Der Astronaut - Project Hail Mary: Endlich wieder Science-Fiction, die träumen lässt!
Ein Mann erwacht aus dem Koma und befreit sich von Schläuchen, die in all seinen Körperöffnungen stecken. Er ist verwirrt, weiß nicht wer oder wo er ist. Seine Umgebung könnte ein modernes Krankenhaus sein oder ein Labor.
Etwas später merkt er, dass etwas mit der Schwerkraft an diesem Ort nicht stimmt. Er stoppt die Fallzeiten verschiedener Objekte mit seiner Uhr: ungewöhnlich schnell. Ob es an seiner Reaktionszeit beim Stoppen liegt? Um die Fehlermarge zu minimieren, baut er ein Pendel, beobachtet dessen Schwingverhalten und vermutet nach weiteren Experimenten, sich wahrscheinlich in einer Zentrifuge zu befinden.
Doch warum? Und woher wusste er, wie man so etwas herausfindet? Seine wissenschaftliche Detektivarbeit wird noch eine Weile weitergehen. Er erklärt uns seine Überlegungen bis ins kleinste Detail, mit vielen numerischen Werten und wissenswerten Nebensächlichkeiten. Jedoch so ausführlich nur im Roman Der Astronaut – Project Hail Mary von Andy Weir, der auch schon die gefeierte Vorlage für Ridley Scotts Der Marsianer schrieb.
Nicht hingegen in der Verfilmung von Phil Lord und Christopher Miller. Hier schleppt sich Ryan Gosling als Protagonist Ryland Grace ganz ohne Versuchsreihen zu einem Fenster und bekommt seine Antwort per schönem Ausblick ins All. Er befindet sich an Bord eines Raumschiffs, das er anschließend weiter erkundet, um seine Gedächtnislücken zu füllen und seine Mission wieder aufzunehmen, an die er sich nur langsam wieder erinnert.
Probleme und Rätsel löst Grace, er nennt sich selbst beim Nachnamen, zwar auch im Film dank seines wissenschaftlichen Fachwissens, doch fallen ihm die Lösungen scheinbar immer einfach wie von selbst zu. Als sei er ein Genie in allem und käme stets sofort auf den richtigen nächsten Gedanken.
Ohne die innere Stimme des Astronauten mitzuhören, so wie wir sie in der Buchvorlage mitlesen können, sinkt das Maß wissenschaftlicher Details und technischer Begründungen in der Verfilmung erheblich.

Andererseits fällt all das natürlich nur Zuschauern auf, die den Originalstoff kennen. Von seiner Vorlage losgelöst betrachtet, ist Der Astronaut als Film auf seine eigene Art sehr gelungen. Als Feel-Good-Movie, als ansprechend produzierter Sci-Fi-Film für die ganze Familie und aus Gründen, die wir erst später im Artikel, nach einer Spoilerwarnung, verraten möchten.
Als hätten sie das Raumschiff wirklich gebaut
Lord und Miller legen ihren Fokus erzählerisch mehr auf lockeren Humor, der immer präsent ist, aber zum Glück nie aufdringlich wird. Ein paar moralisch in Dunkelzonen liegende Aspekte des Buchs oder Passagen, die im Film hätten kontrovers aufgenommen werden können, haben sie in Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Drew Goddard (adaptierte bereits Der Marsianer) einfach weggelassen.
Zum Beispiel ein Gespräch darüber, ob es nicht besser wäre, Frauen für eine wichtige Weltraummission gar nicht erst in Betracht zu ziehen, weil gemischtgeschlechtliche Crews ein höheres Konfliktpotenzial bergen würden – etwa durch mögliche Liebschaften, die zudem für unnötige Ablenkung sorgen könnten. Statistisch gesehen gebe es mehr männliche Astronauten und damit einen größeren Pool geeigneter Kandidaten, heißt es im Buch als weiteres Argument.
Derart diskussionswürdige Dialoge fehlen in der Verfilmung, ebenso wie die im Roman beschriebene Maßnahme(öffnet im neuen Fenster), den antarktischen Eisschild(öffnet im neuen Fenster) mit Atombomben gezielt zu schmelzen, um durch das dabei freigesetzte Methan Zeit vor einer anderen, noch dringlicheren Bedrohung zu gewinnen.
Der in Bezug auf Romanautor Andy Weir(öffnet im neuen Fenster) oft erwähnte Hard-Science-Fiction(öffnet im neuen Fenster)-Ansatz, der bereits beim Marsianer viel konsequenter war und durch die Adaption hier inhaltlich weiter eingebüßt hat, reflektiert sich erfreulicherweise umso stärker in der visuellen Gestaltung des Films.
Das Innere des Raumschiffs(öffnet im neuen Fenster) Hail Mary, Hauptspielort der Geschichte, wurde als lebensgroßes Set im realen Maßstab aufgebaut(öffnet im neuen Fenster). Mit zahlreichen Monitoren an den Wänden und auf Pulten, auf denen individuelle Raumschifffunktionen als Animationen ablaufen, die teilweise sogar auf viele der leuchtenden Knöpfe und Schieberegler des Sets passend reagieren. Und deren Anzeigen, beispielsweise Positionsdaten, bei näherer Betrachtung Sinn zu ergeben scheinen.
Sich hier als Zuschauer mit an Bord zu befinden, ist für Sci-Fi-Fans ein Genuss. Kein Element macht den Eindruck, als sei es nur als sinnlose Dekoration platziert worden. Und die Hail Mary, als transformierbare Multifunktionsraumfähre mit Zentrifugenmodus, die so im All Experimente in Schwerkraft durchführen kann, ist nicht bloß eine weitere langweilige Nullachtfünfzehn-Rakete.
Andererseits ist das Schiff aber auch nicht zu verrückt, um nur wie wild aus der Fantasie gegriffen zu wirken. Praktischerweise hat der Roman auf seinen ersten Seiten bereits Risszeichnungen mit Funktionsbeschreibungen für das Raumschiff mitgeliefert.
In Film und Buch enthüllen uns die schon erwähnten Rückblicke, während sich Graces Amnesie nach und nach lichtet, warum und von wem die Hail Mary gebaut wurde, aber auch weshalb sie ihren trügerischen Namen trägt.
Der bedeutet nämlich nicht bloß unschuldig Ave Maria(öffnet im neuen Fenster), sondern ist vor allem aus dem American Football(öffnet im neuen Fenster) als Bezeichnung für Spielzüge bekannt, bei denen der Quarterback in einer aussichtslosen Situation einen sehr optimistisch gedachten Verzweiflungswurf mit hohem Risiko versucht.
Spoiler-Warnung: Wer Der Astronaut – Project Hail Mary weder gelesen, noch dem ebenso erfolgreichen Hörbuch gelauscht hat, sollte die restliche Rezension ab hier lieber nicht weiterlesen und auch Trailer zum Film meiden. Am meisten Spaß macht die Geschichte, wenn man ihre unerwarteten Entwicklungen gemeinsam mit Protagonist Grace zum ersten Mal entdeckt.
Das steinerne Herzstück des Films
Wer die Vorlage hingegen kennt, wartet beim Film natürlich von der ersten Minute an nur ungeduldig auf den wahren Star von Der Astronaut. Das ist nicht etwa Sandra Hüller, die als allmächtige Projektleiterin die vielleicht letzte Chance der Menschheit auf ihr Überleben koordinieren muss. Die deutsche Ausnahmeschauspielerin ist hier zwar passend als pragmatisch resolute Eva Stratt besetzt, muss in dieser einseitigen Rolle jedoch nicht ihr ganzes Talent abrufen.
Nein, ohne Frage ist das putzige Alien Rocky das große Highlight im Ensemble. Ein lebendiges Wesen mit steinernem Körper, das an eine Mischung aus Spinne und Krabbe erinnert. Seine in musikalischen Tönen ausgedrückte Sprache kennen wir aus dem Audiobook bereits, sie klingt im Film fast gleich.
Der Eridianer wurde, genau wie der Mensch Grace, von seinem Volk losgeschickt, um eine Weltraumplage zu besiegen, die den Fortbestand ihrer beiden Heimatplaneten bedroht: Astrophagen genannte Einzeller, die weite Strecken durchs All zurücklegen, um sich von Sonnenenergie zu ernähren. Sowohl den Menschen als auch den Eridianern ist nun ein Stern aufgefallen, der auf dem kosmischen Pfad der Astrophagen liegt, jedoch von ihnen nicht beeinträchtigt zu sein scheint.
Und jetzt treffen sich beide Spezies fast zufällig dort, weil sie gleichzeitig auf dieselbe Frage zu ihrer eigenen Rettung gekommen sind. Was schützt Tau Ceti(öffnet im neuen Fenster) vor Astrophagen?
Grace war auf der Erde einer der führenden Forscher im Bereich Astrophagen und hat zuvor als Lehrer gearbeitet. Beides macht ihn jetzt zur richtigen Person am richtigen Ort, denn nur gemeinsam mit dem Außerirdischen Rocky, den Grace natürlich selbst so getauft hat, kann er eine Lösung für das Astrophagenproblem entwickeln.
Aber erst, nachdem sich beide gegenseitig ihre Sprache beigebracht haben. Hier kommen Graces Qualitäten als geübte Lehrkraft(öffnet im neuen Fenster) und ein Computer mit improvisiertem Übersetzungsprogramm ins Spiel. Die Kennenlernphase zwischen den beiden ungleichen Astronauten, die zu richtigen Freunden werden, ist das wahre Herzstück des Films.
Für alte und junge Sci-Fi-Freunde
Obwohl Rocky schon erwachsen ist und als Ingenieur ein Genie seiner Zunft, entsteht zwischen Grace und ihm im Film eine ähnlich herzerwärmende, auch lustige Vater-Sohn-Dynamik wie zwischen Grogu und dem Mandalorianer aus Star Wars. Was viel damit zu tun hat, wie putzig der Eridianer sich bewegt, welche Töne er von sich gibt und dass er am Set als Puppe präsent war, die zusätzlich überzeugend mit digitalen Effekten ergänzt wurde. Der Rocky, den wir auf der Leinwand sehen, stellt mit seiner lebendigen Gestik einen echten Charakter dar, obwohl er nicht mal ein Gesicht hat und wie aus Stein aussieht.
Lord und Miller, die als Regie-Duo einst vom Star-Wars-Set(öffnet im neuen Fenster) des Solo-Films gefeuert wurden, beweisen mit Der Astronaut, dass sie visuell ansprechende Science-Fiction, technisch komplex gefilmt, mit unterhaltsamem Familienkino wunderbar in Einklang bringen können. Ryan Gosling funktioniert wie erwartet in der Rolle des locker auftretenden Sympathieträgers, dem wir gerne beide Daumen nach unten zeigen. Was Rockys Version von zwei Daumen hoch ist, da er seine Hände nicht komplett umdrehen kann.
Schöner Film, besseres Buch
Natürlich hätten wir von 2 Stunden und 36 Minuten Laufzeit am Ende etwas mehr Entwicklung in der Handlung erwartet. So erheiternd es durchgehend war, Rocky und Grace bei ihren holprigen Kommunikationsversuchen sowie ihrer Suche nach einer Lösung des Astrophagenproblems zuzuschauen – genau genommen ist inhaltlich ab der Filmmitte nicht mehr so viel Neues passiert.
Langeweile verhindern insbesondere ein paar ausgedehnte Weltraumspaziergänge mit viel Action, die optisch eindrucksvoll, musikalisch wunderbar untermalt und nicht zuletzt spannend in ihren Abläufen präsentiert werden.
Der Roman mag im Direktvergleich an ähnlichen Stellen Schwächen zeigen, die Kriterien sogenannter Hard-Science-Fiction für erwachsene Leser erfüllt er allerdings um Längen mehr als die Kinoadaption. Nicht, weil das Buch realistisch wäre, aber es liefert eben mehr wissenschaftlichen Kontext als Unterbau der Geschehnisse und schwierige Aufgaben erledigen sich dort nicht so oft wie auf Knopfdruck.
So dauert es im Film zum Beispiel gefühlt nur Sekunden, da können Rocky und unser Astronaut bereits fließend miteinander sprechen. Den Prozess dahin glaubwürdiger abzubilden, gleichzeitig natürlich aber auch interessant genug auszugestalten, wäre noch die ganz hohe Kunst gewesen.
Wir vermissen aus der Vorlage aber wirklich nur Aspekte, die in der Adaption ganz oder zu großen Teilen wegrationalisiert wurden. Wo der Film nur tonal etwas abweicht, geht er hingegen sehr gelungen eigene Wege. Grace etwas nahbarer und menschlicher zu machen als in der Buchvorlage, seine Freundschaft zu Rocky lebendiger, emotionaler, witziger auszuspielen, ist als Film sogar genau die richtige Entscheidung, um besonders jüngere Zuschauer besser zu erreichen.
Es gibt sie nämlich heutzutage zu selten. Zugängliche Filme, in denen auf spannende Art das Interesse an Wissenschaft, die Freude am Lernen als etwas Positives und die Neugierde aufs Unbekannte geweckt werden. In denen Kooperation und Empathie füreinander, selbst zwischen Kulturen verschiedener Planeten, für alle eine bessere Zukunft bringen. Science Fiction als inspirierendes Abenteuer mit Überraschungen, die unsere Helden nicht ständig ihre Blaster oder Phaser zücken lassen.
So wie Star Trek früher, das heute jedoch nicht mehr denselben Stellenwert hat. Oder bei Filmen wie Der Flug des Navigators und Explorers. Arrival und Interstellar sind dafür zu ernst und düster. In einem Film zu sehen, dass sich zwei Spezies zum allerersten Mal im All begegnen und beide sofort gleichermaßen begeistert darüber sind, in purer Freude einander gefunden zu haben, kommt besonders in solch teuren Hollywood-Produktionen(öffnet im neuen Fenster) viel zu selten vor.
Wir brauchen wieder mehr positive Science-Fiction für ein großes Publikum, von der in 20 oder 30 Jahren führende Wissenschaftler – oder Astronauten – sagen werden: Das hat mich damals als Kind träumen lassen und heute erforsche ich das All oder arbeite am Cern.
Der Astronaut – Projekt Hail Mary startet am 19. März 2026 im Kino.
- Anzeige Hier geht es zu Star Wars Jedi Survivor bei Amazon Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.

