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DB Planet: Bahn soll Züge für Verspätungsstatistik entfallen lassen

Interne Chats belege erneut Fälle, in denen Züge "zur Verbesserung der Statistik" herausgenommen werden. Die Deutsche Bahn dementiert.
/ Achim Sawall
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DB Planet (Bild: DB)
DB Planet Bild: DB

Die Deutsche Bahn lässt offenbar gezielt Züge ausfallen, um ihre Verspätungsstatistik zu verbessern. Das geht aus internen Vermerken und Chatnachrichten von Beschäftigten hervor, die dem Spiegel vorliegen (Paywall)(öffnet im neuen Fenster) . Entfallende Züge werden in der Pünktlichkeitsstatistik der Bahn oft nicht erfasst.

So wurde dem Bericht zufolge am 16. September 2025 der ICE 616 von München nach Hamburg in Köln aus dem Verkehr genommen. Offiziell wurde dies mit einem "kurzfristigen Personalausfall" begründet. Interne Chats – offenbar auf der Plattform DB Planet – belegen jedoch, dass der Zug "zur Verbesserung der Statistik" gestrichen wurde. Auch in einem weiteren Fall vom 11. September 2025 soll ein stark verspäteter ICE bei Köln offenbar ebenfalls mit Verweis auf die Statistik entfallen sein.

Beschäftigte berichteten zudem, dass Züge nach solchen Ausfällen häufig leer weiterführen. So sei auch der ICE 616 an diesem Tag ohne Fahrgäste nach Hamburg überführt worden, um dort planmäßig eingesetzt zu werden – eine Praxis, die von Kritikern als ineffizient und verschwenderisch bezeichnet wird.

Bahn: Verspätungen werden insgesamt gering gehalten

Die Bahn dementierte auf Anfrage des Spiegel, dass Züge zur Verbesserung der Statistik aus dem Verkehr genommen würden, räumte jedoch ein, dass es in Einzelfällen betrieblich sinnvoll sein könne, Zugfahrten vorzeitig zu beenden. Gleichzeitig distanzierte sich das Unternehmen von den Aussagen der Beschäftigten, die in internen Chats den Statistikzweck erwähnt hatten.

Die Aufgabe von DB Fernverkehr sei es, die Folgen von Verspätungen nicht bloß für den direkt betroffenen Zug, sondern auch für andere Züge gering zu halten. "Daher ist es in beiden Fällen sinnvoll gewesen, die von Ihnen angesprochene dispositive Maßnahme umzusetzen" , erklärte das Unternehmen. Es hätten zudem "direkte und aufnahmefähige Alternativverbindungen" bestanden. Dies sei "die Grundvoraussetzung für eine solche Maßnahme" .

Die Bahn legt bereits großzügige Maßstäbe an ihre Statistik an: Ein Zug im Nahverkehr gilt als pünktlich, wenn er mit weniger als sechs Minuten Verspätung an einem Halt ankommt. Seit 2019 gibt es die Kennzahl "Reisendenpünktlichkeit" , die sich auf die Ankunft am Zielbahnhof bezieht. Dabei gelten Verspätungen von bis zu 14:59 Minuten als pünktlich, vor allem im Fernverkehr.

GDL-Chef bestätigt Spiegel-Informationen

Auch nach den Angaben der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) schönt die Bahn die Statistik über die Pünktlichkeit der Züge. GDL-Chef Mario Reiß sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): "Dass Züge aus der Statistik genommen werden, um die Bilanz zu schönen, ist für uns keine Überraschung und seit Längerem unter Fachpersonal ein offenes Geheimnis."

GDL-Mitglieder erlebten solche Situationen "seit Langem in ihrem Arbeitsalltag und berichten uns regelmäßig davon" , betonte Reiß. "Am Ende ist es nämlich das Zugpersonal, das trotz geringer Informationsdichte den Frust der Reisenden auffangen muss, während das Management versucht, mit kosmetischen Maßnahmen ein besseres Bild zu erzeugen."

Der Gewerkschaftschef kritisierte weiter: "Die Konzernspitze versucht, mit Zahlentricks und Leerfahrten von den eigentlichen Ursachen abzulenken." Jede einzelne Verspätung löse weitere Folgeverspätungen aus.

Die Bahnführung dürfe sich nicht länger in "Alibiprogrammen verlieren" , die nur der Imagepflege dienten, forderte Reiß. "Es braucht endlich eine ehrliche Fehlerkultur, die Ursachenbekämpfung an den maroden Strukturen und eine klare Verantwortung an der Spitze. Alles andere verschärft die Krise und zerstört weiter Vertrauen in die Bahn als Verkehrsmittel und unsere Infrastruktur im Allgemeinen."


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