Gefährliches Schlagwort der digitalen Souveränität

Der Begriff Digitale Souveränität klingt dabei erstmal nach etwas Gutem. Auch die Definition, nach der Menschen oder Gesellschaften digitale Medien selbstbestimmt nutzen können, geht definitiv in die richtige Richtung. Erstmal. Bis man kurz darüber nachdenkt und sich fragt: Digitale Souveränität für wen?

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Denn hier geht es nicht um die Digitale Souveränität für die Menschen oder Gesellschaften, sondern um die Digitale Souveränität von Unternehmen und Staaten. Damit wird der Begriff plötzlich in das Gegenteil der anfangs schön klingenden Definition verkehrt und führt zu mehr Einschränkung, Kontrolle und Überwachung statt zu mehr (Wahl-)Freiheit. Und genau das fordern die Provider ja nun auch.

Geschäftsinteressen der Provider

Dass es eben nicht um die Nutzer und deren Digitale Souveränität geht - und auch nicht wie in dem Brief großspurig bekundet um die Digitale Souveränität in Europa, beweist die Telekom mit ihrer US-Tochter T-Mobile. Denn auch in den USA geht die Telekom gegen Apples VPN-Dienst vor und blockiert diesen nun.

Manche T-Mobile Nutzer in den USA erhielten demnach von Apple schlicht die Nachricht "Ihr Mobilfunktarif unterstützt iCloud Private Relay nicht", wenn sie Private Relay aktivieren wollen. T-Mobile blockiere die Funktion möglicherweise, um "die Fähigkeit zur Überprüfung des Datenverkehrs oder zur netzwerkbasierten Filterung" - also beispielsweise einen Jugendschutzfilter - zu ermöglichen, erklärt Apple weiter.

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Tatsächlich vermarkten die deutschen Mobilfunkanbieter Telekom und Telefonica/O2 die Daten ihrer Nutzer, sofern diese nicht widersprechen. Dazu zählen unter anderem das Alter, die Postleitzahl, der Aufenthaltsort und das Geschlecht der Kunden. Diese sollen beispielsweise anonymisiert an Handelsketten und Shopping-Center verkauft werden, damit diese Zielgruppen in ihren Filialen ermitteln können.

In den USA gehen die Provider gar noch einen Schritt weiter und werten die Daten ihrer Nutzer direkt für Werbung aus. Aber auch Dienste jenseits der Netzneutralität, also dem Priorisieren und Blockieren von Verbindungen, funktionieren nur zielführend, wenn die Provider weiter Zugriff auf den Traffic haben. Diese Möglichkeiten wollen sich die europäischen Provider offenbar auch offenhalten. Anders ist der Brief an die Kommission kaum zu erklären.

Zum möglichen Zweck der Nutzerüberwachung und der Möglichkeit, damit Geld zu verdienen, fordern die Provider nun also ziemlich deutlich in Europa politische Maßnahmen, die es Nutzern verhindern, dieses Tracking zu umgehen oder sich aus dem vom Provider kontrollierten Netz auszuklinken.

Schlechtes Vorbild China

Mit ihren Argumenten, die sich etwa gegen VPNs aussprechen und für ein souveränes - also abgeschottetes Netz - eintreten, bewegen sich die Provider aber sehr stark in Richtung des Internets in China. Das ist fast unter vollständiger Kontrolle der Regierung und Provider, Maßnahmen dagegen gibt es wenn überhaupt nur sehr wenige. Wenig überraschend steht Apples Private Relay dort auch nicht zur Verfügung.

Zugegeben, auch Dienste wie Apples Private Relay oder DoH, das über Cloudflare läuft, basieren auf der riesigen Marktmacht einiger weniger Unternehmen, was auch zu einer Zentralisierung der Datensammlung führen kann. Endkunden und Nutzer haben hier aber letztlich immer noch die Möglichkeit, sich für diese Dienste oder aber auch für Alternativen bis hin zu selbst betriebenen Servern zu entscheiden. Die Argumentation der Provider ist aber grundsätzlicher Natur.

Damit zeigt sich, dass die Debatte um die sogenannte Digitale Souveränität Europas oder auch Deutschlands schnell für gefährlichen Nationalismus und gegen die Interessen der Endkunden und Nutzer mißbraucht werden kann. Einigen konservativen Sicherheitspolitikern gefällt das sicher. Eine offene Gesellschaft sollte sich dem aber explizit entgegenstellen und diese Art der Digitalen Souveräntität ablehnen.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de [IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)]

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 Fadenscheinige Argumente der Provider
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ovbspawn 13. Jan 2022 / Themenstart

Stimme ich zu, das größte Problem ist eher der Euro bzw. dass die Leitung der EZB schon...

jsonn 12. Jan 2022 / Themenstart

Dem steht insbesondere bei der Telekom der Missbrauch ihrer Kunden entgegen. Mit Apple...

Analysator 11. Jan 2022 / Themenstart

In Ländern mit brauchbaren Handyverträgen würde niemand streamOn buchen müssen, aber wir...

TurbinenBewunderer 11. Jan 2022 / Themenstart

Solange mit dem Finger auf einzelne Entitäten gezeigt werden kann, werden wir immer...

Extrawurst 11. Jan 2022 / Themenstart

"Der Begriff Digitale Souveränität klingt dabei erstmal nach etwas Gutem." Mittlerweile...

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