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Desktop-Modus des Steam Deck ausprobiert: Das fast perfekte Linux für Umsteiger

Das Steam Deck könnte für einige der erste Desktop-Rechner sein und kommt mit der Linux-Distribution SteamOS. Taugt das für den Einstieg?
/ Sebastian Grüner
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Das Steam Deck im Desktop Modus (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Das Steam Deck im Desktop Modus Bild: Martin Wolf/Golem.de

Auch wenn es sich viele Golem.de-Leser und auch -Redakteure nach wie vor kaum vorstellen können: Seit Jahrzehnten wächst eine Generation an Computernutzern heran, die von der klassischen Desktop-Metapher nicht viel bis gar nichts wissen. Und selbst wenn etwa bei Gamern Vorerfahrung mit Windows existiert, kommt das Steam Deck (Test) mit einem für die meisten wohl ungewohnten Linux-Desktop. Höchste Zeit also für einen Selbstversuch, um mit dem Steam Deck als Desktop-Rechner zu arbeiten. Möglich macht das Valve mit seinem SteamOS, das auf Arch Linux basiert. Und so viel vorweg: Von diesem Unterbau bekommen Desktop-Nutzer nichts mit.

In unserem ersten Test des Steam Deck haben wir die Fähigkeit zur Nutzung des standardmäßig verfügbaren Desktops nur kurz erwähnt und uns dabei zunächst vor allem auf das Haupteinsatzszenario als Gaming-Handheld konzentriert. Mit dem Steam Deck ist darüber hinaus aber seit Jahren endlich mal wieder ein Gerät in Massenproduktion verfügbar, das zusätzlich zu seinem eigentlich Einsatzzweck eine Linux-Desktop-Umgebung bietet.

Derartige Versuche gab es beispielsweise im Android-Umfeld immer wieder. Wirklich durchsetzen konnten sich diese leider nicht. Nun legt also Valve mit einem Linux-Handheld nach und bietet einen relativ problemlosen Zugang zu einer Desktop-Umgebung, die zusätzlich zur eigentlichen Steam-UI im Game Mode genutzt werden kann.

Schnell auf dem Desktop

Der Wechsel ist dabei zwar etwas versteckt, aber dennoch denkbar einfach: Über den An/Aus-Schalter beziehungsweise über das Menü zum Ausschalten können wir in den Desktop-Modus wechseln. Das Steam Deck lädt dann KDE Plasma auf dem integrierten Panel des Handheld. Zwar arbeitet das Plasma-Team an einem für kleinere Displays gedachten Mobile-UI, das etwa im Pinephone (Test) genutzt werden kann. Auf dem Steam Deck kommt stattdessen die übliche Desktop-Oberfläche von Plasma zum Einsatz.

Ein langer Druck auf die Steam- plus die X-Taste öffnet eine virtuelle Tastatur oder aktiviert zusammen mit dem rechten Analogstick einen Mauszeiger samt L2/R2 als Maustasten. Praktischerweise sind die L2/R2-Tasten hierbei im Vergleich zu einer echten Maus vertauscht. Das heißt, die R2-Taste ist für die Auswahl zuständig (Linksklick), die L2-Taste öffnet Kontextmenüs (Rechtsklick). Das dürfte zumindest den Gewohnheiten von Rechtshändern entsprechen und fühlt sich so direkt natürlich an.

Spannenderweise treffen wir schon hier auf den ersten Bug. Das Display des Steam Deck ist quer verbaut, zumindest gibt das die Firmware standardmäßig vor. Das heißt, die Taskleiste erscheint bei uns nicht immer an der unteren Bildschirmkante, sondern an der rechten. Das lässt sich leicht durch die Einstellungen zur Display-Rotation ändern und tritt nur sporadisch auf, einen guten ersten Eindruck erzeugt dies dennoch nicht.

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Etwas irritierend ist auch, dass zwar sowohl die Belegung der virtuellen Tastatur wie auch einer angeschlossenen Tastatur geändert werden kann, die Systemsprache selbst aber nicht. Sämtliche Menüs des Plasma-Desktops sind damit auf Englisch. Das Herunterladen weiterer Sprachpakete ist offenbar bisher nicht vorgesehen und der entsprechende Menüpunkt in den Einstellungen ausgegraut.

Mit Adapter, Dongle oder Hub zum Arbeiten

Für einen produktiven Einsatz eignet sich das Steam Deck so aber noch nicht. Selbst einfaches Browsern im Web ist mit der virtuellen Tastatur, den Joysticks und den Schultertasten eher kompliziert. Dicke Zeigefinger oder Daumen erschweren bei einer Eingabe über das Touchpad eine Nutzung zusätzlich. Letzteres liegt schlicht an der klein dargestellten Desktop-UI, die nicht für einen Touch-Eingabe optimiert ist.

Um das Steam Deck wirklich im Desktop-Modus zu nutzen, braucht es Maus, Tastatur und einen größeren Monitor. In der Redaktion haben wir dazu No-Name-Adapter für USB-C, ein günstiges Dock sowie unseren Eizo EV2785 mit integriertem USB-Hub getestet. In jedem unserer Szenarien klappte die Nutzung auf Anhieb. Also: Los geht's mit der Arbeit.

Ein solider Linux-Desktop ohne Konsolen-Zwang

Beim ersten Anschließen unseres Desktop-Aufbaus stoßen wir aber zunächst wieder auf ein eher unschönes Problem, vor allem für Einsteiger: Wir wählen aus dem angezeigten Menü aus, dass lediglich unser Monitor zur Ausgabe genutzt werden soll – und nicht zusätzlich das Display des Steam Deck.

Doch dabei erhalten wir einen fast leeren Desktop. Es werden lediglich die Logos für Steam und den Wechsel zurück zum Gaming-Modus angezeigt. Die Taskleiste fehlt. Zwar lässt sich einerseits in den Display-Einstellungen von Plasma der primäre Monitor festlegen und andererseits in Plasma selbst einfach per Rechtsklick ein Panel auf einem beliebigen Monitor erstellen. Fragen auf Reddit zeigen aber(öffnet im neuen Fenster) , dass dies alles andere als selbsterklärend ist.

Davon abgesehen können wir aber wie erwähnt problemlos am Desktop arbeiten. So können wir uns schnell mit dem WLAN verbinden, Bluetooth für Kopfhörer oder Headsets verwenden und über eine USB-Webcam am Hub sind dann wie gewohnt Videokonferenzen möglich. Wirklich störend ist in der Desktop-Nutzung aber der laute Lüfter-Sound, den wir so selbst bei vollwertigen Laptops kaum noch erleben. Selbst beim Nichtstun springt der Lüfter an. Für unsere Tests haben wir dabei das aktuelle SteamOS 3.1 benutzt. Mit der kommenden Version 3.2(öffnet im neuen Fenster) soll das Problem mit dem Lüfter behoben werden.

Interessant für die Nutzung des Steam Deck als Desktop-Rechner ist außerdem, dass native Linux-Versionen von Software in vielen Fällen dank Web-Alternativen gar nicht mehr zwingend notwendig sind. Das gilt nicht nur für die erwähnten Videokonferenzen, sondern auch für proprietäre Onlineangebote von der Office-Suite bis hin zu Photoshop in der Adobe-Cloud. Auch das Hardware-Decoding für Videos im Browser läuft ohne Fehler, so dass Youtube, Netflix oder andere Streaming-Seiten mit ihren Inhalten genossen werden können – selbst in 4K, wenn das von dem Dienst unterstützt wird. Standardmäßig nutzt Valve dafür die im Firefox umgesetzte Hardware-Beschleunigung , so dass sich VP9, H.256 oder AV1 beschleunigt darstellen lassen.

Software per Discover und Flatpak

Für all jene, die ohne native und vorinstallierte Anwendungen nicht auskommen können oder wollen, steht in dem Desktop-Modus das KDE Software Center Discover bereit. Standardmäßig als Quelle installiert ist hier Flathub(öffnet im neuen Fenster) mit den Flatpak(öffnet im neuen Fenster) -Paketen. Zwar gibt es Flatpak sowie das alternative Snap-System seit Jahren für Linux, komplett durchgesetzt hat sich diese Technik in den meisten Distributionen für Endnutzer bisher nicht – zumindest wird die Technik nicht ganz so konsequent genutzt wie von Valve.

Aus Sicht von Valve ist Flathub offenbar bereit zum Einsatz als alleinige Softwarequelle für Endnutzer: Eine Installationsmöglichkeit von Software über den klassischen Paketmanager ist nicht vorgesehen. Ein- und Umsteigern muss die klassische Paketverwaltung von Linux somit nicht erklärt werden und Valve kann das Basissystem von SteamOS als Read-Only-Image verteilen, was Systemupdates und -pflege für Valve vereinfacht.

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Über Discover finden sich zahlreiche Anwendungen für den Alltag, wie etwa der E-Mail-Client Thunderbird, die freie Office-Suite Libreoffice oder Gimp für Grafikbearbeitungen. Inzwischen sollte jede gängige Linux-Software mit GUI auch auf Flathub zu finden sein. Diese ist damit für das Steam Deck verfügbar. Das gilt sogar für Anwendungen wie Microsoft Teams bis hin zu riesigen Entwicklungsumgebungen wie Android Studio, die allerdings nicht immer vom Hersteller selbst in Flathub betreut werden, sondern teils von der Community.

Sollte die gewünschte Anwendung nicht per Discover beziehungsweise Flatpak bereitstehen, lässt sich das gewünschte Programm nicht ohne weiteres installieren. Zwar ermöglicht Valve es, den Schreibschutz von SteamOS aufzuheben und dann das zugrunde liegende Arch Linux und die Paketverwaltung Pacman zu nutzen. Bei jedem Update von SteamOS überschreibt Valve aber die eigentlich schreibgeschützten Bereiche. Durch Nutzer gemachte Änderungen gehen so also wieder verloren.

Als notwendig erachtet haben wir diese Nutzung der Kommandozeile und des Terminals aber eigentlich nie. Der Plasma-Desktop und die über Discover verfügbare Software sowie die Web-Alternativen reichen inzwischen für einen normalen Büroalltag völlig aus. Die einzige Anwendung, die wir als langjährige Plasma-Nutzer wirklich von Haus aus vermissen, ist KDE Connect(öffnet im neuen Fenster) , das eine einfache Integration des Desktops mit Android bietet. Valve müsste die Anwendung in sein Linux-Image integrieren oder die Anwendung für Flathub gepackt werden. Die KDE-Community selbst bietet in ihrem eigenen Flatpak-Repository(öffnet im neuen Fenster) aber KDE Connect zur Installation an, was wir problemlos nutzen können, nachdem wir die Quelle in Discover hinzugefügt haben.

Steam-Deck-Desktop-Modus: Fazit

Aus den langjährigen Linux-Tests mit verschiedenen Laptops wissen wir, dass der Hardwaresupport unter Linux in den letzten Jahren massiv ausgebaut worden ist und der native Softwaresupport auch dank des Wechsels hin zu Web und Cloud inzwischen in vielen Fällen gar nicht mehr notwendig ist. Den Desktop-Modus des Steam Deck haben wir entsprechend freudig erwartet, da wir uns einen vergleichsweise günstigen Mini-Laptop-Ersatz vom Gaming-Handheld versprochen haben. Hinzu kommt, dass Valve das Steam Deack von Grund auf als Linux-Gerät konzipiert hat und der Treiber-Support deshalb exzellent sein sollte.

Unsere Erwartung ist dabei zwar weitgehend von Valve erfüllt worden, doch selbst als langjährige Linux-Nutzer gibt es einige Bugs an dem System, die uns noch stören. Dazu gehört eigentlich alles, was mit dem Wechsel vom Gaming in den Desktop-Modus und wieder zurück zu tun hat. Mal erscheint die Taskleiste nicht, mal ist die Anzeige auf dem Steam-Deck-Display gedreht, mal bleibt das Display nach dem Wechsel in den Gaming-Modus einfach schwarz. Abhilfe schafft hier nur das Herausziehen des USB-Kabels.

Dass sich Valve zudem gegen Plasma Mobile auf dem kleinen, integrierten Display entschieden hat, finden wir schade, da sich der Desktop-Modus mit den Joysticks und der virtuellen Tastatur kaum sinnvoll als solcher nutzen lässt. Möglicherweise ist die Funktionalität von Plasma Mobile für Valve aber noch nicht ausgereift genug, um dies tatsächlich umzusetzen.

Das ist alles nicht wirklich gravierend, sondern fällt eher in die Kategorie nervige Kleinigkeiten und Wünsche für die Zukunft. Letztlich sind wir durchweg positiv überrascht von dem Plug-and-Play-Support des Desktop-Modus. Einfach ein Hub einstecken und der Desktop kann als solcher genutzt werden. Diese Art Linux- und Desktop-Support haben wir uns seit Jahren in einem tragbaren Gerät wie Smartphone oder Tablet gewünscht, das zudem nur so viel wie ein Discounter-Laptop kostet. Wirklich gut umgesetzt hat das erst Valve mit dem Steam Deck.

In Kombination mit einer Bluetooth-Tastatur und -Maus ist das Steam Deck dabei durchaus eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu Mini-Laptops wie dem Chuwi Minibook , das nur etwas weniger als das Steam Deck kostet, aber auch eine deutlich schlechtere Hardwareausstattung bietet. Und im Vergleich zu den Windows-Gaming-Handhelds wie dem Aya Neo Next und dem OneXPlayer 1S punktet das Steam Deck wiederum durch seinen Preis ab 420 Euro. Also nur gut einem Drittel von dem, was die Windows-Handhelds kosten.

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Spannend ist auch der Fokus auf die alleinige Softwareverwaltung per Flathub und Discover. Das erspart Linux-Umsteigern und -Einsteigern nicht nur das Erlernen der Paketverwaltung, sondern macht die Softwareverwaltung selbst intuitiver. Immerhin ist das Konzept des Softwarestores auf allen aktuellen Betriebssystemen umgesetzt. Für Valve ergibt sich daraus und dem Read-Only-System außerdem, dass Nutzer viel weniger Möglichkeiten haben, ihr Linux-System zu zerschießen, als das mit den üblichen Distributionen der Fall ist. Auch die Kommandozeile mussten wir nie nutzen.

Der Desktop-Modus des Steam Deck eignet sich also hervorragend für Um- und Einsteiger in die Linux-Desktop-Welt, da sich damit einerseits nichts wirklich kaputt machen lässt und der Desktop andererseits so ziemlich alles bietet, was für leichte Büroarbeit notwendig ist. Wünschenswert wäre aus unserer Sicht nur, dass Valve Ressourcen in Plasma Mobile steckt und dieses für eine bessere Touch-Bedienung als Alternative bereitstellt.


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