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Dungeons & Dragons: Ich bin ein Elf, levelt mich up!

Die ersten Computer-Rollenspiele waren nur Hobbyprojekte von D&D-Fans und hatten dennoch immensen Einfluss auf die Videospielwelt.
/ Fabian Mauruschat
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Die braucht jedes Pen-&-Paper-Rollenspiel: Würfel in allen möglichen Varianten. (Bild: Fabian Mauruschat)
Die braucht jedes Pen-&-Paper-Rollenspiel: Würfel in allen möglichen Varianten. Bild: Fabian Mauruschat

1974 breitete sich ein komplett neues Spiel in den Jugendzimmern und Studentenbuden der USA aus: Dungeons & Dragons. Die Entwickler Gary Gygax und Dave Arneson hatten aus Mittelalter-Kriegsspielen mit Miniaturen(öffnet im neuen Fenster) etwas komplett Neues gemacht. Die Spieler schlüpften in die Rollen von Kriegerinnen und Magiern, von Elfen und Halblingen. Sie kämpften gegen fiese Orks, beschworen magische Feuerbälle und fanden unglaubliche Schätze. Handlungsorte der Spielrunden waren meistens mysteriöse Untergrund-Komplexe voller Fallen: die namensgebenden Dungeons.

All das taten sie nur mit Stiften, Papier, ein paar seltsamen Würfeln und viel Fantasie. Auch technikaffine Geeks und Nerds waren begeistert. Einige wollten das Spielgeschehen am Computer nacherleben und programmierten schon kurze Zeit später erste inoffizielle D&D-Videogames. Sie hatten einen immensen Einfluss auf das noch junge Medium.

Enter the Dungeon

Die ersten Spiele auf Basis von D&D verlockten 1975 zum Solo-Zocken. Eines davon ist heute unter dem Namen Pedit5 bekannt, auch wenn es eigentlich The Dungeon hieß(öffnet im neuen Fenster).

Der Name Pedit5 bezieht sich auf eine Organisation an der Universität von Illinois, der Population and Energy Group. Diese Gruppe hatte fünf Speicherplätze namens Pedit für das Computernetzwerk der Uni zugewiesen bekommen und das Spiel lief im fünften davon.

Programmiert hatte es Reginald "Rusty" Rutherford auf einem Plato-Terminal. Die Software Plato (Programmed Logic for Automated Teaching Operation) war ursprünglich als Lernplattform gedacht – was den Programmierer Rutherford aber nicht davon abhielt, sie für ein Spiel zu nutzen.

Bei Pedit5 spielte man einen Charakter mit Spielwerten wie Stärke und Intelligenz, der in einen Dungeon voller Monster vordrang, um Schätze und Erfahrungspunkte(öffnet im neuen Fenster) zu sammeln. Mit diesen Punkten stieg auch das Level des Charakters, der so Hit Points (HP)(öffnet im neuen Fenster) dazugewann.

HP, Character-Level und Attribute wurden zum Goldstandard

Je mehr dieser Trefferpunkte er hatte, desto mehr Treffer konnte er auch einstecken. Und je höher sein Level war, desto mächtigere Zauber konnte er wirken. All diese spielmechanischen Elemente stammten aus D&D, was Rutherford 2008 auch bestätigte(öffnet im neuen Fenster).

In den folgenden Dekaden wurden HP, Character-Level und Attribute zum Goldstandard des Rollenspielgenres. Ob US-RPGs wie Ultima und Wizardry oder japanische RPGs wie Dragon Quest und Final Fantasy – die Grundregeln waren Genre-Aficionados sofort klar: Bei Null Hit Points ist ein Charakter tot oder zumindest außer Gefecht gesetzt. Erhält er genug Erfahrungspunkte (im Original Experience Points, gern auch als XP abgekürzt), kann er eine Stufe aufsteigen und seine Werte verbessern.

Und je nach Profession, Klasse oder Beruf braucht er bestimmte Werte: Ein Krieger sollte stark sein, eine Diebin eine hohe Geschicklichkeit aufweisen. Einige Spielmechaniken haben sich als so universell erwiesen, dass sie mittlerweile in fast jedem Spielgenre zu finden sind. Erfahrungspunkte finden sich bei Minecraft, Hit Points bei Starcraft und Upleveln kann man in jedem Free-to-play-Trashgame.

Orange ist eine warme Farbe

Auch wenn die Spielmechaniken heute noch begeistern – die Grafik von Pedit5 war eher rudimentär. Sie bestand aus einfachen Symbolen und Linien, welche die Charaktere und die Wände des Dungeons darstellten. Das alles in einem warmen Orangeton auf pechschwarzem Hintergrund – typisch für die Plasmabildschirme, die bei Plato genutzt wurden.

Trotz der einfachen Grafik war das Spiel immens beliebt, auch an einer weiteren Uni in Illinois: der Southern Illinois University (SIU). Dorthin hatte sich Pedit5 ausgebreitet und obwohl es gelegentlich von offiziellen Arbeitskräften der Uni gelöscht wurde, tauchte es immer wieder neu im System auf.

Für zwei Studenten der SIU waren die häufigen Löschungen sogar der Grund, Systemadministratoren zu werden. Gary Whisenhunt und Ray Wood entwickelten schließlich ihr eigenes Dungeon-Game – dazu später mehr(öffnet im neuen Fenster).

Das Fesselnde an Pedit5 war wohl auch, dass Rutherfords Dungeon zufallsbasiert war. So wurde jedes neue Durchspielen unvorhersehbar. Mal stieß man auf viele Schätze und leicht zu überwindende Monster, mal auf einen fast unbesiegbaren Stufe-6-Drachen. Das Prinzip des zufälligen Dungeon-Designs machten sich später Games wie das legendäre Rogue von 1980(öffnet im neuen Fenster) oder Diablo in den Neunzigern zunutze.

Und der Dungeon war eine originäre D&D-Erfindung. Als unterirdischer Komplex voller Monster, Fallen und Schätze bot er das perfekte Umfeld für die Erkundung durch eine Spielgruppe. Woher genau Gygax und Arneson ihre Inspiration für die fallenreichen Verliese hatten, ist unklar.

Womöglich liegen die Ursprünge in der verlassenen Zwergenmine Moria aus Tolkiens Herr der Ringe oder den Bunkeranlagen des postapokalyptischen Romans Sign of the Labrys der Autorin Margaret St. Clair(öffnet im neuen Fenster).

Dungeons ließen sich toll auf Computer übertragen

Am Spieltisch ermöglichte die eingeengte Umwelt des Dungeons ein klares Spielziel: mit den Schätzen entkommen, ohne zu sterben. Je tiefer die gespielten Charaktere in den Dungeon vordrangen, desto gefährlicher wurden die Monster und desto wertvoller die Schätze.

Diese einfachen Prinzipien ließen sich recht gut auf das noch junge Medium Computerspiel übertragen. Bis heute locken Dungeons in Games – verstreut in der Spielwelt wie in The Legend of Zelda (1986) oder Elden Ring (2022). Oder sie sind gleich die Spielwelt wie in Hades (2020).

The Game of Dungeons alias dnd

Kein Wunder also, dass das nächste heute noch bekannte von D&D inspirierte Spiel aus dem Jahr 1975 The Game Of Dungeons heißt. Bekannt ist es auch unter seinem Dateinamen dnd – im US-amerikanischen Sprachgebrauch eine alternative Schreibweise von D&D.

Programmiert hatten es Whisenhunt und Wood, die beiden Sysadmins der SIU, ebenfalls auf Plato. Auch hier erstellt man einen Charakter mit Eigenschaften wie Weisheit und Geschicklichkeit und steigt hinab in ein gefährliches Gewölbe – das hier nach seinen Erschaffern Whisenwood Dungeon heißt.

Spielziel ist es hier, den magischen Gegenstand The Orb zu finden. Neu war, dass der Charakter den Dungeon verlassen konnte, um das Spiel zu speichern. Dieses Feature hatten Whisenhunt und Wood eingeführt, weil sie genervt davon waren, dass der Charakter bei Pedit5 nach dem Ausloggen einfach weg war – mit allen Erfahrungspunkten und Schätzen.

Das war aber nicht die einzige Neuerung. Wenn man dem Autor und Game-Experten Daryl Baxter und seinem Buch 50 Years of Boss Fights Glauben schenken will, haben die beiden dnd-Macher sogar das Prinzip Bossgegner erfunden.

Denn um The Orb zu erlangen, musste ein goldener Drache besiegt werden. Der hatte extrem hohe Werte, durfte aber natürlich nicht unbesiegbar sein – Whisenhunt und Wood war es wichtig, dass ihr Spiel schaffbar war. Arcade Games, die einfach immer schwieriger wurden, bis es am Ende "Game Over" hieß, frustrierten sie.

Pedit5 und dnd sind heute die bekanntesten ersten Hobbyversionen von Computerrollenspielen. Dabei entstanden Mitte der Siebziger zahlreiche weitere RPGs wie Dungeon von Don Daglow, der es an einer kalifornischen Uni für Großrechner vom Typ PDP-10 geschrieben hatte, oder weitere Plato-Spiele wie m1999h, Moria, Orthanc oder Oubliette.

Potenzial der digitalen Lizenzen erst spät erkannt

Einige weitere Spiele wurden wahrscheinlich gelöscht und sind vergessen. Der D&D-Verleger Tactical Studies Rules Inc. (TSR) hat das Potenzial der digitalen Lizenzen erst recht spät erkannt. 1988 erschien mit Pool of Radiance(öffnet im neuen Fenster) das erste offizielle D&D-Game, basierend auf der Version für Fortgeschrittene: Advanced Dungeons & Dragons.

Damit begann eine lange Zusammenarbeit von TSR mit dem Spieleentwickler Strategic Simulations, Inc. (SSI), die insgesamt 30 Spiele umfasste(öffnet im neuen Fenster) und bis 2001 andauerte. Da brachte SSI sein letztes D&D-Game heraus, Pool of Radiance: Ruins of Myth Drannor. Das Spiel hatte zahlreiche Bugs, darunter die Tendenz, bei der Löschung wichtige Systemdateien mitzunehmen. Die Kritiken waren dementsprechend(öffnet im neuen Fenster).

D&D taugt immer noch für spannende Spiele

D&D-Fans griffen da schon längst lieber zu den Lizenz-Spielen mit der Infinity-Engine wie Baldur's Gate von Bioware oder Planescape: Torment von Black Isle Studios. Und der Erfolg des dritten Teils von Baldur's Gate zeigt, dass D&D immer noch für spannende Spiele taugt.

Aber auch jenseits lizenzierter Games ist der Einfluss des ersten Pen-&-Paper-Rollenspiels auf die Welt der Videospiele immens. Zahlreiche Spielmechaniken wie Charakterstufen und Konzepte wie Dungeons haben die Welt der digitalen Spiele grundlegend verändert – auch wenn es heute schwer ist zu sagen, ob das wirklich über die allerersten Plato-Hobbyversionen geschehen ist oder ob kreative Köpfe in den Entwicklerfirmen selbst D&D kannten und ihre Erlebnisse vom Spieltisch eigenständig umgesetzt haben.

Fabian Mauruschat(öffnet im neuen Fenster) ist Journalist und Autor, seine Themen sind Games und Geschichte. 2021 erschien sein Buch Eine kleine Geschichte der Videogames. Von Tetris bis Cyberpunk 2077.


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