Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Deutsche Spielebranche 2023: Krisenjahr in einem "knüppelharten Geschäft"

Schließung bei Mimimi, Entlassungen bei Daedalic , Fördermittel auf der Kippe – 2023 war für die deutschen Spieleentwickler kein einfaches Jahr.
/ Daniel Ziegener
4 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Steckt die deutsche Spieleentwicklung in der Krise? (Bild: Orva Studio)
Steckt die deutsche Spieleentwicklung in der Krise? Bild: Orva Studio / Unsplash

In diesem Jahr endete in der deutschen Videospielbranche eine Ära: Im Juli 2023 kündigte Deadalic an, künftig keine eigenen Spiele mehr zu entwickeln . Mehr als ein Dutzend Auszeichnungen haben die Hamburger beim Deutschen Entwickler- und Computerspielpreis eingeheimst. Damit ist es nach dem spektakulären Flop von Gollum und der darauf folgenden Schließung der internen Entwicklung vorbei.

Das unrühmliche Ende von Daedalic, nach dem in einer Recherche von Game Two auch noch ein paar Leichen aus dem Keller geholt wurden , wirft seinen Schatten über die Spieleentwicklung in Deutschland – eine Branche, die 2023 ohnehin kein leichtes Jahr hatte. Eine Branche, in der je nach Perspektive in diesem Jahr immerhin oder gerade einmal fast 12.000 Menschen beschäftigt(öffnet im neuen Fenster) waren.

Neben Daedalic warf auch Mimimi hin, große wie kleine Firmen von Innogames bis Assemble bauten Stellen ab und einige der größten Titel wie Gollum und Die Siedler floppten bei Kritik und Kunden gleichermaßen.

Die Branche baut weltweit ab

Mit ihrer Krise ist die Spielebranche aber nicht allein. "Auch andere Branchen entlassen ja derzeit Personal, stoppen Projekte und schließen Standorte" , sagte Gameswirtschaft-Chefredakteurin Petra Fröhlich. In den USA, wo die Branche mit rund einer Viertelmillionen Beschäftigten um ein Vielfaches größer ist, kam es zu Massenentlassungen: Unity und Epic, Bungie und Bioware – die Liste der Unternehmen ist lang und zieht sich noch bis ins letzte Jahr. Mindestens 10.000(öffnet im neuen Fenster) waren es weltweit insgesamt.

"Förder-Millionen und die Corona-Sonderkonjunktur der Jahre 2020/21 haben branchenübergreifend strukturelle Probleme übertüncht, die aber nun mit Verzögerung voll durchschlagen" , sagt Petra Fröhlich. Das habe "vor allem bei Firmen mit dünner Eigenkapitaldecke oder hohen Personalkosten, die in Zeiten des Wachtsums aufgebaut wurden" , Probleme verursacht.

Im Jahresbericht 2022(öffnet im neuen Fenster) sprach Game-Vorstand Felix Falk noch von einer "im Vergleich zu der weit problematischeren Situation in vielen anderen Branchen" guten Situation im Games-Markt. 2023(öffnet im neuen Fenster) nannte der Verband hingegen ein "wechselhaftes Jahr" .

Für Dennis Schoubye von der Hamburg Kreativ Gesellschaft sticht "das Jahr 2023 als Krisenjahr hervor." Er sieht durch "globale Zusammenhänge und Unternehmenskonstrukte" eine schwierige Marktsituation, die auch Hamburger Games-Unternehmen getroffen und etwa bei Innogames zum Stellenabbau geführt habe. Der Mobile- und Browserspielentwickler strich in diesem Jahr 75 Arbeitsplätze .

Ständiger Streit um Fördermillionen

Der Segen, den das Kapital internationaler Publisher und Holdings brachte, ist mittlerweile ein Fluch: Denn die übernommenen Studios bekommen den Druck zu spüren und müssen sehr schnell und sehr deutlich Kosten senken – das geht im Games-Bereich vor allem übers Personal.

Gerade im internationalen Vergleich gehörte eine Förderung der Branche auf Bundesebene jahrelang zu den obersten Zielen des Branchenverbandes Game. Die kam 2019 endlich – gefolgt von mittlerweile fast alljährlichen Meldungen über leere Töpfe und aufgebrauchte Mittel .

Der Game-Verband ist angesichts dieser verlässlichen Unverlässlichkeit mittlerweile zu einer neuen Forderung übergegangen. Steuererleichterungen nach kanadischem, britischen oder französischem Vorbild(öffnet im neuen Fenster) sollen Spieleentwicklung in Deutschland langfristig planbar machen – denn diese Zeit braucht ein Spiel von der Idee bis zum Release.

"Wir freuen uns zu sehen, dass über die Jahre nahezu alle Bundesländer die Relevanz der Gamesbranche für ihren Wirtschaftsstandort erkannt haben" , sagt Dennis Schoubye, der mit Gamecity Hamburg ein eigenes Fördernetzwerk im Stadtstaat mitbetreibt. "Von diesen regionalen Förderungen profitieren die lokalen Entwickler jetzt umso mehr, während die Computerspieleförderung des Bundes nicht beantragt werden kann."

Die Gamesförderung kommt auf den Prüfstand

"Die Computerspielförderung des Bundes soll u.a. dazu beitragen, die Anzahl der Beschäftigten innerhalb der Gamesbranche und der Kultur- und Kreativwirtschaft zu erhöhen sowie die Zahl von Spieleveröffentlichungen aus Deutschland zu steigern" , so das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK). Noch im Oktober 2023 teilte die für die Bundesförderung zuständige Behörde Golem.de auf Anfrage mit, man wolle den Erfolg dieses Ziels "grundlegend evaluieren" .

Auf Grundlage der Ergebnisse wolle man die Förderung dann "besser auf die aktuellen Rahmenbedingungen ausrichten" . Diese Ergebnisse gibt es mittlerweile(öffnet im neuen Fenster) . Demnach wären mit 72 Prozent fast drei Viertel der Spieleentwicklungen in Deutschland ohne die Förderung gar nicht realisiert worden.

Förderung erhielten allerdings auch viele der Studios, die in diesem Jahr Angestellte entlassen haben. Daedalic erhielt für Gollum 2 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt , erste Beträge für das nun gestrichene Nachfolgeprojekt It's Magic wurden bereits aus- und nun zurückgezahlt. Flying Sheep erhielt 1 Million für das Metaverse-Spiel Star Life(öffnet im neuen Fenster) , Innogames rund 2 Millionen, Mimimi Games sogar etwas mehr .

"Mit der Computerspieleförderung des Bundes sollen die Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Computerspielen in Deutschland verbessert werden" , so das BMWK. "Der Erfolg der Förderung bemisst sich dabei nicht am Erfolg oder Misserfolg von einzelnen Projekten, sondern am Gesamtergebnis – denn Games sind immer Risikoprojekte, deren Erfolg sich schwer vorhersagen lässt. Die Förderung soll daher auch das wirtschaftliche Risiko abmildern. Die wirtschaftlichen Entscheidungen liegen aber letztendlich in den Händen der Unternehmen selbst."

Ist der Traum vom deutschen AAA geplatzt?

Wie hoch dieses Risiko ist, wurde dabei besonders am Fall Daedalic deutlich. Noch 2019 versprach Geschäftsführer Carsten Fichtelmann, man habe "Eigenentwicklungen auf AAA-Niveau in der Pipeline, bei denen nicht nur unsere Fans und die deutsche Games-Branche staunen werden" – und meinte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Gollum.

Internationales Staunen erzeugte Gollum aber vor allem, weil es von der Kritik nicht nur wegen technischer Probleme regelrecht zerrissen wurde. Auch eine andere deutsche AAA-Produktion legte 2023 eine Bauchlandung hin: Nicht einmal Blue Bytes neuer Teil der Siedler-Reihe konnte überzeugen . Ein Ergebnis, das sicher auch der chaotischen Entwicklung geschuldet war.

Mimimi konnte mit seinem mittlerweile dritten Taktik-Spiel Shadow Gambit zwar spielerisch überzeugen, kommerziell aber nur bedingt – zumindest, wenn man Steam-Reviews als Indikator nimmt. Wurde Shadow Tactics noch 28.000-mal rezensiert, waren es bei Desperados 3 bereits nur noch 8.600 und bei Shadow Gambit gerade einmal 2.600 Rezensionen auf der größten Plattform für PC-Spiele.

Die Fälle von Daedalic und Mimimi seien "sehr unterschiedlich gelagert und nicht direkt vergleichbar" , sagt Petra Fröhlich. "Das Ergebnis ist aber identisch: Deutschland verliert zwei starke Studio-Standorte und die eingespielten Kollegen brauchen neue Arbeitgeber, was derzeit schwierig genug ist." Eine Lehre lasse sich daraus aber nicht ziehen, außer: "Games-Entwicklung ist ein knüppelhartes Geschäft."

Deutschland ist voller Hidden Champions

Bei Daedalic verloren laut Unternehmensangaben 25 Menschen ihren Job, bei Mimimi waren zuletzt 37 beschäftigt. So tragisch jeder einzelne dieser Arbeitsplatzverluste ist, so klein erscheinen sie in der Statistik der gesamten Branche. Die um ein Vielfaches größeren Arbeitgeber in der deutschen Gamesbranche(öffnet im neuen Fenster) sind Firmen wie Ubisoft, die ihre Präsenz hierzulande in den letzten Jahren verstärkt ausgebaut haben , aber vor allem Mobile- und Browserspiel-Entwickler wie Innogames, Wooga, Goodgame oder Gameforge.

"Meines Erachtens wird oft übersehen, dass wir ja sehr erfolgreiche Mittelständler haben, die teils seit Jahrzehnten erfolgreich sind – darüber spricht nur selten jemand" , so Fröhlich, und vergleicht es mit dem "Phänomen der Hidden Champions" in Branchen wie dem Maschinenbau. Aus Sicht der Branchenkennerin Fröhlich ist die deutsche Spieleindustrie jedenfalls "besser, als sie gelegentlich geredet wird."

Erfolgreich sind dennoch vor allem Mobile- und Browserspiele und der gelegentliche Indie-Hit. "Damit AAA-Games in Hamburg und Deutschland entstehen können, braucht es das Zusammenspiel aus der notwendigen Finanzierung und Fachkräften für solche Großprojekte" , glaubt Dennis Schoubye. Der Gesamtstandort Deutschland müsse für Investoren und Fachkräfte attraktiver gemacht werden.

Und trotz Haushaltskrise gibt die Ampel-Koalition der Spielebranche noch ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk mit auf den Weg ins neue Jahr: Die Förderung soll für 2024 um 33 Millionen Euro aufgestockt werden – auch wenn die geforderten Steuererleichterungen noch nicht absehbar sind.


Relevante Themen