E-Sport im Fußballstadion: Größer, professioneller - und weiter weg

"Kein Social-Media, insbesondere kein Facebook, jeden Tag zwölf Stunden vorbereiten und viel, sehr viel analysieren und über die Gegner lernen" : Die Vorbereitungen für das größte europäische Dota-2-Turnier sind hart, wie uns Eric "ReiNNNN" Khor, Teammanager von Fnatic, am Turniersamstag erklärt. Acht Teams treten an diesem Tag gegeneinander an, sie kämpfen um fast 300.000 US-Dollar. "Wer von den Spielern gegen die Regeln verstößt und nicht konzentriert bei der Sache ist, zahlt mindestens 50 Dollar Strafe" , sagt er. "Nur so haben wir eine Chance auf den Sieg" .

Mehr als 15.000 Fans strömen an diesem Tag von der S-Bahn zur Commerzbank-Arena. Sie tragen keine Trikots der Eintracht, sondern Gaming- und Popkulturshirts, Trikots der Clans Fnatic oder Cloud 9. Und alle sprechen sie über dasselbe: die besten Taktiken, um in Dota 2 zu gewinnen und darüber, welche Autogramme sie unbedingt ergattern wollen.
Im vergangenen Jahr füllten die Zuschauer das Spielfeld, in diesem Jahr die Haupttribüne. Diesmal ist alles größer, professioneller, spannender, allerdings hat das Dota-2-Spektakel dabei viel von seinem Charme verloren.
Das Dota-2-Phänomen
Der Free-to-Play-Titel Dota 2 ist ein sogenanntes Moba, was für Multiplayer Online Battle Arena steht. Zwei Teams mit je fünf Spielern kämpfen in einer virtuellen Arena, Ziel ist es, den gegnerischen Ancient, das Hauptgebäude des jeweiligen Teams, zu zerstören. Jeder Spieler spielt einen Helden mit speziellen Fähigkeiten, der Held skaliert im Laufe des Spieles durch zwei Größen: Gold und Erfahrung.






Gold bekommt der Spieler durch das Zerstören von gegnerischen Gebäuden, das Töten von gegnerischen Mitspielern oder den KI-Gegnern, den sogenannten Creeps, und ein regelmäßiges Einkommen - das Gold benötigt er zum Kauf eines der 100 Items. Erfahrung kann nur durch den Tod von gegnerischen Helden beziehungsweise Creeps gewonnen werden und führt in bestimmten Abständen zu Level-Aufstiegen und damit verbesserten Fähigkeiten sowie mehr Lebens- und Mana-Punkten.
Das Spielen selbst ist bei der Vorbereitung auf das Turnier nicht so wichtig, wie uns der Fnatic-Team-Manager erklärt. "Spielen müssen die Jungs gar nicht so viel, das können die ja. Wichtiger ist die mentale Vorbereitung." Für die Teams ist die ESL One das letzte große Turnier vor dem The International , Valves Dota-Weltmeisterschaft, bei der es um fast 15 Millionen US-Dollar gehen wird. "Hier können wir noch einmal unsere neuen Taktiken ausprobieren und eine Menge Spielpraxis sammeln" , sagt ReiNNNN.
Patches machen alles interessanter
Regelmäßig aktualisiert der Publisher Valve das Spiel und passt dabei auch das Balancing an, um ein möglichst ausgeglichenes Spiel zu schaffen - so stehen die E-Sportler immer wieder vor neuen Herausforderungen, da sie sich anpassen müssen. "Auch minimale Änderungen können den gesamten Spielfluss verändern. Das ist das Besondere im E-Sport, immer wieder müssen wir Spieler die Herausforderung meistern, das Spiel perfekt beherrschen zu können. Dadurch wird alles immer wieder spannender" , sagte uns der E-Sportler Kuro "Kuroky" Salehi im vergangenen Jahr im Interview.
Nach dem aktuellen Dota-2-Patch hat sich für die E-Sportler einiges geändert: Die asiatischen Teams dominierten im vergangenen Jahr, indem sie mit drei Carrys und zwei Supportern spielten, doch jetzt ist es nicht mehr so wirkungsvoll - das spielt vielen Teams natürlich in die Hände. Besonders das Team Secret mit dem deutschen Support Kuro "Kuroky" Salehi profitiert von den Änderungen enorm und gilt in ReiNNNNs Augen als Favorit für das International - natürlich will er selbst aber mit seinem Team siegen.
15.000 Fans jubeln laut
Team Secret wurde nach dem The International 2014 aus den besten Spielern der Teams Natus Vincere, Fnatic und Alliance gegründet. Finanziert wird es durch den Sohn des türkischen Millionärs Kahraman Sadıkoğlu und kommt als einziges Team ohne Sponsoren aus. Bei den 15.000 Zuschauern ist es klar der Publikumsliebling. Sie jubeln, feuern ihre Idole an und wollen am liebsten alle ein Autogramm haben.






Zur ausgelassenen Stimmung tragen spannende Duelle bei, welche die Zuschauer zu Dauerjubel veranlassen. "Ich hätte nie gedacht, dass Videospielern so heftig zugejubelt wird. Das ist ja so laut wie bei einem ausverkauften Fußballspiel" , sagt ein Stadionordner.
So chaotisch wie im vergangenen Jahr ist es dieses Mal nicht; damals kam es zu vielen Verzögerungen durch technische Probleme, es gab Stromausfälle, der Einlass dauerte viel zu lange. "Wir haben uns die viele Kritik, die wir auf Reddit, per Mail und über unsere Umfragen bekommen haben, zu Herzen genommen, um so das Event zu verbessern" , sagt Ulrich Schulze von der ESL, der für das Event der Hauptverantwortliche ist. Der Aufbau der Bühne und Leinwand wurde komplett verändert, die Zuschauer sitzen nicht mehr auf dem Spielfeld, sondern auf der Tribüne.
Manches war schon mal besser
Während die Spieler im vergangenen Jahr auf dem Weg zur Bühne durch den Zuschauerraum gingen, Fans Autogramme gaben und mit ihnen Fotos machten, sitzen sie nun weit weg von den Zuschauern. "Ich finde es schade, dass dieses Jahr alles so distanziert ist. Letztes Jahr war mein Highlight die Nähe zu meinen Idolen" , sagt uns ein junger Cloud9-Fan.

Auch die Kommentatoren sitzen dieses Mal weit weg, neben der Bühne. Vor einem Jahr saßen sie keine zwei Meter von den Zuschauern im Premium-Bereich entfernt und interagierten immer wieder mit den Fans - die Kommentatoren und Analysten sind mindestens genauso beliebt wie die Spieler.
Das Ziel: das gesamte Stadion zu füllen
Die Enttäuschung der Fans über die diesjährige Distanz haben auch die ESL-Veranstalter mitbekommen. "Für das nächste Jahr überlegen wir uns, wie wir das Problem lösen. Dieses Jahr ging es aufgrund der technischen Gegebenheiten nicht anders. Wir finden aber auch, dass die Atmosphäre im letzten Jahr etwas Besonderes war und wollen das wieder so hinbekommen" , sagt Ulrich Schulze im Interview.






Dafür gibt es dieses Jahr besser koordinierte Autogrammstunden mit den Spielern. Besonders am zweiten Turniertag, dem Sonntag, kommen immer wieder Spieler in den Zuschauerbereich und geben ihren Fans Autogramme, machen Bilder mit ihnen und dürfen sich auch mal Tipps anhören, wie sie ihr Spiel verbessern könnten.
Airbrush und Ballons
Und auch ein Airbrush-Tattoo oder ein Ballonmodell ihres Lieblingshelden wollen viele Spieler haben. Um dem Event einen leichten Festivalcharakter verleihen, bietet die ESL nämlich zahlreiche Nebenaktivitäten an, die besonders in den Spielpausen genutzt werden. Auch Gaming-Hersteller zeigen dort ihre neuen Produkte und locken mit Gewinnspielen und lustigen Aktionen. "Bisher haben wir uns in Frankfurt auf die Dota-Enthusiasten konzentriert, jetzt wollen wir auch die Leute ansprechen, die mit dem Spiel noch nicht so viel zu tun hatten" , erklärt der ESL-Gründer Ralf Reichert im Gespräch mit Golem.de "Unser Ziel ist es, in den kommenden Jahren das komplette Stadion zu füllen."
Am Sonntagabend bekommen die Fans am Ende mit einem sehr spannenden Finale zwischen Evil Geniuses und Team Secret noch einen Ausblick auf das kommende International. Team Secret gewinnt das Best-of-Five mit 3:1 und damit das Preisgeld für den Erstplatzierten von 120.000 Euro, die Fans jubeln ununterbrochen. Da machte es auch nichts aus, dass nach dem Spiel noch der Strom für die Audioanlage ausfällt. Die Zuschauer sind so laut, man hätte eh nichts mitbekommen.
Und auch die anderen Teams blicken noch am Abend zufrieden auf das Turnier zurück. "Wir haben gemerkt, wo wir noch Schwächen haben und können bis zum August daran arbeiten, wir wissen auch schon wie" , sagte uns noch ReiNNNN von Fnatic. Und wer immer noch kein Autogramm von einem Spieler hat, der kann es noch auf der Twitch-Party versuchen. Dort feiern Spieler und Fans noch bis in den Morgen.



