Deutsche Raumfahrt: Rocket Factory Augsburg macht unglaubwürdige Versprechen

Die Rocketfactory Augsburg will das deutsche SpaceX sein. Aber für die Entwicklung ihrer neuen Rakete ist die Technik zu kompliziert, die Zeit zu knapp und der Preis zu niedrig.

Eine Analyse von veröffentlicht am
Die RFA One soll die erste deutsche Trägerrakete werden.
Die RFA One soll die erste deutsche Trägerrakete werden. (Bild: Rocketfactory Augsburg Presskit)

Einzelne Schwachstellen im Geschäftsmodell von Raketen-Startups sind normal. Aber seit die Rocket Factory Augsburg (RFA) im Sommer 2020 entschieden hat, die Pläne für ihre Rakete RFA One zu überarbeiten, sind die schon damals überambitionierten Ziele völlig unrealistisch geworden. Schon bei der Bekanntgabe der Preisträger des deutschen Raketenwettbewerbs gab es widersprüchliche Angaben zur Rakete, der RFA One. Kurze Zeit später wurden ihre technischen Daten auf der Webseite geändert. Nun sollte die Rakete 1.200 kg statt 200 kg Nutzlast haben und viel komplexere und leistungsfähigere Triebwerke benutzen.

Inhalt:
  1. Deutsche Raumfahrt: Rocket Factory Augsburg macht unglaubwürdige Versprechen
  2. Eine Entwicklungszeit von zehn Jahren ist normal
  3. Auch SpaceX brauchte zehn Jahre für eigene Triebwerksentwicklung

Trotzdem sprachen die Firmengründer im Countdown Podcast, zu dem auch der Artikelautor gehört, am 24. Februar 2021 noch immer davon, dass die Rakete 2022 starten können und drei Jahre später mit 30 Starts pro Jahr profitabel sein soll. Der Startpreis war zuvor mit 3 Millionen Euro konkurrenzfähig mit Raketen vergleichbarer Nutzlast von 200 kg. Aber trotz der massiven Steigerung auf 1.200 kg soll sich am Preis nichts ändern. Vergleichszahlen von anderen Raketen-Startups sind 25 kg für 2 Millionen Euro (Astra - Rocket 3, 150 kg Nutzlast sind geplant), 200 kg für 6 Millionen Euro (Rocketlab - Electron) und 300 kg für 10 Millionen Euro (Virgin Orbit - Launcher One).

Dabei stellt die Änderung in den Plänen einen kompletten Neuanfang in der Raketenentwicklung dar und die neue Triebwerkstechnik ist sehr komplex. Das Problem sind nicht einzelne Kritikpunkte an Zeitplänen oder dem Geschäftsmodell, sondern viel zu große Versprechen in allen Bereichen.

In einer Stellungnahme räumte Rocket Factory Augsburg inzwischen ein, dass die Triebwerkstechnik von Yuzhmash aus der Ukraine stammt.

Ultrabillig trotz komplizierter Technik

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Der wichtigste Grund für Zweifel sind die neuen Triebwerke. Laut Firmengründer Stefan Brieschenk sollen sie "Ultra-low Cost" mit "Ultra-high Performance" verbinden, also sehr niedrige Kosten mit sehr hoher Leistung. Sie verwenden Kerosin in einem geschlossenen Brennstoffzyklus. Die Technik erlaubt sehr effiziente Triebwerke, ist aber sehr komplex und keinesfalls "Ultra-low Cost". Im Zentrum stehen dabei die extrem leistungsfähigen Treibstoffpumpen, die von einer Turbine angetrieben werden.

RFA verspricht, bereits 2022 eine Rakete starten zu können, obwohl das neue Triebwerk erst seit 2020 entwickelt wird. Dabei befindet es sich in einem so frühen Entwicklungsstadium, dass es bislang noch nicht einmal auf dem Teststand gezündet wurde. Die Firma kann auch noch nicht genau sagen, wie viel Schub das Triebwerk entwickeln kann. Die Kombination von Kohlenwasserstoffen und geschlossenem Brennstoffzyklus ist außerhalb der ehemaligen Sowjetunion noch immer exotisch, was sich auch bei anderen Firmen in langen Entwicklungszeiten äußert.

Im Gespräch deutet aber nichts darauf hin, dass die Mitarbeiter von RFA relevante Erfahrungen in der Entwicklung dieser Technik haben. Hilfe aus Russland oder der Ukraine lässt sich natürlich nicht ausschließen. Aber selbst dann ist wegen der hohen Komplexität nicht damit zu rechnen, dass ein neues Triebwerk auf dem Teststand sofort perfekt funktioniert.

Unrealistische Zeit- und Kostenvorstellungen

Und auch mit einem funktionierenden Triebwerk benötigt die Entwicklung der Rakete Zeit. Bei allen bekannten Raketenherstellern dauerte es wenigstens ein Jahr vom vollständigen Test auf Triebwerksteststand bis zum ersten Startversuch. Die Erfahrung von Firmen wie SpaceX, Rocketlab und Astra Space würde für RFA mit Entwicklungsstart 2020 einen ersten erfolgreichen Flug zwischen 2025 und 2027 erwarten lassen, keinesfalls im Jahr 2022. Dabei sind die Raketen der genannten Unternehmen kleiner und technisch einfacher aufgebaut. Wenn die Entwicklung ähnlich verläuft wie bei Blue Origin oder Virgin Orbit, dürften die ersten Starttermine schätzungsweise sogar erst nach 2030 liegen.

Ein anderes Problem ist der extrem niedrige Startpreis. Der erfordert unbedingt eine Wiederverwendung, aber auch dann ist die Wirtschaftlichkeit noch fraglich. Selbst SpaceX spart nicht mehr als etwa 50 Prozent der Startkosten durch Wiederverwendung ein und die Preise von RFA liegen bei nicht einmal einem Viertel der Preise vergleichbarer Raketen. RFA hat jedoch noch kein Konzept dafür, wie die Rakete nach dem Start wieder zurück zur Erde kommt. Es gebe eine Matrix mit Möglichkeiten, die langsam eliminiert würden, aber 90 Prozent der Anstrengungen gingen derzeit in die Triebwerksentwicklung, erklärte Brieschenk im Countdown Podcast.

Dieser Ansatz zur Wiederverwendung gleicht dem von SpaceX oder Rocketlab und unterscheidet sich dennoch grundlegend von diesen Firmen. Denn für SpaceX und Rocketlab war die Wiederverwendung für die Profitabilität im Geschäftskonzept nicht notwendig. Peter Beck, Chef von Rocketlab, sagte sogar, dass er keine Einsparung durch die Wiederverwendung der Electron erwarte. Sie soll die Produktion in der Fabrik entlasten und nicht die Startkosten senken.

Damit fehlt in den Plänen der Rocketfactory Augsburg alles, was die Rakete und deren Geschäftsmodell glaubwürdig machen würde. Um zu zeigen, wie unrealistisch die Pläne von RFA sind, ist aber eine noch detailliertere Betrachtung der angedachten Technik und ein Vergleich mit der Entwicklung von anderen Raketen notwendig.

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Eine Entwicklungszeit von zehn Jahren ist normal 
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Frank... 08. Mär 2021

Mehr dazu steht im neuen Artikel.

Tantalus 08. Mär 2021

Das kommt sehr stakr auf den gewünschten Ziel-Orbit an. Wenn Du in einen polaren Orbit...

Frank... 08. Mär 2021

Habe ich nachgetragen. Es war nicht die Absicht, das zu verheimlichen - es steht ja auch...

Trollversteher 08. Mär 2021

Nö, laut Einstein ist Gravitation keine Kraft im eigentlichen Sinne, sondern eine...

TomTomTomTom 08. Mär 2021

Im Artikel heisst es: "Selbst SpaceX spart nicht mehr als etwa 50 Prozent der Startkosten...



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