Deutscher Sci-Fi-Film Tides: Zu schön, um gut zu sein?
Ein Kinodebüt mit einem Science-Fiction-Film ist unter deutschsprachigen Regisseuren selten. Schließlich leben wir in einem Land der romantischen Komödie und der filmischen Vergangenheitsbewältigung, über deutsch-produzierte Fantastik wird immer noch oft die Nase gerümpft. Dennoch war Tim Fehlbaums Endzeitfilm Hell(öffnet im neuen Fenster) über eine Welt, in der die Sonne immer heißer, das Land immer trockener und das Überleben immer schwieriger wird, ein gelungener Auftakt. Produziert von Roland Emmerich musste dieser Film den internationalen Vergleich nicht scheuen.
Zehn Jahre sind seitdem vergangen. Fehlbaum hat in dieser Dekade keinen weiteren Film präsentiert, nun meldet er sich mit einem neuen Science-Fiction-Stoff zurück: Tides heißt das Werk, das auf der diesjährigen Berlinale sein Debüt feierte und ab 26. August in den deutschen Kinos läuft. Leicht wird es Fehlbaums melancholischer Science-Fiction-Trip wohl nicht haben, auch wenn er mit Iain Glen (Game of Thrones) und Nora Arnezeder (Zoo) besetzt ist.
In Tides geht es nach Jahren auf Kepler 209 zurück zur Erde
Zumeist erzählt moderne Science-Fiction von der Reise des Menschen ins All. Bisweilen lässt er eine sterbende Erde hinter sich zurück. So ähnlich ist das auch hier, nur dass Tides lange nach dieser Flucht ins All einsetzt. Die Menschen – zumindest die, die es sich leisten konnten – flohen zum weit entfernten Planeten Kepler 209, um ihn zu besiedeln. Das Leben dort hat aber seine Tücken. So zeigt sich nach mehreren Generationen, dass die Frauen auf dieser Welt unfruchtbar geworden sind.
Um das Überleben der Menschheit zu sichern, wird eine Mission zur Erde geschickt, die herausfinden soll, ob diese wieder bewohnbar ist. Allerdings verschwindet die erste Mission, weswegen eine zweite losgeschickt wird, unter anderen mit der Astronautin Blake (Arnezeder).
Drehort für Tides war eine deutsche Insel
Gedreht wurde der Film auf der Insel Neuwerk, die nur über eine Kutsche von Cuxhaven aus erreichbar ist. Das Wattenmeer bietet die perfekte Kulisse. "Da hat man für umsonst ein riesiges Production Value! Da müsste ich doch nur noch eine Astronautin im Schlamm liegen und aufwachen sehen und im Hintergrund steht ihre Raumkapsel und schon wäre ich im Science-Fiction-Setting des Filmes,"sagte Fehlbaum dem NDR(öffnet im neuen Fenster).

Dass er ein Auge für tolle Bilder hat, hat Fehlbaum schon bei Hell unter Beweis gestellt. Bei Tides baut er das noch aus: Die Bilder des Wattenmeers sehen atemberaubend aus. Nur jeweils sechs Stunden konnten Cast und Crew dort arbeiten, bevor die Flut kam und man auf den nächsten Tag warten musste.
Anstrengende Dreharbeiten inmitten des Schlicks waren für die Macher und Darsteller des Films ebenso herausfordernd wie für die Figuren der Geschichte, die in einer Welt leben, in der das Wasser ständiger Begleiter ist. Die Bilder fing Kameramann Markus Förderer ein. Seine Vision einer nebelverhangenen Welt kommt mit grimmiger Atmosphäre daher. Der Film sieht auch deswegen teurer aus, als er wohl eigentlich war.
Die wenig verklausulierte Botschaft: Rettet die Erde
So berauschend die Bilder sind – und so sehr Fehlbaum sich offenbar selbst daran berauscht hat -, so durchwachsen ist leider die Geschichte. Sie kommt mit einer nur schwach verklausulierten Ökobotschaft daher. So ehrenwert diese Botschaft ist, vermittelt wird sie leider mit dem Holzhammer.
Zudem ist sie nur Hintergrund für einen apokalyptischen Film, der sich weniger mit dem Status Quo dieser Welt als vielmehr mit der Hauptfigur auseinandersetzt. Diese wird nämlich von dem moralischen Dilemma geplagt, ob sie ihren Leuten zuhause überhaupt Bescheid geben soll.
Eine Lektion über Klassenkampf
Denn auf der Erde gibt es tatsächlich Überlebende. Was folgt, ist im Grunde eine Lektion über Klassenkampf: auf der einen Seite die etwas primitiven Ureinwohner, auf der anderen die "zivilisierteren" Kolonisten. Wie immer würde das darauf hinauslaufen, dass es den Schwächeren an den Kragen geht.
So fragt sich Blake, ob sie überhaupt das moralische Recht hat, diejenigen zur Erde zu lotsen, die den jetzigen Bewohnern alles nehmen würden. Denn das Überleben der Menschheit ist durch die Überlebenden auf der Erde ohnehin gesichert.
Diese Konstellation ist spannend, was aber nicht über logische Holprigkeiten hinwegtäuschen kann. Etwa die: Die Astronauten erwarten, dass die Erde verstrahlt ist, haben aber offenkundig keine Sicherheitsvorkehrungen getroffen.
So spricht man in der Zukunft
Eine schöne Idee ist, dass die Überlebenden der Erde längst nicht mehr die Sprache sprechen, die ihre Vorfahren einst sprachen. Vielmehr ist es ein Kauderwelsch, bei dem immer wieder Brocken verschiedener Sprachen auszumachen sind. Das ist toll, lässt sich aber natürlich im Sinne der Dramaturgie nicht komplett durchziehen. Es gibt also noch Leute, die die Sprache der Astronautin sprechen.
Insgesamt bleibt bei dem Film das Gefühl zurück, dass man weit mehr aus der Prämisse hätte machen können. Das generelle Problem von Tides ist, dass der Film auf keinem festen narrativen Fundament ruht. Er lässt Potenzial ungenützt zurück, weil er zu sehr von der Wirkmacht seiner eigenen Bilder beeindruckt ist.
Fehlbaum, der auch am Skript beteiligt war, erweist sich als Regisseur mit einem Gespür für großartige Bilder, aber er erliegt ihrer Verführung. Denn so stark die Bilder auch sind, letztlich braucht es eine ebenso starke Geschichte, um beim Zuschauer nachzuwirken. Das ist hier aber nicht gegeben.
Tides ist der ehrbare Versuch einer deutschen Science-Fiction-Produktion – abseits der wunderbaren Bilder ist aber noch viel Luft nach oben. Dennoch bleibt zu hoffen, dass Fehlbaum dem Genre treu bleibt und nicht wieder eine Dekade verstreicht, bis er seinen neuen Film präsentiert.
Die deutsche Fantastik steht noch so weit am Anfang, dass es mehr Filme braucht, um an einen Punkt zu kommen, an dem hiesige Produktionen sich vor internationaler Konkurrenz nicht mehr zu verstecken brauchen.
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