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Datenrettung: Zwischen Schlüsseldienst und Uhrmacher

Eine ruhige Hand und viel Erfahrung: Das braucht man bei der Wiederherstellung einer kaputten Festplatte . Wir haben Datenrettern über die Schulter geschaut.
/ Martin Wolf
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Bei Data Reverse in Leipzig werden auch schwere Fälle behandelt. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Bei Data Reverse in Leipzig werden auch schwere Fälle behandelt. Bild: Martin Wolf/Golem.de

Ich stehe hinter einem jungen Mann und beobachte gebannt, wie er den winzigen Schreib-Lese-Kopf samt Laufwerksarm einer Festplatte aus dem Gehäuse löst. Jede der Schrauben entfernt er mit einer Pinzette und legt sie in einen Sortierkasten rechts von ihm. Dabei trägt er Gummihandschuhe und beugt sich immer wieder über die Edelstahlplatte seines Tisches, um sich zu vergewissern, dass er keine Fehler macht. Vorsichtig entnimmt er einer anderen Platte ebenfalls den Kopf und setzt ihn stattdessen ein. Das alles spielt sich in einer Art kleiner Telefonzelle, einem Reinraum-Arbeitsplatz, ab. Ich bin bei Data Reverse, einer auf Datenrettung spezialisierten Firma in Leipzig.

Für mich war wie für viele andere der physische Aspekt von Datenrettung immer ein Mysterium. Deshalb packte mich die Neugier, als ich ein paar Wochen zuvor per Facebook diese Nachricht meiner Freundin Grit, einer Gesamtschullehrerin, erhielt: "Hallo Martin, da du ja ein technisch versierter Mensch bist, dachte ich, du könntest mir vielleicht einen Tipp geben, wie ich meine Daten von meiner gestern geschrotteten, weil auf den Boden gefallenen externen Festplatte bekommen kann. Und zwar für weniger als 1.600 Euro, die Summe wurde mir vorhin genannt. Die Daten kann anscheinend nur eine Spezialfirma holen. Das ist alles richtig blöd, weil da alle meine Unterrichtsvorbereitungen der letzten Jahre drauf sind. Hast du eine Idee? Viele Grüße Grit."

Datenretter im Einsatz - Bericht
Datenretter im Einsatz - Bericht (04:00)

Bisher hatte ich mich noch nie eingehender mit Datenrettung beschäftigt. Klar, denn sie wird ja auch erst dann wichtig, wenn es schon zu spät ist - ähnlich wie ein Schlüsseldienst. Es gibt noch mehr Parallelen, wie sich später herausstellt. Ich mache mich also auf die Suche nach Rettung für Grits Festplatte. Nach einer kurzen Recherche stoße ich auf die Leipziger Firma Data Reverse - und die Datenbergungsmission beginnt.

Persönliche Betreuung statt Callcenter

Am Anfang jeder Datenrettung stehen immer eine telefonische Beratung und die Analyse des Datenträgers. Die kostet 69 Euro und ihr Ergebnis steht in der Regel nach wenigen Tagen fest. Auf der Webseite von Data Reverse(öffnet im neuen Fenster) eröffne ich per Kontaktformular ein Ticket und werde wenig später von Frau Rieder angerufen, die mir die weiteren Schritte erklärt. Sie vermeidet technische Begriffe so gut es geht und fragt mich über den Hergang des Unfalls aus: Aus welcher Höhe ist die Platte gestürzt? 50 Zentimeter. Wurde danach versucht, sie wieder an einen PC anzuschließen? Ja. Wurde sie gar geöffnet? Nein. Auch Modell, Dateisystem und eine eventuelle Datenverschlüsselung notiert sie für die Techniker.

Ich verpacke die Festplatte sicher und schicke sie nach Leipzig. Einige Tage später erhalte ich einen weiteren Anruf von Frau Rieder. Das Ergebnis der Untersuchung: Totalschaden, der Festplattenkopf ist beim Sturz auf der Oberfläche der Platte entlang geschrammt. So weit, so erwartbar. Die Datenrettung sei möglich und die Prozedur Standard, sagt sie. Data Reverse garantiere, dass mindestens 95 Prozent von Grits Unterrichtsmaterial wiederhergestellt werden. Sie weist aber auch auf das Risiko eines kompletten Verlustes hin. Das wäre in Grits Fall schon ziemlich dramatisch, denn die Arbeit mehrerer Jahre wäre futsch - und das nur wegen einer Unachtsamkeit beim Herausziehen der Platte aus dem schuleigenen PC. Wenn die Rettung fehlschlägt, müsse ich nicht zahlen, sagt Frau Rieder - lediglich die 69 Euro für die Analyse wären verloren.

Data Reverse wickelt diese Beratungsgespräche nicht über ein Callcenter ab, sondern beschäftigt ein kleines Team von eigens geschulten Mitarbeitern. So ist sichergestellt, dass jeder Kunde immer mit seinem persönlichen Berater sprechen kann. Das sei wichtig, sagt Frau Rieder, denn oft seien die Betroffenen stark verunsichert und aufgeregt. Dazu tragen natürlich auch die hohen Kosten einer Rettung bei. In unserem Fall sind das mindestens 1.100 Euro.

Noch eine Parallele zwischen Festplattenrettern und Schlüsseldienst: Hier wie dort sind es meist erschreckend hohe Beträge, die eine kurze Unachtsamkeit nach sich zieht. Zudem gibt es in beiden Branchen schwarze Schafe, die die Hilflosigkeit ihrer Klienten auszunutzen versuchen. Frau Rieder berichtet vom Fall einer potenziellen Kundin, die sich mit einer zerbrochenen SD-Karte meldete. Auch ohne Analyse stand unmittelbar fest, dass jeglicher Rettungsversuch in diesem Fall aussichtslos war. Trotzdem meldete sich die Frau einige Wochen später und sagte, sie habe ein Unternehmen ausfindig gemacht, das ihr versprochen habe, die Fotos ihres Großvaters für 2.000 Euro vom Datenträger zu extrahieren. Frau Rieder ließ sich daraufhin die Konditionen der Firma vorlesen und fand schnell heraus, dass es keine Rettungsgarantie gab. Das bedeutete, dass auch bei fehlgeschlagenen Versuchen ein Preis von mindestens 1.000 Euro fällig würde. Ein recht einträgliches Geschäftsmodell für die Firma, denn wenn der Chip auf der SD-Karte zerbrochen ist, kann momentan kein privater Datenretter mehr etwas ausrichten.

Für unsere Festplatte hingegen gibt es die Wahl zwischen drei Optionen.

Die Priorität entscheidet über den Preis

Am teuersten wäre eine hohe Priorisierung der Wiederherstellung, dann arbeiten die Techniker im Schichtsystem, um den Vorgang möglichst schnell abzuschließen. Bei normaler Priorität würde die Platte abhängig vom Eingangsdatum eingetaktet. Wir entscheiden uns für die preiswerteste Variante: Grits Festplatte kommt dran, wenn Zeit ist. Das kann zwar mitunter einige Monate in Anspruch nehmen, ist aber immer dann ratsam, wenn es sich beispielsweise um private Fotos oder Videos handelt, deren Wiederbeschaffung nicht zeitkritisch ist.

Ganz glücklich ist Grit darüber nicht, denn schließlich steht das Ende des Schuljahres mit den Klausuren bald bevor. Doch sie kann die entstandene Lücke mit geborgten Materialien von Kollegen und etwas Mehrarbeit füllen.

Ein paar Wochen später ist es dann soweit. Ich bin in Leipzig im Firmensitz von Data Reverse. Ich will zuschauen, wenn sich die Fachleute Grits Festplatte vornehmen.

Technikchef Lars Müller führt mich in einen ungefähr 40 Quadratmeter großen Raum. Hier hängen mehrere komplett bestückte, kleine PC-Motherboards an den Wänden, Kabel führen zu ihren Netzteilen und Festplatten, Lüfter surren. Einig paar junge Männer sitzen darunter an Schreibtischen und lesen Meldungen auf ihren Bildschirmen, einer beugt sich über sein Mikroskop. Er platziert eine Platine auf dem Objektträger. Wie eine Stadtlandschaft taucht das Innenleben einer SSD auf dem Monitor auf. Vorsichtig schiebt er sie hin und her, sucht nach den Beinchen eines Chips. Hier kann er später eine Klemme anschließen und versuchen, die Daten auszulesen. Eine Wand ist Regalfläche, mit Hunderten beschrifteten und mit Barcodes versehenen Schubladen - wie kleine Urnenkästen für die defekten Datenträger, die in ihnen auf ihre Wiedererweckung warten.

Gut zuhören und manchmal reden

Auch unsere Platte schlummert in einer dieser Kisten, bis sie ein Techniker herausnimmt und kurz an einen Rechner anschließt. Sie klackert und kratzt eine Sekunde lang, bevor er sie wieder abzieht. Oft müssen die Datenretter die Platten gar nicht erst öffnen, um eine Diagnose zu stellen. Die Angaben aus dem ersten Beratungstelefonat und ein paar kaum hörbare Geräusche reichen dann aus. Erst nach Auftragsfreigabe wird unsere Platte geöffnet, vorsichtig werden einige weiße Stückchen Kunststoff an den Gehäuserändern entfernt und von allen Seiten begutachtet. Diese Staubfilter geben einen Hinweis darauf, ob Schmutz oder Feuchtigkeit ins Gehäuse eingedrungen ist. Mit einer starken Taschenlampe werden die einzelnen "Platter" genannten runden Scheiben auf Beschädigungen abgeleuchtet. Sie halten auf ihrer spiegelnden, magnetisierten Oberfläche die eigentlichen Daten und füllen fast den ganzen Innenraum des Gehäuses aus.

Während wir seinen Kollegen bei der Arbeit zusehen, sagt Technikchef Müller: "Jeder einzelne hier hat schon mit einem Datenträger gesprochen. Man steckt da persönlich ziemlich tief drin. An der einen oder anderen Festplatte hängt Herzblut, weil man sieht, es ist nur noch ein einziger kleiner Schritt, bis sie die Daten preisgibt, bis sie sagt: Ich habe jetzt keine Lust mehr, hier nimm! Dann kommt es vor, dass Sie die Techniker mit den Platten reden hören."

Die genauen Abläufe der Datenrettung sind Firmengeheimnis, denn die Branche ist verschwiegen und jeder hat seine Mitbewerber genau im Blick. Ich darf aber trotzdem zusehen, wie die Festplatten hier zunächst repariert werden. Für die meisten Modelle gibt es im Lager Ersatz. Keine Ersatzteile wohlgemerkt, denn um eine kaputte Platte zu retten, muss eine komplett neue, funktionierende Platte ausgeschlachtet werden.

In unserem Fall kommt also ein neuer Laufwerksarm samt Kopf zum Einsatz. Der Techniker hat ihn vorsichtig aus dem neuen Gerät gelöst und in die defekte Festplatte eingesetzt. Nachdem alles wieder zusammengeschraubt und kalibriert ist, schließt er den Datenträger an einen der PCs an der Wand an und versucht, die Daten auszulesen.

Jetzt beginnt der zweite, entscheidende Schritt der Rettung: Die Daten erscheinen nämlich nicht wie bei normalen Laufwerken einfach als Dateien, sondern werden sequentiell ausgelesen und auf eine andere Platte gespiegelt. Um aus dem Datensalat wieder Verzeichnisse und Dateistrukturen zu machen, muss noch der Controller der Platte analysiert werden. Er hält die Informationen, die man zur eigentlichen Wiederherstellung benötigt: Welche Bits gehören zusammen und bilden so ein Dokument, Foto oder Video?

Ganz so einfach ist es bei unserer Platte allerdings nicht.

Kopf für Kopf

Weil die neuen Köpfe nicht so exakt wie beim Hersteller eingebaut werden können, fallen sie meist nach einiger Zeit aus. Dann beginnt der Prozess von vorn: Die Platte wird geöffnet, ein neues Modell wird aus dem Lager geholt, ausgeweidet und anschließend mit neuem Laufwerksarm und Kopf weiter ausgelesen. Weil die einzelnen Platten mitunter chemisch gereinigt werden müssen und die Kalibrierung der Köpfe oft aufwendig ist, kann der Prozess einige Stunden dauern und beginnt dann mit jedem neuen Kopf von vorn.

"Es erfordert immenses handwerkliches Geschick und eine lange Erfahrung, um den Kopf so zu wechseln, dass er nicht sofort wieder beschädigt wird" , sagt Lars Müller. Jetzt bekomme ich eine Ahnung, warum eine Datenrettung so teuer ist. Bei Preisen von bis zu 100 Euro für eine durchschnittliche Festplatte kommen schnell Materialkosten von einigen Hundert Euro zusammen. Das Risiko, im Voraus zu schätzen, wie viele Datenträger geopfert werden müssen, trägt Data Reverse. In unserem Fall sind es sechs - oberer Durchschnitt.

Ende gut, alles gut

Mich erinnert die feinmechanische Arbeit an Uhrmacher. Bis auf das Summen der Platten und die Lüftergeräusche herrscht konzentrierte Stille, während geschraubt, mikroskopiert und gemessen wird. Aber im Gegensatz zum Uhrmacher ist Datenretter kein Ausbildungsberuf. Müller erzählt: "Bei uns bewerben sich die unterschiedlichsten Leute, aber wichtig sind eigentlich nur ein technisches Grundverständnis und eine sehr ruhige Hand. Das hat man oder man hat es nicht."

Weil die Bauweise immer weiter miniaturisiert wird und die Software sich ändert, lernen die Datenretter nie aus. So ist die Herangehensweise an moderne Festspeicher wie SSDs und Speicherkarten völlig anders als bei klassischen Festplatten. Doch auch bei denen gibt es neue Herausforderungen. So berichtet Lars Müller über die Rettung von mit Helium gefüllten Platten, die eine enorm hohe Datendichte aufweisen und deren Reparatur leicht mehrere Tausend Euro kosten kann. Im Vergleich dazu sind wir mit unserer Standardplatte gut dran. Der Datenstrom ist ausgelesen und die Laufwerksstruktur wiederhergestellt. Eigentlich will mir Lars Müller die Platte gleich in die Hand drücken. Ich verzichte aus zwei Gründen: Erstens will ich Grits Daten ungern in meinem Rucksack zurück nach Berlin befördern und zweitens möchte ich gern sehen, wie die Festplatte verpackt bei uns ankommt. Auf ein paar Tage kommt es jetzt auch nicht mehr an. Das Angebot, den defekten Datenträger als Andenken mitzunehmen, schlage ich dankend aus.

Meine Mission ist beendet, das Unterrichtsmaterial gerettet - und so setze ich mich in den Zug zurück nach Berlin. Als die Platte in einem recht großen Karton eintrifft, ist sie von vielen Lagen Blisterfolie umwickelt und hat einen Aufkleber mit den Kontaktdaten der Leipziger - sicher ist sicher. Während wir beim Kaffee auf ihrem Balkon sitzen, erzähle ich Grit vom Weg ihrer Festplatte. Derweil liegt das Ersatzexemplar von Data Reverse drinnen auf dem Schreibtisch und surrt: Gleich mal ein Backup machen!


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