Ein Jahr Digitalministerium: Jetzt muss Wildberger liefern
Seine Ernennung war die größte Überraschung zum Start der Bundesregierung vor einem Jahr. Die Personalie Karsten Wildberger hatten nur sehr wenige Personen auf dem Schirm.
Der Chef der Elektronikmärkte Saturn und Mediamarkt sollte neuen Schwung in die stockenden IT-Projekte der Bundesregierung bringen und nebenbei ein neues Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) aufbauen. Richtig messbar ist sein Erfolg aber bislang noch nicht.
Mit der Ernennung Wildbergers ging Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) durchaus ein Risiko ein. Denn ein Ministerium lässt sich nicht führen wie ein Unternehmen. Minister kommen und gehen. Die verantwortlichen Beamten, vor allem in der mittleren Ebene, bleiben hingegen auf ihren Posten.
Gerade in der Digitalisierungspolitik fehlte es in den Häusern häufig an eigener Kompetenz, was durch teure Berater ausgeglichen werden sollte. Die sogenannte IT-Konsolidierung des Bundes war jahrelang ein teures Trauerspiel.
Arbeitsmethoden aus der Wirtschaft
Von daher dürfte es ein Vorteil gewesen sein, dass Wildberger das Ministerium neu aufbauen sollte. Natürlich übernahm er dazu etliche Abteilungen aus anderen Ministerien. Aber er konnte von Anfang an versuchen, seine ihm aus der Wirtschaft vertrauten Arbeitsmethoden umzusetzen.
Einem Spiegel-Bericht(öffnet im neuen Fenster) (Paywall) zufolge ließ eine Stabsstelle für "Ziel- und Wirkungssteuerung" einrichten und seine Mitarbeiter in Managementmethoden wie OKR (Objectives and Key Results) schulen. Damit sollten die Arbeitsergebnisse messbarer werden.
Medienberichten zufolge interessiert sich Wildberger auch für Details, beispielsweise beim Glasfaserausbau, bei der Entwicklung der EUDI-Wallet oder des Deutschland-Stacks. Fortschrittsberichte lasse er sich im Zwei-Wochen-Abstand vorlegen. Laut Spiegel entschieden sich Mitarbeiter bereits wieder, in ihre früheren Ministerien zurückzukehren.
Zuletzt servierte Wildberger die beamtete Staatssekretärin Luise Hölscher ab, die aus dem Finanzministerium kam. "Es hat einfach nicht gepasst", sagte ein hoher Ministeriumsmitarbeiter dem Handelsblatt(öffnet im neuen Fenster) (Paywall) zu der Personalie. Hölscher habe die ambitionierten Ziele des Ministers nicht erfüllt.
Zu finden sind diese in einem "Zielbild", das das Ministerium veröffentlichte(öffnet im neuen Fenster). "Nur mit einer neuen Arbeitsweise, einer neuen Form von Politik, wird es möglich sein, die Verstrickungen der Gegenwart aufzulösen und den Beton abzubauen, der sich über Jahrzehnte etabliert hat", heißt es darin. Deutschland habe sich "verknotet", das Ministerium wollen diesen Knoten entflechten.
Konkretere Pläne legte Wildberger Mitte April 2026 in einer Fragestunde des Bundestags dar(öffnet im neuen Fenster).
EUDI-Wallet und Deutschland-App auf dem Weg
Als drei wichtige Felder hob der Minister die Staatsmodernisierung, die Verwaltungsdigitalisierung und die digitale Souveränität hervor. Der geplante Tech-Stack solle das digitale Rückgrat der digitalen Verwaltung bilden.
Mit Blick auf die geplante Deutschland-App sagte er: "Wir sind gerade sozusagen in einer Erprobungs-, Entwicklungsphase, um einen Prototyp vor einer Beauftragung zu erstellen. Diese App hat mehrere Besonderheiten. Zum einen wird sie zentral zugänglich sein für die Bürgerinnen und Bürger. Gleichzeitig wird sie sich innerhalb des dezentralen kommunalen Systems automatisch vernetzen."
Laut Wildberger soll ein Crawler die Beantragungsdokumente aus den Systemen der jeweiligen Kommunen herausziehen. Eine KI unterstütze dann die Nutzer beim Ausfüllen der Dokumente.
Für die geplante EUDI-Wallet hat der Minister bereits das Startdatum festgelegt: den 2. Januar 2027. Im Bundestag sagte Wildberger dazu: "Aktuell ist der Zeitplan absolut intakt. Wir sind auf einem guten Weg, genau das zu schaffen. Da, wo ich herkomme, ist es wichtig, Projekte on time, on budget abzuliefern." Nach seiner Darstellung soll die Wallet zum Jahreswechsel auch in der Lage sein, eine Altersverifikation zu übernehmen.
Mit EUDI-Wallet zum Erfolg verdammt
In einem Seitenhieb auf frühere Bundesregierungen sagte er zudem: "Es ist richtig, dass dieses Land bei der Digitalisierung hinterherhinkt, und ich hätte mir auch gewünscht, dass die Bürgerinnen und Bürger eine solche App bereits seit vielen Jahren haben. Deshalb gehen wir als Bundesregierung jetzt zum ersten Mal diese Dinge an und vor allen Dingen auch anders an." Beim Thema Cybersicherheit monierte Wildberger ebenfalls, dass jüngste Initiativen aus seiner Sicht "viel früher" hätten passieren müssen.
Mit solchen Ansagen setzt er nicht nur seine Mitarbeiter, sondern auch sich selbst unter Druck. Sollte die Regierung beispielsweise die EUDI-Wallet nicht zum Jahreswechsel liefern oder es gravierende Probleme mit der App geben, würde der Misserfolg zu Recht mit seiner Person in Verbindung gebracht werden.
Bis dahin lässt sich noch verschmerzen, dass nach Einschätzung des IT-Branchenverbands Bitkom(öffnet im neuen Fenster) von 221 digitalpolitischen Vorhaben der gesamten Bundesregierung erst 19 abgeschlossen wurden. Immerhin seien schon 118 begonnen worden, so dass 84 Vorhaben noch gestartet werden müssten.
Besser stehe hingegen das Digitalministerium da.
Kein Widerstand gegen Überwachungspläne
So habe das Ressort 35 seiner 65 Digitalvorhaben bereits begonnen und 9 davon schon umgesetzt. Lediglich 21 müssten noch gestartet werden. Eine wichtige Rolle in der Digitalpolitik spielten zudem das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie mit 30 Vorhaben, das Innenministerium mit 27 sowie das Ministerium der Justiz und für Verbraucherschutz mit 22 Vorhaben.
In netzpolitischen Debatten hält sich Wildberger bewusst zurück. Nicht einmal zur umstrittenen Chatkontrolle wollte er sich öffentlich äußern. Es wäre sicherlich unklug von ihm, sich gegen die geplante Vorratsdatenspeicherung oder biometrische Gesichtserkennung zu positionieren. Zwar ist er als Quereinsteiger inzwischen der CDU beigetreten, doch über eine parteiinterne Hausmacht verfügt er damit nicht.
Im Streit mit Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) über die Zuständigkeit für das ITZ-Bund konnte er sich nicht durchsetzen. Immerhin gewährte ihm Klingbeil einen um 12,6 Prozent gestiegenen Haushalt. Für den weiteren Aufbau des Ministeriums sind 2027 rund 550 Millionen Euro eingeplant.
Wirtschaft fordert Umsetzungen im zweiten Jahr
Die Wirtschaft stellt dem Minister aus den eigenen Reihen offiziell bislang ein gutes Zeugnis aus. "Karsten Wildberger benennt die zentralen Probleme der Digitalisierung in Deutschland – und er geht sie an", schrieb der Verband der Anbieter im Digital- und Telekommunikationsmarkt (VATM) in einer Mitteilung(öffnet im neuen Fenster). Der Minister habe "den Finger in die offenen Wunden" gelegt. Zudem zeigte sich der Verband erfreut, "dass man sich im neugeschaffenen Ministerium vorrangig an Umsetzung, Projektsteuerung und KPIs orientiere".
Doch nun sei entscheidend, "ob nach dem ersten Regierungsjahr auch belastbare Rahmenbedingungen für Investitionen, Wettbewerb und Ausbau entstehen", was sich für den VATM vor allem an der Novelle des Telekommunikationsgesetzes (TKG) und dem weiteren Glasfaserausbau zeigen soll.
Ähnlich äußerte sich Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst: "Das erste Jahr war ein Jahr der Programmatik und des Anschiebens. Das zweite Jahr muss ein Jahr des Umsetzens werden. Deutschlands Digitalisierung braucht jetzt Tempo, Prioritäten und spürbare Fortschritte im Alltag von Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerinnen und Bürgern." Zu den entscheidenden Projekten zählten "der zügige Rollout des Deutschland-Stacks auf allen Ebenen, die Umsetzung der EUDI-Wallet, eine ambitionierte Startup-Strategie sowie deutlich stärkere Investitionen in KI und andere Schlüsseltechnologien".
IT-Entscheider unzufrieden mit Digitalpolitik
Ein deutlich negativeres Bild zeichnet hingegen eine Umfrage des IT-Verbandes Eco. In einer Befragung von IT-Entscheidern(öffnet im neuen Fenster) (PDF) gaben fast 30 Prozent der Befragten der Digitalpolitik der Bundesregierung die Note ungenügend. Drei Viertel der Befragten bezeichneten die Bürokratie als größte Herausforderung in der Digitalpolitik.
Das heißt: Wildberger wird nicht nur danach bewertet, was er als Digitalminister auf die Beine stellt, sondern auch stark danach, was er als Staatsmodernisierer an Regelungen abschaffen oder an Verwaltungsverfahren beschleunigen kann. So lässt seine im Oktober 2025 beschlossene Modernisierungsagenda kein Buzzword aus und ist stark auf den Einsatz von KI ausgerichtet.
Über das im Dezember 2025 gestartete Portal Einfach-machen.gov.de/(öffnet im neuen Fenster) zum Melden bürokratischer Hürden gingen laut Wildberger bis Ende März bereits 20.000 Meldungen ein. Konkret passiert ist aber noch nichts.
"Dieser Prozess ist in Arbeit und in Umsetzung. Das braucht etwas Zeit; es ist aber auch ein gewaltiger Schritt nach vorne", sagte der Minister im Bundestag.
Sollte die Koalition noch das nächste Jahr überstehen, woran bereits gezweifelt wird(öffnet im neuen Fenster), könnten funktionierende Digitalprojekte und ein erfolgreicher Bürokratieabbau die Zustimmungswerte für Schwarz-Rot steigen lassen. Werden diese Projekte versemmelt, hat nicht nur Wildberger ein Problem.