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Deutsche Autoindustrie: Das elektrische Überbrückungsjahr

Wirtschaftsminister Habeck hofft auf "Kipppunkte" für den Zuwachs der Elektromobilität . Haben deutsche Hersteller dazu in diesem Jahr etwas in petto?
/ Dirk Kunde
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Ein Luxux-SUV wie der Porsche Macan stellt keinen Kipppunkt für die E-Mobilität dar. (Bild: Porsche)
Ein Luxux-SUV wie der Porsche Macan stellt keinen Kipppunkt für die E-Mobilität dar. Bild: Porsche

Beim Besuch im Mercedes-Benz Werk in Berlin-Marienfelde antwortet Wirtschaftsminister Robert Habeck auf die Frage nach Zulassungen bei E-Autos: "Die lineare Hochrechnung der Zulassungen zeigt, dass wir bis 2030 die 15 Millionen nicht erreichen, das stimmt." Der grüne Minister ist das erste Regierungsmitglied, welches das Ziel offen infrage stellt.

Wobei auch wieder nicht so ganz. "Technische Entwicklungen und vor allem die gesellschaftliche Akzeptanz entwickeln sich nicht linear (...) manchmal gibt es Kipppunkte" , fügte Habeck laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters(öffnet im neuen Fenster) hinzu.

Bei aktuell 1,5 Millionen E-Autos wäre in den verbleibenden sechs Jahren eine Verzehnfachung notwendig. Doch nach dem plötzlichen Wegfall der staatlichen Förderung herrscht bei den Kunden in Sachen Elektromobilität Zurückhaltung. Jetzt müssen technische Vorteile oder günstige Einstiegsautos überzeugen. Ein Blick auf die Ankündigungen deutscher Hersteller vermittelt für 2024 einen anderen Eindruck.

Taycan: schnellste Ladeleistung im Markt

Lediglich die Ingenieure aus Zuffenhausen legten technisch kräftig nach. Im aktuellen Modelljahr des Taycans steigen Lade- und Rekuperationsleistung , Beschleunigung und Reichweite. Mit bis zu 320 kW Ladeleistung ist das Platz Eins aller elektrischen Pkw. Die Ladekurve verbleibt bis zu fünf Minuten bei Werten oberhalb der 300-kW-Marke an entsprechenden HPC-Ladesäulen.

Somit sinkt die Ladezeit von 10 bis 80 Prozent bei 15 Grad Celsius Batterietemperatur von 37 auf 18 Minuten. Mit der Performance-Batterie Plus sind bis zu 678 Reichweite km (WLTP) möglich. Die Rekuperationsleistung steigt bei Verzögerungen aus hohen Geschwindigkeiten von 290 auf bis zu 400 kW. Der Porsche Taycan S ist aus dem Stand in 2,4 Sekunden auf Tempo 100. Das sind 0,6 Sekunden weniger als bislang.

Verzögerungen bei der PPE-Plattform

Natürlich sind die Taycan-Variationen mit ihren sechsstelligen Preisschildern keine E-Autos für Jedermann. Deutschland ist auch nicht der wichtigste Absatzmarkt für den Sportwagen. Von den 150.000 produzierten Fahrzeugen fährt ein Großteil in den USA, Großbritannien und China. So wählte Porsche die Singapur Art Week als Veranstaltung für seine Vorstellung des elektrischen Macans .

Doch dieser Wagen, ebenso wie der Audi Q6 E-Tron, sind Beispiele für die Probleme der deutschen Hersteller. Die Modelle nutzen die gemeinsam entwickelte Premium Platform Electric (PPE). Aufgrund der Softwareprobleme der Konzerntochter Cariad kommen beide E-Autos deutlich später als geplant auf den Markt. Der Q6 E-Tron sollte bereits 2022 vorgestellt werden, das passiert nun hoffentlich im Laufe dieses Jahres.

Keine Neuheiten bei Audi

Der neue Audi-Chef Gernot Döllner soll Starttermine von sechs elektrischen Modellen verschoben haben . Derzeit werden sowohl die Belegung der Produktionsstätten umverteilt als auch etliche Stellen im Topmanagement neu besetzt. Dazu zählt die Position des Chief Creative Officers. Nach zehn Jahren übernimmt Designchef Marc Lichte andere Aufgaben im Konzern.

Döllner holte Massimo Frascella von Jaguar Land Rover, um neuen Modellen das passende Aussehen zu geben. Doch außer dem elektrischen SUV Q6 E-Tron ist in diesem Jahr nicht mit Neuheiten zu rechnen. Immerhin profitieren die Ingolstädter von den Arbeiten der Porsche-Ingenieure. Unter der Haube des Audi E-Tron GT steckt Taycan-Technik.

Warten auf den ID.2

Bei der Hauptmarke des Volkswagen-Konzerns muss man weiter auf elektrische Kleinwagen warten. Der bereits präsentierte ID.2all kommt erst Anfang 2026 in größeren Stückzahlen auf den Markt - dann aber hoffentlich zu einem Startpreis unterhalb von 25.000 Euro.

In diesem Jahr folgt auf die große Limousine ID.7 noch der Tourer , also die Kombiversion. Auch mit sportlicheren GTX-Varianten für die Modelle ID.3, ID.7 und ID.Buzz ist im Laufe des Jahres zu rechnen.

Zu den technischen Neuerungen aus dem VW-Konzern zählt lediglich ein Komfortgewinn. Ab dem zweiten Quartal 2024 nutzt der Sprachassistent IDA den Zugriff auf die generative KI von ChatGPT. Damit sollen Dialoge in natürlicher Sprache geführt werden. Das soll mit E-Autos (MEB) ab Softwareversion 4.0 sowie bei neueren Verbrennermodellen der MQB Evo-Plattform (u.a. Golf 8, Passat B9, Tiguan 3) funktionieren.

Konzentration auf die Neue Klasse bei BMW

Auch BMW führt künstliche Intelligenz bei seinem Sprachassistenten ein. Ansonsten steht in diesem Jahr nur Modellpflege auf dem Programm. Das ist nachvollziehbar, denn im kommenden Jahr hat bei den Bayern die Neue Klasse ihren großen Auftritt. Im März 2024 kommt mit dem iX2 eDrive 20 die günstigste Einstiegsvariante des Sports Activity Coupé mit Frontantrieb auf den Markt. Das Modell dürfte BMW als Gegenangebot zum Tesla Model Y positionieren. Bei der Business-Limousine i5 folgt im März eine Allradversion. Der i5 xDrive 40 verfügt über 290 kW (394 PS) Motorleistung.

Die 5er-Reihe verfügt bereits über einen Autobahnassistenten. Das Level-2-System mit Lenkfunktion und Abstandsregelung bis Tempo 135 km/h kommt in diesem Jahr auch in die 7er-Reihe, iX sowie X5, X6 und X7. Das Besondere: Erkennt das System eine freie Überholspur, genügt ein Blick in den linken Außenspiegel, um den Überholvorhang zu starten.

Mercedes-Benz setzt auf 800 Volt

Die Stuttgarter erhöhen bei ihren elektrischen SUV den Energiegehalt bei identischer Batteriegröße. Beim EQS SUV 450+ sind nun 118 kWh nutzbar, was bis zu 720 km Reichweite bedeutet (plus sieben Prozent). Bei den Allradversionen wird eine sogenannte Disconnect Unit an der Vorderachse verbaut. Permanenterregte Synchronmotoren erzeugen Schleppverluste, wenn sich der Rotor beim eigentlich abgeschalteten E-Motor dreht. Jetzt erfolgt eine mechanische Trennung von der Achse. Das spart Energie, wenn auf trockener und ebener Strecke nur der Heckmotor arbeitet.

Der Sitzkomfort auf den Rücksitzen im EQS wird verbessert und OTA-Updates liefern Dolby Atmos für die Soundanlage, eine Reiseführer- sowie die Youtube-App für das Infotainment. Alles kleine Verbesserungen, über die großen Dinge reden die Pressesprecher in Stuttgart noch nicht. Einige Onlinemedien berichten aber bereits im Detail über die Plattformerweiterung.

Aus EVA 2 wird EVA 2M. Die wichtigste Neuerung: Das Batteriesystem arbeitet dann mit 800 Volt Spannung. Das ermöglicht höhere Ladeleistungen. Die E-Motoren der Zulieferer werden durch die Eigenentwicklung eATS 2.0 ersetzt. Die Motoren arbeiten mit einem Zwei-Gang-Getriebe, was bislang nur Porsche macht. Der lang übersetzte zweite Gang sorgt bei höheren Geschwindigkeiten für eine effizientere Kraftübertragung auf die Räder. Im Inverter kommen Siliziumkarbidchips (SiC) zum Einsatz. Bei der Umwandlung von Gleichstrom aus der Batterie zu Wechselstrom für den E-Motor arbeiten diese Chips effizienter, und es geht weniger Energie in Form von Wärme verloren.

Kommt der Tesla-Kleinwagen?

Natürlich richten sich die Blicke auch auf den Branchenprimus Tesla. Für das Model 3 gab es mit dem Highland bereits eine Modellpflege. Gleiches wird in diesem Jahr für das Model Y erwartet. Doch interne Tesla-Dokumente, die auf X veröffentlicht wurden, sprechen dagegen. Eine Modellpflege sei erst für das kommende Jahr vorgesehen. Das Gerücht eines Model 2 zu einem Preis von weniger als 25.000 US-Dollar kursiert schon länger. Tesla-Chef Elon Musk bestätigte bereits, dass die Ziffer 2 nicht verwendet werde. Mit Blick auf die Namensgebung bei Volkswagen ergibt das Sinn.

Musk wurde im Interview mit dem US-Autoexperten Sandy Munro Ende 2023 nach dem elektrischen Kleinwagen gefragt. Erstaunlicherweise äußerte sich Musk weder zum Starttermin noch zum geplanten Volumen. "Ich darf nichts kommentieren, was den Aktienkurs beeinflussen könnte" , sagte Musk. Scheinbar hat er durch die Strafzahlungen an die Börsenaufsicht gelernt. Aber er wäre nicht Musk, wenn er nicht doch ein paar Details preisgegeben hätte: Die Planungen für den Kleinwagen mit hohen Stückzahlen laufe auf vollen Touren.

Er lasse sich jede Woche den Stand für die Fertigung im Werk bei Austin im US-Bundesstaat Texas vorlegen. Und betonte: "Die Revolutionen im Fertigungsprozess bei diesem Auto wird die Leute umhauen. So eine Fertigungsstrecke hat noch niemand gesehen." Das Rennen um einen bezahlbaren, elektrischen "Volkswagen" ist jedoch vollkommen offen. Vielleicht kommt er aus Austin, Wolfsburg - oder doch aus China?


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