Cracker aus Russland vermutet.
Davon betroffen war auch die deutsche Energiewirtschaft: Viele Windkraftanlagen werden per Satellit fernüberwacht und -gesteuert – und waren plötzlich nicht mehr erreichbar . Es kam aber zu keinem Ausfall: Sie schalteten auf Automatikmodus um und regulierten sich autark und selbstständig.
6. Satelliteninternet rettet die Kommunikation
Nach dem Angriff auf KA-Sat gab es Befürchtungen, dass die russischen Truppen weitere Kommunikationssysteme in der Ukraine ausschalten. Um das zu verhindern, schickte das US-Raumfahrtunternehmen SpaceX Lkw-weise und auf eigene Kosten Antennen für seinen Satelliteninternetdienst Starlink in das Land . Dafür erntete Unternehmenschef Elon Musk viel Beifall.
Weitere Starlink-Transporte wurden von verschiedenen Regierungen finanziert. Gedacht war der Dienst in erster Linie für humanitäre Zwecke, um Krankenhäuser, Banken und Familien, die von der russischen Invasion betroffen sind, mit Breitbandinternet zu versorgen. Allerdings hat das System auch Schwächen: Die Schüsseln lassen sich über die Kommunikation mit den Satelliten vergleichsweise leicht orten und können zum Angriffsziel werden .
Neben zivilen Einrichtungen nutzt auch das Militär Starlink – zur Kommunikation und zur Steuerung von Drohnen. Damit war SpaceX nicht einverstanden und schränkte den Dienst für das Militär ein .
Musk begründete das mit der Angst vor einem neuen Weltkrieg . Der Vorfall zeigte eine weitere fatale Entwicklung unserer Zeit: Eine Privatperson ohne Mandat kann nach persönlichem Gutdünken und ohne Kontrolle durch offizielle Stellen über Wohl und Wehe eines ganzen Landes entscheiden.
7. Der erwartete Cyberkrieg ist ausgeblieben
Mit Beginn des Ukrainekrieges wuchs auch in Deutschland die Befürchtung, dass Unternehmen, Behörden und Einrichtungen der kritischen Infrastruktur Ziel von Hackerangriffen werden könnten. Angesichts des seit Jahren allseits heraufbeschworenen Bedrohungspotenzials sowie der wohl tatsächlich verfügbaren Fähigkeiten beider Konfliktparteien erschien das Ausbleiben der Angriffe dann überraschend .
Als größter Erfolg russischer Hacker dürfte der Angriff auf das Satellitennetzwerk KA-Sat zu werten sein . Malware-Angriffe auf das ukrainische Stromnetz blieben weitgehend wirkungslos ; solche Angriffe hatte es bereits in den Vorjahren gegeben. Vor und zu Beginn des Krieges wurde vor allem mit DDoS-Attacken und Wipern gearbeitet. Wenig kriegsentscheidend dürften auch jüngste DDoS-Angriffe auf Webseiten der Nato oder von deutschen Flughäfen sein.
Nicht besonders wirkungsvoll war offenbar auch der von sogenannten Hacktivisten gegen Russland erklärte Cyberkrieg(öffnet im neuen Fenster) . Es sollen einige Webseiten des russischen Staates durch DDoS-Angriffe von Anonymous zwischenzeitlich nicht mehr benutzbar gewesen sein. Es wurde dazu aufgerufen, weitere Infrastruktur wie Banken und APIs zu blockieren, es wurden Datenbanken der angegriffenen Systeme veröffentlicht(öffnet im neuen Fenster) und die Beteiligten wollen Fernsehübertragungen gehackt haben(öffnet im neuen Fenster) .
Dass vermeintlich unbeteiligte Hacker in Konflikte eingreifen und dies mit ihren Mitteln versuchen, war jedoch nicht neu und gehört zum Selbstverständnis der Anonymous-Hacktivisten. Diese waren bereits anlässlich der Annexion der Krim durch Russland aktiv und hatten russische Webseiten gehackt.
Bislang hat der Krieg daher gezeigt: Um die Infrastruktur der Ukraine auszuschalten oder stark zu beschädigen, sind weiterhin schwere und wiederholte Luftangriffe mit Marschflugkörpern erforderlich. Der Cyberkrieg ist militärisch ein stumpfes Schwert. Noch zumindest.
In Deutschland dürfte als Nebeneffekt des Ukrainekriegs die Abberufung von Arne Schönbohm als Präsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu sehen sein. Schönbohm wurde in einer Sendung des ZDF-Satirikers Jan Böhmermann die Nähe zu russischen Cybersecurityfirmen mit Verbindungen zum russischen Geheimdienst vorgeworfen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) nutzte die Gelegenheit , den ihr offenbar unliebsam gewordenen Behördenchef loszuwerden. Eine genaue Begründung fehlt bis heute.
Letzteres gilt auch für die Entscheidung des BSI, den Antivirensoftware-Anbieter Kaspersky zur Bedrohung zu erklären . Technische Gründe spielten bei der Warnung demnach keine Rolle. "Wenn Zweifel an der Zuverlässigkeit des Herstellers bestehen, birgt Virenschutzsoftware ein besonderes Risiko für eine zu schützende IT-Infrastruktur," hieß es.
Über die Energiekrise, Fake News und die Rolle Chinas
8. Atomkraftwerke in Kriegsgebieten stark gefährdet
Gleich zu Beginn des Krieges eroberten russische Truppen das Gelände des zerstörten Atomkraftwerks Tschernobyl . Seit der Explosion des vierten Blocks im April 1986 ist das verstrahlte Gebiet eine Sperrzone. Wenig später wurde auch das Atomkraftwerk in Saporischschja besetzt .
Das ist eine neue Bedrohung: Nicht nur, dass die Angreifer die Energieversorgung beherrschen. Bei einem Treffer – die es bereits gab – könnte ein Reaktorgebäude beschädigt werden und Radioaktivität austreten. Auch durch einen Stromausfall, wie es ihn in Tschernobyl gab , könnte es zu einer Katastrophe in einem der besetzten Atomkraftwerke kommen.
Saporischschja ist nicht nur das größte Atomkraftwerk Europas. Es ist auch der größte Stromlieferant. Damit dort weiterhin Strom zur Verfügung steht, wurden das Land und sein südlicher Nachbar Moldawien relativ schnell an das europäische Stromnetz angeschlossen .
9. Krieg legt Energie-Abhängigkeit von Russland offen
Das Thema Energie war auch außerhalb des Kriegsgebietes relevant: Mehrere europäische Länder, allen voran Deutschland, deckten einen Gutteil ihres Energiebedarfs mit günstigem Gas aus Russland, das plötzlich nicht mehr zur Verfügung steht.
Um den Aggressor nicht weiter zu finanzieren, wurde der Bezug schnell beendet. Die maßgeblich auf deutsche Initiative gebaute Gaspipeline Nord Stream 2 wurde gar nicht erst in Betrieb genommen. Ein Zurück wird es nicht mehr geben: Im September wurden drei der vier großen Pipelines von Nord Stream 1 und 2 nahe der dänischen Insel Bornholm gesprengt.
Die Befürchtung war, dass die Energieversorgung in Deutschland zusammenbrechen würde. Zu den Gegenmaßnahmen der Bundesregierung zählt, die letzten drei deutschen Atomkraftwerke nicht wie geplant zum Jahreswechsel stillzulegen, sondern bis in den April weiter zu betreiben . Eine andere Maßnahme ist, zumindest zeitweise wieder Kohlekraftwerke anzufahren.
Daneben wurde auch nach anderen Gaslieferanten gesucht. Gas soll zukünftig unter anderem aus Katar und Ägypten bezogen werden. Um den Brennstoff beziehen zu können, wurden in Windeseile Flüssiggasterminals – lange ein No-Go – in Wilhelmshaven sowie in Lubmin gebaut. Weitere sind in Planung.
Hinzu kommt, dass viele Menschen den Aufrufen der Regierung gefolgt sind, Energie zu sparen – was angesichts der immens gestiegenen Preise für Strom und Gas aber auch nicht so schwer fällt.
So bitter das ist: Der Krieg beschleunigt die Energiewende (g+) : Erdgas galt als Brückentechnologie von der Kohle auf dem Weg zur Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen. Doch dann wurde die Brückentechnologie zum wichtigsten Brennstoff – bis zu dem Moment, in dem der Krieg den Preis rasant steigen ließ. Inzwischen wird der zuletzt stockende Ausbau der erneuerbaren Energien deutlich beschleunigt .
10. Fake-News-Kampagnen verfangen kaum
Zum Jahrestag des Kriegsbeginns wiederholte Putin sein Narrativ, dass nicht Russland, sondern der Westen der eigentliche Aggressor sei. "Sie haben den Krieg begonnen. Wir haben alles getan, um ihn zu stoppen," sagte der russische Präsident am 21. Februar 2023(öffnet im neuen Fenster) . Diese Botschaft richtete sich zwar in erster Linie an die eigene Bevölkerung. Aber auch außerhalb Russlands versucht Putin auf diese Weise, die Unterstützung für die Ukraine zu unterminieren.
Der Krieg in der Ukraine ist daher von Anfang an auch ein Propagandakrieg gewesen. Beide Seiten setzen dabei darauf, Inhalte gegenseitig zu blockieren. So hat die EU im März 2022 die Verbreitung russischer Staatssender wie RT und Sputnik in ihren Mitgliedstaaten verboten . Die entsprechende Verordnung bezog sich sogar auf Suchmaschinen wie Google, die nicht mehr auf Internetseiten der betreffenden Medien verlinken durften .
Russland versucht im Gegenzug, die Inhalte sozialer Netzwerke zu unterdrücken. Das betraf unmittelbar nach Kriegsbeginn bereits Twitter und Facebook(öffnet im neuen Fenster) , später auch Instagram .
Zuvor hatte Facebook entschieden, Ausnahmen für seine Richtlinien für Hassrede während des Ukrainekriegs einzuführen. Nach einer internen E-Mail seien Gewalt- und sogar Mordaufrufe gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und den belarussischen Präsidenten Aleksander Lukaschenko unter Auflagen erlaubt .
Im September 2022 wiederum machte Facebooks Mutterkonzern Meta eine ausgefeilte russische Desinformationskampagne publik . Die Kampagne habe dazu ein Netzwerk mit 60 Webseiten genutzt, das Nachrichtenangebote wie den Spiegel, The Guardian, Bild oder ANSA imitierte. Die Beiträge seien vor allem auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch und Ukrainisch erschienen. Hauptziel der russischen Kampagne sei Deutschland gewesen.
Im Februar 2023 wurde zudem bekannt, dass Russland sogar gefakte Titelblätter europäischer Satiremagazine verbreitet haben soll(öffnet im neuen Fenster) . Nach Angaben des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD)(öffnet im neuen Fenster) sollte damit der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verunglimpft werden.
Insgesamt dürfte es Russland nicht gelungen sein, die Stimmung im Westen mit seiner Propaganda stark zu beeinflussen. Auf der anderen Seite hat das Land seine eigenen Medien so gut unter Kontrolle, dass die eigene Bevölkerung den Kriegskurs der Regierung offenbar weiterhin unterstützt. Wer sich informieren will, dürfte über das Internet aber noch Mittel und Wege finden, an westliche Nachrichten zu gelangen.
11. China hält weiter zu Russland
Die chinesische Führung dürfte sich die Reaktion des Westens sehr genau angeschaut haben. Sie ist eine der wenigen, die den Einmarsch nicht verurteilt hat. Noch wenige Tage vor Kriegsbeginn zeigte sich Staats- und Parteichef Xi Jinping mit Putin während der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Peking.
Es wurde sogar gemunkelt, dass Xi Putin gebeten haben soll, den Olympischen Frieden nicht zu brechen und nach Ende der Spiele anzugreifen. Die chinesische Regierung bestreitet das vehement.
Dennoch ist der Krieg in der Ukraine ein interessanter Testfall: Die chinesische Regierung provoziert seit einiger Zeit immer offensiver damit, Taiwan mit Festlandchina zu vereinigen – auch gegen den Willen Taiwans und mit Waffengewalt. Die US-Regierung aber hat ihre militärische Garantie für den kleinen Inselstaat gerade noch einmal bekräftigt.
Chinas Blick geht auf die Weltgemeinschaft: Wer stimmt dem russischen Einmarsch zu? Wer schweigt, wer ist dagegen? Sollte die chinesische Regierung – wie Putin – mit einer schwächlichen Reaktion der USA und ihrer Verbündeten gerechnet haben, wurde sie eines Besseren belehrt.
Für den Moment dürften die Pläne, Taiwan anzugreifen, erst einmal zurückgestellt sein. Dass die Regierung sie aufgegeben hat, hält Helena Legarda vom Merics-Institut für China-Studien in Berlin für unwahrscheinlich: "Der Wille und die Ambitionen Pekings, Taiwan einzugliedern, notfalls mit Gewalt, haben sich nicht geändert. Aber die russische Invasion in der Ukraine könnte die Zeitschiene und Pläne verschoben haben" , sagte die Expertin für Sicherheitspolitik dem Deutschlandfunk(öffnet im neuen Fenster) . Es ist also möglich, dass die unbeugsame Haltung des Westens in nicht allzu ferner Zukunft erneut gefragt ist.
12. Die neue Offenheit der Geheimdienste
Die westlichen Geheimdienste haben in den vergangenen Jahren in verschiedenen Konflikten eine unrühmliche Rolle gespielt. So wurde der Irakkrieg im Jahr 2003 mit angeblichen Massenvernichtungswaffen begründet, die das Land angehäuft haben sollte. Der schnelle Sturz der afghanischen Regierung durch die Taliban im Jahr 2021 wurde hingegen von Geheimdiensten wie dem Bundesnachrichtendienst (BND) nicht erwartet.
Die Warnungen vor einem bevorstehenden Angriff Russlands auf die Ukraine erschienen vielen Menschen im Herbst 2021 und Frühjahr 2022 als wenig glaubwürdig. Warum sollte Putin einen souveränen europäischen Staat angreifen? Doch als das kaum Vorstellbare tatsächlich eintrat, sahen sich die Vertreter der Dienste nun bestätigt und in Teilen rehabilitiert. "Es ist eingetreten, über das der BND seit Jahren berichtet hat," sagte BND-Präsident Bruno Kahl am 17. Oktober 2022 in einer Bundestagsanhörung .
Es dürfte unstrittig sein, dass die Geheimdienste von Anfang an die ukrainische Regierung und das Militär mit Informationen über die russischen Truppen versorgt haben. Das britische Verteidigungsministerium veröffentlicht sogar auf Twitter(öffnet im neuen Fenster) täglich seine Erkenntnisse zum Kriegsverlauf. "Es ist offensichtlich so, dass die Ukrainer Geheimdienstinformation aus dem Westen erhalten, die bei der Abwehr von Luft- und Raketenangriffen, aber auch bei der Erstellung des allgemeinen Lagebilds hilft," sagte Wolfgang Richter, Militärexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, der Zeit(öffnet im neuen Fenster) .
Die Informationen helfen der ukrainischen Armee nicht nur bei der Abwehr der russischen Angriffe, sondern auch bei ihren Gegenoffensiven und der Bestimmung von Angriffszielen. Dabei sollen russische Soldaten auch durch die Nutzung ihrer Mobiltelefone ihren Standort verraten haben(öffnet im neuen Fenster) . Zudem haben Auswertungen von geposteten Fotos auf sozialen Medien Hinweise auf Standorte ergeben. Inwieweit Informationen westlicher Geheimdienste dazu beigetragen haben, mehrere russische Generäle durch gezielte Angriffe zu töten, ist Gegenstand von Spekulationen.
13. Selbst Spiele sind nicht unpolitisch
Es ist angesichts der weltweiten Folgen des Krieges nur eine Randnotiz, aber auch die Videospielbranche war betroffen – obwohl das Medium sonst Eskapismus von der Realität verspricht. Aber die lässt sich nicht ausblenden, wenn Raketen einschlagen.
Die in Kyjiv ansässigen Entwickler von Stalker 2 mussten die Arbeit an ihrem Spiel daher unterbrechen . Den ursprünglich für Ende 2022 angepeilten Veröffentlichungstermin konnte GSC Game World so nicht halten.
Mittlerweile kann das Team wieder arbeiten , auch wenn der Krieg noch nicht vorbei ist. Ein konkretes Veröffentlichungsdatum nennt GSC nicht, Stalker 2 soll aber noch in diesem Jahr erschienen .
Ein Unterschied zur Version des Spiels, die vor dem 24. Februar 2022 in der Entwicklung war, kennen wir jetzt schon: Das im Spiel (wie auch im realen Konflikt) eine zentrale Rolle spielende havarierte Atomkraftwerk hat einen neuen Namen bekommen. GSC hat sich dazu entschieden, den russischen Namen durch das ukrainische Chornobyl zu ersetzen .
Auch russische Produktionen gerieten in den Blick der Weltöffentlichkeit. Während sich einige Entwickler wie Ice Picke Lodge(öffnet im neuen Fenster) schon zu Beginn des Krieges solidarisch geäußert haben, vermeiden andere Studios eine klare Positionierung.
Der von einem internationalen Team, aber eben auch in Moskau entwickelte Shooter Atomic Heart stand dabei zuletzt besonders in der Kritik.
Kurz vor dem Jahrestag des Angriffs forderte der stellvertretende ukrainische Minister für Digitale Transformation sogar Microsoft, Sony und Steam dazu auf, das Spiel von ihren Verkaufsplattformen zu entfernen .
Die Verbindung eines Investors hinter Mundfish zum russischen Staatskonzern Gazprom werfe die Befürchtung auf, dass die Umsätze indirekt den Krieg in der Ukraine mitfinanzieren könnten. Klar ist, dass selbst Videospielproduktionen im Krieg nicht mehr den Anschein erwecken können, unpolitisch zu sein.
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