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DIY Due-Diligence: Wie Anleger Firmen selbst bewerten und Schwindel entlarven

Das nächste Wirecard kommt bestimmt. Doch mit dem richtigen Handwerkszeug können Anleger selbst gute von schlechten Firmen unterscheiden.
/ Björn Meschkat
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Firmenwerte einzuschätzen kann man lernen. (Bild: PIX1861 / Pixabay)
Firmenwerte einzuschätzen kann man lernen. Bild: PIX1861 / Pixabay

Willkommen in der Welt der Aktien, in der das nächste große Ding nur einen Hype-Tweet entfernt scheint. Doch die jüngste Vergangenheit, geprägt von Skandalen wie Wirecard, hat gezeigt: Wer blind investiert, kann schnell alles verlieren.

Anderes Beispiel: Vor 20 Jahren, genauer gesagt am 2. Dezember 2001, meldete der US-Energiekonzern Enron Insolvenz an, was den größten Unternehmenszusammenbruch der Geschichte darstellte und zu massiven Verlusten für Tausende von Mitarbeitern und Anlegern führte, die ihre Altersvorsorge verloren. Der Skandal enthüllte systematischen Betrug durch komplexe Zweckgesellschaften (SPEs), um Schulden zu verbergen und Gewinne zu fälschen.

Die gute Nachricht ist: Man muss kein studierter Finanzanalyst sein, um Unternehmen auf Herz und Nieren zu prüfen. Mit ein paar grundlegenden Werkzeugen und einer gesunden Portion Skepsis kann man sich ein eigenes fundiertes Bild machen.

Dazu begeben wir uns in die Welt der Fundamentalanalyse. Das klingt komplizierter, als es ist. Im Grunde stellen wir uns nur eine Frage: Was ist dieses Unternehmen wirklich wert, basierend auf seinen harten Fakten und Zahlen? Und, fast noch wichtiger: Wo könnten sich Täuschungsmanöver verbergen?

Das Handwerkszeug: die zehn wichtigsten Kennzahlen für die Analyse

Die Fundamentalanalyse ist der Werkzeugkasten, um den inneren Wert eines Unternehmens zu bestimmen. Statt auf kurzfristige Kursschwankungen zu spekulieren, schauen wir uns das Geschäftsmodell, die finanzielle Gesundheit und die Marktposition an.

Hier sind die zehn wichtigsten Kennzahlen, die jeder Anleger kennen sollte, einfach erklärt.

1. Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV)

Das KGV ist der Klassiker und zeigt, mit dem Wievielfachen ihres Jahresgewinns eine Aktie an der Börse bewertet wird. Ein niedriges KGV, zum Beispiel unter 15, kann auf eine günstige Bewertung hindeuten, ein hohes, etwa über 25, auf eine teure. Man sollte das KGV immer mit dem von anderen Unternehmen in der gleichen Branche beziehungsweise des Sektors und mit dem historischen Durchschnitt des Unternehmens selbst vergleichen. Tech-Firmen haben oft höhere KGVs als traditionelle Industrieunternehmen.

2. Eigenkapitalrendite (ROE)

Die Eigenkapitalrendite (Return on Equity, ROE) ist ein Gradmesser für die Profitabilität. Sie zeigt, wie viel Gewinn ein Unternehmen mit dem Geld seiner Aktionäre erwirtschaftet. Eine konstant hohe ROE (über 15 Prozent) ist ein Zeichen für ein starkes Geschäftsmodell. Doch Vorsicht: Eine hohe ROE kann auch durch hohe Schulden erkauft werden.

3. Dividendenrendite und Ausschüttungsquote

Für Einkommensinvestoren ist die Dividendenrendite entscheidend. Die Ausschüttungsquote verrät, wie viel Prozent des Gewinns als Dividende ausgezahlt wird. Eine Quote zwischen 30 und 60 Prozent gilt als gesund. Schüttet ein Unternehmen fast seinen gesamten Gewinn aus (über 75 Prozent), bleibt kaum Geld für Investitionen und zukünftiges Wachstum.

4. Kurs-Cashflow-Verhältnis (KCV)

Der Cashflow zeigt den tatsächlichen Geldfluss. Das KCV ist daher oft ehrlicher als das KGV, da Gewinne manipulierbar sind. Ein niedriges KCV deutet auf finanzielle Stärke und Liquidität hin.

5. Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV)

Das KBV vergleicht den Börsenwert mit dem in der Bilanz ausgewiesenen Eigenkapital (Buchwert). Ein KBV unter 1 bedeutet, dass die Aktie theoretisch für weniger als ihren Substanzwert zu haben ist. Diese Kennzahl ist vor allem bei soliden, etablierten Unternehmen in traditionellen Branchen aussagekräftig.

6. Verschuldungsgrad

Diese Kennzahl zeigt das Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital. Ein hoher Verschuldungsgrad ist ein klares Risikosignal. Ein niedriger Verschuldungsgrad bedeutet finanzielle Stabilität und Flexibilität.

7. Nettoverschuldung im Verhältnis zum Ebitda

Diese Kennzahl zeigt, wie schnell ein Unternehmen seine Schulden aus dem operativen Geschäft tilgen könnte. Sie wird berechnet, indem die Nettoverschuldung (Gesamtschulden minus liquide Mittel) durch das Ebitda (Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation, and Amortization) geteilt wird. Ein Wert unter 3 gilt oft als unkritisch. Hohe Werte (über 5) weisen auf eine hohe Schuldenlast im Vergleich zur operativen Ertragskraft hin und sind ein wichtiger Indikator für die finanzielle Widerstandsfähigkeit.

8. Kurs-Gewinn-Wachstums-Verhältnis (PEG Ratio)

Das PEG Ratio ergänzt das KGV um die erwartete Wachstumsrate des Gewinns pro Aktie (Earnings per Share, EPS). Die Formel lautet: KGV geteilt durch das erwartete Gewinnwachstum (in Prozent). Ein PEG Ratio von 1 bedeutet, dass die Bewertung der Aktie dem erwarteten Wachstum entspricht. Werte unter 1 deuten darauf hin, dass die Aktie – unter Berücksichtigung ihres Wachstums – günstig sein könnte. Diese Kennzahl ist besonders nützlich, um Wachstumsfirmen fair zu bewerten.

9. Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV)

Das KUV vergleicht den Börsenwert mit dem Jahresumsatz. Es ist besonders wichtig für junge Wachstumsunternehmen, die noch keinen Gewinn (und damit kein KGV) erzielen. Ein niedriges KUV kann auf eine günstige Bewertung hindeuten. Es sollte immer mit anderen Firmen aus der Branche verglichen werden.

10. Freier Cashflow

Das ist die wichtigste Kennzahl zur Überlebensfähigkeit eines Unternehmens. Der freie Cashflow ist der operative Cashflow minus Investitionen. Er zeigt, wie viel Geld dem Unternehmen nach allen notwendigen Ausgaben zur freien Verfügung steht. Ein Unternehmen, das auf dem Papier hohe Gewinne ausweist, aber operativ ständig Geld verbrennt, lebt von der Substanz. Ohne einen konstant positiven freien Cashflow ist kein Geschäftsmodell langfristig überlebensfähig.

Die zehn wichtigsten Red Flags für Anleger

Zahlen sind wichtig, aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Oft sind es die weichen Faktoren und die kleinen Ungereimtheiten, die auf große Probleme hindeuten.

1. Aggressive Bilanzierung und "kreative" Kennzahlen: Wenn ein Unternehmen ständig von "bereinigtem Ebitda" oder anderen Fantasiekennzahlen spricht, ist Vorsicht geboten. Oft sollen damit unliebsame Kosten oder Verluste verschleiert werden.

2. Häufige Wechsel im Top-Management: Besonders ein häufiger Wechsel des Finanzvorstands (CFO) ist ein massives Warnsignal. Hier könnte vielleicht jemand mehr wissen – und schnell weg wollen.

3. Komplexe und undurchsichtige Firmenstrukturen: Ein unübersichtliches Geflecht von Tochterfirmen in exotischen Ländern dient oft nur einem Zweck: Geldflüsse zu verschleiern.

4. Das Management ist besessen vom Aktienkurs: Wenn CEOs mehr über den Aktienkurs als über das operative Geschäft sprechen, ist das ein schlechtes Zeichen. Oft geht es nur darum, eigene Aktienoptionen zu vergolden.

5. Massive Insiderverkäufe: Wenn die Führungsriege in großem Stil eigene Aktien verkauft, während sie öffentlich Optimismus predigt, sollte man misstrauisch werden. Insider wissen in der Regel am besten, wann es Zeit ist, von Bord zu gehen.

6. Unplausible Wachstumsstorys: Wenn ein Unternehmen in einem gesättigten Markt plötzlich Traumrenditen verspricht oder Umsätze aus dem Nichts zaubert, ist Skepsis angebracht. Wenn es zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es das meistens auch.

7. Ständige Konflikte mit Prüfern und Behörden: Ein Unternehmen, das ständig seine Wirtschaftsprüfer wechselt oder im Clinch mit der Finanzaufsicht liegt, hat wahrscheinlich etwas zu verbergen.

8. Hoher Short-Anteil und öffentliche Fehden: Wenn viele professionelle Investoren (Short Seller) auf den Kursverfall einer Aktie wetten, haben sie dafür oft gute Gründe. Wehrt sich das Management dann mit öffentlichen Schlammschlachten statt mit Fakten, ist das ein weiteres Alarmsignal.

9. Exzessive Vergütungen und Geltungssucht: CEOs, die sich ein Gehalt in astronomischer Höhe genehmigen, während die Aktie im Keller ist, haben den Bezug zur Realität verloren.

10. Aggressive Kundenakquise auf Kosten der Marge: Wenn ein Unternehmen nur über extrem hohe Marketingausgaben wächst und dabei dauerhaft keinen Gewinn erzielt, kann das Geschäftsmodell nicht nachhaltig sein.

In fünf Schritten zum eigenen Urteil

Das also nun die Kennzahlen und Warnzeichen – wie geht man aber nun konkret vor?

Hier ist ein einfacher Fünf-Schritte-Plan für die erste eigene Analyse:

Schritt 1: das Geschäftsmodell verstehen

  • Die Frage: Womit verdient das Unternehmen sein Geld? Was ist sein Produkt oder seine Dienstleistung? Wer sind die Kunden und wer die Konkurrenten?
  • Die Umsetzung: den Geschäftsbericht (den Anfang, nicht die Hunderten Seiten Anhang) und die "Über uns"-Seite lesen.

Schritt 2: die zehn Kennzahlen sammeln

  • Die Frage: Wie steht das Unternehmen finanziell da?
  • Die Umsetzung: auf dem Finanzportal der Wahl, zum Beispiel Finanzen.net, Yahoo oder Finviz die zehn oben genannten Kennzahlen für das Wunschunternehmen und zwei bis drei der wichtigsten Konkurrenten heraussuchen. In eine einfache Tabelle eintragen.

Schritt 3: vergleichen und bewerten

  • Die Frage: Ist das Unternehmen im Branchenvergleich günstig oder teuer? Ist es finanziell gesund?
  • Die Umsetzung: Wie schneidet das Unternehmen im Branchenvergleich ab? Ist es günstiger bewertet (niedrigeres KGV/KBV/KCV/PEG/KUV)? Ist es profitabler (höhere ROE)? Wie hoch ist die Verschuldung im Vergleich?

Schritt 4: nach Red Flags suchen

  • Die Frage: Gibt es abseits der Zahlen Warnsignale?
  • Die Umsetzung: Die Liste der Warnsignale durchgehen und den Namen des Unternehmens in Verbindung mit Begriffen wie Kritik, Betrugsvorwürfe oder Insiderverkäufe googeln. Aktuelle Nachrichten und Analystenmeinungen einholen – aber immer mit einer kritischen Distanz.

Schritt 5: Erkenntnisse zusammenfassen und den Preis festlegen

  • Die Frage: Überwiegen die Chancen die Risiken?
  • Die Umsetzung: die Erkenntnisse zusammenfassen und ein paar Sätze zu den Stärken, zum Beispiel starkes Wachstum, günstige Bewertung, und Schwächen, zum Beispiel hohe Schulden, harter Wettbewerb, aufschreiben. Anhand dieser Erkenntnisse kann man dann entscheiden, ob die Chancen die Risiken überwiegen. Und ganz wichtig: einen Preis festlegen, den man maximal für die Aktie zahlen würde.

Fazit

Die eigene Analyse eines Unternehmens ist kein Hexenwerk. Sie erfordert etwas Zeit und die Bereitschaft, sich mit den Grundlagen zu beschäftigen. Aber der Lohn ist unbezahlbar: Man hat eine fundierte, unabhängige Entscheidung getroffen und ist nicht mehr auf die oft eigennützigen Ratschläge von selbsternannten Börsengurus angewiesen.

Niemand kann die Zukunft vorhersagen und auch die sorgfältigste Analyse ist keine Garantie für Gewinne. Aber indem man lernt, die richtigen Fragen zu stellen und die Zahlen kritisch zu hinterfragen, minimiert man das Risiko, auf den nächsten großen Schwindel hereinzufallen.

Am Ende ist der beste Ratgeber oft der gesunde Menschenverstand. Wenn einem eine Story faul vorkommt, ist sie es wahrscheinlich auch. Investieren sollte man nur in das, was man wirklich – und nach eigener Prüfung – versteht.


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