Dokumentarfilm Pre-Crime: Wenn Computer Verbrechen vorhersagen

Big Data bei der Polizei: Der Film Pre-Crime porträtiert das sogenannte Predictive Policing in Chicago, London und München - und zeigt die Gefahren, die entstehen, wenn Algorithmen zu Ermittlern werden. Ab Donnerstag im Kino.

Eine Rezension von Jan Bojaryn veröffentlicht am
Im Visier der Algorithmen
Im Visier der Algorithmen (Bild: Rise and Shine World Sales)

Robert McDaniel ist ein Mensch, den der Computer für besonders gefährdet hält, in Gewaltverbrechen verwickelt zu werden. Er wurde in seiner Jugend beim Kiffen und beim illegalen Würfelspiel erwischt, dann wurde einer seiner engsten Freunde ermordet. Und weil sich beide im gleichen Netzwerk von Freunden bewegten, landete McDaniel auf der sogenannten Heat List der Polizei von Chicago. Welche Folgen das für ihn hat, wie sich Big Data, wachsende Rechnerkapazitäten und Netzwerktheorien sozialer Gruppen zu einer polizeilichen Strategie zusammenfügen können, veranschaulicht die Dokumentation Pre-Crime von Monika Hielscher und Matthias Heeder, die am 12. Oktober 2017 in die deutschen Kinos kommt.

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Überspitzungen hätte der Film dabei gar nicht benötigt. Die Autoren hätten nicht den Stil bekannter US-Fernsehserie zitieren, düstere Bilder von Überwachungskameras, regennassen Straßen und dem Computerspiel Watchdogs zu einer trüben Kulisse kombinieren müssen, um nachhaltig Eindruck beim Publikum zu hinterlassen. Denn die reinen Fakten, nüchtern präsentiert, machen bereits fassungslos: Es geht um den Versuch einer datengestützten, vorausgreifenden Polizeiarbeit, das sogenannte Predictive Policing - das sehr bedrohlich wird, wenn wie im Fall Robert McDaniel Individuen zu möglichen Tätern erklärt werden.

Erfolge nicht nachweisbar

In vielen Ländern gehört das Thema bereits zum Polizeialltag: Viele Firmen entwickeln Technologien, um die Polizeiarbeit durch Prognosen zu verbessern. Pre-Crime porträtiert Systeme in den USA, Deutschland und Großbritannien. Immer geht es darum, aus einem Datenwust anhand von Algorithmen Aussagen über die Zukunft zu treffen.

Die Lösungen im Einsatz sehen dabei unterschiedlich aus. "Das amerikanische System Predpol basiert ausschließlich auf von der Polizei zur Verfügung gestellten Daten aus Notrufen, Anzeigen. Der Algorithmus, den sie entwickelt haben, macht es möglich, aus diesen Beständen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Ort und Zeitpunkt eines Einbruchdiebstahls zu errechnen", erklärt Heeder im Interview. "Das deutsche System Precobs wird von der Bayerischen Landespolizei genutzt und basiert ebenfalls auf nicht personenbezogenen Daten."

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Im Kontext des Films sind das konservative Ansätze. Die Privatsphäre einzelner Menschen wird nicht berührt. Die Polizei soll schlicht Brennpunkte schneller erkennen und so effektiver patrouillieren. Der reine Fokus auf Polizeidaten sei jedoch ein Problem, beobachtete Heeder - "insofern, dass aus bestimmten Gegenden überhaupt keine Notrufe kommen. Weil die Bevölkerung da ohnehin weiß, dass sich niemand um sie kümmert". Zugleich werden in den stärker kontrollierten Vierteln vermutlich mehr Verbrechen entdeckt. Die Vorhersage erfüllt sich selbst, sie ist ein Scheinerfolg.

Im Film wirkt die Realität des deutschen Systems eher hilflos als bedrohlich. Bayerische Polizisten kontrollieren im vom GPS rot markierten Bereich einen Kapuzenträger, der zur U-Bahn eilt. In seiner Sporttasche hat der Mann dreckige Wäsche, in seiner Jacke Zigaretten. Wie fühlen sich die Anwohner in einem Stadtviertel, wenn sie ohne erkennbaren Anlass häufiger kontrolliert werden - sicherer?

Eine Erfolgsbilanz ist schwierig. Kritische, objektive Untersuchungen seien die Ausnahme, klagt Heeder: "Als wir unterwegs waren, gab es nur eine wissenschaftliche Untersuchung von der Rand Corporation in den USA. Die haben keinen signifikanten Unterschied gefunden; keinen Beleg dafür, dass diese Systeme tatsächlich funktionieren." Eine Studie des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht findet ebenfalls keinen klaren Beweis für einen positiven Effekt von Precobs.

Geheime Algorithmen

Die zu Beginn vorgestellte Heat List in Chicago, das System, das laut Heeder Anlass für den Film war, arbeitet derweil anders: "Die verteilt Punkte und arbeitet individualisiert, mit Personendaten." Analysiert wird die statistische Nähe einzelner Personen zu kriminellen Aktivitäten. Ist die Korrelation größer, ist der Score höher. Gegen die daraus resultierende polizeiliche Strategie scheint ein Einzelner wie Robert McDaniel keine Chance zu haben. Die Polizei überwacht ihn, und mahnt ihn eindringlich, als trage er eine Mitschuld am Mord seines Freundes.

Wie die Systeme dabei genau rechnen, bleibt unsichtbar. Heeder findet das frustrierend: "Die Algorithmen sind patentrechtlich geschützt. Über die darf niemand sprechen, und genau das ist das Problem." Das im Film gezeigte Projekt in London wird etwa in Public-private Partnership mit Accenture entwickelt. "Wenn die Zivilgesellschaft die Veröffentlichung der Algorithmen fordert, lautet die Antwort, das könne den Geschäftsinteressen von Accenture schaden", so Heeders Einschätzung.

Pre-Crime stellt dieser Sprachlosigkeit Statements von Aktivisten, Experten und Wissenschaftlern gegenüber. Diese haben selbst Schwierigkeiten bei der Recherche, erklären aber wenigstens ungefähr, wie vergleichbare Algorithmen funktionieren. Doch die unverstandenen Formeln bleiben im Film ein Menetekel, in Kreide auf den Boden gekritzelt. Den Vorwurf, er mache eine Technologie zum Buhmann, weist Heeder aber zurück: "Wir sind keine Technikfeinde. Wir sagen nicht, dass alles schlecht sei. Die Frage ist, wie wir als Gesellschaft damit umgehen, und wie wir individuell betroffen werden."

Fragen nach der Kontrolle

Prozesse im Detail zu erklären, daran scheitert indes leider auch Pre-Crime. Um in die Tiefe zu gehen, sind die Beispiele zu zahlreich. Doch der Film bringt eine Technologie an die Öffentlichkeit, über die Menschen, die sie einsetzen, nicht reden wollen - und Menschen, die von ihr betroffen sind, nicht können. Damit leistet er einen wichtigen Dienst.

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Lanski 26. Okt 2017

Da haust du aber eine Utopie raus Kollege ... Ich werd schon als Rebell in der Firma...

zilti 13. Okt 2017

Stattdessen möchte die EU nun uns Schweizern das Waffenbesitzen verbieten.

plutoniumsulfat 12. Okt 2017

Nur dass Einbrecher genau da zuschlagen, ist nicht ungewöhnlich.

Fippsel 11. Okt 2017

Was mich dazu noch mehr als schockiert ist die Blauäugigkeit mit der viele Menschen da...

Fippsel 11. Okt 2017

Ziemlich gutes Beispiel, und lässt gleichzeitig auch auf ein tiefgreifenderes Problem...



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