Disney+: The Acolyte definiert den Star-Wars-Mythos neu

Spoiler-Warnung: Wer nichts über die Handlung von The Acolyte wissen möchte, sollte hier nicht weiterlesen!
Mit The Acolyte schafft Leslye Headland etwas Außerordentliches: ein Stück Star Wars, das sich deutlich von allen anderen Filmen und Serien abhebt. Die Erfinderin, Regisseurin und Autorin der Serie, die schon bei der Netflix-Serie Matrjoschka(öffnet im neuen Fenster) unkonventionell erzählte, bedient in The Acolyte zwar auch Star-Wars-Klischees, geht aber aus einer anderen Perspektive an sie heran und gewinnt dem Franchise so neue Facetten ab – und das nicht nur, weil die Serie 100 Jahre vor den Prequels spielt. Es geht vor allem um Perspektive: Es gibt nicht die eine ultimative Wahrheit, sondern immer verschiedene Blickwinkel darauf.
Inspiriert wurde Headland unter anderem von Akira Kurosawas Rashomon(öffnet im neuen Fenster) , in dem die gleichen Ereignisse aus der Warte verschiedener Zeugen beleuchtet werden – und sich teils dramatisch unterscheiden. So ist es auch bei The Acolyte, bei der es um zwei Schwestern geht. Die eine sieht die Jedi als gut, die andere als böse an.
Vor 100 Jahren
Einen ersten Bruch mit einer Star-Wars-Konvention gibt es gleich zu Beginn: Am Anfang gibt es keinen Lauftext(öffnet im neuen Fenster) , sondern der Text wird Stück für Stück eingeblendet. Er bringt die Zuschauer auf den aktuellen Stand und erzählt davon, dass die Hohe Republik und der Orden der Jedi seit Jahrhunderten im Frieden gediehen ist.
Wir wissen: Diese Republik steht vor dem Ende – in nur wenigen Jahrzehnten. In Episode I fragte man sich, wie es sein konnte, dass ein Sith-Lord bis an die Spitze des politischen Apparats gelingt. The Acolyte legt den Grundstein dafür. Die Serie zeigt eine Republik, die sich zu lange auf ihren Meriten ausgeruht hat, sie zeigt Jedi, die zu sehr davon überzeugt waren, die Sith besiegt zu haben.
Die Geschichte beginnt in einer Taverne. Die vermummte Mae fordert eine Jedi-Meisterin zum Kampf heraus. Sie besiegt und tötet sie, woraufhin die Jedi wenig später Osha festnehmen. Osha hat vor sechs Jahren den Jedi-Orden verlassen und passt genau auf die Beschreibung.
Ihr alter Meister Sol will aber nicht glauben, dass sie die Jedi-Meisterin getötet hat. Und er hat recht, denn wie sich herausstellt, hat Oshas Zwillingsschwester Mae vor 16 Jahren einen tödlichen Zwischenfall überlebt. Nun jagt sie die vier Jedi, die sie für ihr Unglück verantwortlich macht – und sie wurde von einem Meister ausgebildet, dessen Identität selbst ihr verborgen ist.
Wie das Römische Reich kurz vor dem Fall
Die typischen Star-Wars-Elemente sind vorhanden, aber Leslye Headland macht mehr daraus, und das nicht nur, weil sie mit ihrer Serie erkunden kann, wie es zum Fall der Republik kommen konnte. Bei The Acolyte ist die Republik an einem Punkt nicht unähnlich dem Römischen Reich, als es in den letzten Zügen lag, und niemand merkte, dass das Ende naht.
Zugleich ist vieles anders: die Jedi zum Beispiel.
Krimi, Moralstück und epische Erzählung
Als Sol mit einigen anderen Rittern loszieht, um den dritten Jedi zu finden, hinter dem Mae her ist, fällt auf, dass alle fast gleich gekleidet sind. Es wirkt wie eine Uniform.
Oder aber sie erscheinen wie Mönche. So werden sie hier auch despektierlich genannt. Denn The Acolyte macht etwas, das es in Star Wars so noch nicht gab: Die Serie wirft einen Blick auf die Macht und wie sie eingesetzt wird.
Es gibt nicht nur die Jedi, es gibt auch einen Hexenzirkel, der die Macht nutzt, aber einer gänzlich anderen Philosophie frönt. Sie benutzen nicht einmal den Begriff Macht, sondern nennen sie im Original Thread – den Faden, der alles miteinander verbindet.
Damit wird das alte Gefüge von heller und dunkler Seite, von Jedi und Sith, aufgebrochen. Hinzu kommt das Gefühl, dass die Jedi hier anders sind, als man sie sonst kennt: restriktiver, bürokratischer, einem Regelwerk folgend, das sich seit Jahrhunderten nicht verändert hat, das aber droht, die Jedi selbst zu verändern. Die Jedi vermitteln das Gefühl, elitär zu sein – auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind.
Amandla Stenbergs Doppelrolle
Amandla Stenberg spielt eine Doppelrolle als Osha und Mae. In den ersten vier Folgen gibt es kaum gemeinsame Szenen der Zwillinge, aber jede wird von dem Drama getragen, das die beiden umgibt. Denn sie wurden vor 16 Jahren getrennt, als etwas Schreckliches passierte und alle als tot galten – außer Osha.
In den ersten beiden Folgen gelingt es gut, das Mord-Mysterium zu etablieren: die Frage, warum Mae tut, was sie tut, und in wessen Auftrag sie arbeitet. Dabei schwingt stets mit, dass sie auch ihrer eigenen Agenda folgt.
Die dritte Episode ist dann ein ausgiebiger Rückblick, der zeigt, was vor 16 Jahren passiert ist. Mit ihm ergibt sich für die Zuschauer eine neue Perspektive, weil sie danach besser verstehen, wie die unterschiedlichen Blickwinkel von Mae und Osha zustande gekommen sind.
Überraschend
Aber selbst hier kann man sich nie sicher sein, das ganze Bild zu sehen. Das ist eine der Stärken von The Acolyte: dass die Figuren in die Tiefe gehen, und das Konzept der Wahrheit – und ihrer Interpretation – in den Fokus gerückt wird.
The Acolyte funktioniert als Krimi, als Moralstück, aber auch als epische Erzählung über eine Gesellschaft, die den Zenit bereits überschritten hat.
Leslye Headland weiß offenbar, dass man das Publikum schon in den ersten Minuten packen muss. Sie startet The Acolyte mit einem Kracher, der zeigt, dass die Werbekampagne funktioniert hat. Sie hat Erwartungen geschürt, die Headland jetzt auf den Kopf stellen kann.
Hier stirbt eine Figur schon innerhalb der ersten Minuten, von der man dachte, sie wäre eine Hauptfigur. In der Rückblick-Episode ist sie noch mal dabei, aber darüber hinaus? Das wird man sehen, wenn die Folgen 5 bis 8 laufen.
Bislang zwei Folgen verfügbar
Von der Wirkung kann man diesen Anfang mit Alfred Hitchcocks Psycho(öffnet im neuen Fenster) vergleichen. Da denkt man über gut 40 Minuten, dass Marion Crane die Hauptfigur ist – bis sie unter der Dusche ermordet wird. Ähnlich ist es hier, nur dass Headland ihre vermeintliche Hauptfigur schon nach fünf Minuten herausnimmt.
The Acolyte ist klassisches Star Wars, aber auch mehr als das. Es ist ein einzigartiges Projekt innerhalb des Star-Wars-Erzählkosmos, das mit seinem frühen Setting 100 Jahre vor allen bekannten Filmen und Serien auf neuen Pfaden wandeln kann.
Die ersten zwei Folgen sind seit heute (5. Juni 2024) bei Disney+ zu sehen. Für unsere Rezension lagen uns die ersten vier Folgen vor. Neue Folgen erscheinen im Wochenrhythmus.