Demoszene: Von gecrackten Spielen zum Welterbe-Brauchtum

Demos sind schützenswertes Brauchtum - wie etwa Origami. Wie es die Szene von Spiele-Cracks zum Weltkulturerbe geschafft habe, erklärt der Antragsteller Tobias Kopka.

Ein Interview von veröffentlicht am
Die Demoszene erstellt generative Echtzeitkunst und und trifft sich zu sogenannten Partys wie der Evoke.
Die Demoszene erstellt generative Echtzeitkunst und und trifft sich zu sogenannten Partys wie der Evoke. (Bild: Darya Gulyamova)

Nach der finnischen gehört nun auch die deutsche Demoszene zum immateriellen Kulturerbe und ist damit im Prinzip so wichtig wie typisch deutsches Brauchtum wie Bier und Brot. Angetrieben hat die dazugehörige Kampagne und Bewerbung Tobias Kopka vom Kölner Antrag­steller Digitale Kultur e.V. Wir haben mit ihm über die Demoszene, ihren Einfluss auf die Spielebranche und Kunstwerke mit 256 Byte gesprochen.

Achim Fehrenbach: Herzlichen Glückwunsch! Sie haben es geschafft, die Demoszene als immaterielles Kulturgut von der deutschen Unesco anerkennen zu lassen - nach dem Erfolg in Finnland letztes Jahr. Aber was genau ist eigentlich die Demoszene?

Tobias Kopka: Demoszene-Mitglieder programmieren Demos, also Software, die komplett in Echtzeit Musikvideos generiert - und das oft auf sehr begrenztem Speicherplatz. Oft sind das kleine synästhetische Gesamtkunstwerke aus Grafik, Musik, Effekten und Sound. Die Demoszene, englisch Demoscene, hat sich Ende der 80er-Jahre aus der Cracker-Szene gebildet. Zu Zeiten von Amiga und C64 haben Leute den Kopierschutz von Spielen entfernt und ihre Namen vor diese geknackten Spiele gesetzt.

Das wurde immer aufwendiger. Erst war es der Name, dann ein Logo, dann ein Effekt. Und auch diese programmierten Special Effects sind immer aufwendiger geworden. Irgendwann reichte der Platz vor dem geknackten Spiel dafür nicht mehr aus, die Effekte vereinnahmten eine ganze Diskette. Das war die Geburtsstunde der Demoszene: der Moment, in dem es nicht mehr um das geknackte Spiel ging, sondern um diese kleinen Musikvideos, die komplett durch Software generiert sind. Es ging darum, zu demonstrieren, was man selbst mit dem Computer machen kann. Daher der Name: Demo.

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Fehrenbach: Wie groß ist die Demoszene?

Kopka: Das ist schwierig zu beantworten. Letztlich kann jeder Teil davon sein, der Demos erschafft und sich dieser Kultur zugehörig fühlt. In unserem Unesco-Antrag haben wir klargestellt, dass die Demoszene dezentral, selbstorganisiert und teilweise auch anarchisch strukturiert ist - also auf vielen Plattformen und Kanälen stattfindet, die nicht immer über das WWW gefunden werden.

Eine wichtige Plattform ist pouet.net; das ist einerseits eine Community-Plattform, andererseits ein File-Archiv. Auf pouet.net sind rund 25.000 User registriert, die Plattform hat knapp 85.000 Produktionen. Da ist nicht alles drin, was in der Demoszene jemals produziert wurde. Unzählige Inhalte schlummern auf Privatdisketten, viele Entrys in Musik, Grafik und weiteren Kategorien wurden nie hochgeladen, aber es gibt ein Gefühl von der Größenordnung. Wir gehen von rund 10.000 aktiven Demoszene-Mitgliedern aus.

Fehrenbach: Im Vergleich zur Gamer-Szene ist das überschaubar ...

Kopka: Ja, aber von der Demoszene werden viel mehr Menschen beeinflusst als sie aktive Mitglieder hat. Über die Jahrzehnte dürfte das in die Millionen gehen. So wurde beispielsweise unsere Mitteilung zur Aufnahme ins deutsche Unesco-Kulturerbe sehr früh von Hacker News aufgegriffen. Deren Foren zeigen, wie viele Menschen sich durch die Demoszene beeinflusst fühlen - zum Beispiel bei ihrer Entscheidung, einen Job in der Netzwerk- und Security-IT, der Grafikprogrammierung, der Engine- oder der Games-Entwicklung anzunehmen.

Fehrenbach: Warum ist die Demoszene aus Ihrer Sicht schützenswert? Ist sie vom Aussterben bedroht?

Tobias Kopka: Zuerst einmal ist die Demoszene lebendig und aktiv, es geht ihr auch ohne offizielle Anerkennung gut. Richtig ist aber auch: Die Demoszene entstand in den 80ern. Damals war sie eine Jugendkultur, die sich seitdem einen gewissen Underground-Charakter bewahrt hat - und bewahren wollte. Man kann sie mit der Graffiti-Szene vergleichen, die auch an der Grenze zur Illegalität entlangsurfte.

Man legte in der Demoszene keinen besonders großen Wert auf Öffentlichkeitsarbeit. Stattdessen haben Leute die Demoszene im Lauf der Zeit selbst für sich entdeckt. In diesem informellen Charakter liegt auch eine ihrer Schwächen. Diejenigen, die in den 80ern und 90ern in die Demoszene fanden, werden älter, verlieren vielleicht das Interesse und produzieren keine Demos mehr.

Der wachsende Altersdurchschnitt und der Nachwuchsmangel sind allerdings schon lange ein Thema. Schon als ich 1991 in die Szene kam, hieß es: "Die Szene ist tot." Das ist eine Art Mantra, das immer wieder spielerisch aufgegriffen wird. Bis heute haben aber tatsächlich immer wieder neue Leute die Szene für sich entdeckt. Und sie ist auch diverser geworden - der Frauenanteil hat in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen, aber es bleibt viel zu tun.

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Fehrenbach: Ok, aber was genau ist aus Ihrer Sicht schützenswert?

Tobias Kopka: Es gibt viele Aspekte. Demos als eigene, oft wunderschöne, ästhetische Form wären das erste, aber das haben wir noch nicht mal aufgegriffen, denn es ging ja in den Anträgen um die Kulturpraktiken. Wir konnten die Unesco davon überzeugen, dass die Demoszene eigene Bräuche hat.

Es geht also nicht um materielle Dinge wie Stonehenge oder eine Altstadt mit Fachwerkhäusern. Mit dem Schutz von immateriellem Kulturerbe will die Unesco Brauchtümer, Rituale und Feste schützen und bewahren. Es geht um Praktiken, die über mehrere Generationen weitergegeben werden.

Wir finden absolut schützenswert, was in der Demoszene weitergegeben wird: Der Anspruch, sich selbst Grenzen zu setzen oder von der Hardware setzen zu lassen - und innerhalb dieser Grenzen immer wieder neue Ausdrucksformen zu finden. Die technische Exzellenz des Size-Codings, von ANSI-, von ASCII-Grafik und vielem mehr. Das ähnelt der Motivation hinter anderen Kulturprodukten, zum Beispiel Origami, Haikus oder Sonetten, aber auch Graffiti.

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Welterbe hilft bei Archivierung und Ausstellung der Demos 
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dummzeuch 19. Mai 2021 / Themenstart

Eche Demos wurden auf dem C64 geschrieben, mit den eingeschränkten Möglichkeiten eines...

Jesterfox 17. Mai 2021 / Themenstart

Hm, dann müsste jede Antivirus-Software eine Whitelist führen... glaub nicht dass das vom...

Crass Spektakel 16. Mai 2021 / Themenstart

Frameworks sind allerdings auf modernen Rechnern kaum zu umgehen. Ich habe mich mal in...

mibbio 16. Mai 2021 / Themenstart

Gibt auch ein aktuelles, recht informatives Video zur Entstehung und der technischen...

zZz 16. Mai 2021 / Themenstart

Würde mich freuen, wenn die Demoszene da über den Tellerrand schauen würde, da gibt es ja...

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