Disney, Netflix, Paramount, Prime Video: 2023 wird ein turbulentes Streamingjahr

Obwohl 2023 voraussichtlich kein neuer Anbieter von Videostreamingabos in Deutschland starten wird, gibt es auf dem Markt jede Menge Bewegung. Disney+ will eine werbefinanzierte Variante von Disney+ auch außerhalb der USA auf den Markt bringen und Netflix wird in weiteren Ländern eine Gebühr erheben, wenn ein Netflix-Konto von mehreren Personen auch außerhalb des eigenen Haushalts benutzt wird.
Paramount will versuchen, sich mit Paramount+ im deutschen Markt zu etablieren und die Nummer vier zu werden, international soll es hinter Netflix, Prime Video, Disney+ und HBO Max (das es hierzulande vorerst nicht geben wird) die Nummer fünf werden.
2023 wird sich auch zeigen, ob Filme und Serien von Paramount und CBS langfristig nur noch im Abo von Paramount+ zu bekommen sein werden. In einem ersten Schritt sind Anfang 2023 die Lizenzen für zahlreiche Paramount-Filmklassiker bei Prime Video ausgelaufen , viele davon gibt es derzeit nur bei Paramount+.
Netflix ist bei Zusatzgebühr für Konten-Sharing ein Pionier
Restriktiver wird man auch bei Netflix: Das Unternehmen will im laufenden Quartal in weiteren Ländern eine Zusatzgebühr einführen, wenn ein Netflix-Abo über Haushaltsgrenzen hinweg verwendet wird. Gerade erst hat Netflix mitgeteilt, dass die Zusatzgebühr doch nicht mehr Anfang 2023 kommen wird . Es ist unklar, ob die Zusatzgebühr im laufenden Quartal dann auch in Deutschland kommen wird. Es wäre auch denkbar, dass Deutschland erst später einbezogen wird. Auch zur Höhe der Zusatzgebühr in Deutschland gibt es noch keine Informationen.
Bisher ist Netflix der einzige Anbieter von Streamingabos, der eine solche Gebühr erhebt respektive erheben will. Nach Netflix' eigener Rechnung werden rund 100 Millionen Netflix-Konten mit anderen Personen geteilt .
Netflix sieht wohl die Gefahr, dass viele Abonnenten dem Anbieter den Rücken kehren könnten, wenn das Konten-Sharing um jeden Preis unterbunden wird. Vermutlich deswegen hat sich Netflix dazu entschieden, das Konten-Sharing gegen eine Zusatzgebühr offiziell zu erlauben. Dabei ist die Gebühr in den bereits verfügbaren Ländern niedriger als der Preis für ein vollwertiges Abo.
Es wäre denkbar, dass auch Anbieter wie Disney dieser Netflix-Strategie folgen werden. Bisher gibt es aber bei Disney keine Anzeichen dafür. Auch bei allen anderen Anbietern ist es nicht erlaubt, das Abo über Haushaltsgrenzen hinweg mit anderen Personen zu teilen. Aber bisher unternehmen sie nichts dagegen.
Disney+ ist eines der wenigen Streamingabos am Markt, das ohne Aufpreis bis zu vier parallele Streams pro Abo erlaubt. Netflix bietet vier Streams nur im teuersten Abo, in den übrigen Abostufen sind maximal zwei Streams oder kein paralleler Stream erlaubt. Bei Amazons Prime Video sind bis zu drei Streams parallel möglich. Skys-Streamingdienst Wow (ehemals Sky Ticket) und Paramount+ erlauben nur maximal zwei zeitgleiche Streams.
Werbeabo von Disney+ soll dieses Jahr kommen
Disney möchte in diesem Jahr eine werbefinanzierte Version von Disney+ jenseits der USA auf den Markt bringen. Konkrete Ankündigungen für Deutschland gibt es bislang nicht. Aber falls es Disney wie in den USA macht, steht Abonnenten eine Preiserhöhung bevor. In den USA startete das werbefinanzierte Abo von Disney+ zum Preis des alten werbefreien Abos .
Im Werbeabo von Disney+ gibt es keine Werbeschaltungen in Kinderprofilen . Dafür wurden aber viele kindgerechte Inhalte aus dem Abo entfernt, so dass solche Titel doch nur mit Werbeunterbrechungen geschaut werden können. Das Werbeabo von Disney+ kann nicht auf allen Geräten verwendet werden , die Disney+ eigentlich unterstützen.
Werbeabo von Netflix hat viele versteckte Einschränkungen
Disney stellte zwar schon vor Netflix ein werbefinanziertes Abo von Disney+ in Aussicht , wurde aber bei der Umsetzung von Netflix überholt . Dieses Jahr wird zeigen, ob der Plan von Netflix aufgeht, damit die Abozahlen zu stabilisieren oder sogar steigern zu können. Bei Netflix ist das Werbeabo so gestaltet, dass bestehende Abonnenten eher davon abgehalten werden, in das Werbeabo zu wechseln.
Denn abgesehen von Werbeschaltungen müssen sich Abonnenten darauf einstellen, dass die Netflix-App nicht auf allen gewünschten Geräten genutzt werden kann . Außerdem gibt es nicht einmal Full-HD-Auflösung, parallele Streams sind ebenfalls nicht dabei. Zudem fehlen Inhalte im Abo , auch Netflix-Originals . Hinzu kommt: Netflix macht es Interessenten besonders schwer, sich vorher umfangreich über die Beschränkungen des Werbeabos zu informieren .
Netflix musste sich etwas einfallen lassen, weil die Konkurrenz immer größer wird. Ende des vergangenen Jahres kam Paramount+ dazu, das sich im deutschen Markt aber erstmal behaupten muss. Der Start dürfte vor allem Kinofans eher abgeschreckt haben.
Was rund um Paramount+ passiert
Paramount+ startete im vergangenen Jahr viel später als erwartet in Deutschland . Vor einem Jahr war nicht absehbar, dass der von Paramount anvisierte Start erst ganz am Ende des Jahres 2022 erfolgen würde . Der Markteintritt war alles andere als rühmlich, Paramount+ ist ein technisch besonders rückständiger Abodienst. Inhalte in 4K-Auflösung und mit Surround-Klang werden erst irgendwann in diesem Jahr angeboten werden.
Von Konkurrenten wie Disney, Amazon und Netflix sind Kunden es seit Jahren gewohnt, Inhalte mit Surround-Klang und vielfach in 4K-Auflösung zu bekommen. Bei Netflix gibt es 4K-Qualität zwar nur im teuersten Abo – aber immerhin.
Mit Paramounts Entscheidung, auf solche technischen Selbstverständlichkeiten zu verzichten, wurde vor allem die Kundengruppe enttäuscht, die eigentlich für einen neuen Abodienst besonders wichtig ist: Film- und Serienfans, die meist technisch gut ausgestattet sind. Sie besitzen Geräte zur Wiedergabe von 4K-Inhalten und zum Teil Surround-Anlagen, um Filme und Serien mit einer tollen Klangkulisse zu genießen.
Paramount macht es sich mit Paramount+ besonders schwer
Es dürfte für Paramount besonders schwer werden, Abonnenten längerfristig bei Paramount+ zu halten, wenn diese ganz andere technische Standards gewohnt sind. Als Nachzügler hat es Paramount+ besonders schwer, Zuschauer dazu zu bringen, Geld für ein weiteres Streamingabo auszugeben.
Paramount+ ist aber nicht nur technisch bisher nicht konkurrenzfähig, auch bei der Katalogauswahl schneidet das Abo im Vergleich besonders schlecht ab. Wer sich für ein Streamingabo entscheidet, hat es schwer, sich über den Katalogumfang zu informieren. Selbst bei einem aktiven Abo ist ein Vergleich des Aboumfangs nicht möglich, hier helfen nur Streamingsuchmaschinen. Für diesen Artikel haben wir die Zahlen von zwei großen Streamingsuchmaschinen berücksichtigt, die bei allen Abos unterschiedliche Kataloggrößen nennen. Die grundsätzlichen Unterschiede werden aber bei beiden Anbietern sehr deutlich.
Der kleine Katalog von Paramount+
Nach Angaben der Streamingsuchmaschine Justwatch(öffnet im neuen Fenster) gibt es bei Paramount+ für Deutschland derzeit 452 Filme und 158 Serien, wobei es bei den Serien zum Teil Lücken gibt . Die Streamingsuchmaschine Werstreamt.es(öffnet im neuen Fenster) nennt für Paramount+ 442 Filme und 174 Serien.
In den USA erhalten Abonnenten von Paramount+ einen deutlich größeren Katalog: Sie können aus 2.317 Filmen sowie 670 Serien wählen. Es gibt also mehr als fünfmal so viele Filme und mehr als viermal so viele Serien im Vergleich zum Angebot in Deutschland. Dabei müssen Abokunden hierzulande genau so viel für Paramount+ zahlen wie in den USA.
Bei der Kataloggröße folgen danach Wow und Disney+. Laut Justwatch hat Wow 1.096 Filme und 629 Serien, bei Disney+ werden 1.724 Filme und 665 Serien gezählt. Nach Angaben von Werstreamt.es hat Wow 1.802 Filme und 953 Serien und liegt damit vor Disney+ mit 1.530 Filmen und 689 Serien.
Für Prime Video nennt Werstreamt.es 4.620 Filme und 1.196 Serien, die Justwatch-Angaben dazu lauten 4.111 Filme und 933 Serien. Beide Anbieter sind sich einig, dass Netflix den größten Katalog hat – mit leichtem Vorsprung vor Prime Video. Laut Werstreamt.es sind es bei Netflix 4.682 Filme und 2.194 Serien, Justwatch zählt für Netflix 5.084 Filme sowie 2.140 Serien.
Abobetreiber entscheiden wie klassische TV-Sender
Als Netflix mit den ersten selbst produzierten Serien startete, gab es die Hoffnung, dass es anders agiert als klassische TV-Sender. Es wurde erwartet, dass Streaminganbieter keine Serien mittendrin einstellen würden und dass sich zum Beispiel Netflix nicht an Einschaltquoten orientieren würde. Die Realität sieht aber anders aus: Netflix stellte in den vergangenen Jahren etliche Serien ein, die zum Teil kein echtes Ende besitzen.
Über die Zukunft einer Serie bei Netflix entscheiden vor allem die ersten 30 Tage nach der Veröffentlichung. Wenn eine Serie in dieser Zeit aus Sicht von Netflix zu niedrige Zuschauerzahlen liefert, wird sie eingestellt. Es ist also überhaupt nicht anders als bei linearen TV-Sendern, die aufgrund der Einschaltquote entscheiden.
Dabei übersieht Netflix, dass die nicht-lineare Ausstrahlung von vielen Kunden als großer Vorteil gesehen wird. Jeder ist sein eigener Programmdirektor und so manche Abonnenten schauen eine Serie erst, wenn es mehrere Staffeln gibt, um sie dann am Stück sehen zu können. Diese Abonnenten werden mit der 30-Tage-Strategie ignoriert. Wer also die Vorzüge eines Streamingabos nutzt, kann mit dazu beitragen, dass eine Serie abgesetzt wird. Gleich zu Beginn des Jahres 2023 wurde mit der deutschen Produktion 1899 eine Serie durch Netflix nach der ersten Staffel abgesetzt – weitere dürften dieses Jahr folgen.
Ein Unterschied zum klassischen linearen Fernsehen ist, dass heutige Serien vielfach deutlich weniger Episoden pro Staffel haben als in der Vergangenheit. Dieser Trend wird auch in diesem Jahr anhalten. Die meisten für 2023 geplanten Serien haben maximal zehn Episoden, vielfach sind es auch nur Staffeln mit sechs Folgen. Die meisten heutigen Streamingserien wären früher als Miniserien bei den TV-Sendern gelaufen.
Star Trek bei Paramount+ nicht komplett
Bei Paramount+ ist der Katalog nicht nur besonders klein, es fehlen auch Inhalte, die für neue Abonnenten wichtig wären. Denn Paramount steht auch für die Star-Trek-Marke, allerdings erhalten Abonnenten von Paramount+ in Deutschland keineswegs alle Star-Trek-Inhalte . Zwei Serien gibt es hierzulande exklusiv bei Amazons Prime Video. In den USA agierte Paramount weitsichtiger und traf andere Lizenzvereinbarungen. Dort können alle Star-Trek-Inhalte über Paramount+ angeschaut werden.
Das laufende Jahr wird zeigen, welche strategische Richtung Paramount einschlägt und wie stark die Auswirkungen auf die Konkurrenz sein werden. So ist noch unklar, ob vor allem ältere Filme und Serien weiter an andere Streamingabos lizenziert werden und in welchem Umfang. Paramount+ könnte für Abonnenten reizvoller werden, wenn Filmklassiker des Studios nur noch dort im Abo geschaut werden könnten.
Folgt Paramount dem Beispiel von Disney?
Diesen Weg hat Disney eingeschlagen: Auslaufende Lizenzverträge werden hier nicht mehr verlängert. Dadurch kann Disney+ einen exklusiven Katalog mit vielen Filme und Serien aus den vergangenen Jahrzehnten präsentieren und so Abonnenten halten, die eine umfangreiche Onlinebibliothek wünschen, auf die sie jederzeit Zugriff haben.
Eine ähnliche Sonderstellung könnte sich Paramount+ in Deutschland erarbeiten und sich damit einen Vorteil gegenüber Netflix und Prime Video verschaffen. Sowohl Amazon als auch Netflix produzieren zwar immer mehr eigene Inhalte, haben aber keine Möglichkeit, aus einem Fundus aus mehreren Jahrzehnten zu schöpfen. Sie können nur Filme und Serien lizenzieren, die von den Rechteinhabern noch angeboten werden.
Neben Amazon und Netflix hat vor allem Sky mit dem Vorgehen Disneys zu kämpfen.
Viele Kino-Blockbuster fehlen bei Sky
Das zurückliegende Jahr hat Sky wieder enorm zugesetzt, unter anderem wegen Disneys Strategie, neue Kinofilme nach der Kinoverwertung direkt über Disney+ anzubieten. Vor einigen Jahren liefen neue Marvel-Blockbuster zuerst bei Sky im Streamingabo. Dieses Jahr lief nicht einer davon bei Sky.
Zwar hat sich Sky die Inhalte von Paramount+ gesichert, um sie ohne Aufpreis für ausgewählte Sky-Zuschauer anbieten zu können – aber eben nicht für alle. Nur bei Buchung des Cinema-Pakets erhalten die Pay-TV-Abonnenten von Sky alle Inhalte von Paramount+. Wer Sky stattdessen mit monatlicher Kündigungsoption über Wow nutzen will, bekommt deutlich weniger Inhalte als andere Sky-Kunden.
So wurde kürzlich von Sky fleißig beworben, dass der Paramount-Blockbuster Top Gun Maverick bei Sky läuft. Das gilt aber eben nur über Paramount+ und nicht direkt. Wow-Abonnenten können den Action-Film mit Tom Cruise nicht sehen. Es zeichnet sich ab, dass neue Paramount-Kinofilme auch in Zukunft nicht mehr für Wow-Abonnenten angeboten werden, wenn Paramount sie nicht mehr an andere lizenzieren wird.
Skys Wow-Abo wird immer unattraktiver
Mit Wow konkurriert Sky direkt mit anderen Streamingabos. Wenn Abonnenten jedoch feststellen, dass neue Filme zunehmend bei anderen Abos laufen und nicht bei Wow, wird Sky Abonnenten verlieren. Es wird für Skys Streamingabo nochmal schwerer werden, im hart umkämpften Markt Abonnenten gewinnen oder halten zu können. Zumal Sky, ähnlich wie Paramount+, technisch sehr rückständig ist. Nur auf wenigen Geräten wird Surround-Ton geboten und 4K-Qualität steht generell nicht zur Verfügung.
Falls Paramount+ das Versprechen umsetzt und 4K-Unterstützung und Surround-Ton anbietet, wird Wow wieder das technisch schlechteste Streamingabo in Deutschland sein.
Amazon kann der Gewinner beim Abo-Hopping werden
Je mehr konkurrierende Anbieter es im Markt gibt, desto mehr wird es für Abonnenten üblich werden, Abos nicht mehr ständig zu verlängern, sondern sie nur noch zu buchen, wenn sie benötigt werden. In einer schwierigen wirtschaftlichen Lage ist das auch ein Weg, Geld zu sparen. Amazon wäre wahrscheinlich der einzige Anbieter, den dieses Abo-Hopping nicht so sehr treffen würde.
Der Grund dafür dürfte sein, dass Zuschauer von Prime Video auch die Versandflatrate von Amazon nutzen und darauf nicht verzichten wollen. Also bleibt das Prime-Abo bestehen, dazu wird etwa Disney+, Netflix oder Paramount+ monatsweise gebucht. Innerhalb eines Monats können üblicherweise eine Serienstaffel und einige Filme angeschaut werden. Danach wird das Abo gekündigt und in einigen Monaten erneut gebucht, falls es dann genügend Inhalte gibt, die zu einer erneuten Abobuchung anregen.
In diesem Jahr wird kein neuer Abodienst erwartet
Dass 2023 ein neues Streamingabo nach Deutschland kommt, wird derzeit nicht erwartet. Mit Peacock hat ein Anbieter nach nicht einmal einem Jahr schon wieder aufgegeben .
In Deutschland warten viele Serienfans also weiterhin auf den Start von HBO Max – auch wegen der technischen Rückständigkeit von Wow. Allerdings hat sich Warner diese Möglichkeit selbst verstellt, als 2019 ein mehrjähriger Kooperationsvertrag mit Sky geschlossen wurde, der es Sky erlaubt, die meisten HBO-Inhalte exklusiv in Deutschland zeigen zu dürfen.
Dieser Vertrag läuft noch bis 2025, so dass HBO Max regulär erst 2026 nach Deutschland kommen könnte . Warner sucht wohl seit drei Jahren nach einer Möglichkeit, sich von diesem Vertrag zu lösen – bisher aber ohne Erfolg. Demnach sind die Chancen derzeit für Sky gering, dass Warner den bisherigen Vertrag verlängert.