Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Debatte um Lebensarbeitszeit: Wie Friedrich Merz die Arbeitsrealität ignoriert

Eine mögliche Lebensarbeitszeit wird durch Faktoren begrenzt, die Bundeskanzler Merz völlig außen vor lässt. Nicht nur in der IT.
/ Mike Faust
130 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
Bundeskanzler Friedrich Merz will keine starre Rentenaltersgrenze. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)
Bundeskanzler Friedrich Merz will keine starre Rentenaltersgrenze. Bild: Sean Gallup/Getty Images

Bundeskanzler Friedrich Merz ist um keine noch so weltfremde Aussage verlegen, wenn es um die Sicherung des Wohlstands in Deutschland geht. Seine jüngste Aussage, in der er eine Lebensarbeitszeit statt eines starren Renteneintrittsalters fordert, passt da gut ins Bild. Schließlich hat Merz mit seinen Ideen bereits das weltweite Energieproblem gelöst, die Faulheit der deutschen Arbeitnehmer aufgedeckt und (fast) die Anonymität im Internet beendet.

Aber was bedeutet es überhaupt, den Wohlstand in Deutschland zu sichern? Für Merz sind es die Stärkung der Wirtschaft, die Deregulierung und eine höhere Arbeitsleistung. Dass Menschen weniger arbeiten können, wenn sie es möchten, scheint hingegen kein Ausdruck von Wohlstand zu sein. Denn sonst hätte der Wirtschaftsflügel der Union nicht vorgeschlagen, Teilzeitarbeit nur noch zu erlauben, wenn ein wichtiger Grund vorliegt, und die zum Feind erklärte "Lifestyle-Teilzeit" zu verbieten.

Einer der Gründe, der Teilzeit noch erlauben soll, ist die Kinderbetreuung. Da passt es gut ins (konservative) Bild, dass vom Recht auf Teilzeit vor allem Frauen betroffen sind, die viel Sorgearbeit im familiären Umfeld leisten. "Gerade diese unbezahlte Care-Arbeit zwingt viele Frauen in Teilzeit", sagt Verena Bentele(öffnet im neuen Fenster), Präsidentin des Sozialverbands VdK. Das geschehe nicht aus Lifestyle-Gründen, sondern aufgrund fehlender Alternativen. Wohlstand bedeutet also nicht, dass sich Arbeitnehmer um ihre Familie kümmern können, und auch nicht, dass sie arbeiten können, obwohl sie familiäre Verpflichtungen haben.

Nur 13 Prozent der Rentner waren 2024 erwerbstätig

Und so stellt sich auch bei der Debatte um das Renteneintrittsalter die Frage, warum es nicht zum Wohlstand gehört, die verbleibende Zeit im höheren Alter ohne Arbeit genießen zu können oder eben auch zu arbeiten, wenn es gewollt ist. Mit der eingeführten Aktivrente sollen die gewillten Rentnerinnen und Rentner bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei hinzuverdienen können.

Laut dem Mikrozensus 2024 waren 13 Prozent der Rentnerinnen und Rentner im Alter von 65 bis 74 Jahren erwerbstätig(öffnet im neuen Fenster). Ob sich an diesen Zahlen mit der Aktivrente etwas ändern wird, muss sich aber erst noch zeigen. Hierbei taucht nämlich auch ein anderes Problem auf, das in der Debatte um die Altersgrenze gern ignoriert wird.

Körperlich Schwerarbeitenden wird nämlich nur selten abgesprochen, dass das Arbeiten für sie bis zu einem Alter von 67 schwierig ist. Demgegenüber stehen die Arbeitnehmer, die überwiegend geistige Tätigkeiten ausführen und von denen gern behauptet wird, dass sie doch länger arbeiten könnten. Vernachlässigt wird hierbei aber, dass viele von ihnen von starken psychischen Belastungen und Burnout berichten, die durch einen hohen Arbeitsdruck ausgelöst werden.

Eine flexible Altersgrenze würde nichts daran ändern, dass sowohl körperliche als auch geistige Berufe nur eine gewisse Zeit lang ausübbar sind, wenn sich nichts an den Arbeitsbedingungen ändert.

Wichtige Details ausgespart

Merz hat bei seiner Aussage, es sei nicht entscheidend, ob jemand mit 61, 65 oder 68 in den Ruhestand gehe, sondern wann er mit dem Arbeiten begonnen habe, ein wichtiges Detail ausgespart. Die Frage, wann denn mit der Arbeit begonnen worden sein und wie lange gearbeitet werden müsste, bleibt nämlich völlig offen.

Ein junger Mensch, der mit 16 Jahren eine Ausbildung beginnt, hätte mit 66 Jahren eine Arbeitszeit von 50 Jahren hinter sich (mit weniger wird sich Merz kaum zufriedengeben). Mit Abitur verschiebt sich die Grenze, je nachdem, ob zwölf oder dreizehn Schuljahre absolviert wurden, auf 68 oder 69 Jahre. Wer ein Studium absolviert, erwirtschaftet sich nochmals drei bis fünf zusätzliche Arbeitsjahre, bevor in Rente gegangen werden kann. Elternzeiten und längere Ausfälle wegen Erkrankungen sollten ebenfalls gut überlegt sein.

Statt mit sinnvollen Reformen eine Verbesserung der Lebensbedingungen zu erreichen, zum Beispiel, indem Produktivitätsgewinne durch Automatisierung in die Alterssicherung einfließen, verhindert Merz, dass sich junge Menschen weiterbilden, Kinder bekommen und motiviert ihrer Arbeit nachgehen wollen. Und auch langjährige Arbeitnehmer dürften kaum motiviert auf ihre Arbeit blicken, wenn die soziale Absicherung gegen Lebensrisiken keinen Bestand mehr hat. Wohlstand sieht anders aus.


Relevante Themen