Die Theorie von Allem: Wie Everything Everywhere All At Once, nur intellektueller
Es ist erst der dritte Film von Autor und Regisseur Timm Kröger – und was für einer. Schwer greifbar: ein Thriller, ein Film Noir, vor allem aber Science-Fiction, und das (mehrheitlich) in Schwarz-Weiß. Die Deutschlandpremiere fand gestern (29. September) beim Filmfest Hamburg statt, am 26. Oktober läuft er hierzulande im Kino an.
Die Handlung beginnt eigentlich 1974, aber was der Film uns zeigt, ist nur der Rahmen – eine Talkshow, wie sie damals im öffentlich-rechtlichen Fernsehen typisch war. Der Autor Johannes Leinert ist dort, um seinen Roman Die Theorie von Allem vorzustellen, der Moderator macht sich darüber lustig. Weil es Science-Fiction ist, aber vor allem, weil Leinert darauf besteht, dass die Geschichte so passiert sei.
Zeitsprung zwölf Jahre in die Vergangenheit (ab jetzt ist alles in Schwarz-Weiß gehalten). Leinert reist mit seinem Doktorvater Stratten zu einem Kongress in die Schweizer Alpen. Dort taucht der angekündigte Redner nicht auf, die Gäste vergnügen sich anderweitig.
Leinert lernt Professor Blumberg kennen, den Stratten verabscheut. Blumberg interessiert sich für Leinerts Theorie, während Stratten sie ablehnt: Leinert glaubt an die Existenz paralleler Realitäten. Dann stirbt jemand, Leinert trifft auf eine geheimnisvolle Frau, die praktisch alles über ihn weiß, und ihm wird klar, dass unter dem Berg ein Geheimnis lauert.
Schwarz-Weißes Flair
Die Optik des Films ist beeindruckend – und der Verzicht auf Farbe eine gute Idee. Für die Umsetzung zeichnet Kameramann Roland Stuprich verantwortlich, der grandiose Bilder erzeugt. Untermalt werden sie von Diego Ramos' Musik. Sie wirkt altmodisch, wie aus einem Film der 1960er Jahre – und darum sehr passend, zumal Kröger hier eine Geschichte erzählt, die Anleihen bei Hitchcock nimmt.
Aber: Das gilt für den Stil, auch für die hohe Spannung an sich, nicht jedoch für die Art, wie Hitchcock mit Suspense arbeitete. Hitchcock weihte den Zuschauer immer ein. Das Publikum wusste mehr als der Protagonist, und das konnte nervenzerrend sein. Hier ist man nie schlauer als Johannes Leinert. Im Gegenteil, man entdeckt mit ihm diese neue Welt, in die er gestolpert ist.
Das Multiversum
Dass es bei dem Mysterium um eine parallele Welt geht, ist nie das Geheimnis. Das Drumherum ist es. Faszinierend ist auch, wie die beiden Autoren (neben Kröger ist das Roderick Warich, mit dem er bereits zum dritten Mal zusammenarbeitet) einen wissenschaftlichen Unterbau schaffen, um die Theorie vom Multiversum zu stützen. Dabei geraten sie aber nie in die Fallstricke lähmender und erdrückender Exposition, sondern machen den Fachdiskurs der Hauptfiguren zu einem essenziellen Teil der Geschichte.
In Zeiten, da das Konzept des Multiversums querbeet durch alle großen Blockbuster zelebriert wird, ist es erfrischend, einen Film zu sehen, der einen anderen Ansatz wählt. Die Theorie von Allem ist so etwas wie die Antwort auf Everything Everywhere All At Once . Aber wo dieser von einer Welt in die nächste springt und auf Action setzt, ist Krögers Film sehr viel intellektueller.
Das Publikum wird nie für dumm verkauft. Es wird auch nicht unterschätzt. Die Theorie von Allem ist Kino für den Kopf – zum Nachdenken, zum Sinnieren, zum Spüren. Und das bis hin zu dem ausgiebigen Epilog, der in Kurzform zeigt, wie das Leben nach dieser schicksalhaften Zeit in den Schweizer Alpen weitergeht.
Damit rückt der Film Johannes Leinert einmal mehr in den Fokus, arbeitet aber auch auf einer Metaebene, die die Realität des Filmes selbst in Frage stellt. Was, wenn die Geschichte wahr ist, schon immer wahr war und stets wahr sein wird – und jede neue Permutation vom Erlebten zum Roman zum Film im Film zum Film, den man nun sieht, nur eine Variante dessen ist, was als Realität definiert wird?
Die Theorie von Allem ( Trailer(öffnet im neuen Fenster) ) feierte ihr Debüt bei den 80. Internationalen Filmfestspielen Venedig(öffnet im neuen Fenster) und war dort auch im Rennen um den Goldenen Löwen.
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