E-Bikes: Ein neues Rad für Amerika
Der sportliche Rennradfahrer im blauen Radlerdress ist empört: "Das ist Betrug!" , ruft er keuchend, als auf dem steilen Weg zum Twin Peak bei San Francisco eine Gruppe von E-Bikern locker an ihm vorbeifährt. Dabei nutzen die Fahrräder doch gar keine Schummel-Software wie im Dieselskandal , sondern lediglich Akkus und Antriebe aus dem Hause Bosch. Was in Deutschland weit verbreitet ist, löst in den USA immer noch einen kleinen Kulturschock aus. E-Bikes könnten aber auch dort für Pendler eine Alternative zu Autos und öffentlichen Verkehrsmitteln sein.

Anders als in Europa haben Elektrofahrräder in den USA derzeit nur einen Anteil von einem Prozent an den verkauften Fahrrädern. Die Marktforscher von Navigent Research(öffnet im neuen Fenster) rechnen mit rund 150.000 verkauften E-Bikes in diesem Jahr. Zum Vergleich: Allein in Deutschland werden in diesem Jahr nach Prognosen des Zweirad-Industrie-Verbands(öffnet im neuen Fenster) (ZIV) rund 560.000 Pedelecs verkauft. In ganz Europa sind es etwa zwei Millionen. Langfristig könnte jedes dritte neu verkaufte Fahrrad in Europa ein E-Bike sein.
Fahrrad kaum als Transportmittel genutzt
Von solchen Prognosen sind die USA noch weit entfernt. Das hat verschiedene Gründe: Zum einen werden Fahrräder dort in erster Linie als Sport- und Freizeitgeräte und nicht als Transportmittel gesehen. Für den Weg zur Arbeit werden sie kaum genutzt. Während in Deutschland laut Fahrradmonitor 2015(öffnet im neuen Fenster) jeder zweite mehrmals im Monat sein Fahrrad als reines Transportmittel verwendet, liegt der Anteil in den USA nur bei zehn Prozent. Einer inoffiziellen Übersicht zufolge(öffnet im neuen Fenster) gibt es derzeit etwa 360 geschützte Radwege in US-amerikanischen Städten. Kein Wunder, dass die Menschen lieber mit dem Auto zur Arbeit fahren.
In San Francisco gibt es immerhin mehr als 300 Kilometer Radwege(öffnet im neuen Fenster) . Allerdings lauert hinter jeder Straßenecke ein steiler Hügel, der mit einem normalen Fahrrad nur mit großer Anstrengung zu erklimmen ist. E-Bikes könnten es gerade dort ermöglichen, das Zweirad als alternatives Transportmittel zu etablieren. Denn auch in der früheren Hippie-Hochburg genießt der öffentliche Nahverkehr keinen guten Ruf.
Alle fahren nur noch mit Uber
Das liegt aber nur zum Teil daran, dass die Oberleitungsbusse in den engen Straßen nicht gut vorankommen. Trotz oder vielleicht wegen der Nähe zum Silicon Valley ist die lokale Transportbehörde SFMTA beispielsweise nicht in der Lage, eine eigene Fahrplanauskunft anzubieten. Was bei den viel gescholtenen Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) seit Jahren zuverlässig funktioniert, haben die SFMTA oder die Valley Transportation Authority VTA an Google ausgelagert. Mit dem Ergebnis: Buslinien fahren zum Teil nicht dort ab, wo Google Maps es anzeigt und die angegebenen Fahrtzeiten haben mit der Realität wenig zu tun. An Bushaltestellen kann es passieren, dass sich die Wartenden gegenseitig fragen, wo denn die angezeigten Busse tatsächlich abfahren.
Wenig erstaunlich, dass die Antwort auf die Frage, wie man im Silicon Valley oder San Francisco von A nach B kommt, stets lautet: "Take an Uber." Der Mitfahrdienst scheint die Personenbeförderung zumindest in Kalifornien schon weitgehend okkupiert zu haben. Trotz eines aktuellen Quartalsverlusts von 800 Millionen US-Dollar steht Uber bei Investoren hoch im Kurs, weil es zur weltweit führenden Mobilitätsplattform aufsteigen könnte. Entsprechend selbstbewusst legt sich das Unternehmen gerade mit den Behörden in Kalifornien an, da es in San Francisco seine selbstfahrenden Autos ohne Genehmigung testen will.
Rechtliche Hürden für E-Bikes
Schließlich geht das Geschäftsmodell von Uber erst dann wirklich auf, wenn es die teuren menschlichen Fahrer endlich losgeworden ist und die Passagiere mit seinen autonomen Autos transportieren kann. Während in Europa schon davon gesprochen wird, dass elektrische Fahrräder die eigentliche Revolution der städtischen Mobilität bedeuten könnten, ist in den USA davon noch längst nicht die Rede.
Dennoch verzeichnen E-Bike-Händler auch dort starke Zuwächse. Beispielsweise Karen Wiener und Brett Thurber, die vor sechs Jahren den Laden The New Wheel(öffnet im neuen Fenster) in San Francisco gründeten. Während sie 2010 nur acht E-Bikes verkaufte, rechnet die in der Fahrradstadt Kopenhagen geborene Wiener in diesem Jahr mit 600 verkauften Rädern. Dabei setzt The New Wheel auf Qualitätsmarken wie Riese & Müller, Stromer, Haibike, Kalkhoff oder Benno: Die Preisspanne reicht von 2.500 bis 10.000 Dollar. Das von Golem.de in San Francisco getestete Riese & Müller Delite Touring kostet mit zwei Akkus dort 5.600 Dollar. Es ist für E-Bike-Neulinge verblüffend, wie leicht sich mit dem 250-Watt-Motor steile Hügel bewältigen lassen.
Importe von mehr als 99 Prozent
Dass The New Wheel auf hochpreisige Modelle aus europäischer und US-amerikanischer Produktion setzt, ist für den US-Markt eher ungewöhnlich. Denn nach Angaben des Branchenverbandes NBDA(öffnet im neuen Fenster) stammten die meisten der 17,4 Millionen im Jahr 2014 in den USA verkauften Fahrräder aus China und Taiwan. Die Importquote liegt demnach bei über 99 Prozent. Doch für Wiener steht die Qualität der Fahrräder im Vordergrund. Wohl zu Recht: Wer sich ein E-Bike anschafft, um damit täglich zur Arbeit zu fahren, erwartet eine ähnliche Zuverlässigkeit wie von seinem Auto. Daher verkauft The New Wheel keine sehr teuren High-End-Fahrräder, deren Qualität nicht für den Alltagsgebrauch geeignet sei.
Der Verbreitung von E-Bikes in den USA stehen aber nicht nur kulturelle, sondern auch rechtliche Gründe im Wege. Denn anders als in Deutschland gibt es dort keine einheitlichen Vorschriften zu deren Nutzung. Nach Angaben der Organisation People for Bikes(öffnet im neuen Fenster) gibt es in gut der Hälfte der US-Bundesstaaten "problematische" Regelungen. Diese seien teilweise verwirrend für Verbraucher, Händler und Lieferanten.
Werden E-Bikes rechtlich mit Mofas oder Mopeds gleichgesetzt, ist das mit etlichen Nachteilen verbunden. Nicht nur können Führerschein und Versicherung zur Pflicht werden. Selbst die Nutzung von Radwegen kann verboten sein. In Kalifornien gibt es inzwischen drei Kategorien von E-Bikes, die ähnlich wie in Deutschland zwischen Pedelecs, schnelleren S-Pedelecs und Elektromofas mit Drehgriff unterscheiden.
Bedenken gegen elektrische Mountainbikes
Problematisch ist in den USA zudem die Einstufung von elektrischen Mountainbikes. Nach Angaben der International Mountain Bike Association(öffnet im neuen Fenster) (IMBA) war es schwierig genug, den Zugang von normalen Geländefahrrädern zu Nationalparks zu erkämpfen. Ein Ansturm von elektrischen Mountainbikes könnte jedoch dazu führen, dass solche Regelungen wieder eingeschränkt würden oder der Zugang für Fahrräder verboten bleibe. Die IMBA unterstützt daher Bestrebungen, E-Mountainbikes mit motorisierten Zweirädern und nicht mit normalen Mountainbikes gleichzusetzen. In Europa gibt es diesen Unterschied nicht, solange das E-Mountainbike als Fahrrad eingestuft wird.
Trotz dieser verschiedenen Hürden: Für Fahrradhersteller und Lieferanten könnten die USA einen Milliardenmarkt darstellen. Selbst bei einem E-Bike-Anteil von nur zehn Prozent wären das 1,5 Millionen Fahrräder pro Jahr. Legt man den durchschnittlichen Verkaufspreis von 3.287 Euro(öffnet im neuen Fenster) für ein E-Bike in Deutschland zugrunde, würde dies einem Umsatz von fast fünf Milliarden Euro entsprechen.
Vom Startup zum Marktführer
Bosch könnte damit in den USA die Erfolgsgeschichte fortschreiben, die 2009 mit dem Startup eBike Systems(öffnet im neuen Fenster) begonnen hat. Damals hatten Mitarbeiter vorgeschlagen, bereits existierende Komponenten für den Einbau in E-Bikes zu nutzen. Als Motoren dienten elektrische Antriebe für Servolenkungen, die Lithium-Ionen-Batterien stammten von den Akkuwerkzeugen. Inzwischen bezeichnet sich Bosch als "Weltmarktführer im Premium-Segment" . Im März 2014 gründete das Unternehmen die Tochterfirma eBike Systems Americas und liefert Komponenten für 30 in den USA vertretene Marken(öffnet im neuen Fenster) .
Ob Fahrräder oder Autos: Die Zukunft der städtischen Mobilität wird in absehbarer Zeit sicher elektrisch sein. In den USA deutet derzeit aber mehr darauf hin, dass Uber und andere Anbieter mit den geliebten Autos die Debatte bestimmen werden. Den Rennradfahrer auf dem Weg zum Twin Peak haben die E-Bikes zumindest neugierig gemacht. Oben angekommen, fragte er gleich, wie weit man mit diesen betrügerischen Dingern denn fahren könne.
Golem.de hat auf Einladung von Bosch in San Francisco an einer E-Bike-Tour teilgenommen.
- Anzeige Hier geht es zu Erneuerbare Energien und Klimaschutz bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.



