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Dead Reckoning 1: Die vielleicht beste Videospielverfilmung, die keine ist

Mission: Impossible 7 bietet hochspannende Action, für die sich 164 Minuten im Kino wie erwartet lohnen. Überraschender ist, dass ich dabei ständig an Videospiele denken musste.
/ Daniel Pook
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Mission: Impossible - Dead Reckoning Teil 1 mit Tom Cruise als Ethan Hunt (Bild: Paramount Pictures)
Mission: Impossible - Dead Reckoning Teil 1 mit Tom Cruise als Ethan Hunt Bild: Paramount Pictures

Spoiler-Hinweis: Wir beschreiben Szenen und Teile der Handlung in diesem Artikel stets möglichst allgemein, ohne unnötig Details zu verraten, die über Trailer des Films wesentlich hinausgehen.

Ethan Hunt macht seinem Beruf als Geheimagent wirklich alle Ehre. Selbst nach sieben Filmen fällt es mir schwer, die Hauptfigur von Mission: Impossible als Charakter griffig zu beschreiben. Er kann, sagt und macht stets pragmatisch alles, was für seinen aktuellen Auftrag nötig ist und das zugegebenermaßen auch sehr gut.

Danach und dazwischen geschieht in der Handlung seit Teil vier (Phantom Protokoll) von Film zu Film immer weniger und schon gar nichts von Substanz. Müsste ich jemandem heutzutage Ethan Hunt beschreiben, würde ich einfach sagen: Das ist Tom-Cruise-Actionmann. Und die heutigen Mission-Impossible-Ausgaben sind Tom-Cruise-Actionmann-Filme.

Für wen Ethan Hunt und sein kleines Undercover-Team in den aktuellen Missionen letztendlich wirklich zu Felde ziehen, ist ihnen selbst wohl meistens nicht immer ganz klar. Hauptsache, sie machen es und verhindern dabei für gewöhnlich globale Katastrophen. Mission accomplished. Das nächste Level wartet schon. Der nächste Endgegner auch.

Mission Impossible – Dead Reckoning Teil 1 – Filmtrailer
Mission Impossible – Dead Reckoning Teil 1 – Filmtrailer (01:07)

Diese Formulierungen habe ich nicht zufällig so gewählt, denn bei Dead Reckoning Teil 1 habe ich in Ethan Hunt und seinem Auftrag unerwartet doch etwas mehr erkannt als einfach nur wieder tolle Action mit Tom Cruise. Immer wieder fühlte ich mich nicht an andere Agentenfilme, sondern ausgerechnet an bekannte Videospiele oder deren Figuren erinnert.

Zu Filmbeginn wird Hunt in die Wüste geschickt und dort gleich von Schurken verfolgt. Es wird geballert, er sucht Deckung bei Gemäuern. Seine Zielperson ist eine Frau mit riesigem Scharfschützengewehr – eine alte Bekannte, die ihn erst für einen Gegner hält. Wie eine Fata Morgana glaubte ich, im aufgewirbelten Sand Tom Cruise als Solid Snake auf dem Weg zu seiner Gefährtin Quiet aus Metal Gear Solid 5 zu sehen.

Die wabernde Entität mit Brummton

Eine US-Geheimdienst-Elefantenrunde ist derweil in Aufruhr über "die Entität" . Diese ausgebüxte, empfindungsfähige Militär-KI soll Ethan Hunts bis dato gefährlichster Gegenspieler sein. Sie taucht in Dead Reckoning Teil 1 allerdings erst einmal nur sporadisch auf. Und zwar wortwörtlich, denn wir sehen und hören das Programm Hollywood-typisch albern animiert als herumwaberndes Logo mit dumpfem Brummgeräusch als Soundeffekt, wann immer es auf einem Bildschirm auftaucht.

Kann Ethan der Stimme am anderen Ende noch trauen, wenn er Funksprüche seiner Kollegen erhält oder spricht da vielleicht die Entität? Wen hat die KI womöglich in der Weltpolitik längst unter ihren Fittichen? Steckt hinter allem eine noch größere Verschwörung? Ganz so präsent und komplex wie bei Hideo Kojima sind diese Aspekte der Handlung in Dead Reckoning zwar bei weitem nicht, aber diese Gedanken an Szenarien aus Metal-Gear-Solid-Spielen(öffnet im neuen Fenster) hat Mission: Impossible 7 gleich zu Anfang in mir geweckt. Und mich damit weiter an das Spionage-Game von Konami erinnert.

Bei einer anschließenden Undercover-Aktion in einem belebten Flughafen dachte ich sofort an Watch Dogs . Die beiden Hacker-Kumpanen Benji (Simon Pegg) und Luther (Ving Rhames) versuchen Ethan Hunt auf manipulierten Überwachungskameras per angezapftem Sicherheitssystem digital verschleiert zu halten, während Regierungsbeamte und Bösewichte ihn suchen.

Multiple-Choice im Cyber-Nachtclub

Per Spezialbrille hat Hunt ein HUD mit Anzeigen ähnlich wie in Ubisofts Sandbox-Games(öffnet im neuen Fenster) vor Augen, um Gesichter zu identifizieren oder Ziele zu tracken. Das kennen wir zwar nicht proprietär nur aus Watch Dogs, der Gesamteindruck aber passt und die Szene könnte hypothetisch problemlos aus einem noch unveröffentlichten Teil der Reihe stammen.

So selbstsicher auftretend und permanent seine Umgebung manipulierend, wie Hunt sich bei helllichtem Tag durch Menschenmengen bewegt, erinnert er selbst aber eher an einen ganz anderen, etwas heimtückischeren Agenten. Falls Entwickler IO Interactive jedenfalls noch Ideen für neue Hitman -Level sucht, sollten öffentliche Flughäfen spätestens ab jetzt ganz oben auf der Liste für herausfordernde Auftragsmörder-Spielplätze stehen. Diese Szene aus Dead Reckoning eignet sich, auch mit all ihren kleinen Mini- und Bonusmissionszielen, jedenfalls blendend als Vorlage.

Werden Agenten, Games und selbstbewusste KI-Systeme bei Golem.de zusammen in einem Artikel genannt, kann Deus Ex ja nicht weit sein. Bei einem Dialog zwischen verschiedenen Interessengruppen redet Ethan Hunt der entscheidenden Person ins Gewissen.

Er sagt ihr nicht, was sie tun soll, aber er schildert ihr lebhaft ausgeschmückt die zu erwartenden Konsequenzen ihrer Optionen. Da das Meeting mit Videospiel-typischer A/B-Entscheidung und apokalyptischen Prognosen rund um eine mächtige KI in einem futuristisch gestalteten Nachtclub abgehalten wird, konnte ich natürlich gar nicht anders, als währenddessen ununterbrochen an Square Enix' Deux-Ex-Prequels zu denken.

Mit einer ausufernd langen Eisenbahnsequenz zeigt Dead Reckoning Part 1 dem offiziellen Uncharted-Film zum Schluss dann noch einmal, wie man Action à la Naughty Dog zu einem echten Kinoereignis werden lässt.

Wenn wir Tom Cruise durch einen langsam an einer Klippe hinabstürzenden Bahnwagen klettern und springen sehen, während der nächste Waggon unter ihm bereits in die Tiefe saust und von oben schon wieder ein paar Möbel nachgerutscht kommen, werden bei Playstation-Spielern nostalgische Erinnerungen an den Einstieg in Uncharted 2: Among Thieves(öffnet im neuen Fenster) geweckt.

Uncharted wird endlich überzeugend Wirklichkeit

Eindrücke, die ich so bei Tom Hollands jungem Nathan Drake letztes Jahr in keiner Sekunde(öffnet im neuen Fenster) hatte. In Mission: Impossible sieht alles aus, als hätte man ein Konzept aus Uncharted Wirklichkeit werden lassen. Bei Sonys Originalfilm entstand dagegen nur der Eindruck, als seien echte Menschen nachträglich in neu gerenderte Videospielsequenzen reinmontiert worden.

Dead Reckoning macht sich auf diese Weise als Videospielverfilmung besser als die tatsächliche Umsetzung, zeigt anderen Spiele-Entwicklern von noch nicht bereits adaptierten Titeln zudem, wie es überzeugend gehen könnte.

Mission Impossible – Dead Reckoning Teil 1 – Train Crash (Making-of)
Mission Impossible – Dead Reckoning Teil 1 – Train Crash (Making-of) (02:31)

Nun repräsentieren all die hier genannten Games mitnichten originelle Ideen. Sie sind ihrerseits sehr offensichtlich von anderen Medien, Klassikern, mitunter ganz stark von anderen Filmen geprägt worden. Bei Metal Gear Solid von 1998 ist es sogar wahrscheinlich, dass Schöpfer Hideo Kojima sich teilweise vom ersten Mission-Impossible-Kinofilm hat mit inspirieren lassen.

Ich möchte ohnehin gar nicht darauf hinaus und glaube auch nicht, dass Regisseur Christopher McQuarrie, seine Co-Autoren und Tom Cruise hier tatsächlich bewusst eine Reihe von Videospiele-Anekdoten verfilmen wollten. Oder dass andere Zuschauer meine Eindrücke diesbezüglich überhaupt alle genauso unterschreiben würden.

Authentische Stunts mit Spielkonzept

Mich hat dennoch die Frage beschäftigt, weshalb ich mich ausgerechnet bei diesem Film so gehäuft und mitunter auch deutlich an all die erwähnten Games erinnert gefühlt habe. Zumal eine große Stärke von Dead Reckoning ja eigentlich darin liegt, dass hier selbst riesige Sets und atemberaubend gefährlich aussehende Stunts gar keine künstlich anmutende Videospiele-Ästhetik an den Tag legen. Am Stil der Umsetzung kann es nicht gelegen haben.

Trotz digital eingefügter Elemente und Color Grading bleibt für Zuschauer ein großartiges Gefühl von Authentizität erhalten. Wir werden Zeuge reichlich unrealistischer Situationen, aber durch die berühmte Filmmagie und sehr, sehr viel harte Arbeit, werden sie uns ausnahmsweise glaubwürdig und packend verkauft wie kaum in anderen modernen Blockbustern(öffnet im neuen Fenster) heutzutage. Also, warum meine Tendenz, ausgerechnet hier jeden erdenklichen Bezug zu Games so bewusst aufzuschnappen?

Wahrscheinlich, weil Dead Reckoning konzeptionell auf gängigen Mustern vieler Videospiele aufbaut, mehr sogar als die sechs Mission: Impossibles vorher. Unser Held bleibt wie gesagt nur grob definiert. Wir müssen bloß wissen, dass er der Gute ist und über alle Fähigkeiten verfügt, um die vor ihm liegenden Level zu bewältigen.

Die Geschichte dient gerade so dem Zweck, regelmäßige Schauplatzwechsel einzuleiten, uns viele verschiedene Kulissen zu zeigen. Per kurzem Briefing werden jeweils ein paar Parameter definiert, um Abwechslung in die vielen langen Action- und Undercover-Spionage-Challenges zu bringen, die Ethan Hunt größtenteils alleine als Player One absolviert.

Ja, er braucht seine Freunde. Damit sie ihm virtuell ab und zu die Tür aufhalten. Das mutet jedoch oft wie ein Alibi-Koopmodus an, in dem alle außer Spieler 1 die meiste Zeit zum Zugucken verdammt sind.

Von Hindernisläufen über Faustkämpfe, Verfolgungsjagden bis zu Stealth-Passagen, Multiple-Choice-Dialogen, First-Person-HUDs, Messerduellen und auch Motocross-Action wird alles geboten, was Agentenfilmfans, aber auch Gamer als Teil ihrer Unterhaltung gewohnt sind und potenziell irgendwie gut finden könnten. Alles hat man irgendwo schon mal gesehen, hier ist es jetzt nur noch einmal viel größer und aufregender präsentiert. In einem Spieletest würde ich es als mustergültige AAA-Fortsetzung bezeichnen.

Charakter-Interaktionen bleiben zweckmäßig auf die Mission bezogen, sorgen hier und da für Lacher oder kleine Verschnaufpausen, beinahe nie stehen sie im Mittelpunkt. Alle anderen sind bloß NPCs zwischen Hunt und seinem aktuellen Ziel. In ganz seltenen Momenten sahen sich selbst McQuarrie und Cruise dazu verpflichtet, ein paar ihrer großzügig bemessenen 164 Minuten Laufzeit für knauserig kurz gehaltene Emotionalität herzugeben.

4D-Schach mit einem Supercomputer

Die hätten sie sich eigentlich auch ganz schenken können, um komplett durchzuziehen, was sie eigentlich zu diesem, auf seine Art auch wirklich unterhaltsamen Film, motiviert hat.

Tom wollte mit einem Motorrad in eine Schlucht springen. Christopher einen kompletten echten Zug in voller Länge demolieren. Die beiden wollten, neben all der damit verbundenen Produktionsarbeit, viel hartem Training und einem sehenswerten Blockbuster-Highlight als Endprodukt, doch wahrscheinlich auch irgendwie einfach – nur spielen. Das ist zumindest mein Eindruck aus Interviews und Making-of-Videos.

Mission Impossible – Dead Reckoning Teil 1 – Motorradsprung (Making-of)
Mission Impossible – Dead Reckoning Teil 1 – Motorradsprung (Making-of) (09:22)

Davon abgesehen fördert auch der große Story-Überbau durchaus legitim den Gedankensprung, im neuen Mission: Impossible nach Gaming-Mustern Ausschau zu halten.

Dass die KI vorausdenkt, auf Basis enormer Datenmengen Vorhersagen, präzise Schätzungen trifft, wohl auch unbemerkt ihre Züge macht, erfahren wir schon früh im ersten Teil und natürlich steckt das auch im Titel, der übersetzt Koppelnavigation(öffnet im neuen Fenster) bedeutet. Was genau die Entität plant und ob sich Ethan Hunt nicht vielleicht sogar bereits in ein gefährliches Spiel mit ihr hat locken lassen, erzählt uns dann wohl nächstes Jahr der Nachfolgefilm. Um Dead Reckoning Teil 1 passend dazu lose aus meiner Erinnerung zu zitieren: "Es ist so, als würden wir auf dem Spielbrett der Realität im 4D-Schach gegen einen Supercomputer antreten."

Mission: Impossible – Dead Reckoning Teil 1 startet am 13. Juli 2023 in deutschen Kinos.


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