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Warum so ein Aufhebens um medizinische Daten?

Wieso sind medizinische Daten besonders? Vergleichen wir mit Bankdaten: Wird der Kontostand einer Person enthüllt oder auch der Kontoverlauf eines ganzen Jahres, ist das sicherlich unschön und potenziell rufschädigend. Aber in ein paar Jahren kann die wirtschaftliche Situation der Person eine ganz andere sein. Außerdem könnten ja weitere Konten existieren und somit das Bild aus diesem einen Konto ohnehin unvollständig sein.

Das ist bei Krankheitsdaten – denn "Gesundheitsdaten" ist ein Euphemismus, der verschleiert, worum es wirklich geht! – völlig anders: Alles, was potenziell rufschädigend oder beeinträchtigend ist, bleibt lebenslang gültig.

Schlimmer noch: Auch Krankheitsdaten von nahen Verwandten können das eigene Leben oder das der Kinder versauen. Das Wissen um erblich disponierte Krankheiten explodiert förmlich und die Attraktivität als Arbeit- oder Versicherungsnehmer könnte erheblich leiden, wenn diese Daten in falsche Hände gelangen. Immerhin trägt jeder 17. die Anlage einer "seltenen Krankheit" in sich, von denen 80 Prozent genetisch disponiert sind. Rund jeder 20. ist also Träger einer genetisch disponierten Krankheit!(öffnet im neuen Fenster) Über alle Verwandten 1., 2. und 3. Grades betrachtet, ist kaum jemand vor übereifrigen Inferenzen gefeit.

Es gibt keine "harmlosen Gesundheitsdaten", wie ein häufig genutztes Beispiel zeigt. Man wusste lange: Bei den Wirkstoffen Phenylephrin und Pilocarpin hatten manche Patienten eine scheinbar harmlose Überreaktion. Kein Ding: Es wird als Unverträglichkeit vermerkt und auf Alternativ-Substanzen ausgewichen. 2007 erwiesen sich diese Reaktionen aber als treffsicheres Frühdiagnostikum für Alzheimer- und Parkinson-Demenz – beide erblich disponiert(öffnet im neuen Fenster) . So wurde über Nacht aus einem "harmlosen Gesundheitsdatum" eine brisante, diskriminierende Information für die ganze Familie.

Krankheitsdaten sind bei Kriminellen und Diensten ein beliebtes Erpressungsmittel – Geld ist da die fantasielose Variante, Zwang zur Kooperation bei weiteren Aktionen die viel interessantere.

Sie sind interessante, geldwerte, digitale Hehlerware: In einer elektronischen Patientenakte stehen neben jeder Zahnreinigung auch Untersuchungen und Behandlungen nach sexuellem Missbrauch, Schwangerschaftsabbrüche, Fruchtbarkeitsbehandlungen, Geschlechtskrankheiten, Affenpocken und so weiter.

Wir wollen uns vielleicht nicht vorstellen, was man mit medizinischen Daten an Bösartigkeiten treiben kann, sollten es aber. Und auch wenn externe Angreifer medial und wahrscheinlich auch bei der Zahl der geschädigten Individuen dominieren, wir sollten die Innentäter nicht vergessen. Beispiele gibt es zuhauf. Besonders krass fand und finde ich: "BKA-Beamte handelten schwunghaft mit Akten" , berichtete die Frankfurter Rundschau am 7. April 2007 auf Seite 4. "Korrupte Mitarbeiter des BKA haben jahrelang höchst vertrauliche, staatsschutzrelevante Informationen aus dem Terrorismusbereich verkauft. Die Täter wurden noch nicht enttarnt, gab BKA-Präsident Jörg Ziercke bekannt(öffnet im neuen Fenster) . Der Nachrichtenhandel hatte laut Ziercke eine Dimension, 'wie ich es nicht für möglich gehalten habe'."

Bärinnen im schwarzen Schafspelz und/oder Uniform, die gefährlichen Bärinnen gefährliche Daten verkaufen – mir fehlen die Worte, weswegen ich jetzt ende.

Jinhua kann sich nicht einfach auf die Aufsichtspersonen verlassen, sondern muss wachsam und klug sich und ihre Lieben selbst schützen.

Der Text wurde unter Pseudonym veröffentlicht, damit nicht die Person im Vordergrund steht, sondern der Textinhalt; der Name ist der Redaktion bekannt.

Um eine pädagogische Nutzung zu ermöglichen – insbesondere die Anpassung an die jeweiligen Zielgruppe – wird der Text unter die Lizenz CC BY-NC-SA 4.0(öffnet im neuen Fenster) gestellt. Wir bitten um eine kurze Erwähnung, dass der Text zuerst bei Golem.de erschienen ist.


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