Donald Trump: Ein unsicherer Deal für die IT-Branche

Wer geglaubt hatte, der 70 Jahre alte New Yorker Bauunternehmer und Fernsehmoderator Donald Trump würde sich mit der Wahl zum US-Präsidenten über Nacht in einen versöhnlicheren Staatsmann und Politiker verwandeln, ist in den vergangenen Wochen eines Besseren belehrt worden. Dazu reicht es völlig aus, sich seine teils chaotische Pressekonferenz in New York anzuschauen oder das lange Interview mit der Bild-Zeitung(öffnet im neuen Fenster) zu lesen. Seine wirren und in sich widersprüchlichen Äußerungen ließen Beobachter in den Tagen vor seiner Amtsführung am heutigen Freitag rätseln, was Trump wirklich vorhat und tatsächlich umsetzen würde. Auch für die IT-Wirtschaft sind Prognosen schwer zu treffen.
Bisweilen argumentiert Trump offenbar ohne Kenntnis der wirtschaftlichen Fakten und Zusammenhänge. Beispiel BMW und Mexiko: "Ich liebe Mexiko, ich mag den Präsidenten, ich mag alle Leute – aber ich würde BMW sagen, wenn sie eine Fabrik in Mexiko bauen und Autos in die USA verkaufen wollen ohne eine 35-Prozent-Steuer, dann können sie das vergessen" , sagte er der Bild-Zeitung. Offenbar weiß Trump nicht, dass BMW in den USA jährlich mehr als 400.000 X-Modelle produziert, aber nur 365.000 Autos importiert(öffnet im neuen Fenster) . Das Werk in Spartanburg exportierte 2014 mehr Autos als jede andere US-Fabrik von GM, Ford oder Fiat Chrysler(öffnet im neuen Fenster) .
Trump will "großartige Deals" statt Politik
Warum sollte BMW mit hohen Einfuhrzöllen bestraft werden, wenn es künftig seine 3er-Modelle statt in Südafrika in Mexiko bauen lässt? Es ist ja nicht einmal so, dass das Unternehmen seine Produktion aus den USA verlagern möchte. Trumps Drohungen sind daher im Grunde völlig sinnfrei und entbehren jeder Grundlage.
Das alles scheint dem neuen US-Präsidenten völlig egal zu sein, solange er den Eindruck erwecken kann: Ich kümmere mich um Jobs in den USA und sorge dafür, dass Globalisierung und Strukturwandel für meine Wählerklientel künftig nicht mehr so große Nachteile bringen. Dazu will er "großartige Deals" aushandeln. Um die Wirtschaft anzukurbeln, verspricht er geringere Unternehmenssteuern und einen Abbau von Regulierung. Gleichzeitig will er den Zugang von Ausländern zum US-Arbeitsmarkt erschweren.
Droht eine Gefälligkeitsökonomie?
Seine Pläne dürften sich daher auch auf die US-amerikanische IT-Wirtschaft auswirken. So drängt Trump beispielsweise Apple-Chef Tim Cook dazu, iPhones in den USA bauen zu lassen. Zuletzt behauptete Trump in einem Interview(öffnet im neuen Fenster) , Cook habe dafür "ein offenes Auge" und werde wahrscheinlich "etwas Großes" für sein Land tun. Warum sollte aber ausgerechnet das liberale Silicon Valley seine Unternehmenspolitik ändern, um einem reaktionären Politiker einen Gefallen zu tun? Beobachter befürchten dennoch(öffnet im neuen Fenster) , dass sich die USA hin zu einer Gefälligkeitsökonomie entwickeln könnten.
Unwahrscheinlich erscheint zumindest, dass Apple und andere Konzerne wie Facebook oder Google dem neuen US-Präsidenten beim Thema Überwachung jeden Gefallen tun werden. Denn dabei steht auch die Glaubwürdigkeit der Unternehmen auf dem Spiel. So hat Trump vor gut einem Jahr Apple dafür kritisiert(öffnet im neuen Fenster) , der US-Bundespolizei FBI keinen Zugang zum Handy eines Attentäters verschafft zu haben. Sogar zu einem Boykott von Apple rief er auf(öffnet im neuen Fenster) .
Konflikte mit Silicon Valley zu erwarten
Doch Apple blieb bekanntlich standhaft. Um Hintertüren in Verschlüsselungsprogrammen zu erzwingen, müsste Trump daher wohl entsprechende Gesetze erlassen. Das könnte sich für die USA aber als sehr schlechter Deal erweisen, denn offizielle oder inoffizielle Hintertüren in IT-Produkten wirken nicht gerade verkaufsfördernd.
Von der versprochenen Deregulierung dürften die großen Netzbetreiber am ehesten profitieren. Bürgerrechtsorganisationen wie die EFF befürchten schon(öffnet im neuen Fenster) , dass die 2015 verabschiedeten Regeln zur Netzneutralität wieder gelockert werden könnten. Wenn Trump hingegen nicht mehr will, dass "die USA von jedem gehackt werden" , müsste er wohl die Anforderungen für die IT-Sicherheit von Produkten erhöhen.
Verteidigt Trump die Lkw-Fahrer vor autonomen Trucks?
Wenig Verständnis dürfte Trump auch für die Datenschutzbedenken der Europäer aufbringen. Es sind in seinen Augen sicher keine guten Deals für die USA, wenn die großen IT-Konzerne ihre Rechenzentren nach Europa verlagern, um beispielsweise die Daten vor dem Zugriff der US-Behörden zu schützen. Microsoft hat nicht ohne Grund seine Server in Irland vor dem Zugriff der US-Ermittler geschützt. Die IT-Konzerne wollen sich von Trump sicher nicht das boomende Cloudgeschäft in Europa kaputtmachen lassen.
Nicht ganz unproblematisch für die neue US-Regierung dürften zudem die Entwicklungen beim autonomen Fahren werden. Wird Trump tatenlos dabei zusehen, wenn Millionen Berufskraftfahrer durch autonome Lkw, Taxis und Lieferdrohnen ersetzt werden? Vor allem, wenn diese Lkw und Autos nicht in den USA hergestellt werden? Ein solcher Strukturwandel lässt sich nicht dadurch kompensieren, dass ein paar neue Fabriken im Land gebaut werden. Zwar stehen auch andere Staaten vor solchen Herausforderungen, doch Trump hat explizit einen Wahlkampf für solche Wähler geführt, die sich von den ökonomischen Folgen von Globalisierung und Digitalisierung abgehängt fühlen.
Entwickler wehren sich gegen Muslim-Registrierung
Die größte Gefahr für das Silicon Valley dürfte sicherlich für den Fall bestehen, dass Trump tatsächlich die Hürden für ausländische Arbeitnehmer in den USA deutlich höher setzt. Das wird in diesem Fall nicht durch den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko beeinflusst. Das Silicon Valley profitiert eher davon, dass viele talentierte Studenten, Akademiker und Programmierer aus Asien und Europa dorthin strömen. Schon jetzt haben sich fast 3.000 Entwickler und andere IT-Mitarbeiter aus dem Valley(öffnet im neuen Fenster) gegen die Pläne für eine Registrierung von Muslimen gewandt. Vielleicht übernimmt ja Trumps IT-Berater Peter Thiel mit seinem Unternehmen Palantir diesen sehr fragwürdigen Job(öffnet im neuen Fenster) . Es wäre sicherlich ein schlechter Deal für die USA, wenn viele gute Programmierer nun nach Europa oder Asien abwanderten.
Derzeit ist völlig unklar, was Trump von seinen Ankündigungen umsetzen wird. Bezeichnend dafür sind Aussagen aus dem Interview mit der Bild-Zeitung: "Das werde ich nicht so sagen, ich will nicht so sein wie Obama. (...) Ich werde nicht sagen, was ich mit dem Iran-Abkommen machen werde. Ich will mir nicht in die Karten gucken lassen. Schauen Sie, ich bin kein Politiker, ich gehe nicht raus und sage: 'Ich werde dies tun, ich werde das tun.' Ich muss tun, was ich tun muss."
Gemessen an der Logik, dass er bislang seine wahren Intentionen gar nicht offengelegt hat, könnte er auch in einigen Wochen gekränkt den Büttel hinschmeißen und sich vom Weißen Haus wieder in den Trump Tower zurückziehen. Schließlich sagte er in dem Interview mit der Bild-Zeitung: "Das Weiße Haus ist etwas ganz Besonderes, es gibt so viel zu erledigen, ich werde nicht oft weggehen. Ich werde im Weißen Haus sein und arbeiten, meine Aufgaben erfüllen, wer will schon das Weiße Haus verlassen." Übersetzt könnte das bedeuten: "Oh mein Gott, was habe ich mir da für eine Arbeit aufgehalst? Wie komme ich aus der Nummer schnell wieder raus?"
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)



