Deutschland 2045: Netzbetreiber planen an der Realität vorbei
Die Bundesnetzagentur(öffnet im neuen Fenster) hat den Szenariorahmen der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber veröffentlicht. Auch wenn diese Prognosen noch öffentlich diskutiert werden sollen, offenbaren sie erstaunliche Schwächen und ein erhebliches Maß an Realitätsverweigerung.
Das zeigt sich vor allem an zwei Statistiken zum Ausbau von Rechenzentren und Großbatterien. Demnach liegen bereits gemeldete Projektplanungen im Bereich von 400 Terawattstunden (TWh) für den Zubau von Rechenzentren vor. Bei Großbatteriespeichern sind 200 TWh angemeldet.
In den Szenarien für das Jahr 2045 wird von einem Stromverbrauch deutscher Rechenzentren im Bereich von 100 TWh ausgegangen, ein Viertel der aktuellen Projektankündigungen. Großbatteriespeicher sollen bis dahin 100 TWh einspeisen, halb so viel wie derzeit angemeldet. Eine Erklärung gibt es nicht, weshalb bereits jetzt vorliegende Projektanmeldungen über der Annahme für 2045 liegen.
Statistik gegen lineare Fortschreibung
In 19 Jahren erwarten die vier großen Übertragungsnetzbetreiber laut des Entwurfs eine Gesamtbatterieleistung im deutschen Stromnetz von 180 Gigawatt. Würden diese einmal täglich ge- und entladen, ergäbe das grob die geschätzten 100 TWh pro Jahr. Ein Blick auf das Portal Battery-Charts(öffnet im neuen Fenster) der RWTH Aachen zeigt allerdings, dass die Gesamtleistung inklusive der zugelassenen Elektroautos bereits bei fast 180 Gigawatt liegt.
Auch interessant ist der in den Daten enthaltene Zuwachs von 8,5 Gigawatt seit dem vergangenen Jahr. Schreibt man diesen bis 2045 fort, ergeben sich ziemlich genau 180 Gigawatt. Hier wird eine lineare Fortschreibung an einer offenkundig nicht linearen Kurve vorgenommen.
Wie wenig Aussagekraft derartige Annahmen haben und dass lineares Wachstum eher nicht der Regelfall ist, zeigt auf unterhaltsame Weise die Unstatistik des Monats August des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung(öffnet im neuen Fenster).
Nimmt man dagegen den Fakt, dass sich die Batterieleistung in zwei Jahren verdoppelt hat, und setzt dieses Tempo an, wären bis zum Jahr 2040 ungefähr 4.000 Gigawatt erreicht. Die Wahrheit dürfte irgendwo zwischen beiden Annahmen liegen.
Potenzial gegen Gesetzesrahmen
Im Entwurf der Netzbetreiber ist das Vorgehen jedoch gleich noch einmal zu finden. Der Zubau von Photovoltaikanlagen erfolgt demnach für die kommenden 14 Jahre mit dem nahezu gleichen Tempo wie zuletzt. Anschließend stoppt der Zubau abrupt. Begründung: "Eine Übererfüllung der EEG-Ausbaupfade wird in keinem Szenario unterstellt, da diese als hinreichend ambitionierter Referenzrahmen angesehen werden."
Dabei wird unmittelbar danach geschrieben, dass das Potenzial für Photovoltaikanlagen nach aktuellem Stand in Deutschland beim Zehnfachen der Ausbauziele liege und vor allem Freiflächen-Solaranlagen durch die Direktvermarktung bereits gut integriert seien.
Noch handelt es sich um einen Entwurf, der in den nächsten Wochen noch verändert werden dürfte. Bedenklich ist jedoch, dass derzeit weder aktuelle Entwicklungen ausreichend Berücksichtigung finden noch Spielraum für eine vom aktuellen gesetzlichen Rahmen abweichende Ausbaugeschwindigkeit eingeräumt wird.
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