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Dune - Part Two: Endlich bildgewaltig, lebendig und im Geist der Vorlage

Im zweiten Teil geht Denis Villeneuve viel mutiger an seine Dune -Adaption heran. Und macht uns damit noch mehr Lust auf einen dritten Film.
/ Daniel Pook
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Filmposter von Dune: Part Two (Bild: Warner Bros.)
Filmposter von Dune: Part Two Bild: Warner Bros.

Arrival, Blade Runner 2049 und sein erster Dune haben Regisseur Denis Villeneuve in den Augen vieler Kinofans zum Sci-Fi-Messias gemacht. Der allerdings warnt uns in manchen Szenen seines Films Dune: Part Two sehr deutlich, dass wir kollektiv gefeierte Heilsbringer eigentlich mit Vorsicht genießen sollten. Auf ihn selbst bezogen fällt uns derart gesunde Skepsis allerdings schwer.

Jetzt hat er nämlich tatsächlich vollbracht, woran alle anderen vorher gescheitert waren – Dune: Der Wüstenplanet, das erste Buch der Romanreihe von Frank Herbert, bildgewaltig, lebendig und getreu dem Geist der Vorlage im Kino zu erzählen, indem er die sechsfach Oscar-prämierte erste Hälfte von 2021 mit einem Sequel komplettiert hat.

Ein Trupp bedrohlicher Harkonnen-Soldaten in schwarzen Schutzanzügen gleitet schwerelos eine Felswand hoch, um das oben gelegene Plateau zu erreichen. In dunkel-oranges Licht gehüllt, kurz vor einer bald stattfindenden Sonnenfinsternis, ergibt sich für uns der Anblick einer Menschenkette, die am Profil des Berges entlang in die Höhe schwebt. Im Hintergrund das nicht enden wollende Dünenmeer des Wüstenplaneten.

Surreal und elegant

Dunes Ästhetik ist schon in dieser ersten Szene von Teil zwei aufregend und reizt unsere Sinne. Fast wie ein surreales Gemälde, das immer noch sehr echt wirkt. Solche Eindrücke ziehen sich mit purer Eleganz durch den ganzen Film.

Dune: Part Two (Filmtrailer)
Dune: Part Two (Filmtrailer) (03:04)

Wir werfen von Nahem einen Blick auf die ventilierten Belüftungssysteme am Rücken der Harkonnen-Rüstungen. Mehrmals fliegen wir kurz hoch über der weiten Wüste, sitzen dann mit Lady Jessica und Sohn Paul zwischen Felsen versteckt, sehen wieder die sich nähernden Suchtrupps durch den Sand auf sie zustapfen.

Action und Effekte in den Händen eines Künstlers

Ehe nur ein Schuss abgefeuert oder ein Messer gezückt wird, haben Actionszenen in Dune: Part Two stets einen Spannungsaufbau. Viele unterschiedliche Perspektiven wollen uns ein Gefühl für den Ort, die äußeren Umstände einer Konfrontation vermitteln, ehe ganz zum Schluss erst rohe Gewalt im Mittelpunkt steht. Und die hat dann meistens auch etwas zu bedeuten. Für die Charaktere, für das was sie durchmachen und was sie füreinander empfinden. Oder wo sie einmal landen werden. Wir lesen alles in ihren Gesichtern.

Ob bei diesem anfänglichen Scharmützel mit vorhergehendem Versteckspiel oder später während mehrerer Sabotageaktionen gegen riesige Spice-Sammler des Haus Harkonnen: Hier hüpfen keine CGI-Doubles wie fototexturierte Gummibärchen durch die Gegend, wo eigentlich Schauspieler stehen bzw. wegrennen müssten. Jede Explosion wirkt mit Bedacht orchestriert, während im Vordergrund auch noch etwas passiert.

Beim Filmschnitt erkennen wir selbst in hektischen Momenten noch Intention und Kontrolle des Künstlers über seine Bilder, auch wenn Computereffekte zusätzlich Ornithopter am Himmel fliegen lassen und so ein Spice-Sammler natürlich ebenfalls nie komplett echt am Set stand.

Nur der Computersand ist hier zu fein

Wo Disneys neue Star-Wars-Folgen eher albern versuchen, uns mit absurd vielen Raumschiffen gleichzeitig im Bild zu beeindrucken, oder Zack Snyders Rebel Moon so sehr mit bunten Lichteffekten zugekleistert ist, dass wir oft gar nichts mehr erkennen können, punkten beide aktuellen Dune-Verfilmungen mit genau der richtigen Mischung aus echten Orten, praktischen Sets und ästhetisch stimmigen Computereffekten. Einzig die nachträglich eingefügten Sandwolken, zum Beispiel wenn die Würmer auftauchen, sehen unserer Meinung nach immer noch einen Tick zu künstlich und glattgebügelt aus, um uns ebenso begeistern zu können wie vieles andere Visuelle in Dune: Part Two.

Schärfentiefeverlagerungen über größere Abstände hinweg scheinen uns bildlich zurufen zu wollen: "Dies hier ist echt. Das sind reale Distanzen. Die Tiefe der Kulisse ist schier unendlich. Und wir wollen euch Zuschauer das auch sehen lassen." – So stellen wir uns jedenfalls vor, was Kameramann Greig Fraser ( The Batman(öffnet im neuen Fenster) , The Creator , Rogue One ) sich bei der Konzeption der hier gebotenen Melange aus hochwertigem Kunstfilm und teurem Blockbuster-Kino zumindest ab und zu gedacht haben mag.

Bei Fremen

Arrakis gibt es wirklich – an Drehorten in Abu Dhabi und Jordanien. Das war schon eine große Stärke von Teil eins und ist es hier jetzt wieder. Genau wie Hans Zimmers Oscar-prämierter Soundtrack, der beim Sequel allerdings nicht mehr in jeder Szene so omnipräsent ist wie noch im Dune von 2021.

Die Handlung von Teil zwei knüpft direkt ans offene Ende des Vorgängerfilms an. Paul Atreides (Timothée Chalamet) und seine schwangere Mutter (Rebecca Ferguson) konnten der hinterhältigen Invasion durch das Haus Harkonnen entfliehen, während Familienoberhaupt Leto Atreides sowie zahlreiche andere Freunde ermordet wurden.

Nun suchen die beiden Exil bei den einheimischen Fremen, deren Karawane sie sich nach einem blutigen Aufnahmeritual anschließen durften. Anführer Stilgar (Javier Bardem) erkennt in Paul den lange versprochenen Mahdi, der sein Volk einer alten Prophezeiung nach ins Paradies führen wird.

Dass dieses Versprechen, genau wie Pauls hellseherische Fähigkeiten, nur Teil eines großen Plans des Bene-Gesserit-Ordens ist, dem auch seine Mutter angehört, wissen die beiden und wir Zuschauer zu diesem Zeitpunkt längst.

Der Lisan al Gaib ringt mit sich selbst

Wie Paul damit umgeht, eigentlich ein falscher Prophet zu sein. Ob und wie er seinen Weg zum völlig erweckten Kwisatz Haderach antreten wird und ob er das ganze Volk der Fremen hinter sich bringen kann, um die skrupellos gierigen Harkonnen von Arrakis zu vertreiben und seinen ermordeten Vater zu rächen: Damit beschäftigt sich Dune: Part Two unter anderem in 167 Minuten Laufzeit, die uns nie langweilig geworden sind, weil sie wie aus einem Guss ineinanderfließen.

Welches Unheil ein religiös motivierter Feldzug, sei er noch so rechtschaffen motiviert, eines charismatischen Führers aber auch für das ganze Universum bringen könnte, bekommen Paul und damit auch wir hier erst mal nur in grausamen Visionen aufgezeigt. Dabei haben wir uns manchmal an Momente aus Christopher Nolans Oppenheimer erinnert gefühlt.

Ähnlich hadert und kämpft auch Paul Atreides, unter gläubigen Fremen Lisan al Gaib (Prophet von einer anderen Welt) genannt, mit Chancen und dem Potenzial für unsagbares Leid, das seine Zukunft für ihn, für Dune und das Universum bereithalten könnte, sollte er die ihm in die Wiege gelegte Macht seiner Bestimmung als proklamierter Messias gemäß entfachen.

Aus Jahren werden Monate

In wie weit all das jedoch überhaupt in seinen Händen liegt oder jemals lag, gehört zu den großen Fragen von Dunes bücherübergreifender Haupthandlung. In diese hat Autor Jon Spaihts mit Denis Villeneuve schon an mancher Stelle überraschend eingegriffen, um mögliche weitere Kinofolgen und wahrscheinlich auch ihre angekündigte MAX-Serie aus dem Dune-Universum vorzubereiten. Ohne Entscheidendes vorwegzunehmen, hecken die Bene-Gesserit im aktuellen Film beispielsweise weitaus mehr aus, als in der Romanvorlage geschrieben steht.

Von Beginn an komprimiert Villeneuve außerdem viele Jahre an Ereignissen aus dem Buch auf wenige Monate, in denen sich seine adaptierte Filmhandlung abspielt. Gehetzt wirkt das nicht, weil er sich für einzelne Szenen und deren sorgfältigen Aufbau gewohnt viel Zeit nimmt.

Vielmehr vermeidet er auf diese Weise große Zeitsprünge, die für uns Zuschauer Lücken ins Miterleben reißen würden, und erzeugt zwischen den verschiedenen Handlungssträngen unmittelbarere Dynamik. Dune: Part Two ist deswegen noch viel mehr als sein Vorgänger ein Epos, bei dem wir uns mit dabei fühlen, anstatt nur eine gute Shakespeare-in-Space-Aufführung von der Sitzreihe im Theater aus zu genießen.

Was fehlt, fehlt nicht so sehr

So konsequent, wie Villeneuve diesen Schritt gegangen ist, musste er zwangsläufig einige Elemente der Buchgeschichte streichen, etwa Pauls ersten gemeinsamen Sohn mit seiner großen Liebe Chani (Zendaya), der jung im Krieg sterben würde. Ebenso wird Pauls Schwester Alia nicht zu früh geboren, als Lady Jessica ihre Transformation zur Ehrwürdigen Mutter vollzieht, wie es in allen anderen Versionen der Geschichte bisher war.

Sie bleibt als Fötus in Jessicas Bauch, kann aber fortan per Gedanken zu Paul und seiner Mutter sprechen. Ein kleines Mädchen mit dem Intellekt und Wissen all seiner Vorfahren sehen wir in dieser Version von Dune also nicht.

Gleich mehrere Figuren sterben, unter anderem in der Folge dieser Abweichung vom Buch, zwangsläufig durch andere Hände als im Roman und nicht jeder Nebencharakter, der schon in Teil eins auftrat, konnte im Sequel wieder untergebracht werden. Was alles im Rahmen der Möglichkeiten eines Films nicht nur verständlich, sondern auch durchweg clever gelöst wurde, ohne Gravierendes zu verändern.

Dunes Universum bleibt ausgesperrt

Wer jedoch erwartet, wir bekämen im zweiten Film die Weltraumgilde oder den restlichen Landsraad der in Dune herrschenden Adelshäuser vorgestellt, würden das Universum jenseits des Wüstenplaneten besser kennenlernen, gar mehr über dessen Ökonomie erfahren als nur den eingangs zu hörenden Satz "Wer das Spice kontrolliert, kontrolliert das Universum" , wird zumindest in dieser Hinsicht enttäuscht.

Einen Großteil der 167 Minuten Laufzeit verbringen wir wirklich nur mit den Fremen auf Arrakis. Und wenn die noch nie einen der Navigatoren gesehen haben, die den Spice-Rohstoff von Dune für den Rest des Universums überhaupt erst so unentbehrlich machen, weil sie nur damit als bewusstseinserweiterte Droge die komplizierten Berechnungen für interstellares Reisen anstellen können – ja, dann ist das für uns als bei den Fremen verweilende, mit den Fremen kämpfende Zuschauer auch nicht so wichtig. Könnte Denis Villeneuves konsequente Logik dahinter gewesen sein.

Viel von dem, was wir aus den beiden Filmen über Dunes Universum wissen, kommt beiläufig mal in Dialogen zur Sprache, wird aber angenehm selten in Form klassischer Exposition nur für uns Zuschauer erklärt. Eigentlich finden wir das gut, deswegen haben uns auch ein paar wenige Szenen aus Teil zwei, die einen Garten und gar nicht so spektakuläre Gemächer des Imperators (Christopher Walken) und seiner Tochter Irulan (Florence Pugh) zeigen, nicht so gut gefallen. Hier wurde sehr trocken vieles eher plump wiederholt, was wir eigentlich über die Handlung längst wissen, nur damit diese neuen Charaktere einmal kurz auftauchen, weil ohne sie das Finale später nicht möglich wäre.

Entsprechend machen beide Schauspieler auf uns den Eindruck, zwischen den ansonsten hervorragenden Kollegen und Kolleginnen nicht ganz in ihre Rollen vertieft zu sein. Besonders Florence Pugh klingt im englischen O-Ton so, als sei sie während anderer Dreharbeiten nur eben kurz ans Set gekommen, um schnell ihre paar Sätze aufzusagen.

Porzellangesichter auf Giedi Prime

Mehr als aufgewogen wird dies nicht nur durch die schon im ersten Teil hervorragenden Hauptdarsteller, bei denen erneut Rebecca Ferguson als Lady Jessica Oscar-reif hervorsticht. Auch Timothée Chalamet weiß die immer stärker hervortretende Bürde seines mit sich hadernden Paul Atreides ausdrucksstark in vielen Close-ups im Gesicht zu tragen, ohne dabei lächerlich zu übertreiben. Léa Saydoux als neu hinzugekommene Bene-Gesserit-Agentin und Austin Butler als sadistischer Feyd-Rautha, der sich herrlich bösewichtig an der Demütigung seines Cousins Beast Rabban laben kann, sind starke Neuzugänge in einem sowieso schon außergewöhnlichen Cast.

Von Arrakis abgesehen, verweilen wir einzig auf der Harkonnen-Heimatwelt Giedi Prime auch mal über mehrere Szenen am Stück, wenn der gerade erwähnte Feyd-Rautha neu eingeführt wird. Beim gezinkten Arenakampf zu Ehren seines Geburtstags unter schwarzer Sonne, die alle Beteiligten und Zuschauenden wie aus weißem Porzellan gegossen aussehen lässt, nähert sich Villeneuve für einen Moment an einen faszinierend albtraumhaften Stil an, der so auch in Jodorowskys gescheiterter Vision von Dune hätte Platz finden können. Inklusive gruseliger Monstergestalten komplett in Schwarz.

Die Schwesternschaft der Bene Gesserit rund um die von Charlotte Rampling verkörperte Ehrwürdige Mutter Mohiam und das Haus Harkonnen als Antagonisten bleiben für die Haupthandlung bis zum Schluss essenziell. So gut wie alles andere, inklusive der sonstigen Adelshäuser, spart auch der zweite Film weiter aus.

Hoffentlich wieder erst der Anfang

Für Dune-Puristen dürften diese kleineren bis mittelgroßen Abweichungen verschmerzbar sein angesichts der geringen Auswirkungen auf den wichtigen Kern der Handlung und der ansonsten so hohen Güteklasse, mit der sie hier eine traumhafte Visualisierung von Frank Herberts Science-Fiction-Saga geboten bekommen.

Noch eher gewöhnungsbedürftig ist auch für uns, dass sich die Liebesgeschichte zwischen Chani und Paul ein wenig anders entwickelt als im Roman. Dadurch sind die letzten Momente im Film auch ganze andere als der ikonische Dialog zwischen Lady Jessica und Chani zum Schluss des Buches Der Wüstenplanet. Der wäre nämlich ein vorsichtig runder Abschluss für diese zwei Dune-Filme gewesen, an die man einen dritten Teil noch hätte anschließen können, aber nicht müssen.

Das nun gewählte Filmende reißt auf ähnliche Art schon ein nächstes Kapitel der Saga an, wie es Teil eins mit den Worten "Dies ist erst der Anfang" versprach. Damals wie heute stand bei Release des aktuellen Teils aber noch nicht hundertprozentig fest, ob ein nächster Dune-Film wirklich kommen würde. Und genau wie damals drücken wir auch heute die Daumen dafür, so begeistert sind wir von Dune: Part Two und so gespannt wären wir auf Denise Villeneuves Umsetzung des nächsten Kapitels , Der Herr des Wüstenplaneten, oder im Original Dune: Messiah.

Villeneuves Mut, seine eigene Vorstellung von Dune noch konsequenter als im Vorgänger mit dem von ihm selbst gesetzten Fokus zu erzählen, ist die ganz große Leistung hinter Dune: Part Two. Es ist eine gelungene Adaption, die sich dennoch erzählerische Freiheiten nimmt, da sie zuerst ganz bewusst ein starker Film mit stimmig aufgebauter Welt sein möchte. Sie konfrontiert uns mit einer sehr verdichteten Geschichte, von deren Protagonisten wir die Augen nicht lassen sollen. Das ist Denis Villeneuve mit Bravour gelungen, nun möge er bitte das restliche Universum folgen lassen.


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