Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Dwarf Fortress: Prozedural generierte Geschichten von 1001 Zwerg

Das Kultspiel Dwarf Fortress erzählt aus sich selbst heraus immer neue haarsträubende Geschichten. Unser Autor stellt ein paar davon vor.
/ Rainer Sigl
21 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Artwork von Dwarf Fortress (Bild: Bay 12 Games)
Artwork von Dwarf Fortress Bild: Bay 12 Games

Es gibt nicht viele Computerspiele, die eine so detailreiche Fantasy-Umgebungen simulieren wie Dwarf Fortress. Das haben die Entwickler nicht mit einem riesigen Entwicklerteam geschafft, sondern mit schlauen Algorithmen - ein großer Teil der Zwergenwelt wird prozedural generiert.

Dwarf Fortress ist eine Aufbausimulation, in der wir eine wachsende Zwergenkolonie managen. Wir müssen uns um Essen, Bauten, Rohstoffe und Verteidigung kümmern. Wie in Die Sims haben die Bewohner in Dwarf Fortress ganz individuelle Wünsche und Vorlieben.

Statt sie direkt zu steuern, kann man den Zwergen nur indirekt Arbeitsaufträge erteilen, die sie dann je nach Spezialisierung und Laune erledigen. Ein richtiges Spielziel gibt es nicht, stattdessen aber tausende Möglichkeiten, spektakulär zu scheitern. Vor allem aber gibt es unendlich viele Geschichten, Anekdoten und Erlebnisse, die sich aus dieser wuselnden Sandkiste von selbst ergeben.

"Emergent Storytelling" heißt das, also etwa: eine Erzählweise, die sich wie von Zauberhand selbst ergibt. Die Geschichten, die Dwarf Fortess generiert, sind für jeden Spieler und in jeder Partie anders. Sie sind oft banal, häufig aberwitzig und nicht selten episch. Manchmal sind sie auch ganz schön tragisch. Golem.de stellt Beispiele vor.

Tragische Liebe unter Wer-Elchen

Plötzlich bricht in der Taverne in der Festung Dodoksosh die Hölle los. Ein Gast, ein zuvor unauffälliger menschlicher Monsterjäger, verwandelt sich vor aller Augen in eine blutrünstige Bestie, einen Wer-Elch mit grotesken Hauern. Zum Glück trinken gerade drei Wachen der Miliz am Nebentisch.

Zehn, zwanzig Sekunden dauert der Tumult, Bierkrüge zerschellen am Boden, dann liegt die Bestie in ihrem Blut. Das Untier sowie eine Elfentänzerin und ein Zwergenkind sind tot, zwei Gäste der Taverne und eine Soldatin, eine mächtige Axtzwergin, wurden im Kampf mit dem Monster verletzt, sie humpeln zur Krankenstation.

Die Zwerge wissen: Der Fluch der Lykanthropie ist hinterhältig. Deshalb werden die Verwundeten, während sie sich erholen, hastig eingemauert. Und wirklich: Beim nächsten Vollmond verwandeln sich zwei der Verletzten, die Soldatin und einer der Gäste, ebenfalls in rasende Bestien und reißen den bemitleidenswerten dritten Mithäftling in Stücke. Am nächsten Morgen wachen sie als Zwerge wieder auf, durch den Zauberfluch von ihren Verletzungen geheilt, aber immer noch bei jedem kommenden Vollmond eine tödliche Gefahr.

Lange Monate der Haft vergehen, aus den beiden unglücklichen Eingemauerten wird ein Liebespaar. Bis schließlich einer der beiden stirbt. Zurück bleibt eine traumatisierte, einsame Gestalt, für immer gefangen zwischen den Gebeinen ihrer Opfer. Während draußen, hinter den unüberwindbaren Steinmauern, das Leben weitergeht.

Ende 2022 wurde Dwarf Fortress erstmals in einer kommerziellen Version auf Steam(öffnet im neuen Fenster) veröffentlicht. Seitdem hat sie sich über eine halbe Million Mal verkauft und mehr als 16.000 sehr positive Rezensionen erhalten. Neu ist das Spiel aber nicht - im Gegenteil.

Ein Kultspiel wird kommerziell

Schon vor 20 Jahren begannen die US-amerikanischen Brüder Tarn und Zach Adams mit der Entwicklung des Spiels. Seit der ersten Veröffentlichung als kostenlose Alpha im Jahr 2006 hat sich die Weiterarbeit an dem hyperkomplexen Aufbauspiel offensichtlich zu ihrem Lebenswerk entwickelt.

Kommerzielle Version von Dwarf Fortress

Eine wachsende Fangemeinde hat den beiden bislang durch freiwillige Spenden ein bescheidenes Auskommen ermöglicht. Eine zum Glück glimpflich verlaufene Krebserkrankung von einem der beiden Brüder war nach deren Angaben nun der Anlass, doch eine kommerzielle Version zu veröffentlichen. Dank deren Erfolg dürften die Adams-Brüder zumindest für einige Zeit keine existenziellen Sorgen mehr haben.

Abseits davon hat Dwarf Fortress in den letzten beiden Jahrzehnten als obskures Nischenspiel alles erreicht. Es ist ein Kultspiel im Wortsinn, hat die Entwicklung von Minecraft sowie des Genres der Colony-Sims inspiriert und ist seit 2012 ein Teil der Computerspiele-Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art.

Wie bei Nachfolgern im Geiste - etwa Rim World - liegt ein großer Teil des Reizes in der Fähigkeit, immer neue Anekdoten, epische oder absurde Geschichten zu generieren. Die wichtigste Hardware dafür ist allerdings unser Kopf: Das Spiel liefert Daten, Situationen und Anhaltspunkte - unser Gehirn verknüpft sie zu Geschichten. Manche davon sind romantisch, manche regelrechte Thriller.

Verrat auf höchster Ebene

Jeder, wirklich jeder in der Festung Dodoksosh kennt Libash Otlesstulon. Die Zwergin war unter den ersten sieben Kolonisten und hat das Erblühen der Festung zur Metropole mit über 200 BewohnerInnen miterlebt. Kein Wunder, dass sie wiederholt zur Bürgermeisterin gewählt wurde, kein Wunder, dass ihr vor kurzem sogar vom fernen Königshaus der Titel einer Baronin verliehen wurde.

Libash ist eine begnadete Rednerin und Diplomatin, ihr Verhandlungsgeschick mit den Karawanen ist legendär; nur im Kampf gegen die Goblins, die alle zwei, drei Jahre mit wachsenden Armeen von Speerträgern vor dem befestigten Eingang Dodokoshs aufmarschieren, sah man sie kaum.

Warum, das offenbarte eine Morduntersuchung des Gardekapitäns Zutthan Kilrudniral. Schon wieder war eine blutleere, ausgesaugte Leiche eines Zwerges gefunden worden, die methodischen Verhöre der Zeugen, die den grausigen Fund gemacht hatten, brachten wenig Erhellendes.

Dafür platzte eine andere Bombe: Bei einer diesbezüglichen Befragung nervös geworden, verhedderte sich ausgerechnet Baronin Libash Otlesstulon, ja, genau sie, in Widersprüche und gestand schließlich in einem Nervenzusammenbruch, für den Feind spioniert zu haben ¬ und zwar von Anfang an.

Jetzt schmachtet sie im Gefängnis, verurteilt zu 450 Tagen Kerker. Seit kurzem neben ihr, mit Silberketten an die Zellenwand geschmiedet: der schändliche Vampir und Zwergensauger Kadol Udilimesh, wenig später auf frischer Tat ertappt. Wer weiß, wie sich diese beiden vertragen werden.

Jedes Detail der beiden Anekdoten aus der Festung Dodoksosh hat sich in einer vom Autor erst vor kurzem gespielten Partie Dwarf Fortress so zugetragen. Der Spaß und (wenn man so will) die Kunst liegt nun darin, das dichte, detailverliebte Spiel so lesen zu lernen, dass es diesen Schatz an Geschichten auch preisgibt. Wer einmal gelernt hat, die legendär umständliche Bedienung des Spiels zu durchdringen, wird schnell fündig.

Das Geheimnis der Geschichtenmaschine Dwarf Fortress liegt in der absurd detaillierten, vollständig prozeduralen Generation und Simulation seiner Fantasywelt: von geologischen Erd- und Mineralschichten über Erosion, einer jahrhundertelangen mythischen Vorgeschichte und detaillierten Nachbarszivilisationen bis hin zur Simulation aller Lebewesen.

Sogar Insekten sowie Besitztümer, Gliedmaßen, Organe und psychische Besonderheiten einzelner Lebewesen werden in diesem Spiel mit unzähligen Details berechnet und in Beziehung gesetzt. Den Ruf, das mit Abstand komplexeste Spiel, das je erschaffen wurde zu sein, trägt Dwarf Fortress wohl zu Recht.

Simulierte Katzenwäsche

Die Komplexität der Simulation von Dwarf Fortress entspräche in etwa jener von Konstruktions- und Testsoftware im kommerziellen Flugzeugbau, wie ein Ingenieur anlässlich eines Porträts der Spielmacher in der New York Times(öffnet im neuen Fenster) schon 2011 zu Protokoll gab.

Katzensterben durch Schnapsgenuss

Zu sehen ist davon traditionell wenig, denn das Programm beschränkte sich in seiner kostenlosen Version jahrelang auf eine Darstellung mit ASCII-Tiles, wie sie im Genre der klassischen Rogue-likes Tradition hat. Die aktuelle Steam-Version setzt, wie zahlreiche Mods zuvor, auf vergleichsweise hübsche Pixelgrafik, unter der Haube ist nach wie vor eine schwindlig machende Vielzahl an miteinander verknüpften Systemen am Werk.

Wie diese Simulationstiefe und die bei einem derart ambitionierten Projekt unvermeidlichen Bugs im Detail für haarsträubende Erlebnisse sorgen können, hat Tarn Adams auf legendäre Weise in einem Videointerview(öffnet im neuen Fenster) erzählt: Weil sich in einer Zwergenfestung frei herumstreunende Katzen die Pfoten in Schnapspfützen am Tavernenboden beschmutzt und diese abgeleckt hatten, seien sie massenhaft an Alkoholvergiftung gestorben.

Das Problem mit der Katzenwäsche ist längst behoben. Es zeigt jedoch, welche unerwarteten Konsequenzen sich aus dem Zusammenspiel der Systeme ergeben können. Und es lässt erahnen, welche komplexen, unerwarteten und jedes Mal neuen Geschichten sich aus dem Zusammenspiel zwischen Simulation und spielerischer Interaktion entwickeln.

Die besten davon werden übrigens seit Jahren auf der Community-Seite Dfstories(öffnet im neuen Fenster) verewigt. Ein Happy End gibt es dabei allerdings nur in den seltensten Fällen.

The Downward Spiral

Der Winter hat die Festung Dodoksosh im Griff: Der Wassergraben ist vereist, doch wegen der hochgezogenen Zugbrücke stehen die erneut belagernden Goblinhorden tatenlos vor den Toren. Unter der Erde passiert dafür umso mehr: Endlich haben die Bergleute der Festung in den unterirdischen Kavernen Magma entdeckt.

Endlich kann dort das rare Metall Adamantium gesammelt und eine Magmaschmiede errichtet werden, die die Eisenbearbeitung vom Roden der nur mehr spärlichen Bäume und der aufwendigen Köhlerei unabhängig machen werden.

Ein Unglück bei der Ausgrabung tief in der Erde endet tragisch: Udib Avuzedan, ein legendärer Bergmann und Vater dreier Kinder, geliebt von seiner Tempelgemeinde, stirbt in einem Lavabecken, sein Leichnam kann nicht geborgen werden. Sein Grab bleibt leer, eine hastig angefertigte Gedenktafel ist nur ein trauriger Trost.

Dwarf Fortress mit überarbeiteter Grafik - Trailer
Dwarf Fortress mit überarbeiteter Grafik - Trailer (00:15)

Udibs Frau, seine Kinder, seine Kollegen und ein Teil seiner Glaubensgemeinschaft verfallen in tiefste Trauer, sein Sohn Goden zerstört in einem Anfall blinder Wut ein Kunstwerk im Tempel und wird als Strafe von der strengen Zwergenjustiz zu zwei Hammerschlägen verurteilt, die ihn verkrüppelt zurücklassen.

Wehklagen erfüllt die unterirdischen Hallen, die sonst wie geölt laufenden Produktionsprozesse geraten ins Stocken, eine Spirale des Untergangs beginnt sich langsam, aber unerbittlich zu drehen ... Die Goblins oben bemerken davon nichts. Irgendwann werden sie abziehen. Wer weiß, was bis dahin unter der Erde geschehen ist.

"Losing is fun" - so lautet das Motto von Dwarf Fortress. Und tatsächlich liegt der Reiz dieses unnachahmlichen Sandkastens nicht im Gewinnen und nicht im Erfolg. Sondern in seiner Komplexität, die man staunend erforscht. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer ganzen Welt voller Geschichten belohnt.


Relevante Themen