Debatte um Krankmeldungen: Merz stellt telefonische Krankschreibung infrage

Bei einer Veranstaltung in Bad Rappenau sagte Bundeskanzler Friedrich Merz, dass Beschäftigte in Deutschland durchschnittlich rund 14,5 Tage pro Jahr krankheitsbedingt fehlen würden. Der CDU-Politiker stellte die Frage, ob dieser Umfang notwendig sei, wie der Spiegel berichtet(öffnet im neuen Fenster) . Die Äußerungen deuten darauf hin, dass die Regierung möglicherweise Änderungen bei den Krankschreibungsregeln erwägt.
Die telefonische Krankschreibung wurde während der Coronapandemie eingeführt. Ziel war es, Arztpraxen zu entlasten und Infektionsrisiken zu reduzieren. Nach Ansicht von Merz soll geprüft werden, ob diese Regelung noch angemessen ist. Er kündigte Gespräche mit dem Koalitionspartner SPD an.
Krankenkassen sehen keinen Missbrauch
Die AOK widersprach der Behauptung eines Zusammenhangs zwischen telefonischer Krankschreibung und steigenden Fehlzeiten(öffnet im neuen Fenster) . Nach Angaben der Krankenkasse nutzen niedergelassene Ärzte diese Möglichkeit nur begrenzt. Die Kasse verwies auf einen statistischen Effekt durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.
Seit Einführung der elektronischen Erfassung würden Krankmeldungen vollständiger registriert. Besonders kurze Erkrankungen, die früher möglicherweise nicht gemeldet worden seien, flössen nun systematisch in die Statistik ein. Dies könne den Anstieg der gemeldeten Krankentage teilweise erklären.
Die Daten des Statistischen Bundesamts bestätigen einen Anstieg der durchschnittlichen Krankentage(öffnet im neuen Fenster) von 2021 bis 2024 um 3,6 Tage. Die Behörde führt dies unter anderem auf die verbesserte Erfassung durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zurück. Ob tatsächlich mehr Menschen erkranken oder die Daten einfach vollständiger sind, lässt sich demnach nicht eindeutig sagen.
Unterstützung aus der CSU
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder unterstützte die Position von Merz. Er äußerte gegenüber der Bild am Sonntag(öffnet im neuen Fenster) die Einschätzung, dass in Deutschland zu oft und zu schnell krankgeschrieben werde. Die CSU brachte die Wiedereinführung von Karenztagen ins Gespräch, bei denen die Lohnfortzahlung erst nach einigen Tagen Krankheit einsetzen würde.
Die CSU-Landesgruppe fordert ein Ende der telefonischen Krankschreibung, wie die Augsburger Allgemeine berichtet(öffnet im neuen Fenster) . In einem internen Papier wird ein Anstieg der Fehltage um rund 40 Prozent seit Einführung der Regelung genannt.
Allerdings bleibt unklar, inwieweit dieser Anstieg auf tatsächlich mehr Krankheitsfälle oder auf die verbesserte statistische Erfassung zurückzuführen ist. Höhere Zahlen sind nicht automatisch mit mehr Krankheit verbunden.
Krankenstand im Einzelhandel steigt
Besonders der Einzelhandel verzeichnet laut AOK Rheinland/Hamburg(öffnet im neuen Fenster) einen deutlichen Anstieg. Der Krankenstand lag 2024 bei 7,14 Prozent – der höchste Wert seit Beginn der Erhebung 2003. Der Aussage liegen Daten von über 100.000 Versicherten zugrunde.
Auffällig ist vor allem die Zunahme psychischer Erkrankungen. Beschäftigte im Einzelhandel waren 2024 durchschnittlich 5,7 Tage wegen psychischer Leiden krankgeschrieben, gegenüber 3,9 Tagen vor zehn Jahren. Dies entspricht einem Anstieg von knapp 50 Prozent.
Ob gesetzliche Änderungen folgen werden, hängt von den Verhandlungen innerhalb der Koalition ab. Entscheidungen über Krankschreibungsregeln hätten unmittelbare Auswirkungen auf Millionen Beschäftigte und das Gesundheitssystem. Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob sich die Union mit ihren Vorstellungen durchsetzen kann.



