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Als hätten sie das Raumschiff wirklich gebaut

Lord und Miller legen ihren Fokus erzählerisch mehr auf lockeren Humor, der immer präsent ist, aber zum Glück nie aufdringlich wird. Ein paar moralisch in Dunkelzonen liegende Aspekte des Buchs oder Passagen, die im Film hätten kontrovers aufgenommen werden können, haben sie in Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Drew Goddard (adaptierte bereits Der Marsianer) einfach weggelassen.

Zum Beispiel ein Gespräch darüber, ob es nicht besser wäre, Frauen für eine wichtige Weltraummission gar nicht erst in Betracht zu ziehen, weil gemischtgeschlechtliche Crews ein höheres Konfliktpotenzial bergen würden – etwa durch mögliche Liebschaften, die zudem für unnötige Ablenkung sorgen könnten. Statistisch gesehen gebe es mehr männliche Astronauten und damit einen größeren Pool geeigneter Kandidaten, heißt es im Buch als weiteres Argument.

Derart diskussionswürdige Dialoge fehlen in der Verfilmung, ebenso wie die im Roman beschriebene Maßnahme(öffnet im neuen Fenster) , den antarktischen Eisschild(öffnet im neuen Fenster) mit Atombomben gezielt zu schmelzen, um durch das dabei freigesetzte Methan Zeit vor einer anderen, noch dringlicheren Bedrohung zu gewinnen.

Der in Bezug auf Romanautor Andy Weir(öffnet im neuen Fenster) oft erwähnte Hard-Science-Fiction(öffnet im neuen Fenster) -Ansatz, der bereits beim Marsianer viel konsequenter war und durch die Adaption hier inhaltlich weiter eingebüßt hat, reflektiert sich erfreulicherweise umso stärker in der visuellen Gestaltung des Films.

Das Innere des Raumschiffs(öffnet im neuen Fenster) Hail Mary, Hauptspielort der Geschichte, wurde als lebensgroßes Set im realen Maßstab aufgebaut(öffnet im neuen Fenster) . Mit zahlreichen Monitoren an den Wänden und auf Pulten, auf denen individuelle Raumschifffunktionen als Animationen ablaufen, die teilweise sogar auf viele der leuchtenden Knöpfe und Schieberegler des Sets passend reagieren. Und deren Anzeigen, beispielsweise Positionsdaten, bei näherer Betrachtung Sinn zu ergeben scheinen.

Sich hier als Zuschauer mit an Bord zu befinden, ist für Sci-Fi-Fans ein Genuss. Kein Element macht den Eindruck, als sei es nur als sinnlose Dekoration platziert worden. Und die Hail Mary, als transformierbare Multifunktionsraumfähre mit Zentrifugenmodus, die so im All Experimente in Schwerkraft durchführen kann, ist nicht bloß eine weitere langweilige Nullachtfünfzehn-Rakete.

Andererseits ist das Schiff aber auch nicht zu verrückt, um nur wie wild aus der Fantasie gegriffen zu wirken. Praktischerweise hat der Roman auf seinen ersten Seiten bereits Risszeichnungen mit Funktionsbeschreibungen für das Raumschiff mitgeliefert.

In Film und Buch enthüllen uns die schon erwähnten Rückblicke, während sich Graces Amnesie nach und nach lichtet, warum und von wem die Hail Mary gebaut wurde, aber auch weshalb sie ihren trügerischen Namen trägt.

Der bedeutet nämlich nicht bloß unschuldig Ave Maria(öffnet im neuen Fenster) , sondern ist vor allem aus dem American Football(öffnet im neuen Fenster) als Bezeichnung für Spielzüge bekannt, bei denen der Quarterback in einer aussichtslosen Situation einen sehr optimistisch gedachten Verzweiflungswurf mit hohem Risiko versucht.

Spoiler-Warnung: Wer Der Astronaut – Project Hail Mary weder gelesen, noch dem ebenso erfolgreichen Hörbuch gelauscht hat, sollte die restliche Rezension ab hier lieber nicht weiterlesen und auch Trailer zum Film meiden. Am meisten Spaß macht die Geschichte, wenn man ihre unerwarteten Entwicklungen gemeinsam mit Protagonist Grace zum ersten Mal entdeckt.


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