Die Datenschutzmärchen - Folge 3: Rotkäppchen und die Bärendienste

Inhalt
In der letzten Folge – Rotkäppchen und die Inferenz-Attacke – haben wir uns mit der Tragweite von Alltagsdatenspuren befasst, die kaum vermeidbar sind, und mit einfachen Möglichkeiten der Reduktion und des Selbstschutzes. Sie nicht zu nutzen, ist Selbstgefährdung – so wie das unbedachte Ausplaudern von Informationen bei den sieben Geißlein .
In dieser Folge betrachten wir, warum und wie diejenigen, die personenbezogene Daten Anderer verarbeiten, diese hüten sollten – einmal aus purem Anstand, ersatzweise wegen der Verantwortung und den Sorgfaltspflichten, die die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ihnen auferlegt. Außerdem skizzieren wir die Rechte der Betroffenen – also der Personen, die durch diese Daten identifiziert und beschrieben werden.
Dazu löse ich das Versprechen aus der letzten Folge ein, meinem Kind als Gute-Nacht-Geschichte eine ganz andere Version des Rotkäppchens zu erzählen(öffnet im neuen Fenster) – ohne Käppchen und Wolf ;-)
Großmutter Bär
"Wie versprochen: Heute Abend eine andere Version von Rotkäppchen. Dieses Märchen stammt aus Südchina, aus einer Gegend, die man Sichuan nennt. Ähnliche Geschichten(öffnet im neuen Fenster) gibt es in vielen Gegenden Asiens, und – erstaunlicherweise – auch in Italien, wo sie Die falsche Großmutter (La Nonna finta) heißt. Die hier finde ich aber die schönste."
Es war einmal ein Mädchen, das hieß Jinhua – das bedeutet "Goldene Blume". Es lebte mit seiner Mutter und dem kleinen Bruder in den Bergen. Eines Tages wollte die Mutter über Nacht die Tante der Kinder besuchen. Sie rief über das Tal hinweg die Großmutter, die auf dem anderen Berg wohnte, und diese versprach, in der Nacht die Kinder zu hüten. Dann betraute die Mutter Jinhua mit der Aufgabe, gut auf ihren kleinen Bruder aufzupassen, und machte sich auf den langen Weg.
"Aber warum ruft sie die Großmutter nicht einfach an oder schickt ihr eine E-Mail?", werde ich unterbrochen.
Ich erkläre meinem staunenden Kind, dass all diese Technik noch gar nicht so alt ist und beispielsweise die Oma als Kind noch kein Telefon im Haus hatte, weil es für die meisten Menschen viel zu teuer war. Und als ich Kind war, dauerte es noch Jahre, bis es E-Mail gab – und etliche weitere Jahre, bis viele Menschen darauf Zugriff hatten ...
Bei Sonnenuntergang hatte Jinhua ihr Tagwerk erledigt. Mit lauter Stimme rief sie über das Tal hinweg nach ihrer Großmutter, die normalerweise schnell antwortete. Doch obwohl Jinhua immer wieder und immer lauter nach ihr rief: Es blieb still. So mußte Jinhua alleine ins Haus gehen. Sie verschloß die Türe und erklärte ihrem Bruder, daß sie die Nacht alleine verbringen würden. Sie versicherte ihm, daß ihnen nichts passieren würde und da Jinhua glücklicherweise schon immer ein tapferes und kluges Mädchen war, glaubte das ihr Bruder auch.
Jinhua beruhigte ihn weiter mit Gute-Nacht-Geschichten, als es plötzlich an der Tür klopfte. Eine heisere Stimme murmelte leise: "Großmutter ist da!"
Der kleine Bruder war begeistert. Er drängte Jinhua, die Tür zu öffnen und ließ nicht locker. Die Stimme murmelte: "Kind, ich habe den ganzen Tag in der grellen Sonne gearbeitet und das Licht tut meinen Augen weh. Lösche erst die Kerzen und dann öffne die Tür."
Das tat Jinhua und es war stockfinster, als sie die Großmutter hereinbat. Jinhua führte die Großmutter zu dem Stuhl, in dem sie gerne saß. Kaum setzte sich die Großmutter, zerbrach der Stuhl unter ihr. Jinhua wunderte sich. Sie führte die Großmutter zu einem dicken, stabilen Keramiktopf bei der Feuerstelle. Darauf setzte sich die Großmutter.
(An dieser Stelle gab es einen von vielen Fragen begleiteten Exkurs über die Lebensumstände früherer Zeiten, den wir hier auslassen.)
"Ich muß noch die Glut sicher für die Nacht verwahren", sagte Jinhua und stocherte, ehe sie die Glut mit Asche bedeckte, absichtlich etwas wild darin herum. Die Glut leuchtete kurz auf und im schwachen roten Schein sah sie ein Paar pelziger Tatzen statt den Füßen ihrer Großmutter. Jinhua erschrak. Sie ahnte, was passiert sein mußte: In der Gegend lebte eine gefürchtete Bärin – bekannt als Großmutter Bär – die nachts um und in die Häuser schlich und die Kinder fraß, die sie erwischen konnte. Großmutter Bär mußte gehört haben, was Jinhuas Mutter über das Tal gerufen hatte und den Platz der richtigen Großmutter eingenommen haben. Jinhua atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen und dachte nach, was sie tun könnte.
"Ist die mutig! Hat Jinhua denn gar keine Angst?"
"Sicher hat sie Angst. Deswegen muss sie sich ja beruhigen. Die Angst warnt uns vor Gefahr – aber sie rettet uns nicht, sondern kann uns lähmen. Mutig zu sein heißt, zu erkennen, dass die Angst Dich nur warnt, aber nicht rettet, und dann die Angst beiseite zu schieben und all Dein Können, Dein Wissen und Deine Umgebung klug zu nutzen, um der Gefahr zu entgehen."
Zuerst brachte Jinhua ihren kleinen Bruder in ein anderes Zimmer, bettete ihn zur Nacht und sang ihm ein Schlaflied, bis er eingeschlafen war. Dann schloß sie das Zimmer ab. Sie ging zu Großmutter Bär zurück ...
"Aber warum hat sie das Zimmer nicht von innen abgeschlossen?"
"So eine Bärin ist sehr stark. Wenn die eine ganze Nacht Zeit hat, die Tür aufzubrechen, dann schafft sie das. Das hat sich Jinhua wahrscheinlich auch gedacht und sie hat einen raffinierteren Plan ..."
"Und warum ruft Jinhua nicht um Hilfe?"
"Das ist eine ländliche Gegend und die Häuser stehen dort weit auseinander – da würde sie wohl keiner hören ..."
Sie ging zu Großmutter Bär zurück und sagte: "Kann ich heute Nacht an Dich gekuschelt schlafen?" Großmutter Bär lief schon das Wasser im Mund zusammen und sie stimmte zu. "Bevor wir ins Bett gehen, muß ich aber noch draußen im Garten Groß machen", schob Jinhua nach. Damit ihr Abendessen nicht einfach wegrennen konnte, sagte Großmutter Bär: "Damit Du im Dunkeln wieder rein findest, binde ich Dir diese Schnur um." Das tat sie ...
Jinhua ging hinaus – und kam und kam nicht wieder. Ungeduldig zupfte Großmutter Bär an der Schnur. Es zupfte zurück ... Großmutter Bär wartete noch ein Weilchen, dann zog sie kräftig an der Schnur. Draußen schepperte es.
Ärgerlich rannte Großmutter Bär raus und sah im Mondlicht, daß Jinhua die Schnur an einem Tonkrug festgebunden hatte, der zuerst gewackelt hatte und schließlich umgefallen und zerbrochen war. Keine Spur von Jinhua ... Großmutter Bär sah sich im Garten um und entdeckte Jinhua im Teich. Aber immer, wenn sie versuchte, Jinhua mit ihren Tatzen herauszufischen, verschwand Jinhua. Plötzlich hörte sie Jinhua laut lachen. Tatsächlich saß diese auf dem Birnbaum beim Teich und im Wasser war nur ihr Spiegelbild. Großmutter Bär versuchte den Baumstamm hinaufzuklettern. Aber Jinhua wußte, daß Bären gute Kletterer sind. Deswegen hatte sie auf dem Weg nach draußen einen Krug altes, ranziges Tung-Öl mitgenommen. Das Öl hatte sie von oben auf dem Stamm verteilt, der nun durch das zähe, stinkende Öl glitschig war. Egal wie wütend die Bärin war und egal wie sehr sie sich anstrengte: Sie konnte den Baum nicht erklimmen.
Da sagte Jinhua: "Großmutter Bär, ich weiß, Du bist hungrig. Laß mich Dir einige Birnen ins Maul werfen, denn wenn Du sie in Deine Tatzen nimmst, dann werden sie durch das Öl ungenießbar."
Die Bärin stellte sich unter Jinhua und diese warf ihr eine Birne ins Maul. Dann sagte Jinhua: "Großmutter Bär, hier habe ich eine ganz große – reiß Dein Maul auf so weit es geht!" Jinhua aber hatte nicht nur den Topf Öl mitgenommen, sondern auch die Wurfpfeile, die man in dieser Gegend benutzt, um zu jagen und zu fischen. Und so flog, statt der erwarteten Birne, ein Wurfpfeil in den Schlund der Bärin. Diese stöhnte schmerzerfüllt, röchelte und brach zusammen.
Als die Sonne aufgegangen war, erwachte Jinhuas Bruder gut ausgeschlafen, ohne irgendetwas von den nächtlichen Abenteuern mitbekommen zu haben. Bald kam auch die Mutter zurück und half Jinhua vom Birnbaum. Und nachdem Jinhua erzählt hatte, was sich zugetragen hatte, lobte die Mutter, wie mutig und schlau sie sich und ihren Bruder verteidigt hatte.



