Digitalzwang bei Ryanair: Umständlich und diskriminierend
Ryanair will schon seit längerer Zeit Bordkarten in Papierform abschaffen und macht nun Ernst: Ab dem 12. November 2025 akzeptiert der irische Billigflieger keine ausgedruckten Bordkarten mehr. Stattdessen müssen die Passagiere den elektronischen Check-in mithilfe der Smartphone-App myRyanair absolvieren und erhalten dann in dieser App auch ihre digitale Bordkarte.
Der bisher mögliche digitale Check-in vom heimischen Computer aus mit anschließendem Download der Bordkarte im PDF-Format und deren Ausdruck entfällt ebenfalls. Zwar ist der Ausdruck von Bordkarten am Flughafenschalter noch möglich – wenn das Smartphone von Fluggästen nicht funktioniert oder verloren gegangen ist -, allerdings ist es dazu notwendig, dass der Check-in zuvor mit der Smartphone-App ausgeführt wurde(öffnet im neuen Fenster).
Die irische Fluggesellschaft hat sich als Billigflieger mit niedrigen Preisen in Europa fast eine Monopolstellung aufgebaut. Sie begründet die erzwungene Einführung der digitalen Bordkarte mit Umweltaspekten, einem verbesserten Kundenservice durch Bereitstellung von Zusatzdiensten in der App und dem bisherigen Kundenverhalten: Nahezu 80 Prozent aller Ryanair-Kunden nutzten bereits die myRyanair-App, so dass es nun "an der Zeit [ist], auch die verbleibenden Fluggäste auf die digitale Technik umzustellen,"verkündete der Marketing-Chef des Unternehmens, Dara Brady, in einer Pressemitteilung.
Ryanair-Chef Michael O'Leary erklärte zusätzlich in einem Interview mit der britischen Onlinezeitung The Independent, dass zwischen 85 und 90 Prozent der Fluggäste das Smartphone nutzten und fast 100 Prozent aller Passagiere ein Smartphone besäßen, so dass man nun alle Passagiere auf die digitalen Prozesse per Smartphone-App umstellen könne(öffnet im neuen Fenster). Auch etablierte Verifizierungsprozesse für Fluggäste, die ihren Flug über einen externen Reiseveranstalter gebucht haben, müssen über die Smartphone-App ausgeführt werden.
Für viele Passagiere wird es umständlicher
Die angebliche Verbesserung des Kundenservice von Ryanair ist jedoch für viele Fluggäste nur ein Scheinargument, denn für Passagiere, die einen Flug mit der irischen Billigairline in die Türkei, nach Albanien oder nach Marokko planen, wird das Prozedere beim Check-in durch die erzwungene Digitalisierung per Smartphone erheblich umständlicher.
Vor allem in den beliebten Urlaubsdestinationen Türkei und Marokko werden beim Boarding nämlich keine digitalen Bordkarten in einer Smartphone-App akzeptiert. Auf eine Anfrage von Golem, wie Ryanair mit diesen staatlichen Vorgaben zukünftig umzugehen gedenkt, wurde uns mitgeteilt, dass Passagiere, die in diese Länder fliegen, ihren Check-in digital ausführen müssen, während bei Abflügen aus diesen Ländern weiterhin die Bordkarte in ausgedruckter Form benötigt wird.
Urlauber müssen sich also darauf einstellen, dass sie für die Reise in eines dieser Länder das Smartphone benötigen, während für die Rückreise die Bordkarte vermutlich am Check-in-Schalter des Flughafens direkt ausgedruckt werden muss. Es ist – weil keine Bordkarten mehr vor der Abreise von den Fluggästen zu Hause ausgedruckt werden können – daher auch davon auszugehen, dass sich fortan lange Schlangen vor den wenigen von Ryanair besetzten Check-in-Schaltern an den türkischen und marokkanischen Flughäfen bilden werden. Von einer Verbesserung des Kundenservice kann somit in diesen Fällen keine Rede sein.
Massive Diskriminierung
Insbesondere für ältere Passagiere, die kein Smartphone nutzen, aber auch für Menschen mit (Seh-)Behinderung, die solche Geräte gar nicht nutzen können, stellt der Digitalzwang der irischen Airline eine massive Diskriminierung dar. Auf die daher vielfach von Verbraucherschützern und in den Medien geäußerte Kritik reagiert die Billigfluggesellschaft unwirsch und ausweichend: So könnten Menschen ohne Smartphone ja einen Freund oder Familienmitglieder bitten, die Bordkarte in die App herunterzuladen.
Airline-Chef Michael O'Leary erklärte in einem Interview mit der irischen Tageszeitung The Irish Examiner dreist, es sei ein "Mythos", dass ältere Menschen nicht auf neue Technologien umsteigen könnten, denn selbst seine 86 Jahre alte Mutter nutze die Ryanair-App(öffnet im neuen Fenster).
Über die Art und Weise, wie Ryanair mit Fluggästen mit Behinderung umzugehen gedenkt, die ein Smartphone nicht nutzen können, reagiert die Fluggesellschaft ebenfalls ausweichend: So wurde auf eine entsprechende Presseanfrage von Golem lediglich auf die Aussagen des Airline-Chefs im Interview des Irish Examiner vom 25. September 2025 verwiesen. In diesem Interview werden Menschen mit Behinderung jedoch gar nicht thematisiert.
Auch in den Pressemitteilungen der Fluggesellschaft kommen sie nicht vor. Golem kontaktierte deshalb erneut die Presseabteilung von Ryanair und erbat Auskunft zum Umgang der Fluggesellschaft ab dem 12. November mit Passagieren mit Behinderung, die kein Smartphone verwenden können. Auf diese weitere Anfrage antwortete der irische Billigflieger nicht mehr.
Das erweckt den Eindruck, Menschen mit Behinderung, die kein Smartphone oder Tablet nutzen können, seien in dem von Profitgier geprägten Geschäftsmodell von Ryanair als Kunden unerwünscht. Schließlich werden sie gar nicht erst mit einem bedürfnisorientiert angepassten Angebot berücksichtigt.
Widerstand formiert sich
Doch es formiert sich bereits Widerstand gegen den Digitalzwang. Die belgische Konsumentenvereinigung Testaankoop nannte die Entscheidung zur Einführung der digitalen Bordkarte bei Ryanair bereits eine "diskriminierende Praxis". Es kann davon ausgegangen werden, dass auch in anderen Ländern Europas Verbraucherschutzorganisationen gegen Ryanair vorgehen werden.
Dabei wird zu überprüfen sein, inwiefern die Billigairline mit diesem Geschäftsgebaren gegen zahlreiche Inklusionsgesetze in unterschiedlichen Ländern und gegen Grundrechte verstößt. Ob Ryanair die digitale Bordkarte in dieser Form wird beibehalten können, werden also wohl wieder die Gerichte entscheiden müssen.
IMHO ist der Kommentar von Golem. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).



