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Alle mal herhören

Manche Leser denken jetzt sicher: Jinhuas Mutter war aber sehr sorglos! Stimmt – und das dürfte sie ihre eigene Mutter gekostet haben. Das Märchen schweigt sich dazu aus, aber das Ausweiden von Bärinnen zur Wiedergewinnung von Großmüttern ist in chinesischen Märchen nicht üblich.

Viele Mobil-Telefonierer sind allerdings kaum weniger sorglos: Manche telefonieren so laut, als müsse die Distanz durch die Kraft der Stimme überwunden werden – und viele telefonieren auch mit Lauthören, damit die Umstehenden und -sitzenden beide Seiten der Konversation in allen sensiblen Details genießen können. Die ganze Welt als Telefonzelle, besonders Busse und Bahnen.

Unverschlüsselte Mails und verschlüsselte Chats sind zwar etwas besser, aber auch bei einem Chat-System mit angeblich anerkannt gutem Verschlüsselungsalgorithmus bleiben Zweifel, was im Quellcode steht und was dann tatsächlich in die App, die ausgeliefert wurde, hineincompiliert wurde – die Wölfe in Uniform haben wir ja schon in der letzten Folge behandelt.

Ganz unter uns ...

Im Taxi, insbesondere bei Krankenfahrten, herrscht aber doch bestimmt mehr Privatsphäre? Zum Erstaunen eines geschätzten Kollegen, der in den "Genuss" einer Konsilfahrt kam, nicht: Er wurde vom Taxifahrer nicht nur auf der Station abgeholt und mit Namen begrüßt – dieser wusste auch genau, welche Station und welcher Untersuchungsraum in der Klinik das Ziel war.

Das Interesse des Kollegen war geweckt. Auf dem Smartphone des Taxifahrers lief eine Taxi-App. Das Display war auf dem Armaturenbrett platziert, gut sichtbar für den Taxifahrer – und alle Passagiere.

Dort liefen dauernd Fahraufträge durch – im Fall der Konsilfahrten mit dem vollständigen Namen der Patienten sowie der Stationen, wo sie abgeholt und hingebracht werden sollten. Und da gab es dann wesentlich spannendere Abhol- und Zielstationen als bei meinem Kollegen: Diabetologie, Strahlentherapie oder Psychiatrie bergen ernsthaft heikle medizinische Informationen.

Im Plausch mit dem Fahrer ergab sich: Diese Informationen sind nicht nur bei allen gerade aktiven Fahrern sichtbar, sondern können auch in der Zentrale nachträglich eingesehen werden und werden ohnehin für die Abrechnung einen unbekannten Zeitraum archiviert.

Ganz normale Rücksichtnahme und purer Anstand – schlicht digitale Diskretion – sollte den Geschäftsführungen der Taxi-Unternehmen und der Kliniken eigentlich klar machen: So geht das nicht! Die klassische, Empathie stiftende Frage, die man schon kleinen Kindern beibringt – "Wie würde ich mich an Stelle des Gegenübers fühlen?" – sollte allein zu dieser Einsicht führen, ganz ohne die Drohkulisse der DSGVO.

Diese Einsicht setzt aber ein Mindestmaß an digitaler Bildung voraus. Und wo soll die herkommen? Denn daran mangelt es schon in manchen Bildungseinrichtungen in krasser Weise. Ich kenne einige Anekdoten aus dem Bildungsbereich von Kindergarten bis Gymnasium – aber die folgende schlägt alle anderen.


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