Digitalstrategie: Europa forciert Abkehr von US-Technologie

Angesichts wachsender politischer Unwägbarkeiten in den USA und einer Reihe kritischer Infrastrukturausfälle im Jahr 2025 intensiviert Europa seine Bemühungen um technologische Souveränität. Das berichtete das Wall Street Journal(öffnet im neuen Fenster) .
Ziel sei es, die Abhängigkeit von US-Plattformen zu verringern, die derzeit weite Teile der europäischen Wirtschaft stützen. Ein plötzlicher Entzug des Zugangs zu US-Rechenzentren oder Softwarelösungen gilt in Brüssel mittlerweile als ernsthaftes Risiko für die staatliche Funktionsfähigkeit.
Die Dominanz der US-Anbieter bleibt massiv: Die drei Marktführer Amazon, Microsoft und Google kontrollieren weiterhin rund 70 Prozent(öffnet im neuen Fenster) des europäischen Cloud-Marktes. Die wirtschaftliche Verflechtung ist gewaltig. Schätzungen für das Jahr 2024 gehen davon aus, dass US-Unternehmen digital lieferbare Dienstleistungen im Wert von rund 360 Milliarden US-Dollar nach ganz Europa exportierten, wobei allein auf die EU-Mitgliedstaaten knapp 295 Milliarden US-Dollar entfielen.
Schwere Ausfälle als Weckruf
Zusätzliche Dringlichkeit erhielt die Debatte durch zwei großflächige Störungen im Herbst 2025. Am 20. Oktober 2025 führte ein Fehler im automatisierten DNS-Management bei Amazon Web Services (AWS) zu einem massiven Blackout, der Millionen von Diensten weltweit lähmte. Nur zwei Monate später, am 5. Dezember 2025, beeinträchtigte ein schwerer Ausfall bei Cloudflare rund 28 Prozent des globalen HTTP-Traffics. Diese Vorfälle verdeutlichten die Risiken der einseitigen Konzentration auf wenige US-Anbieter.
In Deutschland schuf Schleswig-Holstein als Vorreiter bereits Fakten. Bis Ende 2025 wurden dort rund 80 Prozent der Verwaltungsarbeitsplätze auf Libre Office umgestellt und 44.000 E-Mail-Konten auf die Open-Source-Lösung Open-Xchange migriert. Während das Land damit die praktische Umsetzung anführt, testet das Bundesdigitalministerium mit Opendesk weiterhin eine eigene Open-Source-Suite für Bundesbehörden, um den Vendor Lock-in bei Microsoft-Produkten zu beenden.
Politische Bestrebungen und Reaktionen
Auf politischer Ebene fordern Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine "europäische Präferenz" bei der IT-Beschaffung. Macron betonte auf einem Souveränitätsgipfel im November 2025, dass der Aufbau eigener " Champions " notwendig sei, um ein 'Vasallentum' zu verhindern(öffnet im neuen Fenster) .
Parallel dazu versuchen US-Konzerne, mit lokalisierten Angeboten gegenzusteuern. Microsoft baut seine Kooperation mit der SAP-Tochter Delos Cloud aus, während Amazon eine sogenannte Sovereign Cloud in Deutschland betreibt, die ausschließlich von EU-Bürgern verwaltet wird. Ob diese Maßnahmen ausreichen, um die europäische Politik von ihrem Kurs der Entkopplung abzubringen, bleibt angesichts der jüngsten Entwicklungen fraglich.
Hinweis in eigener Sache: Golem organisiert eine neue Konferenz zu IT-Souveränität! Die Rack & Stack(öffnet im neuen Fenster) findet im April statt – bis Ende Januar gelten noch günstigere Ticket-Preise.