Das geht dich gar nix an!
"Das geht dich gar nix an!" , platzt es heraus. "Richtig, aber nicht sehr freundlich" , sage ich. "Rotkäppchen ist doch freundlich. Hast du eine bessere Idee?"
Angestrengtes Nachdenken, dann im gemäßigteren Ton: "Das geht Sie nichts an!"
"Viel besser. Aber es gibt dem Wolf Gelegenheit, immer weiter zu fragen. Etwa: 'Oh, Du hast etwas zu verbergen? Lass mich raten: ein Knutsch-Picknick?'"
In dem Alter natürlich eine tödliche Beleidigung, die – mit Zorneswolken im Gesicht – verlässlich eine schnelle, unbedachte – und verräterische! – Antwort provoziert. Betretene Ratlosigkeit ...
Raffiniert naiv?
Den Grimmschen Märchen wird häufig vorgeworfen, dass die Figuren so schrecklich naiv seien. Ich denke, das ist Absicht und soll Kinder zum Mitdenken und Einhaken anregen – ähnlich wie bei einem guten Kasperle-Theater, wo das Kasperle das Krokodil oder den Räuber nicht sieht und die Hilfe der Kinder braucht. Das Erlebnis, aktiv an der Geschichte und ihrer Entwicklung teilzuhaben, führt zu leuchtenden Kinderaugen und glühenden Wangen – wie das kein Film oder reines Vorlesen vermag.
Deswegen lese ich Märchen auch nicht einfach nur vor, sondern erzähle sie eher frei und im Dialog mit dem Kind – eine frühe Übung in selbständigem Denken: Man muss das, was gesagt oder geschrieben wird, nicht undurchdacht und unwidersprochen als unumstößliche Wahrheit hinnehmen, sondern darf eigene Gedanken, Ideen und Urteile dazu haben – auch als Kind.
Raffiniert abgelenkt
Bei meinem Kind scheint nur aber etwas elterliche Hilfe geboten: "Da hat der Wolf dich raffiniert reingelegt, gell? Vielleicht ist es geschickter, mit einer offensichtlichen Wahrheit zu antworten und dann eine eigene Frage anzuhängen – dann lernst du dein Gegenüber besser kennen und kannst das Gespräch etwas lenken."
"Und was?"
"Rotkäppchen könnte etwa sagen: 'Spazieren' oder 'Die Waldluft genießen' – das ist wahr genug für dreiste Neugierige. Und dann fragen: 'Und Sie?'"
"Ja! Das soll das Rotkäppchen sagen!" , meint mein Kind mit Begeisterung, doch dann tauchen Zweifel auf: "Aber dürfen wir das Märchen denn überhaupt verändern?"
"Märchen sind Geschichten, so alt wie der Wald. Und sie leben und verändern sich wie der Wald. Jedes Mal, wenn wir in unseren Wald hier gehen, ist er anders: Da sind inzwischen Pflanzen und Tiere gewachsen, manche sind gefressen worden. Dieses Märchen wird wohl seit rund zweitausend Jahren erzählt – von China bis Europa und Afrika(öffnet im neuen Fenster) . Es wurde je nach Gegend, Zeit sowie Zuhörern und Erzählern angepasst und verschönert. Deswegen ist es lebendig geblieben, in vielen verschiedenen Versionen. Und wenn wir unsere Version schön finden und es sie noch nicht gibt, dann gibt es heute Abend eine mehr."
"Dann soll Rotkäppchen das sagen!"


"Nach kurzem Nachdenken sagte Rotkäppchen: 'Die frische Waldluft und die Sonne genießen. Und wohin führt Ihr Weg, der Herr?'"
Der Wolf aber hörte, wie in der Nähe Holz geschlagen wurde. Er dachte bei sich: Hier kann ich das Rotkäppchen nicht fressen. Wenn sie um Hilfe schreit, kommen die Holzfäller und erschlagen mich mit ihren Äxten – das muss ich geschickter anstellen. Sie hat Kuchen im Korb, aber keine Teller und kein Messer. Sie ist also nicht für ein Picknick gerüstet. Entlang des Wegs kommt ein Haus, wo das dürre alte Weib wohnt – und dann lange nichts. Wahrscheinlich bringt sie den Kuchen zu dem Haus. Zu dem Festschmaus lade ich mich ein: die Alte als Vorspeise, das Rotkäppchen als Nachspeise ...
Daher sagte er: "Ich muss leider weiter eilen. Schade, denn es singen die Vöglein so lieblich und die Blumen duften und strahlen ringsumher in ihrer Pracht. Du tust recht daran, diese Schönheit zu genießen." Und mit diesen Worten entschwand der Wolf den Weg entlang tiefer in den Wald.
Rotkäppchen schaute sich um und sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten und alles voll schöner Blumen stand. Da dachte es: Wenn ich gleich weitergehe und der Wolf das sieht, weiß er, dass ich geflunkert habe, und wird mir Löcher in den Bauch fragen. Besser, ich sammle schnell einen kleinen, frischen Strauß, der wird der Großmutter auch Freude bereiten.
Und so begann es, Blumen zu pflücken. Doch kaum hatte es eine gebrochen, meinte es, weiter hinten stünde eine schönere, und lief hin und geriet so immer tiefer in den Wald hinein.
Derweil hatte der Wolf das Haus der Großmutter erreicht und klopfte an die Tür. "Wer ist draußen?" – "Rotkäppchen, ich habe Kuchen mitgebracht, mach auf!"
"Drück nur auf die Klinke!", rief die Großmutter. "Ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen." Der Wolf drückte auf die Klinke, die Tür sprang auf und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, geradewegs zum Bett der Großmutter und verschlang sie. Dann zog er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.
Rotkäppchen hatte inzwischen so viele Blumen gesammelt, dass es keine mehr tragen konnte, und die Großmutter fiel ihm wieder ein. Und so eilte es – mit etwas schlechtem Gewissen – zu ihr. Als es ankam, wunderte es sich, dass die Tür offen stand. Und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so unheimlich darin vor, dass es dachte: "Ohje, wie gruselt es mir heute, und sonst bin ich so gerne bei der Großmutter!"
Es rief tapfer: "Guten Morgen, liebe Großmutter!" Eine heisere Stimme antwortete: "Komm zum Bett und hilf mir auf!" Und weil es vom Weg abgewichen war, wollte es jetzt besonders artig sein und ging sofort zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Dort lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. "Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!" – "Damit ich dich besser hören kann!" – "Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!" – "Damit ich dich besser sehen kann!" – "Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!" – "Damit ich dich besser packen kann!" – "Ei, Großmutter, was hast du für ein großes Maul!" – "Damit ich dich besser fressen kann!" Und damit sprang der Wolf aus dem Bett und verschlang das arme Rotkäppchen.
Prall gefressen legte sich der Wolf wieder ins Bett, schlief ein und begann schrecklich laut zu schnarchen. Da kam der Förster am Haus vorbei und dachte: "Wie laut die alte Frau schnarcht! Und die Tür steht sperrangelweit offen. Du musst doch nachsehen, ob ihr etwas fehlt."
Als er den umgefallenen Korb, die verstreuten Blumen und schließlich den prall gefressenen Wolf im Bett sah, ahnte er, was geschehen war. Er nahm sein Jagdmesser und schnitt den Bauch des Wolfes vorsichtig auf. Kaum hatte er das getan, da sah er das rote Käppchen leuchten und das Rotkäppchen sprang heraus. Dann half der Förster der Großmutter heraus, die kaum noch atmen konnte, während Rotkäppchen einen Wackerstein suchen sollte. Den legte es in den Bauch des Wolfes und nähte ihn zu. Dabei aber erwachte der Wolf und als er den Förster mit seinem Gewehr sah, erschrak er und stürzte Hals über Kopf aus dem Haus. Doch wegen des Wackersteins verlor er auf der Treppe das Gleichgewicht und brach sich das Genick.
Die Großmutter hieß das Rotkäppchen, den Tisch zu decken. Dann lud sie den Förster ein, und gemeinsam und vergnügt aßen sie den Kuchen auf.
"Und jetzt will ich noch eine andere Version hören!", sagt mein Kind. "Das glaub ich gern", antworte ich – klar, jeder Anlass, die Schlafenszeit hinauszuschieben, wird genutzt, "... aber jetzt schläfst du erst mal. Ich muss schließlich erst noch eine schöne Version für morgen Abend suchen und finden!"
Märchen sind nicht automatisch kindertauglich
Die Einhaltung des Schlafrituals ist aber nur eine Seite. Die andere: Ich würde nie eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen, die ich nicht kenne und im Kontext meines Kindes etwas durchdacht habe – das gilt auch für moderne.
Märchen sind auch nicht automatisch kindertauglich. Viele waren schon im Ursprung nicht für Kinder bestimmt, sondern für Erwachsene. Von Rotkäppchen gab es extrem grausame Varianten mit kannibalistischen Einschüben und klarer sexueller Gewalt. Aber auch, ähnlich unserer oben, solche, bei denen der Wolf ohne Zutun des Rotkäppchens alleine durch Beobachtung der Umstände und logisches Denken zu den richtigen Schlüssen gelangt.
Die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm sind – gegenüber ihrer wissenschaftlichen Sammlung – eine entschärfte und illustrierte Auswahl. Deren klassische Rotkäppchen-Variante hat aus meiner Sicht wertvolle Elemente, die spannenden Diskussionsstoff bieten – auch jenseits des Datenschutzes:
- Das männliche Prinzip spannt das komplette Spektrum auf: einerseits der animalische, zerstörerische, rücksichtslose Wolf, andererseits der rationale, fürsorgliche, rücksichtsvolle Förster. Die Spannbreite ist für Jungen wie Mädchen gleichermaßen interessant.
- Die Rettung erfolgt ohne jedes Victim Blaming, einfach weil Großmutter und Rotkäppchen in Not sind. Sie müssen sich nicht rechtfertigen, wie sie in diese missliche Lage gekommen sind. Täter ist Täter, Geschädigte sind Geschädigte – und wer helfen kann, hilft denen in Not. Auch Opfer, die sich nicht optimal – was im Nachhinein immer leicht zu definieren ist – verhalten haben, sind es wert, beschützt und gerettet zu werden. Und sie dürfen sich auch retten lassen, denn das Fehlverhalten liegt immer noch beim Täter.
- Auch Folgsamkeit erweist sich als zweischneidiges Schwert: Der impulsive Ungehorsam beim Blumensammeln – kausal wenig relevant, weil der Wolf in vielen Versionen ausdrücklich eh schneller ist – führt später zu gefährlichem Gehorsam trotz des warnenden Bauchgefühls in einer außergewöhnlichen Situation, die die Mutter bei ihren Instruktionen nicht vorausahnen konnte. Auch hier sind also Achtsamkeit und Mitdenken wieder Trumpf.
Das alles fehlt der – ziemlich zahmen – Grimmschen Selbstrettungsvariante; stattdessen in der nächsten Folge lieber eine chinesische Version mit einer pfiffigen und toughen Heldin.



