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Deus Ex Mankind Divided angespielt: Packender Genre-Hybrid mit verstörendem Zukunftsszenario

Körperimplantate, Killerdrohnen und viele spannende Wege durch dystopische Science-Fiction-Umgebungen: Golem.de konnte das nächste Kapitel der Deus-Ex-Saga vor Ort bei Eidos Montreal erstmals anspielen.
/ Benedikt Plass-Fleßenkämper , Sönke Siemens
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Artwork von Deus Ex - Mankind Divided (Bild: Square Enix)
Artwork von Deus Ex - Mankind Divided Bild: Square Enix

Mechanische Apartheid. Dieser Begriff fällt immer wieder, wenn Game Designer Patrick Fortier, Produzent Olivier Proulx und Narrative Designer Jason Dozois über die Story des Action-Rollenspiels Deus Ex: Mankind Divided sprechen. Wer den von Kritikern gefeierten Vorgängertitel durchgespielt hat, ahnt, wo die hochtrabende Formulierung ihren Ursprung hat.

Deus Ex Mankind Divided World Premiere Gameplay Demo
Deus Ex Mankind Divided World Premiere Gameplay Demo (25:18)

Spoiler-Warnung: Im kommenden Absatz verraten wir einiges zur Handlung des Vorgängers Deus Ex: Human Revolution. Wer das überspringen möchte, kann im übernächsten Absatz nach der Bildergalerie weiterlesen.

Gegen Ende von Deus Ex: Human Revolution kommt es zu einem katastrophalen Ereignis. Der sogenannte Aug-Vorfall(öffnet im neuen Fenster) versetzt Millionen von Menschen mit Körperimplantaten, hier Augmentierungen genannt, in eine Art Wahnzustand und bringt sie gegen ihre Mitmenschen auf. Chaos, Tod und Zerstörung sind die Folge – und damit einhergehend die ideologische Spaltung der Gesellschaft. Anders als im Jahr 2027 in Human Revolution stehen Augmentierte im zwei Jahre später angesiedelten Mankind Divided plötzlich auf dem Abstellgleis: Augs gelten als tickende Zeitbombe, werden schikaniert, in Ghettos gepfercht und mehr und mehr zu Bürgern zweiter Klasse degradiert – was eine Menge Probleme mit sich bringt. Mittendrin in diesem Schmelztiegel aus Wut, Hass, Verachtung und Fehlinformationen ist einmal mehr Adam Jensen.

Seinen Job als Sicherheitsoffizier bei der Biotechfima Sarif Industries(öffnet im neuen Fenster) hat Jensen mittlerweile aufgegeben und stattdessen bei Task Force 29 angeheuert. Die Aufgabe dieser Eingreiftruppe: die seit dem Aug-Vorfall vermehrte organisierte Kriminalität und die perfiden Terroranschläge bekämpfen. Dass dabei die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Gut und Böse sowie Recht und Unrecht zusehends verschwimmen und auch die Illuminaten(öffnet im neuen Fenster) wieder eine wichtige Rolle spielen werden, versteht sich im Deus-Ex-Kosmos fast von selbst.

Vorgängerkenntnisse sind nicht zwingend notwendig

Die bei Eidos Montreal(öffnet im neuen Fenster) auf einem Entwickler-PC anspielbare PS4-Vorabfassung unterteilte sich in zwei Szenarien mit unterschiedlichem Fokus. "Die Dubai-Mission ist das erste Level in Mankind Divided und eine hervorragende Möglichkeit für uns, neue Spielmechaniken, die überarbeitete Steuerung und die Tutorial-Aspekte des Spiels in Szene zu setzen" , erklärt Olivier Proulx Golem.de. "Im zweiten Teil der Demo werfen wir den Spieler dann in eine echte Profikarte, die viel später in der Story spielt" , führt der Produzent aus. "Das sogenannte Dvali Theater befindet sich im alten Distrikt von Prag. Die Dvali selbst sind eine Gangsterorganisation – eine Art russischer Mob. Sie haben das Gelände übernommen und zu ihrer Basis ausgebaut. Um Jensens Ermittlungen voranzutreiben, gilt es nun, genau diesen schwer bewachten Ort zu infiltrieren."

Bevor wir jedoch herausfinden, was das in der Praxis bedeutet, haben wir zunächst einmal die Möglichkeit, einen rasanten Zusammenschnitt der wichtigsten Ereignisse aus Human Revolution in Form eines knapp zehnminütigen Videos zu erleben. Löblich: Ob man diesen "Was bisher geschah"-Clip nun anschauen möchte oder nicht, ist jedem selbst überlassen. Story Designer Jason Dozois fügt hinzu: "Letztlich wurde Mankind Divided so angelegt, dass jeder sofort loslegen kann. Vorkenntnisse zu Human Revolution sind nicht zwingend notwendig."

Schleichen oder Schießen?

Endlich den Controller in der Hand, folgt bereits der erste Aha-Moment für Fans. Denn die Story startet direkt mit einer interaktiven Zwischensequenz. Im Smalltalk mit unserem Vorgesetzten Miller dürfen wir anhand von Multiple-Choice-Fragen entscheiden, wie wir die anstehende Dubai-Herausforderung – die Konfrontation mit einer Waffenschmugglerbande namens The Jinn in Angriff angehen möchten. Letale oder nicht letale Munition? Nah- oder Fernkampfwaffen? Serientypisch haben wir die Qual der Wahl – und bestimmen damit zugleich, ob wir eher den Pfad des Leisetreters oder den des rücksichtslosen Rambos einschlagen.

Wichtigster spielerischer Unterschied zu Human Revolution: Ab sofort gilt Schleichen nicht mehr als der Königsweg, eine Mission zu lösen. Weil sämtliche Aspekte des Kampfsystems (Shooter-Steuerung, Zerstörbarkeit der Umgebungen, Munitionsvielfalt, Waffen-Upgrade-Optionen, Cover-Mechanik und so weiter) spürbar verfeinert wurden, kommt man in beiden Demo-Abschnitten mit roher Gewalt demnach genauso gut voran wie auf leisen Sohlen. Das gilt vor allem dann, wenn Jensen die zahlreichen zur Verfügung stehenden Augmentierungen passend zu seinem Spielstil einsetzt.

Deus Ex Mankind Divided – Trailer (E3 2015)
Deus Ex Mankind Divided – Trailer (E3 2015) (02:40)

Wer beispielsweise immer wieder Wachen übersieht und ständig in Feuergefechte verwickelt wird, sollte mit dem Titan-Shield-Implantat liebäugeln. Auf Knopfdruck legt sich dann für einige Sekunden ein nahezu undurchdringbarer stacheliger Hightech-Panzer um Jensens Körper und absorbiert anfliegende Kugeln, lodernde Flammen, umherfliegende Granatsplitter und andere Widrigkeiten.

Oder man zückt Adams getunten Mechanik-Arm und tackert Gegner mit Fernkampf-Nanoblades – verschießbare, rasiermesserscharfe Klingen – wie ein lebendes Plakat an die nächstbeste Hauswand. Pyromanen schwören übrigens auf die Sprengstoffvariante der Fernschuss-Nanoblades. Einfach abwarten, bis sich mehrere Feindeinheiten an einem Fleck tummeln, Sprengstoff-Klinge abfeuern und kurz hinter einer Deckung innehalten – den Rest erledigt die Druckwelle.

Gleichberechtigung für alle Zielgruppen

Doch keine Sorge: Trotz der massiv erhöhten Action-Komponente fühlen sich auch die Stealth- und Hacking-Elemente nach wie vor fantastisch an. Zum einen, weil jedes Demolevel mit etlichen Zugangspunkten zu abgesicherten Bereichen aufwartet. In Prag zum Beispiel lässt sich eine defekte Hebebühne mit einer Biozelle wieder flottmachen, wodurch Jensen völlig konfliktfrei ins Innere einer gegnerischen Hochburg eindringen kann. Alternativ verschmelzen wir dank Glass-Shield-Modul wie ein Chamäleon mit der Umgebung und gelangen schließlich durch einen schlecht bewachten Lüftungsschacht ans Ziel – um nur zwei von vielen Pfaden zu nennen.

Zum anderen, weil eine Vielzahl neuer Augmentierungen den Schleichansatz wunderbar unterstützt. Exemplarisch hierfür steht das Remote-Hacking-Upgrade: Mit seiner Hilfe kann Jensen ins Fadenkreuz genommene Kameras und Wachdrohen erstmals aus der Distanz heraus für einen Zeitraum von etwa 30 Sekunden lahmlegen und dann unbemerkt an ihnen vorbeihuschen. Nicht minder praktisch ist der Ikarus Dash, womit wir uns in Bruchteilen einer Sekunde und nahezu unbemerkt an speziell markierte Orte im Level katapultieren. Das Schöne am bisher Präsentierten: Wann der Spieler wie vorgeht, muss er immer komplett selbst entscheiden. Auf einen optimalen Weg durch einzelne Abschnitte wird bewusst verzichtet.

Wenn Deus Ex: Mankind Divided Ende Februar 2016 erscheint, sollen sich viele Konflikte zudem durch cleveren Einsatz sozialer Fähigkeiten lösen lassen. Dieses Spielelement wurde uns leider noch nicht in Aktion gezeigt, meint aber strenggenommen, dass Jensen Nicht-Spielercharakteren unter anderem solange zuredet, bis die nach seiner Pfeife tanzen. Beziehungsweise sich ergeben oder Dinge für ihn tun, die letztendlich ausschließlich durch geschickte Dialogführung bewirkt wurden.

Die Macher sagen, dass sich die Story sogar komplett durchspielen lassen soll, ohne auch nur einen einzigen Gegner in die ewige Jagdgründe zu schicken – und ja, das schließt Bossbegegnungen(öffnet im neuen Fenster) mit ein!

Leistungsstarke Engine, aber noch viel Arbeit für die Entwickler

Technisch wurde Mankind Divided im Vergleich zur Vorgängerproduktion sichtbar augmentiert. Die aus der Glacier 2 Engine hervorgegangene Dawn Engine(öffnet im neuen Fenster) sorgt für eine stets flüssige Bildrate, tolle Weitsicht, eine höhere Dichte an Nichtspieler-Charakteren, viele schicke Effekte beim Einsatz der zahlreichen Augmentierungen und ein deutlich mehr auf Vertikalität getrimmtes Leveldesign. Außerdem stemmt sie sämtliche Audioinhalte im Gegensatz zu Human Revolution nicht nur in Stereo, sondern endlich auch in 5.1-Surround-Sound.

Deus Ex Mankind Divided – Trailer (Ankündigung)
Deus Ex Mankind Divided – Trailer (Ankündigung) (03:25)

Klingt nach einer eierlegenden Wollmilchsau? Nicht ganz, denn noch offenbarte unser knapp vierstündiges Techtelmechtel mit der Vorabversion zahlreiche Stolperfallen, die das Team bis zur Veröffentlichung in knapp viereinhalb Monaten dringend in den Griff bekommen sollte. Allen voran störende KI- und Physikaussetzer: Im Prag-Level zum Beispiel führte ein minutenlanger Schusswechsel letztendlich dazu, dass zwei Wachposten mit ausgestreckten Armen wie versteinerte Ampelmännchen in der Gegend herumstanden. Ihr wütendes Gebrabbel ertönte dabei weiter durch die Lautsprecher, was die Szene umso bizarrer erscheinen ließ.

Darüber hinaus begegneten wir einer sich ständig selbst heilenden Fensterscheibe, mehreren sekundenlang zuckenden Ragdoll-Leichen und Dutzenden Objekten, deren physikalisches Gewicht völlig unglaubwürdig simuliert wurde.

Die gute Nachricht: Über einen Großteil dieser Ungereimtheiten ist man sich in Montreal bereits im Klaren und kommunizierte sie daher direkt in der Einführungspräsentation. Ein sehr transparenter Ansatz, wie wir finden – und einer, der Hoffnung gibt, dass uns ein Bug-Debakel wie bei Ubisofts Assassin's Creed Unity erspart bleibt.

Fazit

Schon jetzt bietet Deus Ex: Mankind Divided nahezu alle Komponenten, um in der Königsklasse der Action-Rollenspiele zu bestehen. Die Atmosphäre ist zum Schneiden dicht, die Story macht unglaublich neugierig, der Multipath-Ansatz scheint voll aufzugehen und auch die Technik hinterlässt – vom nötigen Feintuning mal abgesehen – einen vielversprechenden Eindruck. Ergänzt man nun noch die emotional aufwühlenden Dialoge, die charismatischen Charaktere, die zahlreichen neuen Augmentierungen sowie die großartige Soundkulisse, bleibt ein Cyberpunk-Abenteuer mit Hit-Qualitäten. Das gilt insbesondere dann, wenn Eidos Montreal den leider nur grob skizzierten Social-Hacking-Ansatz konsequent umsetzt.

Deus Ex: Mankind Divided ist ab dem 23. Februar 2016 für PC, Playstation 4 und Xbox One erhältlich.


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