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E-Sport: Im Trainingszentrum der Millionenspieler

Der Sieg von Team Liquid bei The International 2017 war kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit. Golem.de hat das Trainingszentrum in Santa Monica besucht und sich mit Teamchef Steven Arhancet über Analyseverfahren und neue Trainingsmethoden im E-Sport unterhalten.

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Die Traning Facility von Team Liquid in Santa Monica bei Los Angeles
Die Traning Facility von Team Liquid in Santa Monica bei Los Angeles (Bild: Peter Steinlechner/Golem.de)

Die Spieler sprechen nicht mit uns. Normalerweise würde uns das vielleicht ärgern, und wir würden die Profis von Team Liquid für arrogante E-Sport-Stars halten. Aber so freundlich, wie uns die virtuellen Athleten bei unserem Besuch in ihrem kalifornischen Trainingszentrum kurz anblicken und sich dann sofort ganz selbstverständlich wieder ihrem jeweiligen Game zuwenden, stellen wir verblüfft fest: geht in Ordnung.

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Das liegt daran, dass da jemand ganz offensichtlich einfach auf seine Aufgabe konzentriert ist. Etwa die, in Counter-Strike, Fortnite oder Apex Legends einen Treffer noch präziser landen zu können, die Zerg in Starcraft 2 besser zu kontrollieren oder einen der Helden in Dota 2 wenigstens einen Hauch schneller ans Ziel zu bewegen.

Die Spieler dürften durchaus mit uns reden - in anderen Situationen als bei unserem Besuch an einem Nachmittag machen sie das natürlich auch. Aber Training sei ihnen an normalen Arbeitstagen einfach wichtiger, erklärt uns die für Presse zuständige Begleitung. Immerhin geht es nicht nur um Ruhm und Ehre, sondern auch um viel Geld.

Einige der Spieler hier sind unter anderem dank ihres Sieges bei The International 2017 mehrfache Millionäre. Und allzu viel Zeit, reich und berühmt zu werden, haben E-Sportler nicht: In der Branche geht man inzwischen davon aus, dass Leistung auf dem höchsten Niveau nur bis zu einem Alter von etwa 25 Jahren möglich ist, danach verliert die Hand-Auge-Koordination an Konkurrenzfähigkeit.

Das von Dell und der auf Gaming spezialisierten Tochter Alienware aufgebaute Trainingszentrum befindet sich in einem unscheinbaren Gebäude in Santa Monica nahe Los Angeles. Inzwischen ist das Gebiet eine Hipstergegend: Unter anderem Riot Games (League of Legend), Naught Dog (Uncharted) und Treyarch (Call of Duty) haben hier ihren Firmensitz, das Straßenbild wird von Foodtrucks und teuren Kaffeeketten dominiert. Im Inneren der Training Facility gibt es neben Konferenzräumen, der Kantine und allgemeinen Büros unter anderem den Dota War Room und den League War Room (League of Legends) - so gut wie jeder Profi ist auf ein bestimmtes Game spezialisiert, die Teams arbeiten weitgehend getrennt.

"Heute wie an den meisten Tagen ging es hier ungefähr um 9:30 Uhr los", erklärt uns Steven Arhancet, einer von zwei CEOs bei Team Liquid. Einige der E-Sportler gehen morgens noch in ein klassisches Fitnessstudio - die Mitgliedschaft (in Santa Monica ist das sehr teuer) wird vom Team übernommen. Ebenso wie die Mieten: "Fast alle unserer Sportler leben direkt hier in der Nähe - manche in einer eigenen Wohnung, andere in einer WG mit eigenen Räumen, einfach weil sie das so wollen", sagt Arhancet.

Nach dem Eintreffen gebe es ein einfaches Frühstück, dann folge die erste Besprechung mit dem Trainingsstab. "Wir zeichnen ungeheure Mengen an Daten auf, die wir dann über Nacht auswerten und am Morgen mit den Spielern besprechen".

Für diese Auswertungen hat das Team eine eigene Software namens Liquid ASI (Analytical System Information) programmiert. Der zuständige Entwicklungsleiter ist gelernter Mathematiker, hat ein paar Jahre bei Investmentbanken in der Analyseabteilung gearbeitet und sei dann schlicht aus Interesse über klassischen Sport hin zum E-Sport gekommen.

Bei einigen Games kommt außerdem Eye-Tracking zum Einsatz, unter anderem bei Counter-Strike. Vor allem aber wird neben den Spieledaten die Kommunikation der Profis während der Partien laufend analysiert - die Teammitglieder müssen sich militärisch knapp und präzise austauschen, um wettbewerbsfähig zu sein.

Nach den Besprechungen folgen Trainingspartien, in denen auf Basis der Analysen versucht wird, mögliche Schwächen ab- und Stärken auszubauen. Im Grunde sei das an den meisten Tagen das normale Standardprogramm, Feierabend sei erst gegen 22 Uhr. Mittags und abends gebe es kurze Pausen, die Verpflegung erfolge in der hauseigenen Kantine.

Das Training besteht derzeit laut Arhancet primär aus Matches gegen interne und externe Teams - Letztere würden nur dann zum Einsatz kommen, wenn gegen sie in den nächsten Wochen keine Wettkämpfe geplant seien. Für uns als Zuschauer ist jede Übungseinheit beim lokalen Fußballclub spannender: Die Spieler sitzen konzentriert vor ihrem Bildschirm, nur selten wird gesprochen, auf so gut wie allen Bildschirmen ist schlicht das Spiel zu sehen. Wir dürfen fast beliebig fotografieren, nur eines ist strikt verboten: dass dabei auch nur ein Eckchen vom Bildschirminhalt zu sehen ist.

  • Einer der Profispieler von Team Liquid beim Training (Peter Steinlechner/Golem.de)
  • Analyse und gemeinsame Besprechungen gehören zum Training. (Peter Steinlechner/Golem.de)
  • Steven Arhancet ist eine Art Teamchef bei Team Liquid. (Peter Steinlechner/Golem.de)
  • Ganz wichtig: Die Kantine - hier wird frisch gekocht und Wert auf gesunde Verpflegung gelegt. (Peter Steinlechner/Golem.de)
  • Neben dem Hauptraum gibt es kleinere Besprechungszimmer. (Peter Steinlechner/Golem.de)
  • Team Liquid erspielt Trophäen aus echtem Metall und zum Anfassen. (Peter Steinlechner/Golem.de)
  • Die Traning Facility von Team Liquid in Santa Monica bei Los Angeles (Peter Steinlechner/Golem.de)
Einer der Profispieler von Team Liquid beim Training (Peter Steinlechner/Golem.de)

Neben den Analyseexperten gibt es einen Stab mit weiteren Beratern, die aber zum Teil als externe Mitarbeiter nur bei Bedarf zur Verfügung stehen. Psychologen und Mentaltrainer etwa sind im Normalfall nicht vor Ort im Trainingszentrum, würden aber mitreisen - teils mehrere. Das aber nicht, weil der Bedarf so groß sei, sondern weil diese Fachleute im Idealfall per Muttersprache mit den Profis sprechen können sollen, die oft aus unterschiedlichen, kulturell teils sehr unterschiedlich geprägten Teilen von Asien stammen.

Für die Zukunft hofft Steven Arhancet auf ganz neue Trainingsansätze, nämlich dass die Profis mit Bots üben können, die sich so verhalten wie die jeweils nächsten wichtigen Gegner. "Derzeit haben wir das nur für Clash Royale, die Entwicklung für andere Titel geht aber langsam voran", sagt der Teamchef.

Die Vorbereitung auf bestimmte gegnerische Mannschaften erfolge derzeit vor allem über Videos von vergangenen Partien, die man sich anschaut und die Stärken und Schwächen herausarbeitet. Dazu kommen möglichst viele weitere Daten, die teils öffentlich zugänglich sind, etwa Heatmaps.

Zum Abschluss unseres Besuchs fragen wir Steven Arhancet noch, welchen Tipp er für Hobbyspieler hat, die besser werden wollen. "Schau dir einen Gamer an, der nur etwas besser ist als du - damit du lernen, aber ihn eben auch einholen kannst", schlägt er uns vor. Bei den schweigsamen Profis von Team Liquid hätten wir da keine Chance mehr.



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Beardsmear 08. Jul 2019

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