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Deutschland: E-Sport ist mehr als eine Randerscheinung

Gamescom 2014
Die E-Sport -Turniere der ESL und LCS waren auf der Gamescom mindestens so beliebt wie aktuelle AAA-Titel - eine Nische ist E-Sport nicht mehr. Wir haben in Gesprächen mit Teams und Zuschauern festgestellt, dass die Szene aber noch einiges zu tun hat.
/ Sebastian Wochnik
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Im Juni 2014 wurde Dota 2 vor rund 12.500 Zuschauern gespielt. (Bild: Helena Kristiansson/ESL)
Im Juni 2014 wurde Dota 2 vor rund 12.500 Zuschauern gespielt. Bild: Helena Kristiansson/ESL

Nah herangehen will der ältere Gamescom-Besucher nicht an den E-Sport-Bereich in Halle 9(öffnet im neuen Fenster) . "Da sind doch nur die absoluten Nerds" , sagt er und schaut nur aus sicherer Entfernung auf die Counter-Strike-Spieler, die mit Vorhängen vor Blicken der unter 16-Jährigen geschützt sind. Das stimmt aber nicht. Turniere wie die ESL One(öffnet im neuen Fenster) , die League of Legends Championship Series(öffnet im neuen Fenster) (LCS) und der Halo Gamescom Showdown(öffnet im neuen Fenster) zogen auf der Spielemesse mindestens so viele Spieler an wie ein neuer AAA-Titel für die aktuelle Konsolengeneration. Schon im Juni hatten über 12.000 Zuschauer Dota-2-Spielern im Frankfurter Fußballstadion zugeschaut.

ESL One in Frankfurt 2014 - Bericht
ESL One in Frankfurt 2014 - Bericht (02:50)

Besonders zum Counter-Strike-Turnier kamen auf der Gamescom viele Zuschauer, die zuvor kaum etwas mit der Materie oder auch dem Spiel selbst zu tun hatten. "Ich hab die Zuschauer laut jubeln gehört und wollte wissen, was sie daran so cool finden. Nun sitze ich eine halbe Stunde hier, bin begeistert und mache mit. Und das alles, obwohl ich Counter-Strike nur selten spiele" , sagte eine junge Zuschauerin im Pokemon-Shirt. Doch die E-Sport-Neulinge haben es noch schwerer als die E-Sport-Fans. Die Szene muss professioneller, strukturierter und offener werden, um mehr Menschen begeistern zu können, so der Tenor auf der Gamescom.

Erklärung? Fehlanzeige

Dazu gehört, den Neulingen überhaupt eine Chance zu geben zu verstehen, worum es geht. Besonders beliebte Spiele sind die Mobas (kurz für Multiplayer Online Battle Arena(öffnet im neuen Fenster) ), die für Einsteiger nicht sofort zu durchschauen sind. Erklärungen gibt es jedoch kaum. "Die Kommentatoren reden so hektisch und schmeißen mit Fachbegriffen um sich, dass ich nichts verstehe" , sagt ein Zuschauer im LCS-Stadion, der selbst eher Strategietitel wie Starcraft spielt und mit seinen Freunden gekommen ist. Solche Wünsche nach Anfänger-Streams(öffnet im neuen Fenster) wie beim Dota-2-Turnier The International hören die Teams oft. "Einsteiger wollen das Spiel live erklärt bekommen" , sagt ein Teammanager. Dafür seien aber nicht die Teams verantwortlich, sondern die Organisatoren der Events.

Nicht nur die Spiele selbst sind erklärungsbedürftig, sondern das gesamte Ligen- und Turniersystem des E-Sports. "Vor einiger Zeit wollte ich mehr E-Sport schauen, nur hab ich da nicht durchgeblickt. Es gibt gefühlt Tausende Ligen und Teams. Nur welche sind wichtig?" , fragt ein Zuschauer des Starcraft-EPS-Finales. Des Problems ist sich auch die ESL bewusst. So erklärte uns der ESL-Gründer Ralf Reichert auf der ESL One im Frankfurter Fußballstadion vor ein paar Wochen: "Die ESL und ihr Ligensystem sind selbst für ambitionierte Spieler zu kompliziert. Wir wollen dort eine klarere Struktur einbringen. Online-Turniere haben nämlich nicht mehr den Stellenwert eines Offline-Events." Und das ist nicht die einzige Baustelle.

Wozu Terminpläne?

Die Undurchschaubarkeit für Neulinge ist nicht das einzige organisatorische Problem des E-Sports. Fans ärgern sich auch darüber, dass die Terminpläne oft nicht eingehalten werden. "Da freut man sich auf ein Match, hält sich den Abend frei und erfährt, dass es auf den nächsten Tag verschoben wird, da die Veranstalter nicht ordentlich planen können. Und das passiert regelmäßig, auch bei großen Turnieren" , sagt ein junger Familienvater. Auch die Spieler stört das. Sie bereiten sich mental auf das Spiel vor und werden mitunter kurz vor dem Spiel informiert, dass es verschoben wurde. "Ich bin dann richtig sauer, weil die Spieler genervt sind und sich beim nächsten Spiel nicht mehr richtig konzentrieren können" , klagt ein Teammanager. "Manche Veranstalter sollten sich ein Beispiel an der Dreamhack(öffnet im neuen Fenster) nehmen. Die ist, was die Organisation angeht, traumhaft."

Zeit für ihre Fans haben die Spieler durch die schlechte Organisation meist auch nicht mehr. "Ich habe auf solchen Turnieren oft einen strikten Zeitplan, dem ich eh immer hinterherhinke" , sagt ein Spieler. Dabei versteht er, dass die Fans auf den Turnieren mit ihren Idolen sprechen und ein Foto mit ihnen machen wollen. "Ich mag den Kontakt auch!"

Allerdings ist der Fankontakt nicht immer angenehm für die Spieler - vor allem nach Niederlagen. "Junge Spieler kommen oft nicht damit klar, wenn sie dann direkt von den Fans kritisiert werden, weil sie schlecht gespielt haben" , sagt ein Teammanager. "Davor haben sie Angst. Die Spiele-Community ist nicht gerade dafür bekannt, nett zu sein."

Ein Ausblick

Die E-Sport-Szene wird in den kommenden Monaten weiter wachsen - daran zweifelt keiner. Denn auch auf dieser Gamescom wurden Rekorde gebrochen. Über 400.000 Zuschauer schauten dem Finale des mit 250.000 US-Dollar dotierten Counter-Strike-Turniers über die Streamingplattform Twitch zu. Doch beginnt danach, vielleicht schon im nächsten Jahr, die entscheidende Phase, die zeigen wird, ob sich die E-Sport-Szene etablieren und nicht nur Spieler von außerhalb der Szene, sondern auch Nichtspieler begeistern kann.

Bisher reizen die professionellen Spieler Nichtspieler kaum, sie reagieren eher negativ. So gab es auf Twitter einen regelrechten Shitstorm(öffnet im neuen Fenster) , als der US-Sport-Sender ESPN auf seinem zweiten Kanal das Finale des mit 10 Millionen US-Dollar dotierten Dota-2-Turniers The International übertrug. Bevor die E-Sport-Szene versucht, an dieser Haltung etwas zu ändern und ihre Leidenschaft den Massen näherzubringen, sollte sie allerdings erst einmal diejenigen zufriedenstellen, die bereits Fans sind. Bis das erledigt ist, gibt es genug zu tun.


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