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Devops: "Eigentlich bräuchten wir DevSecBizArcComQAOps"

Chefs von Devs
Romano Roth sagt, Devops ist alles andere als Bullshit. Im Newsletter erklärt er, warum es sogar ein Schritt zur digitalen Industrialisierung ist.
/ Daniel Ziegener
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Romano Roth ist Devops-Botschafter. (Bild: Romano Roth)
Romano Roth ist Devops-Botschafter. Bild: Romano Roth

Dieser Beitrag ist die 12. Ausgabe von Chefs von Devs, dem Golem.de-Newsletter für CTO, Technical Directors und IT-Profis. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Ausgabe. Chefs von Devs kann hier kostenlos abonniert werden .

Für diese Ausgabe von Chefs von Devs habe mich ausführlich mit dem Chief of Devops von Zühlke, Romano Roth, unterhalten. Devops ist nicht nur sein Job, er brennt regelrecht für die nicht unumstrittene Produktionsphilosophie.

Warum manche Devops für Bullshit halten, es für sie nichts weniger als die digitale Industrialisierung ist und wieso diese wiederum dafür sorgt, dass Schweizer Start-ups eher künstliche Haut und Elektro-Flugzeuge statt neuer Blockchain-Wallets entwickeln, das alles erklärt Roth in Chefs von Devs.

"Die Veränderung einer Organisation geht immer mit einem gewissen Machtverlust einher"

Romano Roth und ich sind im Vorgespräch auf einen Artikel von Cory O'Daniel zu sprechen gekommen. Für den ist Devops in seiner heutigen Form Bullshit. Roth sieht das natürlich anders...

Golem.de: Was ist Devops eigentlich – und warum ist es kein Bullshit?

Romano Roth: Das Problem ist: Wir schmeißen immer wieder Dinge über diese Walls of Confusion. Das Business Development hat einen Masterplan. Der Entwickler entwickelt das. Dann geht es in die Build-Pipeline, wo das Testing-Team merkt, dass das Ergebnis nicht mit den Requirements übereinstimmt. Sie testen trotzdem, irgendwie funktioniert's und es geht weiter. Operations fragt sich, wie das überhaupt betrieben werden soll, aber sie kriegen es auch irgendwie hin. Dann geht es zurück und das Bizdev sagt: Das haben wir gar nicht bestellt!

Das dahinterliegende Problem ist, dass wir immer noch in Projekten arbeiten, aber Produkte entwickeln. Ein Produkt hat kein Start- oder Enddatum, sondern wird kontinuierlich entwickelt. Wir müssen uns entlang dieses kontinuierlichen Wertstroms organisieren, statt monatelang zu spezifizieren, dann monatelang zu implementieren und monatelang zu testen. Das muss inkrementell und kontinuierlich passieren. Und das macht Devops.

Golem.de: Wie kann ein konkreter Begriff wie Devops denn den gesamten Wertstrom abbilden?

Romano Roth: Wenn wir über Devops reden, müssen wir auch über Menschen reden. Devops ist ein schlecht gewählter Begriff, denn es heißt genau genommen Development and Operations. Nun versuchen manche Leute das zu beheben, indem sie Security mit reinnehmen. Dann haben wir DevSecOps. Dann sagt jemand: "Business ist auch wichtig" – und wir bekommen BizDevSecOps. Aber auch das ist zu kurz gegriffen, wenn es um alle Leute gehen soll, die dabei sind. Eigentlich bräuchten wir einen Begriff wie DevSecBizArcComQAOps. Und ich bin sicher, ich habe da auch noch jemanden vergessen.

Golem.de: Geht es bei der Bullshit-Debatte also vor allem um Missverständnisse und Begrifflichkeiten?

Romano Roth: Ich bin der Meinung: ja. Die Personen, die sagen, das ist Bullshit, sind häufig in einer Rolle irgendwo zwischen Dev und Ops gefangen. Deshalb können sie gar nicht den gesamten Wertstrom sehen – und ihn dann auch nicht optimieren. Wenn du die Artikel liest, die Devops Bullshit nennen, dann geht es meistens darum, dass ein Developer überlastet ist, weil er so viele Hüte aufhaben soll.

Wenn das Management denkt, sie können Ops eliminieren und die Devs übernehmen das, führt das genau zu solchen Problemen. Aber es ist gar nicht Sinn und Zweck von Devops, eine Person oder ihr Skillset zu eliminieren, sondern Leute zusammenzubringen.

Golem.de: Devops ist also gut gemeint, aber schlecht umgesetzt.

Romano Roth: Die Veränderung einer Organisation geht immer mit einem gewissen Machtverlust einher. Wenn Entscheidungen plötzlich über ein Projektteam gehen, hast du als Manager weniger Entscheidungsspielraum. Mit der Organisation muss sich auch die Führung ändern. Diesen Schritt gehen die meisten Unternehmen aber leider nicht. Ich habe auch schon erlebt, dass das ganz konkret torpediert wird, weil da ganze Karrieren dranhängen.

Ich habe schon mit Leuten in Unternehmen geredet, in denen wir eine Transformation durchgeführt haben, die sagten: "Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll, weil das, was ich jetzt zehn Jahre aufgebaut habe, ist jetzt weg." Die waren Abteilungsleiter, den Posten gibt's jetzt nicht mehr. Diesen Frust kann ich verstehen. Allerdings muss das so gemacht werden, wenn sich wirklich etwas ändern soll: entweder die Abläufe, die Organisation oder – noch besser – die Aufbauorganisation zu ändern. Und davor scheuen sich die meisten.

Programmieren als Roman

Die erste Buchempfehlung, die mir Romano Roth für euch mitgegeben hat, ist eine Premiere: The Phoenix Project von Gene Kim, Kevin Behr und George Spafford ist der erste Roman, der in diesem Newsletter empfohlen wird. Ein Roman, der den Versuch unternimmt, die Ideen von Devops auf noch unterhaltsamere Art zu erklären, als Roth das tut.

Als der Begriff Devops aufgekommen ist, habe ich zuerst zaghaft reagiert

Dieser Beitrag ist die 12. Ausgabe von Chefs von Devs, dem Golem.de-Newsletter für CTO, Technical Directors und IT-Profis. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Ausgabe. Chefs von Devs kann hier kostenlos abonniert werden .

Roth ist seit Anfang der 2000er-Jahre bei Zühlke, erst als Software Engineer, dann als Consultant und seit vergangenem Jahr als Chief of Devops. Zühlke selbst wurde 1968 gegründet – und berät heute noch jüngere Unternehmen bei der Umsetzung innovativer Ideen.

Golem.de: Zühlke ist kein junges Unternehmen mehr. Wie habt ihr diesen Strukturwandel bei euch umgesetzt?

Romano Roth: Wir hatten genau die gleichen Probleme und es dauerte eine Weile, bis das verstanden wurde. Auch bei uns war es so, dass manche Personen Macht abgeben mussten. Früher musste ich immer bei der Geschäftsführung pitchen, wenn ich etwas machen wollte. Dann habe ich vielleicht Budget bekommen, vielleicht auch nicht.

Wir haben dann mit Experimenten angefangen, einzelne Markt-Units haben eigenes Budget bekommen und setzen es ein, wie sie es für richtig halten. Unternehmerisches Denken ist da extrem gefragt. Wir haben auch OKRs eingeführt, aber grundsätzlich sind diese Units autonom und können selbst Entscheidungen treffen. Wir haben jetzt weniger Manager und einige von ihnen mussten sich auch mit neuen Rollen zufriedengeben.

Golem.de: Was sind aus deiner Sicht gute Wege, um Devops einzuführen – vielleicht auch in einem Unternehmen, das nicht dieses Ingenieurs-Verständnis hat.

Romano Roth: Es ist wie mit allem: Starte klein. Versuche, ein Team mit geeigneten Personen auszuwählen, die einen gewissen Leuchtturmcharakter haben und gut im Unternehmen vernetzt sind. Zeig dem Unternehmen so, dass es funktioniert. Und von da aus änderst du das nächste Produkt, und das nächste, und so weiter. Mach das rollierend, mach es nicht sofort vollständig.

Dieser Umstellungsprozess kann Unternehmen auch lähmen. Wenn du Change zu groß einführst, wird dein Unternehmen nur mit diesem Change beschäftigt sein. Wenn du ihn kontinuierlich einführst, hast du die Chance, dass es zwar länger dauert, aber insgesamt verträglicher für das Unternehmen ist.

Das ist blöd für den CEO. Ganz oft will der schnelle Ergebnisse. Vor allem bei börsennotierten Unternehmen ist es so, dass man den großen Wurf machen und die Transformation dann abschließen will. Das Ding ist nur, dass so eine Transformation eigentlich nie endet.

Golem.de: Jetzt haben wir darüber gesprochen, wie die Unternehmen ihre Prozesse transformieren. Aber wie bist du überhaupt zu der Einschätzung gekommen, dass Devops der beste Weg ist, so eine Pipeline zu organisieren?

Romano Roth: Im Prinzip durch Faulheit. [lacht] Als ich nach der Universität bei Zühlke als Programmierer angefangen habe, hat mich genervt, dass ich Applikationen immer auf's Gleiche testen musste. Dann habe ich angefangen zu automatisieren, immerhin bin ich ja in der IT! Die Tests wurden mit der Zeit immer größer und das führte zu einem Team Foundation Server. Als der gekommen ist, hatten wir plötzlich eine zentrale Einheit. Als der Begriff Devops aufkam, habe ich zuerst zaghaft reagiert, aber das Devops-Movement ist auch in der Schweiz immer größer geworden.

"Das absolut wichtigste Learning..."

"...ist meiner Meinung nach dieses Bild hier" , sagt Romano Roth im Videocall – und präsentiert ein auf den ersten Blick etwas erschlagendes Diagramm aus dem Buch Accelerate von Nicole Forsgren, Jez Humble und Gene Kim. "Dieses Buch ist der absolute Burner" , sagt Roth über die statistische Auswertung, die effiziente Softwareentwicklung wissenschaftlich erklären will.

Eher weniger sehe ich die nächste Bitcoin-Wallet

Dieser Beitrag ist die 12. Ausgabe von Chefs von Devs, dem Golem.de-Newsletter für CTO, Technical Directors und IT-Profis. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Ausgabe. Chefs von Devs kann hier kostenlos abonniert werden .

Roth ist nicht nur ein Botschafter in Sachen Devops, sondern auch in Zürich gut vernetzt, wo er Devops-Meet-ups organisiert.

Golem.de: Beeinflusst die Verbreitung von Devops die Entwicklungen, die aus der Schweiz kommen?

Romano Roth: Es gibt pure Software-Start-ups wie Doodle. Viel interessanter sind Start-ups wie Cellsius, die ein batteriebetriebenes Flugzeug entwickeln. Oder Curtiss, die am Laufmeter künstliche Haut machen, die bei Verbrennungen eingesetzt wird. Wenn ich die Start-up-Szene in der Schweiz anschaue, erkenne ich eine Tendenz in Richtung von cyber-physischen Systemen – also einer Kombination von Hardware und Software. Eher weniger sehe ich die nächste Bitcoin-Wallet.

Golem.de: Beeinflusst so ein Workflow, so eine Philosophie also direkt die Art von Produkten, die damit entstehen?

Romano Roth: Ich glaube, der Einfluss ist sehr stark. Du hast einen iterativen Ansatz, mit dem du kleine Experimente wagen, Feedback einholen und dann dein Produkt so bauen kannst, dass es das Problem des Kunden löst. Die Start-ups in der Schweiz haben das geschnallt.

Golem.de: Hat die Schweiz ihre Start-up-Szene der guten Ausbildung zu verdanken?

Romano Roth: Eine gute Ausbildung ist sehr wichtig und die ETH hat wirklich eine sensationell gute Ausbildung. Was ich auch in der Schweiz immer wieder bemängele ist, dass man die Technik lernt, also zu programmieren oder ein Kubernetes-Cluster aufzusetzen. Aber End-to-End-Entwickeln von Produkten wird meiner Meinung nach noch sträflich vernachlässigt. Dabei spart man viel Geld, wenn man das Richtige richtig entwickelt – weil man dann in der Produktion weniger Probleme hat.

Golem.de: Sollten die Studenten also schon mehr über die Prozesse in einem Unternehmen lernen?

Romano Roth: Wir müssen unterscheiden, wo man in seiner Karriere steht. Wenn du der blutjunge Junior bist, der gerade von der Universität kommt, sollte man sich auf die technischen Practices fokussieren. Weiter oben geht es darum, im Team und über dessen Grenzen hinaus möglichst effizient zu arbeiten. Was mache ich, wenn meine Software immer größer wird und aus verschiedenen Komponenten besteht?

Golem.de: Wie oft siehst du selbst noch Code?

Romano Roth: Es gibt Dinge, die du großartig mit Code lösen kannst. Aber irgendwann kommst du an einen Punkt, wo du merkst, dass es einen viel höheren Impact hätte, wenn du das große Ganze ändern würdest. Du musst dann nicht den Code anpassen, sondern die Idee.

Nichtsdestotrotz mache bei den Open Hacks mit, meistens Pair Programming. Ich bin natürlich nicht mehr so fit wie meine Kollegen, aber ich versuche dabei zu bleiben. In der Produktentwicklung bin ich meistens weg vom Code, aber durch mein technisches Know-how kann ich sehr viele Sachen in die richtige Richtung treiben.

Golem.de: Und was ist die richtige Richtung?

Romano Roth: Mit der Geschwindigkeit neuer technologischer Möglichkeiten müssen Unternehmen sich umorganisieren, damit sie die Digitalisierung nicht verpassen. Das heißt, sie müssen sich entlang des Werts organisieren. Denn je geiler deine Plattform ist, desto schneller kannst du experimentieren.

Wenn du deine Softwareentwicklung als digitale Fabrik betrachtest, kannst eine große Fabrik mit mehreren Förderbändern haben, oder du kannst immer wieder für jedes Produkt eine eigene digitale Fabrik hinstellen. Das ist nichts anderes als die Industrialisierung der Softwareentwicklung.

Chefs von Devs macht Winterpause

Dieser Ausflug in die Welt von Devops (und nach Zürich) war die letzte Ausgabe von Chefs von Devs vor der Winterpause. Der Newsletter kehrt mit frischen Interviews und Einsichten im Januar 2023 zurück.  Und wenn ihr Chefs von Devs jetzt kostenlos abonniert, verpasst ihr auf keinen Fall die erste Ausgabe im nächsten Jahr .

Bis dahin begrüßen wir euch am 15. Dezember mit einem neuen Live-Format: Im Chefs von Devs Fireside Chat bei Golem.de fragt Matthias Schleuthner, Experte zum Thema Führung in der IT, seinen ersten Gast Florian Gamper über dessen Arbeit als Interim-CTO aus. Um 16:00 geht es auf Youtube los(öffnet im neuen Fenster) .

Ich bedanke mich, dass ihr dem ersten dedizierten Newsletter von Golem.de in diesem Jahr einen so guten Start beschert habt, und wünsche euch einen eben solchen ins nächste Jahr – und ein paar Feiertage ohne neue E-Mails im Posteingang!


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