Diversity in IT-Teams: "Bei Frauen greift immer noch ein automatisches Bias"

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Aber diesmal vor allem: liebe Leser, zumindest wenn es nach den letzten Zahlen zur Diversität der Angestellten in der deutschen IT-Branche geht. Die Vizepräsidentin des Bitkom nannte diese einen "Weckruf".
Eigentlich komisch, wenn es einerseits an Fachkräften mangelt, andererseits aber nur ein Teil der Bevölkerung für dringend benötigte Jobs und entsprechende Studiengänge gewonnen wird. Die vertane Chance liegt auf der Hand. Zumal es ja oft erstmal nur um mehr weibliche Fachkräfte für IT-Unternehmen geht – was lediglich einer von vielen Aspekten von Diversität ist.
Es ist nicht so, dass sich Unternehmen nicht bemühen. Der Spieleentwickler Activision Blizzard etwa versuchte, die Diversität seiner Actionfiguren mithilfe eines Tools zu messen. Die folgenden Diskussionen zeigten aber, dass das Thema doch etwas komplexer ist. Menschen lassen sich nicht einfach mit einer Skala von 1 bis 10 für die Diversität ihrer sexuellen Orientierung oder ethnischen Herkunft reduzieren.
Dass Diversität wichtig ist und homogene Teams sogar schlechtere Produkte hervorbringen können, dafür gibt es genug Beispiele, etwa in der KI-Forschung: Der vermeintlich neutrale Code neigt zu diskriminierenden Vorurteilen, weil Faktoren wie Geschlecht, Herkunft, Behinderungen und so weiter von den Erbauern schlicht nicht mitgedacht werden.
Deshalb geht's bei Diversität um mehr als Regenbogenlogos und Frauenquoten: Verschiedene Perspektiven machen Teams kreativer, effektiver und schlichtweg besser. Und wer von uns sollte etwas anderes als das bestmögliche Team wollen?
Rowena Patrao begann in den 90er-Jahren als Programmiererin und schloss dann einen Master in Computer Science ab, bevor sie zehn Jahre lang als Ingenieurin bei Microsoft Karriere machte. Nach Zwischenstopps bei Amazon und VMware ist sie nun Chief Technology Officer bei Scout24.
Rund 250 der insgesamt 850 Angestellten des Münchener Immobilien-Marktplatzes arbeiten in ihrem Tech-Team – für sie ist Patrao seit einem Jahr verantwortlich. Ihre Führungspositionen hat sie schon vorher genutzt, um mit Mentorings und Events die Bedingungen für diversere Teams zu schaffen. Wie das bei ihrem neuen Arbeitgeber läuft, erzählt sie uns im Gespräch.
Interview mit Rowena Patrao von Scout24
Golem.de: Sie haben Erfahrungen in den USA, Indien und jetzt in Deutschland gesammelt. Was sind die größten Unterschiede?
Rowena Patrao: In den USA, in Indien oder auch in Europa haben die Menschen ganz unterschiedliche Methoden, ein und dasselbe Problem zu lösen. Sobald man die Motivation dahinter versteht, können die Teams so gefördert werden, dass sie äußerst erfolgreiche Produkte liefern. In den USA werden die Teams beispielsweise dazu gedrängt, "mehr, schneller, besser" zu machen. In Deutschland wollen die Teams sicherstellen, dass sie das "richtige Produkt" bauen.
Golem.de: Sie haben Ihre Stelle inmitten der Pandemie angetreten. Wie verlief das Onboarding? Die meisten arbeiten ja wahrscheinlich noch aus der Ferne.
Rowena Patrao: Derzeit arbeite ich aufgrund der Pandemie und meiner Kinder noch überwiegend von Amerika aus. Meetings, Brainstorming, Abstimmungen zu Roadmaps, Events – für all diese Dinge haben wir digitale Lösungen und Methoden. Ich habe aber so oft wie möglich die Gelegenheit genutzt, um nach Deutschland zu reisen und mit den Teams vor Ort zu arbeiten.
Der persönliche Austausch, das gemeinsame Mittagessen, das kurze Gespräch auf dem Flur lässt sich nicht digitalisieren und bringt mich meinen Kolleg:innen einfach näher. Nur so bauen wir menschliche Beziehungen auf. Ich glaube, dass hybrides Arbeiten, also die Mischung aus Arbeiten im Büro und von unterwegs, das neue Normal ist und uns hilft, das Beste aus beiden Welten zu vereinen: Flexibilität mit sozialer Interaktion.
Golem.de: Wie wichtig ist dieser direkte Kontakt mit den Mitarbeitern für Sie als Führungskraft?
Rowena Patrao: Ich nehme mir viel Zeit, um mich mit den Teams zu ihren Projekten auszutauschen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, wenn es irgendwo hakt. Jede Führungskraft sollte sich die Zeit nehmen, sich intensiv mit ihren Mitarbeiter:innen auszutauschen und zu verstehen, was sie motiviert, antreibt und frustriert. Ein einzelnes Gespräch kann uns bereits so viele Informationen liefern.
Golem.de: Sie haben in allen Ihren Führungspositionen versucht, die Umgebung für heterogene Teams zu schaffen. Wie gelingt das bei Scout24?
Rowena Patrao: Bei Scout24 setzen wir uns klare Ziele, um Diversität zu fördern. Dazu gehört auch Geschlechtervielfalt. Vergangenes Jahr war unser Ziel, dass 50 Prozent unserer Neueinstellungen weiblich oder nicht-binär sind. Dieses Ziel haben wir sogar übererfüllt: Ende 2021 waren 55 Prozent unserer Neueinstellungen weiblich oder nicht-binär, in unserer Tech-Organisation sogar 56 Prozent.
Golem.de: Warum lohnt es sich, so aktiv wie Scout24 auf Diversität zu setzen?
Rowena Patrao: Ein Team, das aus Personen besteht, die viele Gemeinsamkeiten haben, neigt eher dazu, ähnliche Ansichten zu verschiedenen Themen zu haben. Das mag wie ein Vorteil erscheinen, nur dass dies den Fokus der Diskussionen und der Kreativität bei der Problemlösung deutlich einschränkt. Wenn das Team aus unterschiedlichen Menschen, etwa was Geschlecht, Herkunft, ethnische Zugehörigkeit angeht, besteht, bringen sie eine Vielfalt von Gedanken in das Gespräch ein. Sie betrachten dann alle dasselbe Problem aus verschiedenen Blickwinkeln und machen unterschiedliche Vorschläge zu seiner Lösung. Gemeinsam findet diese Gruppe einen viel ganzheitlicheren Ansatz für jede Angelegenheit, der die Dinge vorantreibt und sehr selten steckenbleibt.
Golem.de: Spielen Faktoren wie das Geschlecht heute denn überhaupt noch eine Rolle?
Rowena Patrao: Bei Frauen greift leider immer noch ein automatisches Bias. Wie wir aussehen, welche Kleidung wir tragen, wie hoch oder tief unsere Stimme ist – all das hat Einfluss, wie wir beruflich wahrgenommen werden. Bei Männern ist das nebenranging. Zu Hause wird die meiste Betreuungsarbeit nach wie vor von Frauen geleistet: Ob als Ehefrauen, Mütter, Töchter und Schwestern. Wenn Unternehmen diese Herausforderungen sehen und ein Umfeld schaffen, das diese Unterschiede akzeptiert, können mehr Frauen in der Branche Fuß fassen und vor allem Karriere machen. Dafür braucht es aber auch Vorbilder: Umso wichtiger ist es, dass es mehr weibliche Führungskräfte und Managerinnen in Unternehmen gibt.
Golem.de: Sie sind seit zwei Jahrzehnten in der Branche. Hat die sich in dieser Zeit sonst noch verändert?
Rowena Patrao: Als ich meine berufliche Laufbahn begann, gab es nur wenige Unternehmen, die international und zugleich stark vernetzt tätig waren. Heute ist dies weitestgehend das neue Normal und macht die Zeit vor allem für Tech Professionals sehr spannend. Zudem öffnet sich ein großer Talent Pool, der es ermöglicht, gänzlich neue Sichtweisen auf die Produktentwicklung und -gestaltung zu geben. Damit das gelingt, müssen aber nicht nur internationale Teams zusammengestellt, sondern auch gehört werden. Die Vielfalt des Denkens muss respektiert werden.
Was ihr jetzt noch lesen solltet
Crucial Conversations: Tools for Talking When Stakes Are High von Al Switzler und Kerry Patterson ist "ein gutes Buch, das die Kunst der Kommunikation in verschiedenen Situationen lehrt und für jeden, der es liest, sehr anwendbar ist", sagt Rowena Patrao. Der direkte Draht zu ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist für sie nicht zu ersetzen.
Ein Buch, das sich auf den schon angesprochenen Bias in unseren Daten konzentriert, ist Invisible Women. Dessen Autorin Caroline Criado Perez listet Beispiele aus den verschiedensten Bereichen von Smartphones bis zur Stadtplanung auf, die von einseitigen Teams designt wurden – und dadurch für viele Anwender schlechter sind. Criado Perez konzentriert sich auf das Thema Geschlechter, die Beispiele zeigen aber auch unabhängig, wo überall versehentliche Datenlücken entstehen können.
Ein weiterer Tipp von Rowena Patrao ist das Buch Start With Why von Simon Sinek – beziehungsweise seine Vorträge (oder sein Youtube-Kanal) zu diesem Thema. "Es geht darum, den Zweck unseres Unternehmens und unseres Teams zu definieren", fasst Patrao ihre Empfehlung zusammen.
Sinek argumentiert in einer kompakten Ted-Talk-Version seiner Idee, dass nicht das Was oder Wie eines Produkts entscheidend für seinen Erfolg ist, sondern das Warum – die Motivation, die das Team hinter dem Produkt antreibt. "Es ist ein leistungsfähiges Tool, das jedes Team nutzen sollte, um seinen Auftrag und seine Ziele zu verstehen und dann einen entsprechenden Fahrplan zu erstellen", ist Patrao überzeugt.
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