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Delta im Alt Store: Endlich lässt sich Zelda auf dem iPhone spielen - per Umweg

Emulatoren für Retrogames waren auf iOS lange nicht erwünscht. Nun lassen sich erstmals ROMs mit Apples Erlaubnis auf das iPhone laden.
/ Daniel Ziegener
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Das iPhone wird jetzt auch ohne Hacks zum Game Boy. (Bild: Golem.de)
Das iPhone wird jetzt auch ohne Hacks zum Game Boy. Bild: Golem.de

Für Retrogamer war das iPhone bislang nur bedingt eine interessante Option zum Spielen. Wer klassische Konsolentitel von Nintendo, Sega oder Atari spielen wollte, musste bislang einen Jailbreak wagen und damit zwangsweise ein Loch in die Sicherheitseinstellungen seines Geräts reißen. Jetzt gibt es einen einfacheren Weg für alle, die Retro-ROMs spielen wollen.

Das ist der Europäischen Union zu verdanken. Die hat Apple mit dem Digital Markets Act nämlich neue Regeln für das iPhone auferlegt. Der Konzern muss so erstmals zumindest in der EU die Installation von Apps erlauben, die er vorher nicht über die strengen Regeln seines App Store freigegeben hat.

Der erste alternative Marktplatz für Apps ist der Altstore. Er hat mit zwei Apps ein überschaubares Angebot. Dennoch macht eine davon ihn für Retro-Fans interessant: Mit Delta lässt sich ein frei mit ROMs befütterbarer Emulator zahlreicher klassischer Nintendo-Konsolen ganz legal auf dem iPhone installieren.

Delta ist kostenlos, aber der Altstore kostet ein bisschen was

"Nach zehn langen Jahren kann nun endlich jeder meinen Nintendo-Emulator nutzen" , feiert Entwickler Riley Testut(öffnet im neuen Fenster) . Dieser Emulator ist sogar der Grund dafür, dass der kleine Altstore noch vor Alternativen von Set App und Mobivention erschienen ist. Testut hat den Altstore ursprünglich 2020(öffnet im neuen Fenster) als Methode zur Installation seines Emulators per Sideloading auf iOS entwickelt.

Den Altstore gibt es – im Gegensatz zu Delta selbst – nicht kostenlos. Um Apples Core-Technology-Gebühr zu bezahlen , verlangen die Altstore-Betreiber eine Jahresgebühr von 1,79 Euro, die sich per Kreditkarte oder Apple Pay entrichten lässt. Testut versteht das als Spende.

Ein paar Schritte im nicht ganz stolperfallenfreien Download-Prozess des Altstores später lässt sich Delta darüber laden und taucht danach wie eine ganz normale iOS-App auf dem Homescreen auf.

Beim Starten ist die App allerdings fast so leer wie der Altstore. Delta ist ein reines Abspielprogramm für ROMs von Spielen – und die müssen Spieler selbst beschaffen.

Woher die ROMs kommen, will Delta gar nicht wissen

Denn die Emulationssoftware an sich ist zwar legal, die ROM-Dateien der Spiele befinden sich allerdings in einer urheberrechtlichen Grauzone. "Es gibt viele Wege, um an ROM-Dateien zu kommen" , schreiben die Macher von Delta auf ihrer Webseite – und empfehlen den Hardwareadapter GB Operator. Damit können Besitzer eines Originalmoduls selbst eine legale Kopie erstellen, die sie mit Delta auf dem iPhone spielen können.

Delta unterstützt ROMs für Spiele auf NES, SNES, dem klassischen Game Boy und den Advance, Nintendo DS sowie die Heimkonsolen Nintendo 64 und Sega Genesis. Die Dateien lassen sich in Delta einfach vom lokalen Speicher oder dem des iPhones importieren, nachdem sie dorthin kopiert wurden.

Startet man endlich sein – selbstverständlich auf legalem Wege – importiertes Spiel, wechselt die pragmatisch-schlichte bis hässliche Benutzeroberfläche in eine verspielte Repräsentation des Controllers der emulierten Konsole. (Puristen, die es nicht aushalten, Nintendo-64-Titel auf einem Controller im Gamecube-Lila spielen zu müssen, können auch weitere Skins installieren.)

Spielen im Hoch- und Querformat

Besonders clever ist, dass Delta sowohl im Querformat als auch hochkant spielen lässt. Je nachdem, wie das iPhone gehalten wird, wechselt das Layout der auf dem Bildschirm angezeigten Tasten. Bei Handheld-Spielen wechselt Delta im Querformat zum Layout des Game Boy Advance, während für Heimkonsolen gedachte Titel sich mit den von vielen Portierungen bekannten, transparent über dem Bild angezeigten Touchscreen-Tasten steuern lassen.

Im hochkantigen Porträtformat ist das iPhone besonders für klassische Game-Boy- oder DS-Titel geeignet. Sie lassen sich selbst auf dem nach heutigen Maßstäben mickrigen 4,7-Zoll-Display eines iPhone SE noch gut erkennen und bedienen. Die Spiele laufen in unserem Test flüssig und überstehen auch den Multitasking-Wechsel in andere Apps.

Eine kleine Merkwürdigkeit ist uns beim Ausprobieren aufgefallen: Sind Benachrichtigungstöne auf dem iPhone mittels des seitlichen Stumm-Schalters deaktiviert, bleibt auch Delta stumm – egal wie hoch die Lautstärke des iPhones geregelt ist. Abhilfe schafft das Deaktivieren der Einstellung Respect Silent Mode im Menü von Delta.

Apple hat weiter ein kompliziertes Verhältnis zu Emulatoren

Dass die Freude über Delta nicht nur bei Entwickler Riley Testut so groß ist, liegt nicht an einem technischen Durchbruch. Retro-Emulatoren auf Mobilgeräten sind nichts Neues, Deltas Vorläufer GB4iOS selbst ist bereits mehr als zehn Jahre(öffnet im neuen Fenster) alt. Und auch auf Apples MacOS waren Emulatoren nie so ein Problem wie auf dem bislang hermetisch abgeriegelten iPhone-Betriebssystem (g+).

Erst im jüngsten Update seiner Entwicklerrichtlinien öffnete Apple mit einer angepassten Formulierung überhaupt die Möglichkeit für Emulatoren , die mit nachgeladenen ROMs verschiedene Anwendungen ausführen können. Und selbst das war noch nicht genug, um Entwicklern Sicherheit zu geben. Der Game-Boy-Emulator iGBA wurde zwar erst im App Store freigegeben, dann aber doch schnell wieder entfernt .

In den USA versucht Testut, Delta über Apples App Store(öffnet im neuen Fenster) zu vertreiben. Ob ihm das Schicksal von iGBA erspart bleibt, ist abzuwarten. Zumindest in Europa gibt es mit dem Altstore einen halbwegs gesicherten Bezugsweg für den Emulator und ein erstes Beispiel dafür, welche Anwendungen auch ohne Jailbreak dank des DMA zukünftig ohne Apples willkürlich erscheinende Regelungen auf iOS möglich sein könnten.

Verklagt Nintendo jetzt als nächstes Apple?

Interessant dürfte es sein, eine Reaktion von Nintendo abzuwarten. Das Unternehmen drängte zuletzt erneut einen Emulator mit der Androhung rechtlicher Schritte aus dem Netz. Zwar kehrte die betroffene Anwendung Yuzu als Fork namens Suyu kurz darauf zurück – auch dessen Software-Repository wurde kurz darauf aber gesperrt .

Zwar sind Emulatoren nicht per se illegal, gerade Nintendo ist aber stark darauf bedacht, die illegale Verbreitung von ROMs seiner Spiele zu unterbinden – wenngleich seine bisherigen Gehversuche mit Mobile Games(öffnet im neuen Fenster) eher kurzlebig waren und der Hersteller Klassiker wie die Zelda-Serie auf seiner eigenen Hardware vorbehält.

Wer mehr über die Technik von Emulatoren wissen will, findet Wissenswertes im Golem.de-Podcast mit Redakteur Johannes Hiltscher, der vom Bau seiner eigenen Emulationssoftware berichtet .


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