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David Autor: Ökonom warnt vor Entwertung menschlicher Expertise durch KI

Ökonom David Autor warnt: KI könnte nicht nur Jobs vernichten, sondern auch die Grundlagen unserer Demokratie erschüttern.
/ Andreas Donath
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David Autor (Bild: Niccolò Caranti)
David Autor Bild: Niccolò Caranti / CC-BY-SA 4.0

Der MIT-Ökonom David Autor äußert sich in einem Gespräch mit dem Spiegel(öffnet im neuen Fenster) zur Zukunft der Arbeitswelt im Zeitalter künstlicher Intelligenz. Seine Einschätzungen fallen differenzierter aus als viele Prognosen, die entweder Panik oder blinden Optimismus verbreiten.

Autor sieht die Entwicklung nicht nur als technologisches, sondern vor allem als gesellschaftliches Problem. Während Chatbots heute bereits Fachwissen in großem Umfang zugänglich machen, werde die Fähigkeit zur Orientierung in einer komplexen Informationsflut zunehmend wertvoller. "Wir leben in einer immer komplexer und verwirrender werdenden Welt" , so der Wissenschaftler.

Was Wissen noch wert ist

Der Arbeitsmarktforscher verweist auf einen grundlegenden Wandel der Wissensarbeit. Zu seiner Studienzeit bedeutete Recherche noch den Gang in die Bibliothek und das Durcharbeiten dicker Bücher. Heute hingegen stehe man einem überwältigenden Informationsstrom gegenüber. Die Herausforderung bestehe darin, echtes produktives Wissen vom allgemeinen Grundrauschen zu unterscheiden.

Berufe mit Zukunft erfordern Urteilsvermögen, erklärt David Autor. Bereits heute gehörten jene Jobs zu den bestbezahlten, die Entscheidungskompetenz verlangten. Der Arzt, der zwischen verschiedenen Therapien wählen muss, der Anwalt, der eine Prozessstrategie entwickelt, oder Fachleute für komplizierte Reparaturen seien Beispiele dafür.

Führungskompetenzen bleiben gefragt

Eine neue Untersuchung des Ifo-Instituts untermauert Autors Thesen. Personen mit ausgeprägten Führungskompetenzen zeigen sich nicht nur im Management menschlicher Teams überlegen. Sie koordinieren auch Gruppen von KI-Agenten deutlich effektiver als andere, berichtet der Ökonom von einer Münchner Konferenz zum Thema KI und Arbeitsmarkt.

Die entscheidende Frage sei weniger, wie viele Jobs durch Technologie verschwinden. Wichtiger erscheine, was Menschen stattdessen tun würden. Autor verweist auf historische Beispiele: Im Jahr 1900 arbeiteten in den USA 39 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft, heute sind es weniger als zwei Prozent. Trotzdem sei die Arbeit nicht ausgegangen.

Dennoch warnt der Wissenschaftler vor voreiligem Optimismus. Transformationen könnten unglaublich schmerzhaft verlaufen, sehr schlechte Szenarien seien möglich. Die Gesellschaft müsse sich gegen die Risiken absichern.

Ist Erfahrung durch KI nicht mehr wichtig?

Seine größte Sorge gilt der möglichen, massenhaften Entwertung von Expertise. Eine solche Entwicklung könne den Kapitalismus grundlegend verändern. Die weitverbreitete Automatisierung werfe Fragen für demokratische Gesellschaften auf, deren Fundament auch die Knappheit menschlicher Arbeit bilde.

Falls Arbeit kein knapper Produktionsfaktor mehr sei, öffne dies einerseits Türen für die Schaffung großen Reichtums. Andererseits werde völlig unklar, wer überhaupt noch in den Genuss dieses Wohlstands kommen würde. Der Arbeitsmarkt funktioniere heute auch als Verteilungsmechanismus, auf dem jeder Mensch über seine eigene Arbeitskraft verfüge.

Autor betont im Gespräch mit dem Spiegel auch den Zusammenhang zwischen Arbeitsmarkt und Demokratie. Eine funktionierende Demokratie sei abhängig von einem funktionierenden Arbeitsmarkt. Diese Abhängigkeit könnte durch die KI-Entwicklung infrage gestellt werden, wenn traditionelle Verteilungsmechanismen nicht mehr greifen.

Geteilte Meinungen unter Ökonomen

Die wissenschaftliche Debatte über die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt fällt äußerst kontrovers aus. Der Stanford-Ökonom Erik Brynjolfsson(öffnet im neuen Fenster) warnt, dass junge Berufseinsteiger zwischen 22 und 25 Jahren in KI-exponierten Berufen wie Softwareentwicklung bereits deutliche Beschäftigungsverluste verzeichnen. Bei der Softwareentwicklung sei die Beschäftigung junger Einsteiger seit Ende 2022 um fast 20 Prozent zurückgegangen. Brynjolfsson unterscheidet dabei zwischen automatisierender KI, die Jobs ersetzt, und augmentierender KI, die menschliche Arbeit unterstützt.

Anders Humlum von der University of Chicago kommt bei der Analyse dänischer Arbeitsmarktdaten zu deutlich beruhigenderen Schlüssen(öffnet im neuen Fenster) : Obwohl KI in der Mehrheit der Unternehmen angekommen sei, wirke sie sich nicht negativ auf die Beschäftigung aus. Im Schnitt würden Beschäftigte gerade einmal 2,8 Prozent ihrer Arbeitszeit durch KI einsparen. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung betont für Deutschland, dass die Jungen nicht unter der KI litten, sondern unter der Erneuerungskrise der deutschen Wirtschaft.

KI wird nicht unbedingt die Produktivität verbessern

Eine besonders skeptische Position nimmt der MIT-Ökonom und Nobelpreisträger Daron Acemoglu(öffnet im neuen Fenster) ein. Er prognostiziert für die kommenden zehn Jahre in den USA lediglich einen jährlichen Produktivitätszuwachs von 0,05 Prozent durch KI. Acemoglu kritisiert, dass KI derzeit zu sehr für Automatisierung und nicht genug zur Unterstützung von Arbeitnehmern eingesetzt werde.

Deutlich optimistischer zeigt sich McKinsey(öffnet im neuen Fenster) : Das Beratungsunternehmen rechnet mit einem Produktivitätswachstum von bis zu drei Prozent pro Jahr, falls bis zu 27 Prozent der Tätigkeiten innerhalb aller Berufsbilder automatisiert werden. In Deutschland wären in diesem Szenario bis zu drei Millionen Jobs von einer Veränderung betroffen, wobei administrative Bürotätigkeiten mit 54 Prozent der erwarteten Jobwechsel am stärksten betroffen wären.


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