Dota-Caster TobiWan: Sein Ziel ist die Unsterblichkeit

Ein Novembernachmittag in der Altstadt von Spandau. Hier, im bürgerlichen und gänzlich unhippen Berliner Vorort, lebt Toby Dawson. Sein Arbeitgeber Freaks 4U Gaming sitzt nur einige Straßen weiter in einem unscheinbaren grauen Bürohaus. "Ich genieße die Ruhe" , sagt der gebürtige Australier. Denn Dawson hat genug Action, wenn er im Studio ist, was er ziemlich oft und häufig bis tief in die Nacht tut.
Toby Dawson, besser bekannt als TobiWan(öffnet im neuen Fenster) , kommentiert hauptberuflich Games. Er ist ein Caster, wie es in der E-Sport-Szene heißt. Seit gut zehn Jahren ist der 30-Jährige einer der bekanntesten Live-Kommentatoren des Multiplayer-Spiels Defense of the Ancients, kurz Dota . Wenn am Samstag in Frankfurt das Finale des ESL-Turniers stattfindet(öffnet im neuen Fenster) , wird Dawson jede Aktion aus der virtuellen Arena in die Welt hinaustragen.

Seinetwegen ist der E-Sport keine stumme Angelegenheit, das macht ihn beliebt und bekannt. "Wir sind im Vergleich zu den Spielern einfacher abzugreifen" , sagt Dawson. Wenn er auf Dota-Turnieren wie in Frankfurt oder The International in Seattle unterwegs ist, wird er ständig erkannt. Selfies mit den Zuschauern gehören deshalb zu seinem Job, auch wenn Dawson sich selbst als introvertiert bezeichnet - was angesichts der Tatsache, dass er selbst über seinen türkischen Hackbällchen im Restaurant nicht aufhört zu reden, tiefgestapelt wirkt. Aber doch, versichert er, es gebe wirklich eine Grenze zwischen dem Caster TobiWan und der Privatperson Toby Dawson.
Ein Desaster für die Ewigkeit
Wie in anderen Sportarten gibt es im E-Sport unterschiedliche Typen von Kommentatoren. Einige sind ehemalige Profis, die besonders gut Taktiken erklären können. Andere sind ruhiger, analytischer, und wieder andere können mit der emotionalen Schilderung der Spielgeschehnisse die Zuschauer in ihren Bann ziehen. Das ist Dawson. Welche Macht er hat, zeigte sich zuletzt im Finale des diesjährigen The International, bei dem es um ein Preisgeld in Rekordhöhe von sechs Millionen US-Dollar ging.
Im letzten Spiel trafen beide Teams aus jeweils fünf Spielern in einem entscheidenden Moment aufeinander. Ein überraschender Angriff des US-Teams Evil Geniuses endete mit vier toten Helden ihrer Gegner vom chinesischen Team CDEC, was wenig später den Turniersieg für die Amerikaner bedeutete. Dass der als Sechs-Millionen-Dollar-Slam(öffnet im neuen Fenster) bekannte Moment inzwischen legendär ist, liegt auch am Kommentar von TobiWan.
Er beschreibt zunächst, was passiert: Die Evil Geniuses schleichen sich an die Gegner heran, scheinen zu zögern. Dann geht alles ganz schnell - ein Iceblast fliegt über die Karte, kurz darauf folgt ein Echo Slam, der zwei weitere Helden ins Jenseits befördert. "It's a disaster!" brüllt TobiWan in einer hohen Tonlage unter dem Jubel der Zuschauer. "Viele glauben, meine Stimme wäre in dem Moment gebrochen, aber das war alles geplant. Ich weiß genau, wie weit ich gehen kann und habe während des gesamten Turniers auf die richtige Situation gewartet. Und der Moment war wirklich spektakulär" , erklärt Dawson.
Seine Fans lieben ihn für solche Momente. Seine Aufgabe sei es, Szenen wie diese gewissermaßen "unsterblich zu machen" , die besten Spielzüge in einem taktisch hochkomplexen Spiel wie Dota in Worte zu packen: "In dem Moment, in dem du die Leute emotional erreichst, können sie nicht mehr wegsehen. Wenn die Zuschauer bei sich zu Hause durch die Wohnung laufen und nur ab und zu auf den Bildschirm gucken, hab ich meinen Job nicht gut gemacht" , sagt Dawson. Glücklicherweise komme sein Enthusiasmus meist automatisch durch das Spiel - ein langweiliges 0:0 wie im Fußball gibt es in Action-Strategiespielen wie Dota oder League of Legends nämlich nicht, früher oder später müssen die Teams aufeinander treffen und kämpfen.
Alles ein großer Fehler?
Dass es Toby Dawson überhaupt zur Stimme Dotas gebracht hat, ist einem großen Fehler zu verdanken. So nennt er es selbst: "It was all a huge mistake." Überhaupt verlief die Karriere ungewöhnlich. Als Kind durfte Dawson nur selten Computerspiele spielen, seine Mutter "verstand die Faszination nicht." Erst als er erwachsen war, beschäftigte er sich ernsthaft mit Games. Damals waren gerade Shooter wie Call of Duty und Battlefield 1942 auf den Markt gekommen.
Er spielte in einem Clan, ganz passabel, wie er sagt, organisierte kleinere Turniere und machte ein bisschen Verwaltung. Als viele Spieler zu anderen Games wechselten, suchte er nach einem Weg, Call of Duty weiterhin attraktiv zu halten und fand ihn im Live-Kommentar. "Die Aufnahmen klangen furchtbar und es gab noch keine Videostreams, es war also quasi Radio" , erinnert sich Dawson, "aber die Community ist voll drauf abgefahren."
Wenig später schloss er sich dem Kollektiv Gamestah an, das bis heute in Australien E-Sports-Berichterstattung betreibt. 2005 kommentierte Dawson für die Firma vor allem Egoshooter, als eine Kooperation mit einer TV-Produktionsfirma die Gelegenheit bot, einige Caster zu den World Cyber Games in Singapur zu schicken. Doch es gab ein Problem: Die Plätze für die Kommentatoren von beliebten Games wie Counter-Strike waren schon vergeben.
Stattdessen suchte man jemanden, der das in Australien noch verhältnismäßig unbekannte Dota kommentieren konnte. Dawson witterte seine Chance: "Ich hatte vielleicht drei oder vier Matches mit Kumpels gespielt, was mich unter uns schon zum Experten gemacht hat. Ich dachte eigentlich, es fände sich bestimmt noch jemand, der mehr Ahnung von dem Spiel hat. Aber dann kam die Rückmeldung: Toby, du fährst nach Singapur. Und ich so: Shit."
Heute erzählt er davon mit einem Schmunzeln, damals sei das Erlebnis etwas furchteinflößend gewesen, gibt er zu. Schließlich hatte er nur zwei Wochen Zeit, um sich vorzubereiten - für ein Spiel wie Dota mit zig verschiedenen Spielfiguren quasi unmöglich. "Ich habe ein paar Spiele gespielt und mir einige Sachen zeigen lassen, aber das allein reicht nicht. Also habe ich mich vor allem eingelesen und auf das Beste gehofft," sagt Dawson. Am Ende verlief "der große Fehler" besser als erwartet: "Eigentlich habe ich die ganze Zeit nur erzählt, was gerade auf dem Bildschirm passiert, auch wenn ich die Hälfte gar nicht verstanden habe - Affe sieht, Affe tut. Die Experten sind mir dann zur Seite gesprungen und haben die Details ergänzt."
"Reich wird damit niemand"
Als Dawson aus Singapur zurückkam, war er nicht nur Fan von Dota, sondern auch einer der ersten englischsprachigen Caster, die sich überhaupt mit dem Spiel befassten. Dota war zu diesem Zeitpunkt noch kein eigenständiger Titel, sondern eine Fan-Modifikation für Warcraft 3, die sich immer größerer Beliebtheit erfreute. Tagsüber arbeitete Dawson in einem Spieleladen, am Wochenende packte er seinen Rechner ins Auto und fuhr auf LAN-Partys und organisierte lokale Dota-Events. Jeden Abend verbrachte er vor aktuellen Partien, kommentierte sie und stellte die Aufnahmen anschließend wieder ins Netz.
Der Lohn waren wenig Schlaf, hohe Internetkosten und nächtliche Polizeibesuche, wenn Dawson im Eifer des Gefechts wieder einmal etwas lauter wurde. "Ich habe jahrelang durch die Sache mehr Geld verloren als eingenommen" , sagt Dawson und fügt hinzu: "Bis heute sage ich allen, die diesen Weg einschlagen wollen: Macht es aus Leidenschaft und bloß nicht des Geldes wegen. E-Sport entwickelt sich weiter, die Preisgelder steigen und Plattformen wie Twitch machen das Kommentieren einfacher denn je, aber reich wird damit kaum jemand."
Dawson weiß, wovon er spricht. Es dauerte sechs Jahre, bis er 2011 endlich die Chance bekam, sein Hobby zum Beruf zu machen. Das Spielestudio Valve hatte sich mittlerweile die Rechte an Dota gesichert und plante, bald einen offiziellen Nachfolger herauszubringen. Gleichzeitig suchte das Berliner Unternehmen Freaks 4U Gaming nach jemandem, der mit joinDOTA(öffnet im neuen Fenster) ein neues Portal aufbauen konnte. Dawson zögerte nicht lange, siedelte aus einer australischen Kleinstadt ins beschauliche Spandau über und bekam erstmals in seinem Leben ein monatliches Gehalt, um Games zu kommentieren. Noch im gleichen Jahr fand in Köln auf der Spielemesse Gamescom die erste Ausgabe des von Valve gesponserten Turniers The International statt - Dawson kommentierte jedes Spiel vor Ort.
Ein Leben zwischen Hotelzimmer und Studio
Heute ist TobiWan einer von rund zehn englischsprachigen Kommentatoren und Moderatoren, die alle großen Dota-Events um die Welt wie ESL Frankfurt begleiten. Die Abläufe seien professioneller geworden, sagt Dawson, die Veranstalter verständen inzwischen, dass nicht nur die Spieler, sondern auch die Kommentatoren und Moderatoren ein wichtiger Teil der Szene seien - gleichzeitig sieht er noch viel Potenzial darin, die Berichterstattung besser und attraktiver für die Zuschauer zu machen.
Mehrere Wochen im Jahr ist er unterwegs, lebt zwischen Hotelzimmer und Kommentatorenkabine. Den Rest seiner Arbeitszeit verbringt Dawson im Studio von Freaks 4U Gaming, wo er fast täglich die zahlreichen Onlineturniere begleitet, die rund um die Welt stattfinden. Einen typischen Tag im Leben eines Casters gebe es trotzdem nicht, sagt Dawson. Je nachdem in welcher Zeitzone die Spiele stattfinden, muss er bis spätnachts arbeiten, an einem durchschnittlichen Tag kommentiert er sieben Spiele, häufig auch mehr, so genau wisse er das nicht.
Vor jedem großen Turnier bereitet er sich vor, studiert die Spieler, Teams und ihre jüngsten Ergebnisse. Während der Partien steuert er gemeinsam mit seinem Co-Kommentator die Kamera des Spiels und entscheidet, welchen Teil der Karte und welche Szene er kommentiert. Einfacher gesagt als getan, denn in Games wie Dota passiert häufig sehr viel gleichzeitig. "Als Play-by-Play-Kommentator musst du immer Themen bereithalten und wissen, wann der Experte neben dir vielleicht mehr Ahnung hat und sich einklinken kann" , sagt Dawson, "diese Dynamik macht einen guten Cast aus."
Wer Spiele live kommentiert, braucht also Feingefühl. Dawson weiß, dass ein simpler Fehler während eines Broadcasts im offiziellen Chat und auf Plattformen wie Reddit zum Shitstorm führen kann. Da nützt es auch nichts, sich anschließend zu entschuldigen. Für jeden ikonischen "It's a disaster!" -Moment gibt es Szenen, die von der traditionell nicht zimperlichen Gamer-Community zerrissen werden.
Kritik ist Teil des Jobs
"Anfangs war ich teilweise schockiert über die Reaktionen im Netz. Die Leute haben nicht verstanden, dass die Kommentare ein Luxus waren, dass ich meine Freizeit dafür opferte. Stattdessen wurde geflamt, es war furchtbar." Häufig hieß es, er plappere Aktionen bloß nach, habe eigentlich keine Ahnung. "Einige Leute wollen nicht glauben, dass ich weiß, wovon ich spreche. Sie haben nur das Bild eines brüllenden Deppen vor sich" , sagt Dawson, aber das gehe vermutlich Kommentatoren in jeder Sportart so. Heute könne er mit Kritik besser umgehen, auch wenn sie ihm bisweilen enteilt: "Wenn ich Fehler mache und sie jemand kritisiert, ist das okay. Aber wenn sich jemand auf Twitter über mein Gewicht oder meine roten Haare lustig macht, wird er geblockt."
Fußballkommentatoren wie Marcel Reif können ein Leben lang das Ballspiel auf dem Rasen kommentieren, der Sport vergeht nicht. Aber wie ist die Halbwertszeit eines Videospiels wie Dota? "Ich habe mir tatsächlich in letzter Zeit öfters Gedanken über meine Zukunft gemacht" , sagt Dawson. Junge und talentierte Caster warten auf ihre Chance - sie hätten sie verdient. "Für eine Position im Management bin ich wohl zu chaotisch, aber ich kann mir auch keine Karriere außerhalb des E-Sports vorstellen." Wieso auch? "Ich habe einen Job, den sich viele junge Menschen wünschen und nur sehr wenige bekommen. So lange ich Spaß daran habe, werde ich weitermachen."



