Wölfe in feinem Zwirn
Der Wolf in der Märchenillustration oben trägt Schafspelz, damit er harmlos und unschuldig wirkt – und einen gesteiften Hemdkragen samt Krawatte, um ehrbar zu wirken. Der vertrauensheischende offizielle Anstrich verschafft Zugang zu Informationen. Natürlich trägt der moderne Wolf die Wolle nicht mehr als Schafspelz, sondern eher als feinen Zwirn.
Bei Websites, Apps und auch manchen verbreiteten Betriebssystemen werden die Datenspuren schnell deutlich üppiger. Massives Tracking ist leider eher die Regel als die Ausnahme.
Unsere unbeschränkte Einwilligung ist dabei ein begehrtes Gut, denn sie ist wie ein Blankoscheck: Sie ermöglicht nicht nur die Datenverarbeitung, sondern auch – durch weite Fassung der Zwecke – die Schutzmaßnahmen [S2], [S3], [S4] und [S7] so zu dehnen, dass sie dem Datenverarbeiter schön locker und bequem sitzen.
Und deswegen wird sie uns mit allerlei Kniffen schmackhaft gemacht: dem Behaupten technischer Notwendigkeit, dem Versprechen einer besseren User-Experience oder individueller Angebote (mit Preisen maßgeschneidert auf unsere Finanzkraft laut Profil ;-), durchaus cleveren Zusatzfunktionen wie "Find my Device" , pfiffig mit Humor – "Wer sagt schon Nein zu Keksen/Cookies?" -, oder verschiedenen psychologischen Gestaltungstricks (Dark Patterns).
Bei Websites lässt sich dies meist leicht an den Zustimmungsorgien für Cookies ablesen. Websiteanbieter beteuern regelmäßig, wie sehr ihnen unsere Privatsphäre und all unsere Daten am Herzen lägen. Und das glaube ich auch gerne, wenn es eine Option "Alle Cookies ablehnen" oder "Optionale Cookies ablehnen" oder "Nur notwendige Cookies akzeptieren" gibt, und diese genau so leicht zu erkennen und wählen ist wie "Alles akzeptieren."
Wenn die Optionen zur Beschränkung auf das technisch Notwendige oder zur Detailauswahl mit psychologischen Tricks (Dark Patterns) getarnt oder unattraktiv gemacht wurden oder die Abfrage regelmäßig wiederholt wird – "Zustimmen: Ja/Später" -, bis die begehrte Totaleinwilligung vorliegt, dann können aufmerksame und mitdenkende Kinder (und gerne auch Erwachsene) den gefräßigen Wolf hinter feinen Worten und Zwirn erkennen.
Drum prüfe, wer sich (ewig?) bindet
Wenn eine der Optionen fehlt, sollten die Alarmglocken schrillen. Natürlich gewinnt man sehr leicht die Zuneigung von Prädatoren, indem man sich als Mahlzeit anbietet – aber nur kurz und das Ergebnis ist sch...lecht. Ehe Rotkäppchen also leichtfertig "Alles akzeptieren" anklickt, sollte es aus Selbstschutz – wie die sieben Geißlein – zumindest versuchen herauszubekommen, wem es Tür und Tor öffnet. Der Knopf für "Auswählen" , "Einstellen" und Ähnliches hilft, einen Überblick über das Ausmaß der Einwilligung zu gewinnen.
Spätestens, wenn dort massenhaft Zustimmungen vorausgewählt sind – meist als "legitime Interessen" getarnt, die dann alle einzeln deaktiviert werden müssen, mit oft dreistelliger Anzahl von Partnerunternehmen -, sollte die Gier des Wolfes erkennbar sein. (IMHO ein Verstoß gegen Privacy by Default [S7]!)
Und Rotkäppchen sollte die Artikel 7 und 8 der DSGVO gelesen haben, um die Bedingungen wirksamer Einwilligungen zu kennen. Insbesondere Artikel 8 Absatz 2 finde ich sehr spannend: Ich kenne kaum eine Website, bei der Erreichbarkeit oder Einwilligungen von einer auch nur näherungsweise ernstzunehmenden Alterskontrolle abhängen. Sollten die Datenschutzbehörden jemals diesen Aspekt ernsthaft untersuchen, sehe ich viel Unterhaltungspotenzial.



