Drosselung: Die Mär vom teuren Traffic oder wie viel kostet ein GByte?

Die Telekom will ab 2016 den Internetzugang ihrer Flatrate-Kunden drosseln, wenn das genutzte Datenvolumen eine bestimmte Grenze überschreitet. Nutzer, die mehr als das Inklusivvolumen der "Flatrate" nutzen wollen, sollen extra zahlen. Auch Anbieter wie Youtube sollen zahlen, um sicherzustellen, dass ihre Daten ungedrosselt beim Kunden landen. Dagegen ist Telekom Entertain, das IPTV-Angebot der Telekom, von der Drosselung ausgenommen.
Die Telekom argumentierte bisher, dass wenige Nutzer mit extrem hohem Datentraffic, der dank zunehmenden Bewegtbildkonsums dramatisch ansteigt, für die Pläne zur Drosselung der DSL-Zugänge verantwortlich seien. Telekom-Sprecher Philipp Blank sagte in einem Interview : "Auch ein Restaurantbesitzer wird sein 'All you can eat'-Angebot überdenken müssen, wenn einige Kunden daraus 'You can eat it all' machen. Fakt bei uns ist: Drei Prozent der Kunden verursachen mehr als 30 Prozent des Datenvolumens. Das bedeutet für die Kunden: Lieschen Müller subventioniert bisher den Heavy User."
Aber ist der Datenverkehr im Internet wirklich so teuer, dass Nutzer, die viel Traffic verursachen, gedrosselt werden müssen, um die Preise niedrig zu halten?
Wie viel kostet Traffic?
Die Kosten für den Traffic sind abhängig von der verfügbaren Kapazität und der Menge des Traffics. Solange die Kapazität ausreicht, fallen die Kosten für jedes übertragene GByte bei wachsender Datenmenge. Es sind vor allem Fixkosten für Leitungen und Netzwerk-Equipment, die den Preis bestimmen. Wird es aber im Netz knapp, steigen die Kosten sprunghaft an, da neue Leitungskapazitäten erschlossen werden müssen und neues Equipment besorgt werden muss.
Finanziert wird dies über eine Mischkalkulation: Endkunden bezahlen für ihren Anschluss, Anbieter kaufen Traffic bei Providern ein, die ihre Netze mit anderen Providern zusammenschalten. Und je nach Anbieter zahlt ein Provider für den Traffic, oder zwei Anbieter vereinbaren ein kostenloses Peering. Dabei kann sich die Qualität des Traffics zwischen den Anbietern deutlich unterscheiden: Je engmaschiger und breitbandiger das jeweils genutzte Netz ist, desto schneller lassen sich Daten zwischen zwei Rechnern übertragen. Von schlechter Traffic-Qualität spricht man, wenn die Daten einen unnötig großen Umweg machen, was die Latenzen erhöht.
1 GByte kostet wenige Cent
"In Deutschland gibt es gigantische Backbone-Überkapazitäten" , sagt Viprinet-Geschäftsführer Simon Kissel. Der deutsche Routerhersteller Viprinet wirft der Telekom daher vor, dass das Kostenargument für hohes Datenvolumen vorgeschoben sei . Die Begründung, dass die Drosselung eingeführt werde, damit die Backbones nicht überlastet würden, sei unglaubwürdig, sagt Kissel. Der Datenverkehr sei zu Spottpreisen zu realisieren. "Bei einem DSL-Zugang macht das in der Gesamtkalkulation des Providers nur Cent-Beträge aus."
Stimmt diese Aussage?
Wie viel zahlen DSL-Provider und Content-Anbieter?
Wir haben uns bei DSL-Anbietern umgehört und gefragt, welche Traffic-Preise sie an die Telekom zahlen. Ein großer DSL-Provider , der namentlich nicht genannt werden will, bestätigt: Die Telekom verlangt von DSL-Anbietern für 1 GByte nur "wenige Cent" .
Dies sei zwischen DSL-Providern marktüblich. Dabei verfügt der Provider über Vergleichsmöglichkeiten, denn das Unternehmen vermarktet DSL-Zugänge von mehreren Netzbetreibern.
Allerdings wird hier in großen Kontingenten abgerechnet: "Dem Provider werden nicht etwa 2 Milliarden TByte in Rechnung gestellt. Es gibt ein Komplettvolumen in Kontingentverträgen. Es gibt also keinen echten Preis, der berechnet wird, sondern eine Preisspanne, aus der sich ein theoretischer Wert für 1 GByte berechnen lässt. Wenn das festgelegte Kontingent überschritten wird, wird ein deutlich zweistelliger Preis im Cent-Bereich berechnet. Das kommt aber nicht zum Tragen."
Wie viel zahlen Content-Anbieter?
Und wie sieht es am anderen Ende aus, also dort, wo die Content-Anbieter ihre Inhalte verteilen? Wir haben uns angeschaut, welche Preise Anbieter von Content Delivery Networks von ihren großen Kunden verlangen: Dan Raburn veröffentlicht regelmäßig eine Studie(öffnet im neuen Fenster) , die aufzeigt, welche Preise CDN-Betreiber erheben. Demnach lagen die Preise für CDN-Traffic vor rund einem Jahr zwischen 1 und 12 US-Cent pro GByte, abhängig vor allem davon, zu welcher Mindestabnahme sich Kunden verpflichten.
Ein Verkäufer für Traffic in Content Delivery Networks aus Deutschland bestätigt die Zahlen: "Das Pricing liegt im niedrigen einstelligen Centbereich, das gilt aber nur für sehr große Contentanbieter. Kleinere bezahlen deutlich mehr."
Er vermutet, dass die Telekom nicht drosseln will, weil der Traffic zu teuer wird, sondern weil durch den extrem hohen Datentraffic in den Ballungszentren die Peering-Punkte im Netz volllaufen. "Das ist zu merken, wenn man Samstagabend Videos im Internet anschauen will. Hier ist der Anschluss an die Hauptverteilerpunkte das Problem. Die Punkte, an denen der Traffic im Netz der Telekom ausgetauscht wird, haben nicht die ausreichende Kapazität. Die Telekom will drosseln, um ihr eigenes Netz zu entlasten."
Dieser Theorie zufolge müsste die Telekom ihre Peering-Punkte ausbauen. Gerade die Telekom tut sich aber mit Peering hierzulande schwer. Sie ist beispielsweise nicht am größten deutschen Internetknoten DeCIX in Frankfurt am Main präsent, wo viele Provider Traffic untereinander austauschen. Geht es nach der Telekom, sollen andere Provider zahlen, wenn sie Traffic ins Telekom-Netz leiten wollen. Und wenn auch die Inhalteanbieter zahlen, sollen ihre Inhalte auch nicht gedrosselt werden .
Aber auch der Einkauf von Traffic bei der Telekom ist nicht so einfach, wie es vom Marktführer erwartet wird. Ein Provider, der bei der Telekom Traffic einkaufen will, berichtet uns, er habe sich vor über einem halben Jahr mit der Telekom über eine Netzzusammenschaltung im kleinen Rahmen geeinigt und einen Netzwerkport mit einer Kapazität von 10 GBit/s bei der Telekom bestellt. Geschaltet hat die Telekom den Port bis heute nicht. Es fehlt der Telekom eine Netzwerkkarte. Im Ausland ist die Telekom in solchen Fällen schneller, wie Golem.de erfuhr. Hier bietet sie auch deutlich geringere Trafficpreise an, als im Heimatmarkt.
Von Golem.de nach den Trafficpreisen gefragt, rückt Telekom-Sprecher Blank von der bisherigen Argumentation ab.
Der Traffic ist nicht das Problem
Hatte die Telekom bisher ihre Drosselungspläne mit den Traffic-Preisen begründet, argumentiert Telekom-Sprecher Blank auf unsere Anfrage hin plötzlich anders: "Die Kosten für die Übertragung von Daten sind nicht der Grund für die zukünftige Differenzierung unserer Angebote, sondern die Milliarden, die wir in den Netzausbau investieren müssen, damit mehr Menschen schnelle Internetanschlüsse nutzen können. Wir finden es gerecht, wenn Kunden, die mehr Leistung in Anspruch nehmen, in Zukunft auch mehr bezahlen als der Durchschnittsnutzer."
Der Ausbau der Peering-Punkte aber kann kaum mehrere Milliarden verschlingen und auch die Aufrüstung der Backbone-Netze kann kaum derart hohe Kosten verursachen. Denn die notwendigen Glasfaserkabel liegen bereits in der Erde, es werden in aller Regel nur zusätzliche Fasern in den Kabeln beleuchtet oder auf bereits genutzte Fasern zusätzliche Wellenlängen aufgeschaltet.
Aber darum geht es offenbar auch nicht. Telekom-Sprecher Blank erklärt: Besonders teuer sei der Ausbau im Anschlussnetz, weil dafür Tiefbauarbeiten nötig seien, um Kupferkabel durch Glasfaser zu ersetzen. "Darin fließt das meiste Geld des Netzausbaus" , sagt Blank.
Wenn es bei den großen Investitionen aber darum geht, die Endkunden mit Glasfaser anzubinden, um deutlich höhere Bandbreiten auf der letzten Meile zu erreichen, erscheint eine Drosselung der Bandbreite wenig sinnvoll. Schließlich kommt man schon mit den heutigen Endkundenbandbreiten über die von der Telekom festgelegten Traffic-Schwellen, wenn man viele Videoinhalte über das Netz nutzt, beispielsweise auf Youtube, in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender oder bei kostenpflichtigen Video-on-Demand-Anbietern wie iTunes. Mit Glasfaseranschlüssen mit höherer Bandbreite sollte der Traffic eher deutlich zunehmen.
Die geplante Drosselung erscheint vor diesem Hintergrund nur sinnvoll, wenn es darum geht, die Kostenverteilung zu verschieben, weg von den Endkunden, hin zu den Inhalteanbietern. Das mag auf den ersten Blick für Nutzer attraktiv wirken, verspricht es doch breitbandige Internetanschlüsse zu kleinem Preis. Zugleich aber wäre dies das Ende des Internets, wie wir es heute kennen, denn Inhalteanbieter müssten mit Endkundenprovidern Verträge schließen, um sicherzustellen, dass ihre Inhalte nicht gedrosselt werden. Ein entscheidender Erfolgsfaktor des Internets besteht aber gerade darin, dass alle Inhalte gleichberechtigt übertragen werden und kleine Anbieter nicht erst mit vielen Endkundenprovidern Verträge abschließen müssen, um ihre Inhalte auszuliefern.



