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Daydream im Test: Bessere VR für weniger Geld geht nicht

Cardboard war der erste Versuch, Daydream ist Googles neue, verbesserte VR -Umgebung. Golem.de hat sich das System auf Googles eigenem Betrachter View angeschaut – und dabei golfspielend mit dem Controller gefuchtelt. Daydream ist sehr vielversprechend, allerdings noch nicht perfekt.
/ Tobias Költzsch
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Der Daydream-Betrachter View im Einsatz (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Der Daydream-Betrachter View im Einsatz Bild: Martin Wolf/Golem.de

Mit Daydream hatte Google auf der Google I/O 2016 ein neues VR-System vorgestellt , das wie der Vorgänger Cardboard auf einem Smartphone basiert. Dieses wird wieder in einen Betrachter gesteckt und bietet sowohl die Rechenleistung als auch das Display für das VR-System. Dazu gibt es einen Controller, der über eigene Sensorik verfügt und ohne externen Tracker auskommt.

Google Daydream – Test
Google Daydream – Test (01:15)

Daydream soll weitaus ausgefeilter als Cardboard sein, was entsprechend höhere Anforderungen an die verwendeten Smartphones stellt. Golem.de hat sich die VR-Plattform vor dem weltweiten Start über Googles eigenen Betrachter Daydream View und ein Pixel XL angeschaut, eines der Smartphones mit dem Prädikat "Daydream Ready". Der Unterschied zu Cardboard ist deutlich, ganz perfekt ist das System aber nicht – für einen Preis von 70 Euro bietet es aber aktuell den besten günstigen Einstieg in ernstzunehmende VR.


Das liegt vor allem an einem der Hauptunterschiede zum Cardboard: Dank des mitgelieferten Controllers ist Daydream weitaus interaktiver als Googles erstes VR-Experiment. Die kleine Fernbedienung wird mit dem von uns im Betrachter genutzten Pixel-Smartphone per Bluetooth verbunden und taucht dann ohne eine externe Tracking-Kamera im Blickfeld auf. Aufgeladen wird er mit einem USB-Typ-C-Kabel.

Stabiler View-Betrachter mit Controller

Der Betrachter Daydream View selbst ist zwar vom Grundprinzip dem von Cardboard gleich, allerdings nicht aus Pappe, sondern aus mit Stoff überzogenem Kunststoff. Das Smartphone mit der Daydream-App wird an der Vorderseite hinter einer stabilen Klappe eingesetzt, die ebenfalls mit Stoff bezogen ist und innen eine Aufbewahrungsmöglichkeit für den Controller besitzt.

Das Daydream View ist groß genug, um auch mit Brille auf der Nase genutzt zu werden – mit einigen sehr breiten Modelle könnte es aber Schwierigkeiten geben. Brillenträger sind auf ihre Gläser angewiesen, da es wie beim Cardboard keine Möglichkeit gibt, die Schärfe einzustellen. Die Augenmuschel ist mit einem weichen, angenehmen Material ausgeschlagen, das zum Reinigen herausgenommen werden kann – das ist praktisch.

Konstruktion des Betrachters nicht zu Ende gedacht

Zur Befestigung am Kopf ist Daydream View mit einem breiten, flexiblen Band ausgestattet, das sich zudem noch in der Länge verstellen lässt. Am besten geht das, während der Betrachter auf der Nase sitzt. Konstruktionsbedingt sollten Nutzer das Band nicht allzu festziehen: Es ist am oberen Rand des Daydream View angebracht und übt bei zu enger Einstellung einen starken Druck auf die Stirn aus. Das führt bei uns schnell zu Kopfschmerzen. Generell hätten wir es besser gefunden, wenn das Band mittig am Betrachter positioniert gewesen wäre. Dann wäre auch der Abschluss am unteren Ende besser gewesen, durch das jetzt aufgrund einer Lücke noch Licht einfällt.

Daydream View ist anfällig für Streulicht

Generell müssen wir bei unserem Test aufpassen, nicht zu viel Licht hinter uns zu haben, da der Daydream View nicht besonders lichtdicht ist. Auch Streulicht, das durch die Klappe direkt auf den Smartphone-Bildschirm einfällt, können wir beobachten. Meist lassen sich diese Probleme durch eine etwas andere Sitzposition beseitigen. Wir haben Daydream meist im Sitzen auf einem drehbaren Bürostuhl genutzt; dabei war für uns die Bewegungsfreiheit am besten.


Diese brauchten wir mitunter: Über den mitgelieferten Controller lassen sich nämlich nicht nur die Menüs des Daydream-Hauptmenüs steuern – das in einer Art verzaubertem Wald eingebettet ist -, sondern auch Spiele per Bewegungssteuerung spielen. Der Controller passt bequem in die Handinnenfläche und hat vier Bedienelemente: einen Menü-Button, einen Zurück-Button, eine Lautstärkewippe und ein rundes Touchpad mit Klickfunktion.

Controller für umfangreiche Steuerung

Am Headset selbst müssen wir – anders als bei den Cardboard-Betrachtern – nicht mehr herumnesteln. Das ist deutlich komfortabler. Zudem bietet der Controller dank der eingebauten Sensoren zahlreiche neue Möglichkeiten bei der Bedienung. Das beginnt beim Hauptmenü: Die einzelnen Punkte lassen sich durch Draufzeigen mit dem Controller anwählen, ein Klick auf das Touchpad bestätigt die Auswahl. Mit Kopfbewegungen schauen wir uns um – Bewegungen nach vorne erkennt Daydream jedoch nicht.

Diesem Bedienungsschema folgen alle Apps, die wir vor dem offiziellen Start von Daydream ausprobieren konnten. Sowohl Youtube als auch Street View, die App des Wall Street Journals oder die Spiele Wonderglade und Hunters Gate verwenden diese Zeigesteuerung. In Wonderglade, einer Mini-Spiele-Sammlung, zeigt Daydream zudem, was mit dem Controller alles möglich ist: Beim Minigolf etwa benutzen wir die Handsteuerung wie einen Wii-Controller, um den Schläger zu schwingen. Das funktioniert trotz fehlender Tracking-Kamera erstaunlich präzise und macht Spaß.

Die Spielfigur wird hingegen per Trackpad wie auf einem D-Pad gesteuert, ebenso der Charakter beim Spiel Hunters Gate. Dort ist das etwas gewöhnungsbedürftig, da die Kamera einen fixen Standpunkt hat. Dadurch wird das Zielen, das über die Zeigefunktion erfolgt, mitunter etwas umständlich. Die bereits verfügbaren Spiele zeigen aber, dass sich Daydream gut für verschiedene Arten von Spielen eignet.

Controller funktioniert auch ohne externe Tracking-Kamera gut

Der Controller sowie die gut und schnell reagierenden Sensoren markieren dabei einen riesigen Unterschied zu Spielen auf dem Cardboard. Auch dort gibt es einige interessante Games, die aber von der Steuerung her bei Weitem nicht so ausgefeilt sind wie die der ersten Spiele auf dem Daydream View. Interessant wird, inwieweit Entwicklerstudios diese neuen Möglichkeiten ausschöpfen und entsprechende Spiele anbieten werden.

Zum Daydream-Start etwas Kultur

Daydream View beinhaltet neben Spielen andere Apps, die mehr Anspruch haben. Arts & Culture VR beispielsweise bietet hochauflösende Abbildungen berühmter Gemälde, in die Nutzer hineinzoomen können. Dadurch lassen sich interessante Details entdecken. Zu einigen Bildern gibt es auch Erklärungen von Kunstsachverständigen. In Street View können wir uns berühmte Orte dreidimensional aus verschiedenen Perspektiven anschauen – auch das gefällt uns sehr gut.


Dass Virtual Reality auch abseits von Spielen und Unterhaltungs-Apps interessant sein kann, zeigt die VR-Anwendung des Wall Street Journals. Hier werden in einer Wohnzimmerumgebung nicht nur die aktuellen Artikel der Zeitung angezeigt, sondern auch 360-Grad-Videoinhalte. Sehr gelungen finden wir den Börsentisch: Ein Klick auf den Couchtisch lässt die aktuellen Börsenkurse als Diagramme im Raum schweben. Auf einer Seite der virtuellen Tischplatte werden in Grün alle Kursgewinne angezeigt, auf der anderen Seite in Rot alle Verluste. Die einzelnen Balken können mit dem Controller angesteuert werden, dann gibt es mehr Informationen.

Videos bei Youtube und Play Movies

Youtube stellt eine Reihe von 360-Grad-Videos und 3D-Inhalten zur Verfügung, die sich mit dem Daydream View bequem anschauen lassen. Sucheingaben lassen sich über eine Display-Tastatur und den Controller oder per Sprache eingeben. In 360-Grad-Inhalten können wir uns auch mit dem Controller bewegen, was praktisch ist, wenn wir keinen Platz oder keine Lust haben, uns ständig selbst zu drehen.

Über Googles Play Movies können auch Spielfilme und Serien über Daydream View geschaut werden. Über einen längeren Zeitraum fanden wir es aber anstrengend, den Betrachter zu tragen, weshalb wir diese Möglichkeit zumindest mit dem Daydream View noch nicht so verlockend finden.

Controller muss regelmäßig neu zentriert werden

Dass der View-Controller ohne Tracking-Kamera arbeitet, ist während der Nutzung nicht zu bemerken – die eingebauten Sensoren sowie die latenzfreie Übertragung zum Smartphone stellen die Bewegungen realistisch und korrekt dar. Allerdings müssen wir die Ausrichtung ab und zu zurücksetzen: Machen wir zu viele Bewegungen oder drehen uns öfter im Kreis, wird die Ausrichtung des Controllers schlicht ungenau. Zeigen wir dann mit der Fernbedienung nach vorne, wird dies in Daydream falsch dargestellt.

Bei manchen Apps passiert dies häufiger als bei anderen – je mehr Bewegung im Spiel ist, desto schneller verliert der Controller die Orientierung. Ein langer Druck auf den Menü-Button – der uns bei kurzem Druck aus jeder App heraus direkt zum Hauptmenü zurückbringt – zentriert sowohl die Blickrichtung als auch die Ausrichtung des Controllers. Dieser sollte dabei natürlich nach vorne gerichtet werden, da es sonst wieder zu einer falschen Einstellung kommt. Diese Zentrierung können wir zu jeder Zeit vornehmen, ohne dass die aktuell laufende App unterbrochen wird.

Flimmernde Flächen

Der aus den Fugen geratene Controller ist nicht das einzige Problem von Daydream: Wir haben das Gefühl, dass die Bildwiederholfrequenz nicht sonderlich hoch ist. Besonders bei hellen Flächen bemerken wir ein Flimmern. Zusammen mit den leichten bauartbedingten Problemen des Daydream View dürfte das ein Zugeständnis dafür sein, dass Daydream eigentlich kostenlos ist und der Betrachter nur 70 Euro kostet.

Wobei kostenlos natürlich nur zutrifft, wenn der Nutzer ein Smartphone hat, das Daydream offiziell unterstützt . Google hatte das Prädikat "Daydream Ready" extra für Smartphones geschaffen, die über die nötige Hardware verfügen. So müssen die Sensoren beispielsweise eine bestimmte Latenz ermöglichen und eine Mindestbildschirmauflösung haben, um offiziell zu den Daydream unterstützenden Geräten zu gehören.

Kompatibilität mit nicht offiziell unterstützten Smartphones ist unklar

Googles eigene Smartphones Pixel und Pixel LX gehören zu den ersten Daydream-Ready-Smartphones, ebenso das neue Mate 9 von Huawei . Laut Google arbeite man auch mit anderen Herstellern daran, dass neue Geräte Daydream-kompatibel sind – unter anderem mit Samsung, HTC, ZTE, Xiaomi, Alcatel, Asus und Motorola. Vorhandene Top-Smartphones haben möglicherweise keine offizielle Daydream-Zertifizierung, könnten technisch aber dennoch geeignet sein.

Ob Daydream sich problemlos auch mit solchen Geräten nutzen lässt, hat uns Google auch auf Nachfrage nicht beantwortet. Im Vorfeld des Daydream-Starts konnten wir nicht verlässlich testen, ob die App auch auf anderen Smartphones läuft, da wir sie eigentlich nur auf einem speziell eingerichteten Pixel XL nutzen konnten. Per APK-Extraktion konnten wir sie zwar auch auf einem Nexus 6P und dem Mate 9 installieren, starten ließ sie sich aber nur auf dem Nexus.

Dort lief die App sowohl in Ton und Bild nur ruckelig, was wir aber nicht generalisieren können. Denkbar ist, dass die nach dem Start im Play Store herunterladbare Anwendung besser läuft – wir werden diesbezügliche Ergebnisse nachliefern.

Pixel XL wird sehr warm

Bei dem von uns verwendeten Pixel XL wird die Hardware durch Daydream ordentlich beansprucht: Das Smartphone wird sehr warm, stellenweise sogar heiß. Nach fünfzehn Minuten Spielen haben wir auf der Rückseite des Gerätes eine Temperatur von 45 Grad gemessen. In die Hosentasche stecken ließ sich das Pixel damit zunächst nicht, wir mussten es erst abkühlen lassen.

Verfügbarkeit und Fazit

Der Daydream-View-Betrachter kostet bei Google und bei der Telekom 70 Euro. Der Bluetooth-Controller ist im Preis mit inbegriffen. Um Daydream nutzen zu können, benötigen Käufer des View-Headsets ein Smartphone, auf dem die Daydream-App läuft. Ganz sicher funktioniert das auf einem Gerät mit dem Daydream-Ready-Zertifikat.

Fazit

Daydream hat trotz einiger Schwächen im Test überzeugen können – für 70 Euro bekommt man keine bessere Virtual-Reality-Erfahrung geboten. Das liegt zum großen Teil an dem Controller, der auch ohne externe Kamera erkannt wird, und am zuverlässigen Head-Tracking. Dadurch lässt sich bequem durch die Menüs und Apps navigieren, zudem ermöglicht der Controller ein Spielerlebnis, das wir dem preiswerten System nicht zugetraut hätten.

Ganz fehlerfrei ist die Technologie allerdings nicht: Wir müssen regelmäßig den Controller neu ausrichten. Außerdem flimmert das Bild bei einigen Apps stellenweise. Der Daydream View ist für uns von der Konstruktion her nicht komplett durchdacht, das Befestigungsband ist zu hoch angebracht.

Unsere Schlussfolgerung, dass Daydream die beste günstige VR-Umgebung bietet, basiert natürlich auf der Prämisse, dass sich das System bei den kommenden Android-Smartphones im Topbereich durchsetzen wird. Ein gutes Smartphone benötigt der Nutzer auf jeden Fall – Cardboard hingegen lässt sich auch mit einem schwächeren Gerät nutzen. Unklar ist zu diesem Zeitpunkt noch, inwieweit Besitzer älterer Smartphones Daydream nutzen können.

Sollte Daydream exklusiv unter Android 7.0 nutzbar sein, dürfte die Plattform den meisten Nutzern erst einmal nicht viel bringen. Momentan hat die aktuelle Version von Googles Betriebssystem einen Marktanteil von nur 0,3 Prozent. Daydream gefällt uns zweifelsfrei sehr gut und ist der günstigste Einstieg in höherwertigere VR; das hängt aber stark von der Verfügbarkeit der Plattform ab – und ob der Nutzer bereits ein entsprechendes Smartphone besitzt.


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