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Digitalisierung: Das digitalste Dorf der Welt liegt in Deutschland

Was läuft im Amt
Etteln in Ostwestfalen wurde 2024 als beste Smart City der Welt ausgezeichnet. Wie das gelang, erklärt der Ortsvorsteher Ulrich Ahle.
/ Gerd Mischler
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Etteln hat Glasfaser für alle. (Bild: Etteln-aktiv e.V.)
Etteln hat Glasfaser für alle. Bild: Etteln-aktiv e.V.

Wer im Ortsteil Etteln der Gemeinde Borchen ein Auto braucht, bekommt es von der Gemeinde. Zumindest kann man sich dort einen siebensitzigen Elektrokleinbus leihen – kostenlos! Auch ein E-Lastenrad können sich die Einwohner gratis borgen. Buchbar sind die Fahrzeuge über die App des Dorfes. Diese dient auch als digitaler Marktplatz und Kommunikationsplattform. Außerdem profitieren die Ansässigen von einem Stromtarif, der immer 30 Prozent günstiger ist als der Preis für die Grundversorgung.

Möglich ist das nicht nur, weil Etteln 34-mal mehr Energie aus Wind- und Sonnenkraft produziert, als es selbst verbraucht. Die Lebensqualität der 1.750 Einwohner des ostwestfälischen Dorfes ist vor allem deshalb so hoch, weil das Dorf das smarteste der Welt ist.

Das befand das Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) im Jahr 2024. Der international größte Berufsverband für Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler aus der Elektro- und Informationstechnik mit 486.000 Mitgliedern vergibt im Rahmen des Smart Cities Contest(öffnet im neuen Fenster) jedes Jahr einen Preis für die digitalste Kommune der Welt. Den holte sich Etteln vergangenes Jahr vor Hongkong und Indiens IT-Metropole Pune.

Digitalisierung ist möglich – auch in Deutschland

Gelungen ist das, weil Ettelns Bürger mit viel Eigenverantwortung, unglaublichem Engagement und einem hohen Maß an IT-Kompetenz Schwierigkeiten bei der Digitalisierung überwanden. Die gab es dort ebenso wie überall in Deutschland. Das Beispiel Etteln zeigt daher: Digitalisierung im öffentlichen Raum ist möglich, auch in Deutschland. Doch Bürger müssen das wollen und dürfen nicht darauf warten, dass andere sie mit digitaler Infrastruktur und smarten Angeboten versorgen.

Was Etteln auf die Beine gestellt hat, was davon die 16-köpfige Jury der IEEE besonders überzeugte, und wie dem Dorf gelang, was hierzulande anderswo scheitert, erklärt der Ortsvorsteher Ulrich Ahle im Interview mit Golem.

Ahle vertritt den Ortsteil Etteln in der Gemeinde Borchen im Landkreis Paderborn. Zudem war er 20 Jahre Mitglied des Rats von Borchen. Seit 2023 ist der Ingenieur für Konstruktionstechnik Vorstandsvorsitzender der Gaia-X Association(öffnet im neuen Fenster) , einer Initiative zur Schaffung eines vertrauensbasierten, auf offenen Standards und Schnittstellen aufgebauten Datenraums in Europa.

Davor leitete Ahle die Fiware Foundation, die er im Jahr 2016 gegründet hat. Diese entwickelt und pflegt die weltweit führende Open-Source-Technologie für die Digitalisierung von Städten und Kommunen. Er ist außerdem Gründungsmitglied und Mitglied des Vorstandes der International Data Spaces Association in Deutschland. Beim französischen IT-Dienstleister Atos war er für das Consulting-&-Systems-Integration-Geschäft mit Industriekunden und die Beratung zu Industrie 4.0 verantwortlich.

Golem: Herr Ahle, wie wird ein Dorf mit 1.750 Einwohnern zur besten Smart City der Welt?

Ulrich Ahle: Die Geschichte begann 2012. Damals sollte unsere Grundschule geschlossen werden, weil es nicht mehr genug Schüler gab. Das hat der von den Bürgern gegründete Verein Etteln-aktiv abgewendet. Zur gleichen Zeit kam der Bürgermeister von Borchen zu mir und berichtete, die Gemeinde hätte so viele Anfragen für Bauplätze, dass sie diese nicht mehr bedienen könne. Wenn er Interessenten aber sagte, in Etteln gäbe es noch Grundstücke, wollte da keiner hin.

Golem: Vergleichbare Probleme müssen viele Gemeinden lösen. Nicht alle werden dadurch zum smartesten Dorf der Welt. Wie ist ihnen das gelungen?

Ahle: Wir haben zunächst sogenannte Dorfwerkstätten eingerichtet und sind uns unserer Stärken und Schwächen bewusst geworden. Dann haben wir Arbeitsgruppen zu den Themen Bauen und Wohnen, Schule und Bildung sowie Marketing gebildet.

Die Marketing-Gruppe kam 2017 zu der Erkenntnis, dass sich Digitalisierung als Markenkern für den Ort gut eignen würde. Gemeinsam mit Etteln-aktiv haben wir im Jahr darauf eine Zukunftskonferenz zum Thema Digitalisierung auf dem Land gemacht. Dabei wurde uns klar, dass wir das digitalste Dorf Deutschlands werden wollen. Uns war aber auch sehr schnell bewusst, dass wir zunächst eine vernünftige Kommunikationsinfrastruktur brauchten.

Lorawan, IoT, 5G und jedes Haus mit Glasfaser

Golem: Kommunikationsinfrastrukturen fehlen in Deutschland vielerorts. In Etteln hat heute jedes Haus Glasfaseranschluss, außerdem wurde ein Long Range Wide Area Network eingerichtet, überall im Ort gibt es 5G und es wird Narrow Band IoT genutzt – eine Funktechnologie für das Internet der Dinge. Wie baut eine kleine Gemeinde so eine Infrastruktur auf?

Ahle: Zu einem nicht unerheblichen Teil in Eigenleistung.

Golem: Ehrlich?

Ahle: Ja, Borchen nahm Ende des vergangenen Jahrzehnts als einzige Gemeinde im Landkreis Paderborn nicht am Weiße-Flecken-Programm der Bundesregierung(öffnet im neuen Fenster) teil. Dabei übernahm der Bund zwar 90 Prozent der Kosten des Glasfaserausbaus im Außenbereich. Die verbleibenden zehn Prozent waren dem damaligen Bürgermeister aber zu viel.

Deshalb haben wir in Etteln die Ärmel hochgekrempelt und in 3.500 ehrenamtlichen Arbeitsstunden 30 Kilometer Glasfaserleitungen im Außenbereich verlegt. Wir haben 55 Häuser und Höfe angeschlossen. Im Ortskern hat das die Deutsche Glasfaser gemacht, weil es sich dort für das Unternehmen lohnte.

Golem: Wie haben Sie das finanziert?

Ahle: Hätten wir das mit Infrastrukturbetreibern gemacht, hätte uns der Ausbau 2,7 Millionen Euro gekostet. Das hatte ein Fachbüro geschätzt. Wir haben am Schluss 100.000 Euro investiert. Davon übernahm die Gemeinde die Hälfte, 40.000 Euro zahlten die Eigentümer der Immobilien, die wir anschlossen.

Die restlichen 10.000 Euro für Versicherungen, die Betriebsmittel der Maschinen, die wir kostenlos gestellt bekamen, Bratwurst und Bier kamen durch Spenden zusammen. Außerdem waren wir mit dem Projekt nach einem halben Jahr fertig. Andere Gemeinden haben teils bis zu sechs Jahre gebraucht.

Golem: Wie weckt eine Gemeinde ein derartiges Engagement und eine solche Beteiligung ihrer Bürger am Dorfleben?

Ahle: Das hat hier Tradition. Wir haben in Etteln schon Brücken selbst gebaut und Wege gepflastert. Die Bereitschaft, sich einzubringen, gehört zum Selbstverständnis der Menschen hier. Was uns allerdings gelang, ist diese Bereitschaft und die Fähigkeit, die es für kompetente ehrenamtliche Arbeit braucht, von der analogen in die digitale Welt zu überführen.

Golem: Wie meinen Sie das?

Ahle: In unserer Region gibt es eine hohe Dichte von IT-Firmen. Entsprechend arbeiten hier viele Menschen, die sich mit digitalen Technologien auskennen. Auch in Etteln haben wir ein IT-Unternehmen. Das kommt daher, dass Siemens Nixdorf seinen Hauptsitz bis Ende der 1990er Jahre in Paderborn hatte – nur 15 Kilometer von Etteln entfernt. Diese IT-Kompetenz hat sich in Etteln mit der Kultur des ehrenamtlichen Engagements verbunden.

Golem: Wie ging es nach dem Aufbau der Infrastruktur auf dem Weg zum smartesten Dorf der Welt weiter?

Ahle: Wir haben eine Digitalisierungsstrategie erstellt und Förderprogramme gesucht, um sie umsetzen zu können. Allerdings war der Eigenanteil bei vielen Programmen so groß, dass unser damaliger Kämmerer sagte: Digitalisierung könnten wir uns nicht leisten. Wenn die Gemeinde mehr als ein Drittel der Kosten dafür aus einem Haushalt nehmen muss, der schon strukturell nicht ausgeglichen ist, ginge das nicht.

Golem: Und dann?

Ahle: Haben wir uns Fördermöglichkeiten für kleinere Projekte gesucht, darunter auch die für unser Kernprojekt Digitaler Ortszwilling Etteln(öffnet im neuen Fenster) . Gefördert wird es vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat. Es fördert gemeinnützige eingetragene Vereine im Rahmen des Programms sogar zu hundert Prozent. Deshalb haben wir ein Konsortium gegründet, zu dem auch der Verein Etteln-aktiv gehört.

Golem: Wie sieht der digitale Zwilling des Dorfes aus, den Sie im Rahmen des Projekts aufgebaut haben?

Ahle: Wir haben auf Grundlage von Fiware, der Open-Source-Technologie für die Digitalisierung von Städten und Gemeinden, eine Plattform in Etteln eingerichtet. An die haben wir über die Funknetze, die wir haben, eine Vielzahl von Sensoren angebunden.

Diese messen vom Grundwasserspiegel und Flusspegel der Altenau über die Regenmenge, Bodenfeuchte sowie Schneehöhe bis zum Füllstand der Altkleidercontainer, der Zahl der Autos und Fahrräder, der Luftqualität sowie den meteorologischen Werten unzählige Daten. Diese beschreiben, was um uns herum passiert. Alle Informationen bilden wir in Echtzeit in einem dreidimensionalen Zwilling des Dorfes ab.

Um den zu modellieren, hat ein Dienstleister das Dorf mit einer Drohne überflogen. Die erstellte mit einem Lidar-Sensor eine Punktwolke des Ortes. Anschließend wurde das Gerüst texturiert. So bekamen wir ein lebensechtes dreidimensionales, digitales Abbild von Etteln.

Open Source und offene Schnittstellen sind am wichtigsten

Golem: Warum war Ihnen bei diesem Projekt die Verwendung von Open Source so wichtig?

Ahle: Weil die Tatsache, dass Deutschland führenden Ländern bei der Digitalisierung wenigstens zehn Jahre hinterherhinkt, eine riesige Chance für uns ist. Denn wir müssen nichts neu erfinden. Viele Lösungen gibt es schon. Allerdings brauche ich Interoperabilität, um die verschiedenen vorhandenen Lösungen integrieren und nutzen zu können.

Das ermöglichen Open Source und – was noch viel wichtiger ist – offene und einheitliche Schnittstellen und Datenmodelle. Dass wir diesen integrativen Ansatz verfolgen, hat die Jury der IEEE am meisten überzeugt, als sie uns als smartestes Dorf der Welt auszeichnete.

Golem: Welche Bausteine ihres digitalen Ökosystems sind für die Ettelner Bürger besonders wichtig?

Ahle: Unsere Dorf-App Crossiety ist sehr wichtig für die Kommunikation im Ort. Außerdem, denke ich, sind das über das Internet buchbare Elektrodorfauto und das E-Lastenrad für viele Menschen hilfreich. Dank der Digitalisierung sind wir außerdem ein Energiedorf, das einen exklusiven Stromtarif hat, der 30 Prozent unter dem Tarif für die Grundversorgung liegt.

Golem: Wieso gelingt das nur durch die Digitalisierung?

Ahle: Durch den steigenden Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung werden wir in Zukunft immer weniger beeinflussen können, wann Strom produziert wird. Was wir aber steuern können, ist, wie und wann er verbraucht wird. Da kann ich allerdings nicht darauf hoffen, dass alle zuhause sind und händisch ihre Wallbox oder Wärmepumpe einschalten, wenn gerade der Wind besonders kräftig weht oder viel Sonne scheint. Diese Steuerung geht nur mithilfe der Digitalisierung und Automatisierung. Beides brauchen wir auch, um Anreizsysteme und dynamische Strompreise einführen zu können.

Golem: Wie hat sich durch die Digitalisierung des Ortes die Dorfgemeinschaft verändert?

Ahle: Die Ettelner sind auf jeden Fall stolz, dass sie das erreicht haben, was sich die Arbeitsgruppe Marketing vor sieben Jahren vorgenommen hat. Heute ist Digitalisierung unser Markenkern. Niemand behauptet mehr, Etteln liege hinterm Mond, da wolle er oder sie nicht hin. Unsere Grundschule besuchen ab kommendem Schuljahr 80 Kinder. Bauplätze haben wir keine mehr. Das ist heute unser größtes Problem.

Golem: Haben Sie noch Pläne für die digitale Zukunft von Etteln?

Ahle: Genug. In den kommenden Monaten bauen wir mit Community-X den ersten kommunalen Datenraum in Europa für die Bereiche Energie, Mobilität und kommunale Angelegenheiten auf. Dazu überführen wir unsere Fiware-basierte Digitalisierungsplattform in einen Datenraum auf Grundlage des europäischen Vorbilds Gaia-X. Außerdem richten wir aktuell eine Praxis für Telemedizin ein.

Golem: Gibt es so etwas nicht schon?

Ahle: Nicht in der Form. In unserer Praxis wird eine speziell ausgebildete Krankenschwester Patienten mithilfe einer Vielzahl vernetzter Untersuchungsgeräte betreuen. Das beginnt beim EKG und Ultraschall und geht bis zum digitalen Spatel, der ein dreidimensionales Abbild des Mundinnenraums macht.

Die Untersuchungsergebnisse der Geräte werden auf eine digitale Plattform geladen und dort mit künstlicher Intelligenz voranalysiert. Ihre Ergebnisse wiederum bekommt der Allgemeinmediziner aus dem Nachbarort, der mit ihrer Hilfe eine eigene Diagnose erstellt und dem Patienten in einem Videocall vorstellt.

So wollen wir 80 Prozent aller Arztbesuche abwickeln. Nur in jedem fünften Fall müssen Patienten dann noch ins Auto steigen und in eine andere Praxis oder Klinik fahren. Das passiert im Rahmen eines Pilotprojekts der Techniker Krankenkasse, das wir als erster Standort in Deutschland umsetzen.

Golem: Herr Ahle, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


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