Disney+: Star-Inhalte steigern Fragmentierung und Verlässlichkeit

Disney wird im Februar 2021 zusätzlich über 250 Filme und 50 Serien in das Abo von Disney+ integrieren. Damit wird sich langfristig die Fragmentierung im Markt für Streamingabos verschärfen. Auf der anderen Seite ist mit einer höheren Verlässlichkeit für Abonnenten von Disney+ zu rechnen.
Der Videostreamingmarkt funktioniert ganz anders als der für Abo-Musikstreaming. Im Musikbereich haben Anbieter wie Amazon, Apple, Deezer, Google oder Spotify im Kern eine identische Musikauswahl. Und Kunden können sich darauf verlassen, alle möglichen alten Songs oder Alben abspielen zu können. Zudem werden Neuerscheinungen bei allen Anbietern veröffentlicht.
Ein komplett anderes Bild bietet der Markt der Videostreaming-Abos. Vielfach gibt es einen Film oder eine Serie nur bei einem Anbieter. Es kommt zwar auch vor, dass es den gleichen Film bei mehreren Abos im Sortiment gibt, aber das ist auf keinen Fall die Regel. Wer etwa eine alte Serie oder einen Filmklassiker noch mal schauen möchte, muss genau darauf achten, bei welchem Anbieter diese im Abo verfügbar sind.
Disney vermarktet die eigenen Inhalte selbst
Und wenn es nicht um Eigenproduktionen geht, besteht immer das Risiko, dass etwa eine Serie aus dem Abo verschwindet, bevor sie zu Ende gesehen wurde. Das ist dann sehr ärgerlich und liegt daran, dass die Lizenzen für die Nutzung in Streamingabos meist zeitlich befristet sind. Doch auch bei Filmen kann es passieren, dass man sich einen Film noch ansehen wollte, aber der dann plötzlich nicht mehr verfügbar ist.
Mit der Integration der Star-Inhalte wird Disney seine Strategie fortsetzen, alle eigenen Filme und Serien nur noch bei Disney+ anzubieten. Das hat sich bisher bereits bei Disney+ gezeigt: Die meisten Inhalte von Disney+ gab es seit dem Start in Deutschland bei keinem anderen Streamingabo in Deutschland.
Wer etwa die Star-Wars-Filme mal wieder am Stück anschauen wollte, musste zu Disney+ gehen. Zuvor gab es die Filme gelegentlich bei Sky Ticket. Die Blockbuster der Sternenkrieger waren in den vergangenen knapp sieben Jahren in Deutschland jedoch weder bei Netflix noch bei Prime Video im Abo zu bekommen.
Disney+ bietet mehr Verlässlichkeit als die Konkurrenz
Langfristig ist damit zu rechnen, dass auch die künftigen Disney+-Titel nicht mehr bei anderen Streamingabos vorhanden sein werden. Wie schnell Disney dabei die Titel aus dem Markt der Lizenzierung nimmt, ist nicht bekannt. Serien wie Buffy oder Castle gab es bis vor ein paar Wochen noch im Abo bei Prime Video. Derzeit gibt es die beiden Serien bei keinem Abo in Deutschland. Die Serie Scandal gibt es nur noch bis 6. Februar 2021 bei Prime Video und ist erst vor einigen Monaten in das Abo aufgenommen worden. Ab Ende Februar kommen all diese Serien vermutlich exklusiv in den Katalog von Disney+.
Für Anbieter wie Amazon, Netflix und Sky könnte es also bald schon bedeuten, dass sämtliche Disney-Inhalte irgendwann nicht mehr für eine Lizenzierung bereitstehen.
Auf der anderen Seite unterscheidet sich das Abo von Disney+ fundamental von allen anderen Streamingabos am Markt: Während bei Netflix, Prime Video und Sky Ticket fast täglich Inhalte aus dem Abo entfernt werden, passiert das bei Disney+ bisher ausgesprochen selten. Bislang ist nur ein Fall dokumentiert, als im Mai 2020 die National-Geographic-Serie Dr. Ks tierische Notaufnahme aus dem Abo von Disney+ entfernt wurde.
Das dürfte sich aber bald schon ändern, denn Disney+ hat einige deutschsprachige Filme zur Aufstockung des Katalogs lizenziert . Und diese Lizenzen werden aller Voraussicht nach zeitlich befristet sein. Dann werden auch bei Disney+ mal Inhalte aus dem Abo verschwinden.
Exklusiv, dafür planbar
Ansonsten liefert Disney+ aufgrund des anderen Ansatzes für Abonnenten eine wesentlich höhere Verlässlichkeit als Amazon, Netflix oder Sky Ticket. Als Abonnent eines der drei Dienste hat man eben immer das Risiko, dass eine Serie, die man gerade zu schauen begonnen hat, mittendrin aus dem Abo genommen wird. Diese Gefahr bestand bei Disney+ bisher nicht. Wir können uns also bei Buchung des Abos darauf verlassen, dass wir Star Wars, die Simpsons und alle Disney-Kinoklassiker anschauen können.
Diese Verlässlichkeit gibt es bei der Konkurrenz nur für die jeweiligen Eigenproduktionen. Aber dabei ist die Auswahl deutlich schmaler als der Katalog, auf den Disney zugreifen kann.
Selbst bei exklusiven Lizenzverträgen gibt es immer wieder Lücken. So hat Sky zwar einen Exklusivvertrag für HBO-Serien. Allerdings können sich Abonnenten nicht darauf verlassen, immer alle HBO-Serien bei Sky schauen zu können. Denn der Anbieter hat immer nur Zugriff auf einen Teil der HBO-Serien.
Ein ähnliches Bild gibt es bei Titeln wie 24 oder Akte X. Derzeit gibt es alle neun Staffeln von 24 bei Netflix, aber der Film 24 Redemption fehlt dort. Wer also die Serienhandlung ohne Lücken sehen möchte, müsste sich Redemption woanders besorgen. Bei Disney+ wird es alles bei einem Anbieter geben. Bei Akte X gibt es derzeit eine Staffel bei Sky zu sehen, während die Kinofilme bei Netflix laufen. Hier bringt es den Zuschauern einen Vorteil, wenn sie die komplette Serie und alle Filme bei einem Anbieter sehen können – in diesem Fall bald bei Disney+.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).



