Dokumentation: Total Trust zeigt China im Kontroll- und Überwachungswahn

Der Film (Start am 5. Oktober) beginnt mit Aufnahmen der Feierlichkeiten zum 100. Gründungsjahr der Kommunistischen Partei Chinas. Schon das Lied, das die Anwesenden anstimmen, sorgt für Gänsehaut. Ein Loblied auf die Partei. Wird hier freiwillig gesungen oder herrscht Zwang vor? Man weiß es nicht.
Zwei Familien
Der rote Faden in dieser Dokumentation ist das Leben zweier Familien. Die eine besteht aus einem Menschenrechtsaktivistenpaar, bei dem der Mann nach mehr als fünf Jahren aus dem Gefängnis freikam, bei der anderen steht vor allem die Frau von Anwalt Weiping Chang(öffnet im neuen Fenster) im Mittelpunkt, der wegen "Absicht zum Umsturz" der Regierung verhaftet wurde und seitdem verschwunden ist. Seine Frau weiß weder, wo er ist, noch wie es ihm geht. Die Geschichten der beiden Familien stehen exemplarisch für das, was im Großen vorgeht.
"Wenn der Staat einen Menschen wie ihn nicht tolerieren kann, ist der Staat das Problem" , sagt Journalistin Sophia Huang(öffnet im neuen Fenster) in dem Film. Sie schrieb über die Proteste in Hongkong, stand unter Hausarrest und vor ihrem Balkon wurde eine Kamera installiert. Sie las jeden Morgen aus George Orwells Roman 1984(öffnet im neuen Fenster) vor, direkt in die Kamera. Nach ein paar Tagen war die Kamera abgebaut - weil ihr Widerstand andere nicht inspirieren sollte?
Ein überwachtes Volk
Der Film zeigt, dass in den Bussen Kameras mit Gesichtserkennung eingebaut werden, auf Messen Entwickler von einer Software schwärmen, die erkennen kann, ob Mitarbeiter gestresst sind. Ist dem so, soll es eine Nachricht an den Vorgesetzten geben, damit dieser darauf hinwirken kann, dass Probleme gar nicht entstehen.
Die Botschaft in der Dokumentation ist klar: In China ist nichts mehr privat, nicht mal die Frage, ob man gestresst oder traurig ist. Alles wird protokolliert.
Gezeigt wird auch ein Modellprojekt in der Stadt Rongchang. Die Stadt wurde vor rund zehn Jahren in Sektoren aufgeteilt. Jeder Sektor umfasst 400 Wohnungen und damit rund 1.000 Menschen. Und die werden beobachtet - von Freiwilligen, die ihnen auf der Straße nachspüren, an die Türen klopfen, Listen über die Aktivitäten ( "Verdächtige Person brachte Hausmüll zur Tonne" ) führen und sie weiterleiten. Im Film wird gesagt, dass es mittlerweile 4,5 Millionen Sektor-Beauftrage geben soll.
170 Millionen Kameras soll es in China geben, in den nächsten Jahren sollen 400 Millionen weitere folgen.
Der Sozialkredit
Auch Chinas Sozialkredit ist Thema in der Dokumentation. Hier gibt es Punkte für praktisch alles: 300 Stunden Freiwilligen-Arbeit bringen 50 Punkte, bei Rot über die Ampel gehen führt zu einem Abzug von fünf Punkten, Gerüchte online zu verbreiten schlägt mit -20 Punkten zu Buche, eine extravagante Hochzeit oder Beerdigung auszurichten kostet ebenfalls 20 Punkte. Wer Petitionen an die Regierung stellt, büße 50 Punkte ein, heißt es im Film.
Bis zu 1.000 Punkte gibt es. Sinkt der Wert - etwa, weil man sich an höherer Stelle beschwert - folgen Sanktionen. Einschränkungen beim Reisen mit dem Flugzeug oder der Bahn können die Folge sein. Firmen mit schlechtem Sozialkredit sind von öffentlichen Ausschreibungen ausgenommen.
Es ist ein System des konstanten Wettkampfs - und auch hier, das zeigt der Film, ziehen Freiwillige nachts durch die Straßen, rufen Falschparker an, achten darauf, dass Hunde an der Leine sind, räumen Unrat von der Straße weg.
Big Data ist totale Kontrolle
Alles wird erfasst - und manipuliert. Als Weiping Changs Frau inmitten der Coronapandemie in einen Blumenladen wollte, konnte sie es nicht. Ihr Gesundheitsausweis war auf Gelb gesprungen, obwohl sie gerade getestet und negativ war und keinerlei Kontakt mit positiv Getesteten hatte. Auch ein Weg, den Bewegungsradius unliebsamer Menschen einzuschränken.
Der Staat erweist sich dabei als kreativ. Wenn Menschenrechtsaktivisten zu einer Veranstaltung eingeladen werden, versperren Vermummte den Ausgang ihrer Wohnung. Wenn in der Provinz Hennan eine Demonstration stattfindet, weil die Einlagen bei der örtlichen Bank nicht mehr gesichert waren, springen die Gesundheitsausweise erst auf Rot und dann rückt die Polizei brachial vor.
Total Trust ist erschütternd und erschreckend, weil er eine Überwachung und Kontrolle präsentiert, die nach immer mehr strebt und die düstere Dystopie eines George Orwell längst überholt hat. Der technologische Fortschritt ist in China zu einer Bedrohung geworden.
Total Trust, das in China von der chinesischen Regisseurin Jialing Zhang gedreht wurde, erzählt von einem Land, in dem die Zensurschere längst in den Köpfen der Menschen sitzt, wodurch die wenigen Kritiker, die es noch gibt, noch mehr in den Fokus rücken.
Am Ende gibt der Film Aufschluss über das Schicksal der beiden Familien und der Journalistin. Ein Happy End sieht anders aus.



